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Ausgabe:

1930 Nr. 9

Spalte:

214

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dürr, Lorenz

Titel/Untertitel:

Alttestamentliche Parallelen zu den einzelnen Sonntagsevangelien 1930

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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213

Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 9.

214

Größen in ihrem innersten Gehalt einander gegenübergestellt
und zur Auseinandersetzung aufgerufen. Aufgedrängt
ist dem Verf. diese Auseinandersetzung durch
die Beobachtung, daß der moderne Mensch seine seelische
Not vielfach nicht zu dem kirchlichen Seelsorger
trägt, sondern zu dem Psychoanalytiker, weil dieser ihn
natürlicher, menschlicher, sachlicher behandelt und ihn
nicht mit dem Wort von der Vergebung demütigt, und
weil dieser ihm eine Behandlung auf streng wissenschaftlicher
Grundlage, eine Erlösung streng im Rahmen
der menschlichen Naturgegebenlieiten verspricht.
Um dieser Vorzüge willen kommt es nach R.s Beobachtungen
immer häufiger zu einer Übernahme psychoanalytischer
Methoden durch kirchliche Seelsorger, womit
die Gefahr kritikloser Grenzverwischung verbunden ist.

In ausgezeichnet klaren Ausführungen greift R. die
Grundbegriffe der Ps. an. Wesentlich ist ihr die Sexualverdrängung
, der die ganze Zivilisation durchziehende
Konflikt zwischen dem spontanen Triebe und einer sich
-als moralisch ausgebenden Zensur eines „Über-Ich". Die
Ps. nimmt in diesem Konflikt Partei für das spontane
Triebleben und versucht jenes Über-Ich als ein sekundäres
, letztlich durch ökonomische Interessen der Gesellschaft
bedingtes Erziehungsprodukt zu entlarven. In
eigenartiger Weise kehrt R. diesen Gedanken um. Oft
findet eine Verdrängung statt, aber tatsächlich in umgekehrter
Richtung und Reihenfolge. Das sittlich-religiöse
Urbedürfnis des Menschen wird in der Gegenwart verdrängt
durch seine Triebhaftigkeit. Der „Geist der Zeit"
verbietet die sittlich-religiöse Haltung, vergewaltigt dadurch
den Menschen, zwingt ihm durch Verdrängung
wesentlicher Kräfte geistige Verarmung auf und legt so
den Grund zu seiner Nervosität, zu seiner Angst und
Qual. Richtig gesehen ist von der Ps. der Konflikt —
aber wer ist der Verdrängende, wer der Verdrängte, die
sittlich-religiösen Kräfte oder das Triebleben?

Der ps. These, daß die Triebe sich verdrängen
lassen müssen, weil die moralische Zensur zu stark ist,
stellt R. eine zweite Gegenthese entgegen. Wenn die
sittlich-religiöse Kraft dem unerlaubten Wunsch gegenüber
stark genug ist, dann beherrscht sie ihn. Nur
wenn sie zu schwach ist, kommt es zur Verdrängung,
d. h. der Kampf wird nicht ausgekämpft, sondern nur
zurückgeschoben. Die Verdrängung ist eine Ohnmachtserscheinung
, ist eine Mischung von schlechtem Gewissen
und unbefriedigtem Trieb. Der Wegfall einer ihn bindenden
Autorität macht den modernen Menschen unsicher
und elend.

Unterschätzt wird weiter nach R. von der Ps. das
unbewußte Schuldgefühl. Der glaubenslose Mensch gibt
seinen Trieben Freiheit, ohne doch wirklich davon überzeugt
zu sein, daß er damit recht tut. Nun ist dies unbewußte
Schuldgefühl doppelt zerstörend, weil kein Forum
da ist, vor dem es Gericht und Vergebung findet.

Auch den Gedanken der Libido kritisiert R. Hilfe
soll die Hingebung an den Lebensstrom, die Erfüllung
des Hingebungsbedürfnisses bringen. Die Frage ist nur:
Was ist die tiefste Hingabe, die befreit und erlöst? Die
Ps. hält dem Menschen das Spiegelbild des natürlichen,
von seiner Libido geleiteten Menschen vor Augen, vor
dem er Schüchternheit und Schamgefühl verlernt; ja sie
suggeriert ihm geradezu ein niedriges Bild von sich
selbst, indem sie wohltätig verborgene Tiefen an das
Licht zerrt. Das Christentum kann demgegenüber dem
Menschen in dem Bilde des Christus ein Spiegelbild vorhalten
, das zum Gericht über seine Unreinheit wird,
das ihm aber zugleich die feinen und zarten Kräfte in
dem nach dem Bilde Gottes geschaffenen Menschen
entdecken und bejahen hilft und ihn dadurch zu tiefster
Hingabe aufruft.

In dem ps. Gedanken der Übertragung sieht R.
eine ergreifende Offenbarung der Hilfsbedürftigkeit des
Menschen, des Verlangens nach einem persönlichen Helfer
. Aber in der Praxis ist die Übertragung ein unheimliches
, gefährliches Spiel. Wer kann es wagen, des anderen
Menschen Heiland zu sein? Mit dieser Frage an
die Ps. ist schon gegeben der Hinweis auf die Botschaft
von Christus, dem Heiland.

