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Ausgabe:

1930 Nr. 9

Spalte:

201-203

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zanden, L. van der

Titel/Untertitel:

Christelijke Religie en Hsitorische Openbaring 1930

Rezensent:

Iwand, Hans Joachim

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Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 9.

202

nnd darum notwendig Probleme und Bedenken offen läßt. Ich halte
es nicht für möglich, an dieser Stelle die Diskussion mit dem Verf. zu
eröffnen. Auf jeden Fall sind wir seiner gründlichen Vertiefung in den
Stoff Dank schuldig.

Göttingen. E. Hirsch.

van derZanden, Dr. L.: Christelijke Religie en Historische
Openbaring. Enkele der voornaamste oplossingen van het prob-

leem sinds Lessing. Purmerend: 1. Muusses 1928. (III, 157 S.) 8°.

2 Fl. 10 c.

Das Problem Glaube und Geschichte wird in seinen mannigfachen
Lösungen von Lessing bis zur Gegenwart verfolgt, die in Frage kommenden
Systeme werden knapp skizziert, die wichtigsten Zitate und begrifflichen
Schlagworte müssen genügen. Das Ganze ist übersichtlich
geordnet, die Formulierungen sind klar und treffend. Bei Lessing,
Hegel, Schleiermacher, Ritsehl, Troeltsch u. a. werden die Resultate
thesenartig am Schluß zusammengefaßt. Im ganzen ist das Ergebnis
folgendes. Die idealistischen Systeme sind „theologischer Ahisto-
rismus". Schleiermacher setzt zwar den Glauben in enge Beziehung
zur Erfahrung und insofern zur Geschichte, bleibt aber gerade um
dieser Erfahrungsgrundlage willen im „theologischen Subjektivismus
" stecken, dem Gegenstück zum Ahistorismus. Ritsehl und
seine Schule bedeuten einen weiteren Fortschritt in Richtung auf die
geschichtliche Orientierung des Glaubens, aber das kritische Axiom der
Werturteile und das religiös-sittliche Persönlichkeitsideal, dem die Gestalt
Jesu unterstellt wird, kennzeichnen diese Richtung als „theolo-
logischen Historismus". Nun folgen zwei Richtungen, die diesem
Historismus gegenüber kritisch eingestellt sind und zwar zunächst die
durch V. Herrmann, Kahler und Wobbermin vertretene, die sich gegen
den „wissenschaftlichen Historismus" wendet, dann die durch
Troeltsch, R. Paulus und Barth bezeichnete Richtung, die den „theologischen
Historismus" bekämpft. Die Tendenz der ersten Richtung
ist durch H. E. Weber und F. W. Schmidt am weitesten gefördert,
es ist erkannt, daß der wissenschaftliche Historismus einer bestimmten
Weltanschauung huldigt und daß diese mit dem christlichen Glauben
nicht zusammen bestehen kann, auch wird hier die Aufgabe einer
prinzipiell theologischen Methodenlehre in Angriff genommen. Andererseits
wird Barth darin zugestimmt, daß die Offenbarung Gottes eine
mittelbare, indirekte ist und daß sie ohne den Glauben nicht gegeben
ist So hat sich alles auf die Lösung zugespitzt, die der Verf. selbst
für die beste hält und die er im „Schluß" andeutet.

Die Darstellung ist sehr lebendig, nicht immer gibt der Verf. aus
erster Hand. An Stelle von R. Paulus hätte lieber Heim treten sollen.
Dieser wie auch Althaus und Hirsch sind nicht berücksichtigt.

Die Methode der Untersuchung ist sehr anfechtbar.
Eine ganze Reihe von Lösungsversuchen eines bestimmten
Problems aufzuzählen, um diese dann am Ende mit
einer alles hinter sich lassenden eigenen Lösung oder
wenigstens dem Prinzip einer solchen zu krönen, das
heißt die Geister der Vergangenheit umsonst beschwören
. Denn sie erscheinen wohl, aber sie sprechen nicht
zu uns. Auch aus einem anderen Grunde bleibt ein
solches Verfahren unbefriedigend, denn die Vertiefung
in die Breite eines solchen geistesgeschichtlichen Ringens
erreicht nur da ihr Ziel, wo mit ihr eine fortschreitende
svstematische Explikation des fraglichen Problems
verbunden ist, wo dieses also gerade durch seine
Geschichte in seinem aporetischen Gehalt sichtbar wird,
sodaß sich jede Erwartung einer „Patentlösung" von
selbst verbietet. Ein glänzendes Beispiel bietet Troeltsch
in seinem „Historismus". Teilt man mit jemandem die
Fragestellung, dann hat auch die eigene Lösung nur in
diesem Rahmen Sinn. Es besteht im anderen Falle
immer die Gefahr, daß man in den kritisierten Systemen
nur die Steigbügel sieht, mit deren Hilfe man sich
selbst in den Sattel schwingt.

