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Ausgabe:

1929

Spalte:

121-128

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ipsen, Günther

Titel/Untertitel:

Schallanalytische Versuche 1929

Rezensent:

Hempel, Johannes

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Theologische Literaturzeitung

Begründet von Emil Schürer und Adolf von Harnack

Herausgegeben von Professor D. Emanuel HirSCh unter Mitwirkung von
Prof. D. Dr. G. Hölscher, Prof. D. Hans Lietzmann, Prof. D. Arthur Titius, Prof. D. Dr. G. Wobbermin

Mit Bibliographischem Beiblatt in Vierteljahrsheften, bearb. v. Priv.-Doz. Lic. theol. K.D.Sch m i dt u. Lie. H.Kittel, Göttingen.
Jährlich 26 Nrn. Bezugspreis: halbjährlich RM 22.50. — Verlag: J. C. Hinrichs'sche Buchhandlung, Leipzig.

- , ir f Manuskripte und gelehrte Mitteilungen sind ausschließlich an Professor D. Hirsch in Güttingen, ff. MjjP7 1070

34. Janrg. Hl. O. Hainholzweg 62, zu senden, Rezensionsexemplare a u s s c h 1 i eü 1 i c h an den Verlag. l'laiz WLy.

Spalte) . Spaltel Spalte

Ipsenu. Karg: Schallanalvtischc Versuche iVogels: Übungsbuch zur Einführung in hunderts (Peper)..............137

(Hempel).........'.........1211 die Textgeschichte des Neuen Testaments jRriinstädt: Deutschland und der Sozia-

(Kittcl)....................133 lisnuIS (Althaus)...............138

Aus dem Leben eines Religionshistorikers
(Kittel)....................12

Encyclopaedia Judaica (Rengstorf)......128

Handbuch für das kirchliche Amt (Niebergall). 141
Nieberga 11: Kurze homiletische Einfüh-

Novuiu Testamentum graece (Ders.).....133 ]

Vincke: Der Klerus des Bistums Osnabrück

im späten Mittelalter (Claull).......I36j" rtt^

Outtmann: Die Darstellung der jüdischen iDie brandeuburgischen Kirchenvisitations-Ab- nacher Perikopenreihen (Schian)......142

Religion bei Elavius Josephus (Weiser) . . 13l| schiede und -Register des 16. u. 17. Jahr- 'Anzeigen................142—144

lpsen, Günther, und Fritz Karg: Schallanalytische Versuche.

Eine Einführe, in die Schallanalyse. Heidelberg: Carl Winter 1Q28.

Watzel erfahren, dem sich eine wirkliche Förderung
des Verständnisses der inneren Beziehungen von Gestalt

(XL 3iQ S.) 8°. = Germanisehe Bibliothek, 24. und Gehalt eines Kunstwerkes aus einer solchen Ver-

RM 12—; geb. 14- . bintlung ja in der Tat sehr heterogener Tvpcnreihen

Die Geschichte der Schallanalyse ist ein lehrrci- nicht zu ergeben scheint. Ich kann hier auf diese, für

ches Beispiel dafür, wieweit mehr oder weniger zu- das zu besprechende Buch peripherische Frage nicht

fällig gemachte Einzelbeobachtungen zu führen ver- eingehen, erwähne sie vielmehr nur, um die größeren

mögen, wenn anders sie nur methodisch verfolgt und Zusammenhänge anzudeuten, in denen die Schallanalyse

konsequent ausgebaut werden. Aus den Erfahrungen darin steht.