Am fruchtbarsten scheint mir die Kritik zu sein, die
R. übt an dem Verständnis dessen, was die Ps. normal
und gesund nennt: Entfesselung des Verdrängten, Lust,
Harmonie des Lebensgefühls durch Beseitigung des
ängstigenden Schuldgefühls usw. Hier lautet die Gegenfrage
: Kann nicht in dem vermeintlich seelisch „Unnormalen
" das höhere, aufwärtsführende geistige Leben
wirksam sein? Ist es nicht oft besser sich zu ängstigen,
den Konflikt durchzuleiden, als vorschnell von ihm befreit
zu werden? Ist die so erreichte Harmonie nicht oft
erkauft durch den Verzicht auf Vertiefung und Reifwerden
? Ist der Anspruch der Ps. an den Menschen,
an die Erfüllung seines Lebens nicht allzu niedrig? Was
ist gesünder: sich an dem Lebenskonflikt vorbeihelfen
lassen oder den Schuldkonflikt als sittlichen und religiösen
Hebel erfahren, durch den Konflikt zu Christus
sich führen zu lassen? Hier erhebt sich R. zu einer
überzeugenden Darlegung von der Wirklichkeit des
Kreuzes Christi, wo Verantwortung, Sünde, Schuld und
Vergebung, Erneuerung, Heiligung in Einem liegen.
Das Hochziel der Seelsorge ist die volle Hingabe an
Christus, wo es nicht heißt Alles erklären und verstehen,
sondern Alles dem Gerichte Christi ausliefern und von
ihm heiligen lassen.

So kommt R. bei aller Bereitschaft, von der tiefenpsychologischen
Erkenntnis der Ps. zu lernen, und bei
aller Bereitschaft, Grenzfälle ausgesprochen krankhafter
Art dem Fachmann zu übergeben, zu einer ganz scharfen
Ablehnung der ps. Seelsorge. Durch die Klarheit
seiner Gegenfragen kann das Buch dazu helfen, vor
einer dilettantischen Übernahme ps. Erkenntnisse und
Methoden zu bewahren, die doch in Wirklichkeit nicht
zu lösen sind von der dem Christentum widersprechenden
Grundhaltung der Ps. Darüber hinaus liefert das
Buch einen wertvollen Beitrag zu der Erkenntnis der
seelischen Not des modernen Menschen. Endlich finden
sich in ihm bedeutende Ansätze zu einer am Evangelium
orientierten Psychologie. Daß es nur Ansätze blieben,
darin liegt der Mangel des Buches. Eine wirkliche
Überwindung der Ps. wird erst möglich sein, wenn
ihrem geschlossenen, bis in die Einzelheiten durchgeführten
Bilde menschlichen Seelenlebens eine geschlossenere
, überlegene evangelische Psychologie entgegentritt.
Vielleicht ist auch dieses Buch schon einer ihrer Vorboten
.

Kiel. H. Rendtorff.

Schreiner, Lic. Dr.: Vom dreifaltigen Reichtum des Wortes.

Das Evangel. Joliannesstift zu Berlin - Spandau. 2. Aufl. Berlin-
Spandau : Verl. d. Buchh. d. Ev. Johannesstiftes. (84 S. m. 80 Abb.)
4°. RM 3—.

Das stattliche Heft in Groß-Quart hat Geschichte und Gegenwart
des großen Johannesstifts in Spandau zum Gegenstand, eines der stattlichsten
Anstaltskomplexe der Inneren Mission. Die Überschrift hat ihr
Recht darum, daß Liebestätigkeit, Volksmission und öffentliche Mission
im Johannesstift verbunden sind; unter letzterem versteht Schreiner das
Ringen um die soziale Willensbildung der Kirche. Zahlreiche sehr gut
gelungene Bilder schmücken das Heft; ein Anhang bringt reichliches
Material an Überschriften, Verzeichnissen der Brüder des Stifts u. s. w.
Breslau. M. Schian.

Dürr, Prof. D. Dr. Lorenz: Alttestamentliche Parallelen zu
den einzelnen Sonntagsevangelien. Berlin: Germania A.-G.

1928. (IV, 178 S.) 8°. RM 3—; geb. 4—.

Um die „herrlichen religiösen Schätze des A.T." für die Seelsorge
und die Predigt fruchtbar zu machen, stellt D. den sonntäglichen Evangelien
A.T.liche Abschnitte zur Seite und fügt kurze Erläuterungen hinzu
, die die homiletische Verwertung erleichtern sollen. Einige Beispiele:
Der zwölfjährige Jesus — Samuel in Silo, Joh. 16,3—30 — Gebet der
Judith, Joh 20, 19—31 (Thomas) - l. Mos. 18 Begegnung Gottes mit
Abraham und Sara, Matth. 9,1—8 (Gichtbrüchiger) — Nathan und
David.

Marburg a. L. Friedrich Niebergall.