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Ausgabe:

1930 Nr. 9

Spalte:

197

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Holtzmann, Oscar

Titel/Untertitel:

Tamid. (Vom täglichen Gemeindeopfer.) 1930

Rezensent:

Staerk, Willy

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197

Theologische Literaturzeitung 1930 Nr. 9.

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trauen? Die Abhandlung von J. Scheftelowitz unterbreitet nun ein
reichhaltiges Quellenmaterial, auf Grund dessen die Hypothese von
Junker abzuwehren ist. In Iran begegnet die Vorstellung von dem
Zeitgott Zruvan nicht früher als in den jüngsten Teilen des Avesta,
vo sie in Verbindung mit den Gestirnen vorkommt. Als Schicksalsgottheit
aber findet sich Zruvan erst in den mittelpersischen Schriften.
Entstanden ist der Zarvanismus unter dem Einfluß der Astrologie. Nicht
mit der iranischen Zarvän-Vorstellung urverwandt, aber ihr sehr ähnlich
ist in Indien die Schicksalsgottheit Kala „Zeit", der der erste Teil
der vorliegenden Abhandlung gewidmet ist. Erst unter dem Einfluß
der von Babylon eingebrachten Astrologie (4. Jahrh. v. Chr.) ist in
Indien Kala zu seiner großen Bedeutung gekommen. Mit den Lehren
der offiziellen Religion wurde er in der Folge allmählich verquickt.
Was Scheftelowitz in diesem ersten Teil seiner Untersuchung bietet,
mögen seine Kapitelüberschriften andeuten: 1. Der Einfluß der Astrologie
auf die indische Weltanschauung; 2. Die Entwicklung des Fahims
aus der Astrologie; 3. Die ältere philosophische Käla-Spekulation;

4. Kala als Schicksalsgottheit; 5. Die Einreihung Kälas unter die Unterweltsgottheiten
; 6. Die jüngere Spekulation, daß Kala nicht von Yama,
sondern von Karmin abhängig ist, ja geradezu Karinan personifiziert;

7. Die Gleichsetzung Kälas mit dem einen göttlichen Urprinzip;

8. Kala ist in den jüngeren Ritualwerken mit Yama identisch; 8. Die
Zeitgottheit hat sich auf indischem Boden selbständig entwickelt. Daß
die indische Astronomie von Babylonien beeinflußt ist, hat bekanntlich
F. X. Kugler erwiesen.

Leipzig. H- Haas-

Holtzmann, Prof. D. Oscar: Tamid. (Vom tägl. Gemeindeopfer.)
Tevt, Cbersetzg. u. Erklärung. Gießen: A. Töpelmann 1928. (VI,
81 S.) gr. 8°. = Die Mischna V, 9. RM 7-; in Subskr. 6.20.
Ref. verzichtet mit Absicht darauf, in eine eingehende
Besprechung dieser Ausgabe des Traktats über das
Tamid einzutreten. Es widerstrebt ihm, dem Herausgeber
der üießener Mischna-Ausgabe, die leider schon
des öfteren zu scharfem Widerspruch Anlaß gegeben
hat, wiederholt zu sagen, daß er ohne Beratung eines
rabbinischen Gelehrten die Aufgabe der Texterklärung
nicht zu leisten vermag. So mag es genügen, hier in
Kürze auf die scharfe Kritik Ch. Albeck's an Holtz-
manns unzureichender Textbearbeitung (in der Monatsschrift
f. Geschichte und Wissenschaft d. Jud. 1929,
Heft 1/2 S. 19ff.) zu verweisen; vgl. auch die an der
Hauptsache vorbeiredende Entgegnung H.'s a. a. O.

5. 155 f. u. Albeck's Antwort darauf S. 156 f.

Ref. kann aber eins nicht verschweigen, im Interesse
des Ansehens der christlichen theologischen
Wissenschaft bei den jüdischen Theologen. Das ist sein
Bedauern darüber, daß es trotz der (doch wohl verantwortlichen
) Mitzeichnung des hervorragenden Wiener
Gelehrten Prof. Krauß und trotzdem eine Reihe sachverständiger
evangelischer Theologen als Mitarbeiter der
Gießener Mischna sich betätigen, möglich gewesen ist,
die von H. versuchte Bearbeitung von Tamid unkontrolliert
der Öffentlichkeit zu übergeben. Der im Vorwort
gemachte kurze Hinweis darauf, daß Prof. Krauß „in
freimütigster und ernstester Weise die Sache der Überlieferung
vertreten habe", spricht ja Bande. Es wäre
sehr zu bedauern, wenn die H.'s Mischna nach dem erst
vor Kurzem erfolgten Austritt von J. Rabin aus der
Mitarbeiterschaft nun in Bälde auch die so dringend
nötige wissenschaftliche Oberaufsicht durch die Autorität
von Krauß bei allen Versuchen des Herausgebers
an Mischnatexten verlieren würde.
Jena. W. Staerk.

Lei pol dt, Prof. D. Dr. Johannes: Die urchristliche Taufe Im
Lichte der Religionsgeschichte. Leipzig: Dörffling & Franke
1928. (IV, 78 S. m. 3 Abb.) gr. 8°. RM 2.50.

