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Ausgabe:

1929

Spalte:

136-137

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Vincke, Johannes

Titel/Untertitel:

Der Klerus des Bistums Osnabrück im späten Mittelalter 1929

Rezensent:

Clauss, Hermann

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Theologische Literaturzeitung 192° Nr. 6.

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nutzer zuerst die alten Zeugen dieser Geschichte selbst
entgegen. Zugleich wird er der Menge dieser ihm zunächst
unbekannten Größen nicht führungslos überlassen
, sondern in den Gruppensigeln werden ihm Wertungsgesichtspunkte
nahegebracht, die ihn sofort das
text historische Problem, das eine bestimmte Variante
aufgibt, verstehen lehren. Mir hat sich diese Tatsache
im Unterricht sofort als eine durchschlagende Erleichterung
der Einführung in die Textkritik des N. T.s bekundet
. Wenn es einem beim alten Nestle nach langer Einübung
gelungen war, die einfache Kenntnis der wichtigsten
alten Textzeugen und einen Überblick über das
Ganze des Materials in gröbsten Zügen zu vermitteln,
so hatte man den Studenten meist nur auf ein für ihn
uferloses Meer geführt, in dem er keine Wegweiser sah,
weil es fast unmöglich war, ihn im Rahmen der knappen
akademischen Unterrichtsstunden zu einer auch nur anfängerhaften
Wertung der Textzeugen zu erziehen.
Gelang dies aber nicht, so war es naturgemäß auch ausgeschlossen
, lebendiges Interesse oder gar Freude an
dieser Art wissenschaftlicher Arbeit zu wecken. Das ist
jetzt grundsätzlich anders, da der neue Apparat so ausgewählt
und so gestaltet ist, daß in ihm, wie gesagt,
immer ein Stück Textg e s c h i c h t e übersehen werden
kann, also ein eignes historisches Urteil des Studenten
ermöglicht wird. Der neue Nestle gibt nicht nur den
Dozenten eine geeignete Unterlage für den Vortrag, sondern
erzieht den Studenten zum selbständigen textkritischen
Studium!

Zwei Umstände verhindern es nun nach meiner Erfahrung
, daß diese großen Vorzüge des neuen Nestle
sich voll auswirken: der Apparat ist 1. durch das Bestreben
des Herausgebers, möglichst viel zu bieten, inhaltlich
zu kompliziert gew orden und 2. durch räumliche
Zusaminendrängung seiner Form nach verhältnismäßig
unübersichtlich geworden.

Als wichtigste Momente nenne ich:

Ad 1 : es weiden - übrigens entgegen einem wichtigen Beschluß
aus den Vorverhandlungen über die Grundsätze für die Neugestaltung
aes Apparates — zu weitgehend die Anschauungen der neuen Rezension
zur Geltung gebracht, — einschließlich ihrer Interpunktionsvarianten
und unter Hinzuffigung der im alten Nestle nicht vertretenen v. Soden'schcn
Rezension. Ritte relativ reiche Liste von Kirchenvätern ist berücksichtigt
, die dem Anfänger meist besonders wenig sagt und ihn darum
zunächst besonders zu stören pflegt. Endlich ist der Herausgeber
dabei geblieben, einzelne Textzeugen noch in weitgehendem Malle
durclt Exponenten zu spezialisieren, ein Umstand der das Einarbeiten
von Anfängern ganz besonders erschwert. Offenbar bat die Rücksicht
auf die Bedürfnisse des Dozenten für seinen Lehrvortrag hier die Arbeit
des Herausgebers noch all/u stark bestimmt. Es dürfte für den
Dozenten stets leicht sein, das zur Entfaltung eines textkritischen
Problems unbedingt nötige Material mündlich vorzutragen, schlimmstenfalls
an die Tafel zu schreiben. Und für umfassendere Studien wird
er den Studenten doch immer an die großen Rezensionen weisen
müssen. Andererseits ist es für den Anfänger — und das sind doch
auch unsere ältcreii Studenten — ganz ungemein wichtig, daß ihm ein
nicht allzu belasteter Apparat die Konzentration auf Probleme leicht
überschaubaren Umfanges ermöglicht und er zugleich vor der Annahme
bewahrt wird, daß der reiche Apparat Ncstlcs das schließliche
Fortschreiten zu Tischendorff u. s. w. überflüssig mache. Der
Nestle wird umso brauchbarer werden, je reiner die Tendenz verfolgt
wird, durch ihn den Studenten zum Selbststudium anzuleiten und
dadurch zu den großen Rezensionen fortzuführen. — Ad. 2: Aus ähnlichem
Grunde scheint mir die räumliche Zuaanunendrängung des
Apparates verhängnisvoll. Aus verlagstechnischen Rücksichten mußte
das Format des alten Nestle beibehalten werden. Das zwang zu sparsamsten
Druck des Apparates — zum Nachteil für seine Übersichtlichkeit
. Diese aber ist für den Anfänger ein ganz dringendes Bedürfnis
. Ein textkritisches Problem, das man vor Studenten auch durch
längste Reden nicht völlig klären kann, wird sofort verstanden, wenn
man die Variantenzeugen in guter räumlicher Verteilung schriftlich
vorführt. Lietzmanns Verfahren in seiner Notiz Z.N.W. 23. S. 154 ff.
und vor allem Döllschütz in der 4. Auflage v. Nestles „Einführung"
bieten vorbildliche Beispiele für diese Forderung, an denen freilich
auch deutlieh wird, daß sie eine große Raumverschwendung bedingt.
Aber diese Verschwendung fördert den eigentlichen Zweck des
Werkes so sehr, daß sie verantwortlich sein dürfte. — Übrigens glaube
ich, für den Fall, daß einmal die Raumschwierigkeiten behoben sein
sollten, auch die Abschaffung der erwähnten Variantenanzeiger befürworten
zu sollen. Denn etwas Anderes als Raumersparnis dürfte kaum