des Gesangsunterrichts und der Selbstbeobachtung über Sodann aber mußte die Rutzsche Lehre auf die
die individuell verschiedene Leichtigkeit der Reproduk- Philologie einwirken. Ergab sich hier nicht ein neuer
tion verschiedener Kunstwerke heraus hatte zuerst der Weg, die lnterpolations- und Echtheitsfragen, mit denen
Münchner Jos. Rutz drei Grundtvpen menschlicher diese Wissenschaft zu ringen hat. mit Sicherheit zu beKörperhaltung
, vor allem in der Brust- und Bauch- antworten, und bot sich hier nicht darüber hinaus die
muskulatur aufgezeigt und einen vierten als notwendig für den Laien weniger sensationelle, für den Philologen
errechnet sowie die Behauptung daran geknüpft, daß selbst um so bedeutsamere Möglichkeit, die lebendige
der einzelne Mensch wohl innerhalb seines Typus eine Sprache vergangener Zeiten mit allen phonetischen Feingewisse
Variationsbreite der Muskeleinstellung besitze', tieften aus dem Banne geschriebener Zeichen zum ge-
daß aber in dem Grundtypus selbst eine Konstante ge- hörten Klang zu erlösen, wenn es nur gelang, für die
geben sei, in die jeder von der ersten bis zur letzten zur ungehemmten Wiedergabe eines Textes erforder-
Stunde eingespannt bleibe. Wenigstens gelte das von liehe Muskeleinstellung und Tongebung objektive For-
jeder freien Produktion eigenen Gutes. Hingegen be- mein zu finden? Nach diesen Richtungen ist die Rutz-
stehe für den Nachschaffenden die Möglichkeit, sich be- sehe Lehre aufgenommen worden von Eduard Sie-
wußt bei der Wiedergabe eines fremden Werkes in v e r s, und zwar auf Grund von Selbstbeobachtungen
Gesang, Drama oder Deklamation auf den Typus des bei der Lektüre und beim Nachsprechen fremder Texte,
Autors einzustellen und nur soweit eine solche Ein- auch ganz prosaischer, wie es etwa Examensarbeiten
Stellung vollzogen sei, komme das reproduzierte Kunst- in der Regel zu sein pflegen. Als Metriker von beson-
werk zu ungehemmtem Vortrag, während bei ihrem ders feinem Empfinden für die innere Struktur von
Fehlen die Stimme einen mehr oder weniger starken Versen auch entlegener Sprachen, das ja Sievers zu sei-
tnneren Widerstand zu überwinden habe und infolge- nen grundlegenden Erkenntnissen in der hebräischen
dessen gepreßt klinge, wenn nicht zerbreche. Der Typus Metrik befähigt hatte, und als Motoriker von uner-
ist also für Rutz etwas Konstantes, von anderen Er- reichter Sensibilität war Sievers wie kein anderer dazu
kennbares, weil im Werke sich Spiegelndes, und Nach- vorherbestimmt, die Lehre aufzunehmen und fortz.ubil-
ahmbares. Es ist zum Verständnis der Schallanalyse den, sobald sie in seinen Gesichtskreis getreten war.
wichtig, diese drei Kennzeichen der Rutzscheu Typen Das entscheidende Wort dabei ist freilich „fortzubilden'',
sich gegenwärtig zu halten. denn unter seinen Händen hat sie entscheidende Umge-
Nach zwei Richtungen hin ist diese Lehre von an- staltungen erfahren. Einmal hat S. den Nachweis erregender
Wirkung gewesen. Einmal für die Psycho- bracht, daß die menschliche Muskeleinstellung nicht nur
logie und die Ästhetik. Sie führt ja unmittelbar an das akustisch, sondern auch visuell beeinflußbar ist: beim
Problem der wechselseitigen Bedingtheit körperlicher Anblick von Drahtstücken von oft bizarren Formen —
Konstitution und geistigen Schaffens heran und scheint den sog. „Signalen" — vollzieht sich eine Umschaltuivr
zudem einen Weg zu eröffnen, den Künstler als psycho- des Muskelapparates in der Weise, daß zu jedem Signal
physische Totalität zu erfassen. So hat denn Hermann eine ganz bestimmte, eindeutig festzulegende Muskel-
Nohl bei seinem Ringen um die Herausarbeitung typi- haltung gehört. Damit ist die Möglichkeit einer konscher
Kunststile versucht, die Rutzscheu Typen mit der trolle der Ergebnisse einer Versuchsperson durch eine
Lehre Diltheys von den drei großen Weltanschauungs- andere gegeben; ergibt sich auch für B ungehemmte
typen zusammenzubringen, sie aber zugleich durch den Vortragsart eines bestimmten Textes bei Vorlegung des
Aufweis rhythmischer Unterschiede in der Sprachge- gleichen Signales wie für A, und ergeben sich für zwei
staltung ihrer Vertreter zu unterbauen und zu ergänzen. sicher von demselben Autor herrührende Texte unge-
Sein Versuch hat Widerspruch vor allem durch Oskar hemmte Vortragsarten bei dem gleichen Signal? Durch

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