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1929 Nr. 6

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128

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Aus dem Leben eines Religionshistorikers 1929

Rezensent:

Kittel, Rudolf

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127

Theologische Literaturzeitung 1929 Nr. 6.

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als Lautung und Fügung, als ein Zusammenhang des
Bedeutens und Meinens dem Sprechen vorgegeben. Dies
alles aber ist nur eine unwirkliche Möglichkeit und
Forderung, kein reales Geschehen. Vorgegeben ist auch
das Wogen der Eindrücke und das Wallen der Stimmungen
— gleichfalls aber als unwirklicher Drang eines
unausgesprochenen Innern. Daß Sprache und Stimmung
wirklicher Ausspruch einer wirklichen Stimme werde,
dazu bedarf es eines Dritten, das diese beiden vermählt;
einer Macht, die das Innen und Außen, die inbrünstige
Regung einer Seele und die bestehende Welt der giltigen
Sprache vereint, indem sie jene in dieser, diese in
jener verwirk licht. Diese Macht ist die bewegende Bewegung
menschlicher Tätigkeit: sie ergreift die Sprache
oder wird von der Sprache ergriffen; sie zieht den Eindruck
ins Enge zusammen, um ihn zu äußern; sie speist
als tätiger Anspruch den lebendigen Verlauf und erfüllt,
was sie soll. Keine andere Gewalt auf Erden bringt die
stumme Einigkeit des Atems zum Tönen, sodaß sie als
Aussage vernehmlich wird. Das ist es, w as die Personalkurve
beschreibt: die Grundformel menschlichen Tuns.
Weil sie aus dem Insgesamt des Schalls gleichsam die
nackte Tätigkeit auslöst, ist diese Kurve rechtsher mit
der Rechten als der Hand des tätigen Subjekts zu
schlagen. Und weil sie die ursprüngliche Selbstbewegung
der menschlichen Vermittlung meint, erweist sie
sich personal gebunden und unabänderlich". Womit die j
Frage nach der Konstanz dieser „Selbstbewegung der
menschlichen Vermittlung" nur leider als beantwortet !
vorausgesetzt wird, soviel Richtiges auch in den angeführten
Sätzen an sich enthalten ist. Trotz, der notwendigen
Kritik an diesem letzten Teil des Buches möchte ich
aber mit Nachdruck auf die sehr feinsinnigen Analysen
des Taciteischen und des Nietzscheschen Stiles hinweisen,
die Ipsen aus der Klangbewegung ihrer Texte gewinnt.
Indem er namentlich bei Nietzsche innere Beziehungen
zwischen der Klangführung und der geistigen Art seiner
Philosophie überhaupt aufzudecken vermag, nähert er
sich, wenn auch in einer anderen Ebene, und ohne die
Bindung an eine anders orientierte Typenlehre merkbar
den Gedanken N o h 1 s.

Überblickt man, was dieser große Versuch experimenteller
Nachprüfung für die Schallanalyse erbracht
hat, so scheint mir ein Dreifaches nunmehr festzustehen.
Einmal die Tatsache, daß wirklich aus dem Schriftbild,
und zwar auch aus dem Schriftbild toter Sprachen der
lebendige Klang in seinem rhythmisch-melodischen Ablauf
rekonstruierbar, und daß dabei Unterbrechungen,
Störungen dieses Ablaufs exakt nachweisbar sind. Die
Brauchbarkeit der Schallanalyse für die Frage nach der
Intaktheit eines Textes ist damit sowohl für die Ausmerzung
von Interpolationen als auch — jetzt — in der i
Entdeckung von Textlücken, aufgezeigt. Sodann: die
Grenzen der Schallanalyse sind bei dem gegenwärtigen
Stand der Methode auch bei den besteingearbeiteten
Forschern — außer Sievers selbst — durch die Un- |
Sicherheit gegeben, wieweit eine individuell unveränder- j
liehe Konstante nachweisbar ist und ebenso durch die j
andere Beobachtung, daß die Sicherheit der Analyse
durch den Grad des „dichterischen Wei tes" eines Untersuchungsstückes
bedingt ist. Endlich die Erkenntnis, j
daß wir es bei der Schallanalyse mit einer Methode zu i
tun haben, die zwei Kennzeichen wissenschaftlicher Methoden
überhaupt besitzt, die Lehrbarkeit und die Kon- j
trollierbarkeit durch das Experiment. Es geht von nun
an nicht mehr an, die Schallanalyse als die — mehr
oder weniger bedauerliche — Liebhaberei — lies Ver- I
irrung — eines Einzelnen anzusehen und zu belächeln,
sondern sie kann von nun an den Anspruch erheben, als ;
wissenschaftliche Methode im strengen Sinne gewertet |
zu werden, als wissenschaftliche Methode zugleich, die ;
die allerdings sehr ernste und große Arbeit und Mühe
lohnt, die zu ihrer Aneignung aufgewendet werden muß.
Durch diesen Nachweis haben Karg und Ipsen mit ihren j
Helfern sich ein großes Verdienst, nicht nur um die

Schallanalyse, sondern auch um die Wissenschaft überhaupt
erworben, und sie haben ein innerliches Recht
dazu, ihr Werk durch ihre Widmung zwei der größten
Philologen unsrer Zeit zuzueignen: „Wilhelm Streitberg
zum Gedächtnis, Eduard Sievers zum Dank."
Güttingen. Joli. H ein pel.

