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Ausgabe:

1930 Nr. 9

Spalte:

200-201

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Siedel, Gottlob

Titel/Untertitel:

Theologia Deutsch 1930

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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199

Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 9.

200

Jenseits? Kein Notbehelf also, sondern ein aus einer
anderen Religion übernommenes Toten-Sakrament? Gerade
diese Möglichkeit wird durch den Beschluß von
Karthago aus dem Jahre 307 nahe gelegt, der sich
gegen die Vorstellung wendet, „mortuos etiam baptizari
posse". L. begnügt sich damit, den magisch-sakramentalen
Charakter der Taufe für die Toten festzustellen; er
deutet die Behandlung der Sache durch Paulus als eine
Ironisierung der Korinther: dieselben Leute, die an der
Auferstehung der Toten zweifeln, lassen sich doch für
sie taufen! Sollten das aber wirklich dieselben Leute
gewesen sein? Und sollte Paulus, dem alle ironischen
Töne zu Gebote stehen, seine immanente Kritik auf
diese undeutliche Weise zur Geltung bringen?

Ich habe diese Fragen aufgerollt, weil ich zeigen
wollte, daß mit der Schrift von L. die genannten Probleme
noch nicht gelöst sind. Aber ich darf nicht
schließen, ohne auch das andere zu betonen, daß jeder,
der sich in Zukunft an die Lösung dieser Fragen macht,
das Material, das L. vorführt, besonders seine reichhaltigen
Ausführungen über die Proselytentaufe gründlich
überlegen muß.
Heidelberg. Martin D i b e 1 i u s.

Baiss, Heinrich: Albertus Magnus als Zoologe. Mit Titelb. u.
20 Abb. München: Vlg. d. Münchner Drucke 1928. (VIII, 147 S.)
gr. 8°. = Münchener Beitr. z. Oesch. u. Literatur d. Naturwissenschaften
u. Medizin, H. 11/12. RM 8—.

Das Buch beginnt mit einer gedrängten Übersicht
über die Entwicklung der Zoologie im Altertum und
Mittelalter bis zu Albert dem Großen, und einer Skizze
von dessen Leben. Darauf wird der Leser mit dem
grundlegenden zoolog. Werk Alberts: „De anima litt
u s" bekanntgemacht.

Man wird dem Verf. recht geben müssen, wenn er
dasselbe als die Frucht langer Arbeit ansieht und den
Abschluß des Buches in das Greisenalter Alberts verlegt.

Nach einer kurzen Inhaltsangabe von „De animali-
bus" werden die Quellen der Naturwissenschaft
Alberts besprochen: eigene Beobachtung
auf seinen Fußwanderungen als Provinzial des Dominikanerordens
, Beobachtungen in der Küche, Erzählungen
von Jägern, Fischern usw., Mitteilungen im Beichtstuhl,
Berichte antiker Autoren, die Albert übrigens zuweilen
scharf kritisiert.

Auf diese Einführung läßt B. eine eingehende Analyse
des Werkes folgen. Der 1. Teil über die Systematik
und Namengebung beschreibt, wie Albert
i. a. das zool. System des Aristoteles übernahm.
Jedoch wird betont, daß die bei anderen mittelalterlichen
Autoren stark hervortretenden Fabeltiere bei Albert
ganz in den Hintergrund gerückt sind. Wo er sie
erwähnt, geschieht es mit dem Zusatz „ut dicunt" oder
(bei der Sage vom Phönix) „ut scribunt hü, qui magis
theologica mystica, quam naturalia perscrutantur".

Wenn auch Albert von der Unwandelbarkeit der
Arten überzeugt war, so finden sich bei ihm doch schon
Keime moderner Theorien: die Lehre von den
geographischen Varietäten und die im späteren Mittelalter
immer wieder vertretene aristotel. Theorie von der
Stufenfolge der Wesen („natura non facit saltus"). B.
betont mit Recht, wie aus diesem Suchen nach Mittelgliedern
das sog. „natürliche System" der Organismen
hervorging, das die Deszendenztheorie erklären will.

Der 2. Teil behandelt die anatomischen
Kenntnisse Alberts. Dieselben stützen sich bezügl. des
Menschen in der Hauptsache auf Avicenna-Galen
und Aristoteles. Albert scheint selbst kein ganzes
menschliches Skelett in natura gesehen zu haben, wohl
aber einzelne Teile eines solchen. In der inneren Anatomie
des Menschen folgt er i. a. Avicenna-Galen und
Aristoteles.

Was seine Kenntnis der Wirbeltiere betrifft, so
zeugt sie teilweise von eigener Beobachtung. A. verfolgt
z. B. das Wachstum des Hirschgeweihs, beobachtet die

Hauer des Ebers, beurteilt das Euter der Kuh morphologisch
richtig, studiert das Auge des Maulwurfs, indem
er es seziert. Mit der Anatomie der Fische zeigt er sich
wohlvertraut.