Das ist der Nachteil dieser sehr interessanten und
scharfsinnigen Dissertation. Der Verf. hat zu den von
ihm kritisierten Systemen kein Verhältnis; seine Kritik
ist dogmatisch und wenn ihm alle durchgemusterten
Lösungen von Lessings Erziehung des Menschengeschlechts
bis zu Barths Römerbrief „unbefriedigend"
erscheinen, dann dürfte das daran liegen, daß er von
vorn herein dk befriedigende Lösung bereit hat. Kann
diese nun wirklich den gemaßregelten Systemen die
Wage halten? Der Grundgedanke des Verfassers ist,
daß Wortoffenbarung und Tatoffenbarung einander ergänzen
müssen, daß also das Wort Gottes die Geschichte
deutet, daß es die „theozentrische dramatiek",

die „profetische pragmatiek" des ganzen Geschehens der
göttlichen Offenbarung einsichtig macht. Darin liegt
sein Schriftprinzip, die Schrift als Wort Gottes legt
selbst die Geschehnisse aus, die sie uns als Taten
Gottes verkündet. Ohne die göttliche Interpretation sind
uns Menschen auch die göttlichen Taten nicht faßbar.
Denn Gott bleibt uns in seinem Tun verborgen, es sei
denn, daß wir durch seine Wortoffenbarung erleuchtet
werden. „Die Tatoffenbarung ist indirekt, sie kommt
uns zum Bewußtsein allein durch das Mittel der Wortoffenbarung
". Die Wortoffenbarung ist nicht religiösmenschliche
Deutung, sondern mit ihr „geeft God de
interpretatie van Zijn daadopenbaring". Wort und Tat,
Heilsgeschichte und Schriftzeugnis gehören zusammen.
Diese Einstellung zur Schrift hängt nicht von den Resultaten
der Schriftforschung ab, sondern sie bildet die
Voraussetzung dafür. Daher ist sie nicht „beweisbar".
Der Glaube an das „externe Geestesgefuignis der
Schrift" ist schließlich immer auf einem „internen
Geestesgefuignis" des Hl. Geistes gegründet — das
will heißen, die Veränderung des Seins durch den Glauben
in der Wiedergeburt ist immer zugleich eine Erleuchtung
in unserem Bewußtsein. Dadurch verstehen
wir die Schrift. Diese ist „de geschreven Woordopenba-
ring, het Licht, dat schijnt in de duisternis". Daher
kann man auch nicht von dem Begriffe einer allgemeinen
Offenbarung ausgehen, denn die besondere
Offenb arung Gottes in der Schrift macht uns die allgemeine
erst verständlich. „De Schrift is het kernprinzipe
van de openbaring in natuur en geschiedenis en zonder
haar licht verstaan wij Gods daden niet".

Diese selbständige und geschlossene Anschauung
erinnert sehr an Hofmanns Gedanken von Weissagung
und Erfüllung. Dessen Terminologie ist zudem biblischer
als die von Geschehnis und Deutung. Auch die
Zuordnung von Wiedergeburt und Erleuchtung scheint
mir in der Richtung der Erlanger Theologie zu liegen.
Eine eigene Anschauung scheint der Verf. von den tiefsinnigen
Gedanken Hofmanns nicht zu besitzen, denn
der Begriff der Reflexion auf die eigene Glaubenserfahrung
, mit dem er Hofmanns Theologie als „theologischen
Subjektivismus" abtut, reicht nicht hin, um diesen
Mann zu beurteilen. Hofmann hat wirklich mit den
Fragen einer prinzipiell theologischen Schriftinterpretation
„Ernst gemacht", wie er einmal in der Selbstanzeige
seines Werkes sagt, er hat versucht, sein Prinzip
durchzuführen. Prinzipien als solche sind Kronprätendenten
, Könige ohne Land. Das Schriftprinzip muß sich
in der Auslegung der Schrift selbst bewähren.

Aber greifen wir noch einmal auf den oben zitierten
Ausspruch des Verf.s zurück. Man kann ihn unterschreiben
, ohne indes schon mit dem Verf. einer Meinung zu
sein. Im Sinne Luthers würde er bedeuten: Das Wort
Gottes, also Christus, ist an sich überall, aber für
dich ist es nur in der Schrift greifbar. Das will
heißen: Gottes An-sich-Sein wird nur begriffen, wo ich
Gott in seinem Für-mich-Sein ergreife. Das ist nicht
„theologischer Subjektivismus", denn das hier in Frage
kommende Subjekt ist ja das von Gott gewollte, gemeinte
Ich. Gott will, daß wir uns mit diesem identifizieren
. Das Trachten des Verfassers nach Objektivität
birgt immer die Gefahr in sich, daß wir diese entscheidende
Stelle, das eigene Selbst, umgehen. Die Begriffe
subjektiv und objektiv haben zunächst ihren Sinn
innerhalb der gegenständlichen Erfahrung, und wenn sie
auf die Glaubenserfahrung angewandt werden, dann
müßte erst einmal gesagt werden, was sie in diesem Zusammenhange
bedeuten.

Das Verdienst und die Stärke des Buches liegt
darin, daß es alle Ausführungen über das Verhältnis von
Glaube und Geschichte auf die Christologie bezieht, daß
es entschieden Verwahrung dagegen einlegt, in Jesus die
Manifestation der Christusidee zu sehen oder die vollkommene
Realisierung des sittlichen Ideals. Auch
seine Polemik gegen den Versuch der Rekonstruktion