Aus dem Leben eines Religionshistorikers.

Die Schrift ist eine wertvolle Ergänzung zu der früher hier
angezeigten Gedächtnisrede Sellins für Graf Bandissin, zugleich ein
Zeichen dafür wie der Heimgegangene ungesucht verstanden hat,
dankbare Pietät wachzurufen. Das Bild des feinsinnigen Mannes
von adliger Gesinnung wie des verdienten Gelehrten wird aufs neue
vor uns lebendig. Dies auszusprechen ist mir eine tun so größere
Freude, als ich der Veröffentlichung seines größten nachgelassenen
Werkes nur mit geteilten Gefühlen gegenüberstehen kann.

Leipzig. R. Kittel.

Encyclopaedia Judaica. Das Judentum in Geschichte und Gegenwart
. (Red. Jakob Klatzkin u. J. El bogen.) Bd. 1: Aach-Akademien
. Berlin: Verlag Eschkol (1928). (XXXi S., 1216 Sp. m. Abb.
u. Taf.) 4°. Lwd. RM 50 ; Hhvd. RM 55 .

Mit diesem ersten Bande tritt nach mehrjähriger
Vorbereitung eine neue jüdische Enzyklopädie ins Leben.
Auf etwa 16 Bände berechnet, will sie ihren Vorgängern
, der englischen Jewish Encyclopedia und der
russischen Jewreiskaja Enziklopedija, die sie ersetzen
soll, an Inhalt und Ausstattung nichts nachgeben. Dabei
ist es erfreulich, daß sie schon verhältnismäßig bald
fertig vorliegen soll und daß sie in deutscher Spracht
erscheint; doch wird, bezeichnend für die Lage im
heutigen Judentum, auch eine hebräische Ausgabe vorbereitet
. Die Besprechung gerade des ersten Bandes
eines solchen Werkes hat natürlich weniger auf seine
Einzelartikel als auf Anlage und Charakter des Ganzen
zu gehen, um gerade seine grundsätzlichen Mängel
herauszustellen und damit an ihrer Beseitigung mitzuhelfen
. In diesem Sinne will das Folgende ein Stück
aufbauender Mitarbeit an den weiteren Bänden der Eue.
Jud. sein.

Zur Bewältigung allein des in diesem Bande zusammengetragenen
Stoffes haben sich etwa 100 Gelehrte
zusammengefunden. Unter ihnen ist eine größere Zahl,
von solchen, deren Namen in der weiteren wissenschaftlichen
Welt einen guten Klang haben und deren Artikel
nach Anlage und Inhalt z. T. Vorzügliches bieten. Um
nur einiges herauszugreifen, sei auf Marmorsteins „Aboda
Sara" (Sp. 352—359), der eine recht gute Einführung
in Inhalt und Charakter dieses talmudischen Traktats
bietet, hingewiesen, ebenso auf seinen eine Fülle von
Material beibringenden Beitrag zu dem Artikel Agada
„Agada und Kirchenväter" (Sp. 972—979), ferner auf
Scharffs Anteil am Artikel „Ägypten", Cassutos, die
Grundsätze der modernen Bibelkritik anwendenden Teilbeiträge
zu „Abraham" (Sp. 374—37S, 400—405) und
„Adam" (Sp. 755—761), Kleins topographische Artikel
wie Ai (Sp. 1160) und Ajjalon (Sp. 1166f.) u. a. m.

Die Eigenart der Enc. Jud. erfaßt man am besten
durch einen Vergleich mit dem gleichzeitig erscheinenden
jüdischen Lexicon. Da sich dieses ganz bewußt an
weiteste jüdische Kreise wendet, muß es auf viele
speziellere Artikel verzichten; außerdem will es einen
Umfang von vier Bänden nicht überschreiten. Zu der
damit gegebenen rein stofflichen Ueberlegenheit der
Enzyklopädie kommt ein Unterschied in der geistesgeschichtlichen
Einstellung; die Enc. Jud. zieht in der
Regel die jüdische Tradition in viel umfassenderer
Weise heran, als es im Lexikon der Fall ist. Dadurch
macht sie nun gerade dem christlichen Benutzer vieles
bequem zugänglich, was ihm sonst unerreichbar wäre.
So sind zahlreiche Artikel nicht nur den Rabbinen der
ersten christlichen Jahrhunderte, über die Bacher seine
großen Werke geschrieben hat, gewidmet, sondern gerade
auch den bedeutenderen Männern der mittelalterlichen
jüdischen Geistesgeschichte, und mit ihnen haben
viele Karäer, Chassidirn u. a. eine z. T. eingehende Be-