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Ausgabe:

1929 Nr. 7

Spalte:

147-148

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Unger, Eckhard

Titel/Untertitel:

Das Stadtbild von Assur 1929

Rezensent:

Gustavs, Arnold

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147

Theologische Literaturzeitung 1929 Nr. 7.

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erleichtern die Beherrschung des Inhaltes noch weiter.
Doch gehört das Werk nicht zu denen, die sich ohne Gefahr
für den Dieb ausplündern lassen. Nur gründlicher
Eigenarbeit erschließt es seine Schätze. Denn nur umfassendes
Studium wird z. B. ein Bild davon gewinnen,
was die Schriftgelehrsamkeit in Palästina in der Zeit
vor 70 für eine Bedeutung gehabt hat. Offen bleibt die
Frage, was an der rabbinischen Geisteswelt nach Inhalt
und Form spezifisch jüdisch, was davon wiederum
palästinensisch ist. Auf Klärung wartet auch noch die
Chronologie, die damit nicht erledigt ist, daß eine —
womöglich hunderte von Jahren jüngere — Überlieferung
irgendwelche Sätze einem großen Lehrer der Vorzeit
zuschreibt. Und dann möchte man wissen, was denn
eigentlich von aller dieser Gelehrsamkeit wirkliche Bedeutung
gehabt hat. Je mehr sich der Stoff häuft, um
so unwiderstehlicher wird der Eindruck, daß sehr vieles,
wohl das meiste doch nur den Staub der Gelehrtenklausen
aufgewirbelt haben, nicht aber wirkungsvoll
ins Leben hinausgedrungen sein kann.

Solche Fragen bergen keinen Vorwurf gegen den
Verfasser. Auch wer nicht, wie ich, gerade einen Vorzug
darin erblickt, daß er wesentlich den Stoff zusammengetragen
und in so leicht zugänglicher Form der Eigenarbeit
der Mitforscher überwiesen hat, muß doch zugeben
, daß, was wir erhalten haben, die Leistung des
Durchschnittsmenschen schon gewaltig übersteigt. Noch
mehr fordern, würde heißen, das Erscheinen des Werkes
überhaupt in Frage stellen wollen. Das ist zum Glück
nicht mehr möglich. Das Werk ist da und dazu berufen,
manchem kommenden Geschlecht seine Dienste zu leisten
. Wenn niemand mehr die theologischen Tages-
schriftsteller von heute kennen wird, wird man Billerbeck
immer noch mit hohen Ehren und in großer
Dankbarkeit nennen. Sein Werk wird den folgenden
Jahrhunderten das, und hoffentlich mehr, bedeuten, als
was den vergangenen die Horae hebraicae von J. Light-
foot (1699) und C. Schöttgen (1733) gewesen sind.
Göttingen. Walter Bauer.

Schomerus, Prof. D. H. W.: Politik und Religion in Indien.

Leipzig: A. Deichert 1928. (IV, 100 S.) 8". RM 4.50.

Die eigenartige Verquickung nationaler und religiöser
Strömungen in Indien, deren Exponenten Männer
wie Gandhi und Tagore sind, veranlaßt den Verfasser,
den Beziehungen zwischen Politik und Religion in Indien
von den Urzeiten an nachzugehen, um in wissenschaftlich
vorsichtiger Untersuchung zu zeigen, daß im
alten Indien die politische Zerrissenheit mit dem Hinweis
auf Mangel an politischem und kriegerischem Sinn
ebenso wenig erklärt werden kann, wie mit dem Hinweis
auf die rassenmäßige, sprachliche und soziale Zerrissenheit
, hier vielmehr auf die Religion als erklärenden
Grund zurückgegriffen werden muß. Die sehr ausführlichen
Darlegungen werfen manches interessante Licht
auf die Geschichte Indiens, besonders auf die englische
Kolonialpolitik und ihre Wirkung auf die Völker Indiens
und führen zu der Erkenntnis, daß, wenn die geistigen
Führer der nationalistischen Bewegung heute politische
Betätigung geradezu als religiöse Pflicht ansehen, wir
damit vor einer völlig neuen Situation stehen, die z. T.
als eine indirekte Wirkung des eindringenden Christentums
erklärt werden muß. So endet die Übersicht mit
der Frage, ob etwa das Christentum dazu berufen
sein wird, dem indischen Volke neue Wege zu einer
besseren, glücklicheren Zukunft zu zeigen.
Tübingen. M. S c h I u n k.

Unger, Prof. Dr. Eckhard: Das Stadtbild von Assur. Mit 3 Abb.
im Text u. e. Kte. Leipzig: J. C. Hinrichs 1929. (43 S.) 8". =
Der Alte Orient, Bd. 27, H. 3. RM 1.80.