In seinen physiolog. Theorien (3. Teil) ist A.
am wenigsten originell, er folgt hier Avicenna-Galen und
Aristoteles.

Im 4. Teil werden die Vorgänge der Fortpflanzung
, Entwicklung und Vererbung besprochen
. A. unterscheidet im Anschluß an den Stagiriten
4 Fortpflanzungsarten: Begattung des Männchens und
Weibchens, Hermaphroditismus, Sprossung, bei der aus
dem Mutterkörper selbst ein neues Tier herauswächst,
und endlich Urzeugung. Bezüglich der Begattung widerlegt
A. (teilweise auf Grund eigener Beobachtung)
manche irrige Ansichten. Wie das gesamte Mittelalter
glaubt auch Albert an Urzeugung: Wespen sollen
aus faulem Fleisch, Motten aus Wolle, Holzwürmer aus
Holz, Aale aus Schlamm entstehen. Und zwar glaubt
er — wie später die Mediziner der Renaissance — bei
der Erklärung von Organismen auf die Kraft der Sterne,
bezw. der Sonne rekurrieren zu müssen.

Was die Lehren Alberts über die Fortpflanzungsvorgänge
beim Menschen betrifft, von denen der 5. Teil
handelt, so betont B. hier mit Recht die Unvoreinge-
nommenheit, mit der A. den Menschen in Parallele zum
Tier setzt. Albert zeigt sich übrigens (wohl durch seine
Erfahrungen im Beichtstuhl) in erstaunlichem Maße
orientiert über das Geschlechtsleben des Weibes.

Der 6. Teil handelt von den Betrachtungen Alberts
über Mißbildungen, die er natürlich zu erklären
sucht, der 7. von seiner Oekologie. A. beschreibt
nicht bloß die Lebensweise der Tiere, sondern
zeigt auch, wie dieselben in ihrem Körperbau an diese
ihre Lebensweise angepaßt sind. Auch hier tritt der
kritische Sinn Alberts und seine eifrige Beobachtung
der Natur zutage. Ja der Verf. zeigt, daß der
große mittelalt. Naturforscher bereits Experimente
am Tierkörper angestellt hat.

Im 8. Teil werden Ansätze zu einer Tiergeographie
bei A. nachgewiesen, im 9. kommen seine
Theorien vom Einfluß der Gestirne zur Sprache, im 10.
sind seine Bemerkungen über die Haustiere, im 11.
solche über Jagd und Fischerei zusammengestellt.

In seiner abschließenden Würdigung stellt der Verf.
fest, daß Albertus Magnus ein unermüdlicher Beobachter
der gesamten Natur war, daß ihm aber wie
in der Philosophie, so auch in der Naturwissenschaft die
synthetische Bearbeitung des Stoffes weniger lag. Trotzdem
verdient seine Vorurteilslosigkeit, sein kritischer
Sinn wie auch die Art, mit der er natürliche Vorgänge
immer natürlich zu erklären sucht, alle Anerkennung.
Man wird Balss beistimmen müssen, wenn er Albert
einen echten Biologen nennt und ihm einen Platz neben
den großen deutschen Naturbeobachtern, einem K. Ges-
ner und A. Brehm einräumt.
Ludwigsburg. Walter Betzendörfer.

Sledel, Oberkirchenrat D. Dr. Gottlob: Theologla Deutsch. Mit

e. Einleitg. über d. Lehre v. d. Vergottung in d. dominikanischen
Mystik. Nach Luthers Druck v. 1518 herausgegeben. Gotha: Leopold
Klotz 1929. (XI, 198 S.) 8°. RM 7—

Das Buch bietet außer einer Wiedergabe von Luther 1518 in neuem
Deutsch (S. 123-198) folgendes: o.) eine Untersuchung zur Textgestalt
(S. 103-21) mit dem Ergebnis, daß Luther 1516 der fehlerhafteste
Text ist, die Abweichungen des Ms. 1497 aber einer nachträglichen Bearbeitung
entstammen; ß) eine Disposition (S. 97—103); y) eine bibliographisch
-historische Einleitung (S. 1 — 17), die Bekanntes zusammenfaßt
; ö) eine theologiegeschichtliche Einleitung, welche die Th. D. zur
„dominikanischen Mystik", vor allem zur Lehre des Thomas v. Aquino
in möglichst nahe Beziehung setzt.

In vielen Punkten bringt Verf. Förderung unsrer bisherigen Erkenntnis
. Er geht überall ins Einzelne und trägt z. T. sehr solide, in
die rechte Richtung zeigende Beobachtungen vor. Wer über Th. D.
künftig arbeitet, wird ihn beachten müssen. In keinem Punkte aber
bringt er den völligen Abschluß der schwebenden Fragen, weil die
Methode zu sehr an der einzelnen Beobachtung haftet, aus ihr schließt