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Ausgabe:

1929 Nr. 5

Spalte:

109-111

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schäfer, Karlheinrich

Titel/Untertitel:

Märkisches Bildungswesen vor der Reformation 1929

Rezensent:

Peper, H.

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Theologische Literaturzeitung 1929 Nr. 5.

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Schäfer, Reichsarchivrat Dr. Karlheinrich: Märkisches BHdungs- [
wesen vor der Reformation. Mit 22 Abb. Berlin: Verlag der
Germania A.-G. 1928. (VI, 126 S.) gr. 8". geb. RM 5-.

Im Vorwort bezeichnet der Verfasser als den Hauptzweck
seines Werkes, die üblichen Vorurteile in Bezug !
auf den Bildungsstand des Mittelalters auszuroden. In j
der Einleitung wird die einheitliche, spezifisch deutsche ;
Kultur des Mittelalters gepriesen, einer Zeit, in der das
heilige Reich wie viele kosmische Gebilde zwei Brenn- i
punkte besaß, den Papst und den Kaiser. „Erfüllten j
weltliche und kirchliche Macht ihre Pflicht, gingen sie
Hand in Hand, so stand es gut für die rechtschaffenen
Leute, Völker und Länder." Das ist nun freilich ein sehr j
vieldeutiger Satz. — Dann bekämpft er die bisherige
Anschauung vom Bildungsstand des Mittelalters, die
nach ihm vielfach dahin ging, „die Mönche seien nicht
allein faul und selbst unwissend gewesen, ... die Geistlichkeit
hätte zu viel Anteil gehabt, die Kinder in dem
Aberglauben und in der Dummheit der Eltern zu erhalten
". Daß derartige Ansichten sich in protestantischen
Schriften finden, ist leider wahr, in wirklich wissenschaftlichen
Werken herrschen aber heute z. T. ganz
andere Ansichten, die nicht erwähnt werden.

Der nächste Abschnitt geht nun über zu der Erforschung
des damaligen Bildungsstandes, und es ist zwei- j
fei los, daß Schäfer hier zu bemerkenswerten Ergeh- i
nissen kommt, wofür ihm jeder Geschichtsforscher
dankbar sein wird. Es ist erstaunlich, wie zahlreich die
aus der Mark Brandenburg stammenden Studenten auf j
vielen Universitäten sind. Es möge erwähnt werden, daß
vor 1502 an der Universität Leipzig aus Jüterbog 157
Studenten studierten, aus Wittenberg nur 96. Immerhin
ist zu solcher Argumentation zu bemerken, daß sich die !
Bedeutung einzelner Städte oft recht erheblich änderte, j
Reges geistiges Leben herrschte auch in den j
Mönchsorden, so bei den Zisterziensern, den Nonnenklöstern
, den Bettelmönchen. So sind eine ganze Reihe
von Lehniner Mönchen in Leipzig immatrikuliert gewesen
, blühende Schulen befanden sich vielfach bei den ■
Klöstern und treffliche Bibliotheken. Auf die künstle- j
risch wertvollen Kirchenbauten und ihre zum Teil herrliche
Ausstattung wird hingewiesen. Berühmt war die
Sammlung philosophischer Schriften der Prenzlauer
Franziskaner, von der wertvollen Bücherei des Franko
furter Karthäuser Klosters befinden sich einige Reste in
der Universitätsbibliothek zu Breslau. Mit Recht wird
dann bedauert, daß diese reichen Bücherschätze in der
Reformationszeit leider vielfach verkamen oder verschleudert
wurden. Es mag noch erwähnt werden, daß
auch geistig bedeutende Schriftsteller aus den märkischen
Klöstern hervorgegangen sind. Sehr rege war
auch das geistige Streben bei den Prämonstratenser-
Kanonikern und -Stiftsherrn; die noch erhaltene Brandenburger
Dombibliothek legt dafür ein sprechendes
Zeugnis ab. Das akademische Studium wurde auf alle
Weise gefördert, die kirchlichen Domstifter können geradezu
als Vorbilder und Ausgangsstufen der Universitäten
gelten.

Auch die Pfarrgeistlichen waren zum Teil hochgebildete
Leute, sehr viel Gewicht wurde im Gegensatz zu
der landläufigen Meinung auf die Predigt gelegt. In
der Gottesdienstordnung der uralten Marienkirche auf
dem Harlungerberg sind außer Sonntags über 80 Predigten
im Jahre fest vorgesehen, und zwar im 14. und
15. Jahrhundert. (Diese prächtige Kirche ist leider nicht
erhalten.)

Dann wird im einzelnen nachgewiesen, in welchem
hohen Maße sich die Brandenburger und Havelberger
Bischöfe um das märkische Kulturleben verdient gemacht
haben. Waren doch unter ihnen Persönlichkeiten,
die durch hervorragende Bildung glänzten und deren
Verordnungen in jeder Weise vorbildlich genannt werden
müssen.

