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Ausgabe:

1929

Spalte:

155

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Weizsäcker, Hugo

Titel/Untertitel:

Scheiermacher und das Eheproblem 1929

Rezensent:

Wehrung, Georg

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Seite 1

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J );> Theologische Literaturzeitung 1029 Nr.

156

das A. in der vorliegenden Schrift zusammengetragen sehen Literaturzeitung entspricht nicht nur der Bedeu-
hat, stellt diese Behauptung sicher. Überdies hat V. tung des Verstorbenen, sondern ist auch die Erfüllung
selbst in der streng philologischen Reproduktion Kants einer Dankespflicht gegen Ph. Mever, der von 1886 bis
in seinem Kant-Kommentar gezeigt, daß Kant dem Ding 1926 mehr als 160 Bücherbesprechungen für die Th
an sich Wirklichkeitscharakter zuschreibt. L. Z. geliefert hat. Nach einer kurzen Zeichnung des
Man kann vielleicht V., der neuerdings von der Lebensganges schildert Mirbt sehr fein und anziehend,
„antithetischen Geistesart" Kants spricht, etwas mehr - auf welchen Gebieten des kirchlichen Lehens Mever be-
entgegenkommen, indem man zugibt, daß in Kant eine sonders hervorgetreten ist: Ausbildung der künftigen
realistische und eine fiktionalistische Tendenz mitetn- Geistlichen, Pflege des Gemeindelebens, Arbeit an der
ander ringt. Aber andererseits muß man A. darin unbe- ; Jugend, kirchl. Versorgung der Taubstummen, Kirchen-
dingt zustimmen, daß man dem Geist des Kritizismus musik, Seemannsfürsorge, kirchliche Versorgung der
nicht untreu wird, wenn man die fiktional klingenden Auslandsdeutschen, kirchliche Verwaltung. Eine vielsei-
Stellen von den realistischen aus interpretiert. Der tige Tätigkeit, aber nirgends oberflächlich, überall
Mensch und Moralphilosoph Kant war von dem Da- j gründlich. Obwohl nur verhältnismäßig kurze Zeit im
sein Gottes fest überzeugt, wenn auch der Transzen- j Pfarramt wirkend, war Meyer doch ein „kirchlicher
dentalphilosoph Kant es nicht für möglich hielt, dies j Praktiker von Rang"; ein Mann der Studierstube, aber
zu demonstrieren. j doch im Leben stehend, mit liebevollem, tiefem VerHeidelberg
. Robert Winkler. | ständnis für das geschichtlich Gewordene Bewährtes

fortführend und mit offenem Blick für die neuen AufWeizsäcker
, Hu»o: Schleiermacher und das Eheproblem. gaben der Kirche neue Bahnen und Ziele weisend und
Tübingen: j. c. B. Mohr 1927. (56 S.) gr. 8°. = Sammlung gemein- : so von starkem Einfluß auf die Entwicklung des kirch-
verständl. Vorträge u. Schriften aus d. Gebiet d. Theologie u. Rel.- ; liehen Lebens der lutherischen Landeskirche Hannovers.
Gesch., 129. RM 1.59; Subskr.-Pr. 1.20. : Neben der praktischen Tätigkeit Meyers würdigt Mirbt
Während in der heutigen Theologie Schleiermachers seine wissenschaftliche Bedeutung, die weit über die
Name weithin verketzert wird und wir, meist auf einen Grenzen seiner Heimat hohe Anerkennung gefunden
und denselben Punkt seines Denkens starrend, von einer hat Mit Recht wird hervorgehoben, wie Meyer, der in
gerechten Würdigung seines Werkes weit entfernt schei- seiner theologischen Gesamtrichtung durch Albrecht
nen, dürfen wir Zeugen sein, wie sich Nichttheologen Ritsehl entscheidend beeinflußt war, uns in seinen zahlbemüht
zeigen, seine Bedeutung nach mancher Seite ins reichen Veröffentlichungen als ein Historiker bester
Licht zu rücken. Zwar hat Gundolf von seiner romanti- Art_entgegentritt, tiefschürfend, nüchtern, sachlich, sorg-
schen Periode nur ein Zerrbild gezeichnet, aber Männer fältig abwägend, peinlich gewissenhaft bei seinen Unter-
wie Holstein, der Jurist, und Müsebcck, der Historiker, Buchungen, vorsichtig in seinem Urteil und darum zuver-
haben umsomehr sein politisches Denken, Wollen, Wir- lässig. Als Pastor der deutschen evangelischen Gehen
zu würdigen unternommen. Ihnen gesellt sich meinde in Smyrna und durch wiederholten Besuch der
Weizsäcker, wieder ein Jurist, mit der genannten Schrift Athosklöster ist er mit der griechischen Kirche bekannt
zur Seite. „Wenn unsere Gebildeten den Zusammen- geworden und hat dort für sein wissenschaftliches Ar-
hang mit der evangelischen Kirche noch nicht ganz, ver- beiten ausschlaggebende Ziele empfangen, denen fortan
loren haben, so ist es im wesentlichen sein Verdienst." seine Studien und seine Veröffentlichungen in besonde-
In drei Abschnitten (Romantische Ehe, christliche »*r Weise gewidmet waren. Mirbt kann ihm nachrüh-
Ehe, Ideal und Wirklichkeit) erörtert der Verfasser men, „daß er den Ruf eines genauen Kenners der grie-
Schleiermachers persönliche Stellung und grundsätzliche einsehen Küche mit Recht genossen hat". — Alle, die
Äußerungen zur Sache. Man kann sauen, daß alles, was üh. Meyer gekannt, mit ihm gearbeitet und von ihm ge-
die Quellen bieten, benutzt und beleuchtet ist; ebenso ist I lernt haben, werden dem Verfasser des Nachrufes für
die vorhandene Literatur berücksichtigt. Einheit und die wertvolle Gabe dankbar sein. Ein Bild, das den
Wandlung sind in diesem Längsschnitt klar dargestellt. Heimgegangenen, den feinsinnigen Bibliophilen, inmitten
Ein eigener Zug der Schrift besteht darin, daß immer seiner Bücherschatze zeigt, und ein Anhang über seine
wieder das damalige Recht als Hintergrund beachtet und Veröffentlichungen bilden eine wertvolle Zugabe des
zur Erläuterung herbeigezogen ist, wodurch manche Mo- Nachrufes.