I mit ihnen erreicht werden. Der geäußerten Meinung, daß sie auch noch
j pädagogische Bedeutung haben könnten, indem sie den Studenten
zur Aufmerksamkeit auf die Unsicherheit des Textes erziehen, ver-
| mag ich z. B. nicht beizustimmen. Ich muß sie vielmehr zu der
Art von Hilfsmitteln rechnen, die dadurch letzten Endes schädlich
sind, daß sie den Anfänger unselbständig machen. Die kritische
| Haltung gegenüber dem Text, zu der der Student kommen muß, ist
ja erst dann echt, wenn sie „automatisch" eingenommen wird. Über-
j dies erschweren es diese Zeichen dem Studenten, sich zur richtigen
! Abgrenzung der Varianten zu erziehen. Varianten, die in der Weist
zusammengehören, daß sie nur ein textkritisches Phänomen bilden,
werden durch dieselben Zeichen mehrfach hervorgehoben, was die
Erkenntnis der Einheit in der Vielheit notwendig stört, — ein Hindernis
, das in einem Werk für Anfänger schwer wiegt.

Beide Mängel, die sich mir ergaben, kürzen die
ausgesprochene Bewunderung der Leistung Erwin Nestles
nicht. Bedeutet doch der eine, daß der Herausgeber
zuviel des Guten getan hat, und ist doch der andere von
Umständen bedingt, über die er keine Gewalt hatte.
Die N.T.liche Wissenschaft wird also dem Sohne Nestle
unbedingt dankbar sein, daß er das gute Werk des
Vaters erhielt, indem er es verbesserte. An den Ver-
', lag aber muß die ernstliche Bitte gerichtet' werden,
i die diesmal noch unumgängliche Raumbeschränkung in
absehbarer Zeit zu beseitigen, auf daß das bewährte
Werk immer brauchbarer gestaltet werden könne.
Göttingen. Hetmuth Kittel.

Vincke, Dr. Johannes: Der Klerus des Bistums Osnabrück
im späten Mittelalter. Münster i. W.: Aschendorff 1928. (VII.
239 S.) gr. 8". = Vorretörmationsgeschichtliche Forschgn., 11.

RM 11.60.

Eine Gesamtgeschichte des geistlichen Standes in
Deutschland ist nicht vorhanden, wird vielleicht nie geschrieben
werden. Umso dankenswerter sind Teilunter-
; suchungen, die sich auf ein Sondergebiet geographisch
und geschichtlich beschränken, wie eine solche hier vorliegt
. Und dies gilt in noch erhöhtem Maße, wenn es
: infolge reichlich vorhandenen Matcriales möglich wird,
; die Studie zu einem nach allen Seiten hin befriedigenden
! Vollbild auszugestalten. Der Verf. liebt in seinem Vor-
: wort hervor, daß für keinen anderen Stand des Bistums
aus dem M.-A. so reiche Quellen fließen, als für den
Klerus. Man wird auch sagen dürfen, daß wenige
: Länder in der glücklichen Lage sein werden, zur Ge-
: schichte des geistlichen Standes so viel wertvolles Material
beitragen zu können, wie Osnabrück. Es wäre zu
wünschen, daß dieser Untersuchung noch eine Reihe
; anderer aus den verschiedenen geistlichen Gebieten
; Deutschlands nachfolgten, damit man die gleichzeitigen
Verhältnisse hier und dort an einander messen könnte.
Übrigens darf doch von vornherein vermutet werden, daß
gerade bei dem Stand des Klerus mehr als bei irgend
i einem andren Beruf vieles von den Zuständen eines
| Territoriums typisch auch für andre Länder sein wird.
| In einer Reihe von Kapiteln, für die ja natürlich die
, Quellen nicht immer gleich ergiebig fließen, schildert
die Arbeit: üeburtsstand und Herkunft, Bildung, Zahl,
Tätigkeit und Wandel des Klerus im O.'er Bistum, die
Ämterbesetzung, das Einkommen, Pfriindehäufung, Reformen
, und im Schlußkapitel das Verhältnis des Klerus
zum Volk. Ein Anhang stellt die Hochschulstudenten
i des Bistums an deutschen und außerdeutschen Universitäten
in zeitlicher Folge zusammen. So entsteht in der
Tat ein Gesamtbild von großer Vollständigkeit, das auf
i alle wichtigen Fragen Aufschluß gibt und zu allerlei
I Beobachtungen und Gedanken anregt. Allerdings ein
j Bild, dem manche trübe Schatten nicht fehlen. In dem
ehrlichen Bestreben nach historischer Wahrhaftigkeit
verschweigt der Verf. auch diese dunklen Punkte nicht,
wenn er auch in dem Bemühen, sie aus den Zeitverhältnissen
zu erklären, und in seinem Urteil über offenkun-
| dige Mißstände nach meinem Empfinden manchmal zu
I große Milde walten läßt. Gerade wenn die Zeitanschau-
! ungen in gewissen Punkten laxe waren, hätte der Kle-
! rus durch sein Wirken und sein eignes Beispiel vor-
I bildlich und erzieherisch tätig sein müssen und durfte