Der Verfasser untersucht im dritten Kapitel das
märkische Schulwesen, insonderheit die Lateinschulen;

denn am bedeutungsvollsten für die Beurteilung des
mittelalterlichen Bildungswesens ist nach ihm diese
Untersuchung über die Schulen in Städten und Dörfern.
Er kommt hier zu in der Tat überraschenden Ergebr
nissen. Etwa 70 Städte haben damals Lateinschulen
gehabt, zum Teil mehrere, so daß die Zahl der Lateinschulen
etwa 80 beträgt. Sie wurden nur von Akademikern
, meist sogar von graduierten Rektoren geleitet,
es unterrichteten außerdem noch andere akademisch gebildete
Unterlehrer. Der Stoff und die Methode des Unterrichts
war im ganzen vorbildlich, jedenfalls für damalige
Verhältnisse sehr vielseitig. Dieses Kapitel beruht
auf sorgfältigen Forschungen und bringt äußerst
interessante, auch für die allgemeine Kulturgeschichte
beachtliche Einzelheiten. Es werden untersucht die Lateinschulen
der Bistümer Brandenburg, Havelberg, Halberstadt
, Lebus, Meißen sowie die der übrigen Neu- und
Uckermark.

Der Abschnitt über die Dorfschulen ist sehr kurz,
es gibt auch nur „Anhaltspunkte", daß es welche gegeben
hat.

In der nun folgenden Schlußbetrachtung macht sich
leider der konfessionelle Standpunkt des Verfassers in
einer Weise bemerkbar, daß man das Werk, das man
bisher mit der größten Freude gelesen hat, mit einer gewissen
Verstimmung aus der Hand legt. Daß die Reformation
, besonders aber die Reformierten, viele Werte
der Vergangenheit in oft sinnloser Weise zerstört haben,
daß viele Lateinschulen eingingen, daß das Universitätsstudium
teilweise zurückging, läßt sich freilich nicht
leugnen, hängt aber zum guten Teil mit dem wirtschaftlichen
Niedergang im 16. Jahrhundert zusammen. Wenn
in diesem Zusammenhang aber nochmals auf die harmonische
Weltanschauung des Mittelalters hingewiesen
wird, so ist diese Ansicht wissenschaftlich genau sowenig
haltbar, als wollte man von einer harmonischen, einheitlichen
Weltanschauung des Griechentums reden. Wir
wollen dem Verfasser voll und ganz zustimmen, wenn er
den hohen Kulturstand des Mittelalters und die wertvollen
Leistungen auf vielen Gebieten des geistigen Lebens
preist und auch für Brandenburg zu erweisen sucht,
um so energischer müssen wir seinen Standpunkt bekämpfen
in Bezug auf den Rückgang der Kultur im 16.
und 17. Jahrhundert, den die Reformation verschuldet
haben soll. Von Luthers Geist hat er freilich keinen
Hauch verspürt.

Wenn anfangs gelegentlich auch ungebildete Elemente
zu Pfarrern ernannt werden mußten, so ist das
gewiß nicht schön, aber als Uebergang zu verstehen.
Das gibt er ja auch zu, fügt aber den geradezu grotesk
wirkenden Satz hinzu: „es hat bekanntlich auch zahlreiche
tüchtige evangelische Prediger gegeben, namentlich
in der späteren Zeit, von Paul Gerhardt, A. H.
Francke, Wichern, bis Vilmar, Bodelschwingh und Kögel
, Wendland . . . u. a." Diese genannten waren die
großen Prediger, im übrigen hat es zum Glück Tausende
von tüchtigen gegeben und gibt es heute noch.
Das alte Märchen, Paul Gerhardt sei vom Großen Kurfürsten
seines Glaubens wegen vertrieben, taucht auch
wieder auf. Daß der 30jährige Krieg nicht nur von
lutherisch-kalvinistischen Fürsten und Freibeutern geführt
ist, daß die katholischen Fürsten den „barbarischen
" Grundsatz cuius regio, eius religio vielleicht am
barbarischsten durchgeführt haben (die Habsburger), das
scheint dem Verfasser unbekannt. Die Hexenverfolgungen
haben freilich auch in protestantischen Gegenden
schrecklich gewütet; daß sie eine Folge der Reformation
gewesen sind, wußte ich bis jetzt nicht; denn so
muß ich den Satz verstehen. Daß die berüchtigte Hexenbulle
des Papstes Innocens VIII., daß der nicht weniger
berüchtigte Hexenharnmer von katholischen Geistlichen
geschrieben ist, und zwar alles vor der Reformation, das
wird schamhaft verschwiegen.

„Das heilige Reich mit Deutschland an der Spitze,
waT in seinen Brennpunkten (Kaiser und Papst) durch