mente plastischer hervortreten. Die Urteile, die über Hannover. 0. Wagen mann.

Schleiermachers Stellung gefällt werden, sind vorbildlich--

gerecht und groß gedacht. Für die Frage „Schleier- Wegmann, Pfr. Hans: Albert Schweitzer als Führer. Mite,
macher und das Eheproblem" darf diese gedrängte ; Lebensbild. Zürich: Beer & Cie. 1928. (80 S.) sV i lt. 60 c.
Studie, die alle Perioden umspannt, als wertvolle Zll- Die Verehrung, die Albert Schweitzer in immer zunehtnen-

sammenfassung angesehen werden. ' dem Mall gezollt wird, ist eine höchst bemerkenswerte Er-

(Man beachte auf S. 23 die Mitteilung über Karo- scheinung. ihr entspringt das vorliegende Heft. w. gibt zuerst ein

line Wucherer. Der Beurteilung der zweiten der Pre- i"'"*^

rlicrten iihe-r den rhrktlichen Hausstand — für den sitt- I ZUr Wanrheit. Der Wille zum Denken, Optimismus oder Pessimismus?.

tilgten uDcr den chnstlicnen Hausstand — „tur den sin | Die Wcnd mf wd( (md Lebensbejahung, Die Ethik der Ehrlich
religiösen Maßstab die Ehescheidung schlechthin furcllt vor dem Lcbetl) Ethik d<;r Ehrfurcht vor de». Leben und Kul-
ausgeschlossen" — stimme ich ZU. Henriette V. Mlllllen- , für, Schuld, Jesus und wir) eine Skizze von Schweitzers theologischen
fels halte ich nicht für eine „gleichmäßige Natur". und vor allem philosophischen Gedanken. Kritik liegegnet höchstens üi
Neigte der romantische Geist wirklich „ZUr gleichförmi- ' leiser Andeutung; W. geht anscheinend ganz auf Schweitzers Bahnen
gen Ehe"? Dem Staatsgedanken hat sich Schleier- Daher bestimmt sich die Stellung zu seinen Gedanken durchaus nach
lliacher schon vor der Zeit der Not aufgeschlossen.) ; d«r Schweitzers eigenen Anschauungen. Die Persönlichkeit kommt

neben den Anschauungen etwas kurz weg, doch das liegt wohl in der

Halle a. S. Georg W e h r u n g.

Natur einer solchen Arbeit. Auf alle Fälle bietet sie eine sehr lesbare
Einführung in Schweitzers Gedankenwelt.

Mirbt, Carl: D. Philipp Meyer 1854—1927. Ein Nachruf. (II- Breslau •
feld/Südharz: Verlag d. Zeitschr. f. niedersächs. Kirchengeschichte)

1928. (21 S. m. e. Titelbild.) gr. 8». RM -80. Haehling von Lanzenauer, Dr. phil. Reiner: Die Grund-

Dem am 24. Januar 1927 verstorbenen Oberkonsi- lagen der religiösen Erfahrung bei Karl Barth. Dargestellt

storialrat D. Philipp Meyer in Hannover, dem langjähri- u. beurteilt. Würzburg: c. J. Becker 1927. (vm, 75 s.) gr. 8°. =

gen Mitherausgeber der Zeitschrift für niedersächsi- Abhandlungen zur Philo», u. Psychol. d. Religion, H. 11. RM 2—.

sehe Kirchengeschichte, hat Carl Mirbt im 32./33. Jahr- j Die kritische Untersuchung Lanzenauers zeugt da-

gang dieser Zeitschrift durch einen Nachruf, der als von, daß Karl Barth auch in der katholischen Religions-

Sonderabdruck erschienen ist, ein Ehrendenkmal gesetzt. Wissenschaft Aufmerksamkeit zu erwecken vermocht hat,

Eine Besprechung dieses Nachrufes in der Theologi- I und zeigt zugleich ein achtenswertes Streben, ohne Hilfe