In der Geschichte der urchristlichen Taufe gibt es
zwei noch ungelöste Rätsel, ein großes und ein kleines.
Das erste betrifft die Taufe des Johannes, ihre Herkunft
und ihre ursprüngliche Bedeutung. Die zweite Rätselfrage
stellt die sogenannte Vikariatstaufe, die Taufe für
die Toten in der Gemeinde von Korinth. Die Lösung
beider Rätsel muß auf religionsgeschichtlichem Weg gesucht
werden. Man muß sich dabei nur vor dem Mißverständnis
hüten, als ob die Losung „religionsgeschichtlich
" immer auf Außerjüdisches wiese. Das Judentum

der Zeit Jesu, das hellenistische wie das palästinensische
, ist eine komplexe Größe; wer einen Ritus, einen
Begriff, eine Vorstellung aus diesem Judentum ableitet,
muß „religionsgeschichtlich" im vornehmsten Sinn des
Wortes arbeiten und darf sich dabei nicht auf die Pseud-
epigraphen, aber auch nicht auf die rabbinischen Schriften
beschränken, sondern muß alles erreichbare Material
heranziehen. L. führt dieses Material vor und läßt auch
die nichtjüdischen „Taufen" an unserem Auge vorüberziehen
. Die eleusische Taufe und die dionysische
Weihung werden durch die bekannten Reliefs und durch
die Wandbilder aus der Villa Item bei Pompeji illustriert
. Bisweilen möchte der Leser wünschen, daß in
Anmerkungen die Schriftstellerbelege etwas ausführlicher
diskutiert würden; daß etwa dargetan würde, warum
aus Livius XXXIX 9, 4 eine (dionysische) Untertauchtaufe
zu erschließen ist, warum Corpus Henneticum
IV als jüdisch und christlich beeinflußt gilt, warum das
(auch mir wahrscheinliche) Mißverständnis der Johannestaufe
bei Josephus gerade ein pharisäisches sein
soll und nicht vielmehr ein hellenistisches, rationalisierendes
und alles Messianische bewußt verdunkelndes;
auch eine Diskussion von Epiktets Wort über „die
Sinnesart des Getauften und Sektierers" (II 9, 20) wäre
erwünscht. Aber der Leser wird auch aus dem Material,
das der Verf. gibt, lernen, und manches, was in diesem
Zusammenhang noch nicht genügend beleuchtet ist, wird
ihm aus Leipoldts Schrift deutlich werden.

Der Verfasser behandelt nach einander Judentum,
Täufer, Jesus, Urgemeinde, außerjüdische Welt, endlich
die ersten heidenchristlichen Gemeinden. In dieser
Reihenfolge kann man eine Art Entscheidung erblicken.
Es wird nämlich nicht ernsthaft zur Debatte gestellt, ob
die Taufe Johannes des Täufers etwa aus nichtjüdischen
Riten abzuleiten sei. Es wird vielmehr das Rätsel der
Johannestaufe durch den vielfach üblichen Hinweis auf
die jüdische Proselytentaufe gelöst, und zwar bevor die
anderen Möglichkeiten erwogen sind. Das Volk muß, so
deutet der Verf. den Sinn der Johannestaufe, durch eine
Art Proselytentaufe wieder zu Gottes Volk gemacht
werden. Dagegen erheben sich immerhin allerlei Bedenken
. Die Proselytentaufe ist eine Lustration, die den
künftigen Juden von der Befleckung durch heidnisches
Wesen reinigen soll; der eigentliche Initiationscharakter
fehlt ihr, soviel ich sehe. Es fehlt ihr auch der eschato-
logische Charakter, und der scheint mir für die Johannestaufe
gerade bezeichnend zu sein. Die Proselytentaufe
hat aber, wie auch L. betont, eine Beziehung zur
Kultfähigkeit, und eine solche Beziehung ist nun wieder
dem Täufer und seiner Botschaft fremd. Und endlich
scheint mir ein Umstand dagegen zu sprechen, daß Johannes
mit Bewußtsein die Proselytentaufe weitergebildet
hat: der Umstand, daß ihn seine Zeitgenossen den
Täufer nennen. Sie haben offenbar in der Taufe etwas
Neues, im Judentum Unerhörtes gesehen, und das wäre
nicht möglich, wenn die Johannestaufe nur eine Weiterbildung
der jüdischen Proselytentaufe wäre. Wohl regt
das von L. beigebrachte reichhaltige Material zum erneuten
Nachdenken über die Proselytentaufe an, und
man wird gerade diese Abschnitte der Schrift nicht ohne
Gewinn lesen. Die Herkunft der Johannestaufe halte
ich aber für noch nicht geklärt; ich glaube, daß der
Weg zur Lösung des Rätsels bei außerjüdischen Bräuchen
gesucht werden muß; etwa bei den Mandäern,
deren Vorstellungen vom Wasser mancherlei Aufklärung
versprechen.

Daß sich Paulus, wenn er von der Taufe spricht,
gern der Ausdrucksweise der Mvsterien bedient, ergibt
sich aus den letzten Abschnitten von L.s Schrift. Besonders
wichtig scheinen mir die Ausführungen über die
ägyptische Totentaufe. Ist etwa die Taufe für die Toten
in Korinth nichts anderes gewesen als eine in Stellvertretung
vollzogenen Taufe der Toten selbst? Nicht eine
Nachholung der im Leben unterlassenen Taufe, sondern
eine Einweihung der Gestorbenen zu neuem Leben im