Über die von der Deutschen Orient-Gesellschaft an
der Stätte des alten Babylon ausgeführten Ausgrabungen
hat Robert Koldewey in seinem schönen Buche „Das
wieder erstehende Babylon" einen zusammenfassenden

| Überblick gegeben. Für die nicht minder ergebnisreichen
i Ausgrabungen in Assur, der Geburtsstadt des assyri-
; sehen Reiches, fehlte es bisher an einer ähnlichen, allgemeinverständlichen
Darstellung. In diese Lücke kann
bis zu einem gewissen Grade die Schrift von Unger eintreten
, wenn sie auch weit kleiner und nicht so reich mit
Bildern geschmückt ist. U. referiert kurz und anschaulich
über alle wesentlichen Punkte: geographische Lage;
; Entdeckung und Ausgrabung; Quellen zur Topographie;
Name und Geschichte der Stadt; Entwicklung des Stadtbildes
; Tigris, Kanal und Stadtgraben; Befestigung der
Stadt; Stadttore; Paläste; Stelenplatz; Tempel; Stadtbild
im Altertum. Daß U. in manchen Stücken zu ganz
neuen Ergebnissen kommen konnte, hat er der genauen
Untersuchung und Auswertung einer keilinschriftlich
überlieferten „Stadtbeschreibung von Assur" zu danken,
die zunächst ein sogenanntes „Götteradreßbuch" enthält,
j d. h. eine Aufzählung der in den einzelnen Tempeln vorhandenen
Götterbilder, dann die Stadttore, Bastionen
und Mauern nennt, weiter die Tempel und Tempeltürme
verzeichnet und endlich noch die Pforten des Assur-
Tempels anführt. Das Büchlein Ungers vermittelt einen
guten Eindruck von den wichtigen und bedeutsamen
Funden der Deutschen Ausgrabungstätigkeit in Assur.

Der S. 22 erwähnte Muschlalu ist wohl nicht lediglich eine
Befestigungsanlage, sondern eine monumentale „Prozessionstreppc", auf
der am Neujahrsfeste das Kultbild des Gottes Assur zu der unten
! ankernden Festbarke gebracht wurde, um dann auf dem Wasserwege
zu dem außerhalb, der Stadt liegenden Neujahrsfesthause gebracht zu
werden (vgl. Ernst F. Weider, Altorientalische Bibliothek I S. 67

Anm. 9). Nach Hr. Meissner ist muslalu vielleicht zu hebr. H/DD,
ZtzDD '»Kl Dpp zu stellen.

Hiddensee. Arnold Gustavs.

Gustavs, Pastor Lic. A.: Die Personennamen in den Tontafeln
von Teil Ta'annek. Eine Studie zur Ethnographie Nordpalästinas
zur El-Amarna-Zeit. S.-Dr. aus d. Zeitschrift d. Deutschen
Palästina-Vereins Bd. 50 (1927) u. 51 (1928). Leipzig: J. C. Hin-
! richs 1928. (III, 67 S.) gr. 8". RM 5 —.

Die von Sellin seinerzeit auf dem Teil Ta'annek gefundenen
und von Hrozny veröffentlichten Kcilschrift-
tafeln sind, abgesehen von den Briefen an Jstarjasur,
die als angebliche Zeugen eines kanaanäischen Monotheismus
viel erörtert wurden, ziemlich unbeachtet geblieben.
1 Gustavs zieht nun diese Briefe und Namenlisten als
i gewichtige Dokumente für die alte Ethnographie Palä-
I stinas heran, gerade weil sie nicht wie die Amanta- und
Boghazköi-Texte, bloß die Namen von Dynasten enthalten
, die oft ganz anderer Herkunft sind als die Masse
j der Bevölkerung. Folgendes ist das interessante Ergeb-
i nis (s. S. 57ff.): Von 80 ganz oder teilweise erhaltenen
Namen ließen sich 58 einem bestimmten Sprachkreis
zuweisen. Von diesen sind 21 kanaanäisch, 10 subaräisch
j (mitannisch), 10 akkadisch oder aramäisch, 2 ost-
kanaanäisch (amoritisch), je 1 ägyptisch, sumerisch,
i iranisch, kossäisch, indisch.

Wenn auch diese Zahlen keinen Anspruch auf absolute
Giftigkeit erheben, da öfter die Zuweisung zur
einen oder anderen Gruppe unsicher ist, so dürfte doch
; das Gesamtbild davon nicht wesentlich berührt werden.
Vor einer raschen Verallgemeinerung des Ergebnisses
warnt G. selber (S. 62); es gelte höchstens noch für
die andern Städte der Jesreelebene. Auffallend ist die
verhältnismäßig geringe Zahl (kaum ein Drittel!)
kanaanäischer Namen und der hohe Prozentsatz von
subaräischen, die offenbar einen ziemlich starken
subaräischen Einschlag in der Bevölkerung voraussetzen
! (S. 13), während der eine sumerische und die akka-
dischen Namen eher nur eine Vorliebe für die örtliche
Kultur bekunden werden (S. 61). Die „kleinasiatischen"
Namen mögen durch die subaräische Welle von Norden
hergeführt sein. Die arabisch-aramäischen künden schon
die nächste semitische Welle an. Der iranische, indische
und kossäische sind für das Nebeneinander verschie-