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Ausgabe:

1929 Nr. 4

Spalte:

85-87

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lother, Helmut

Titel/Untertitel:

Pietistische Streitigkeiten in Greifswald 1929

Rezensent:

Cohrs, Ferdinand

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Theologische Literaturzeitung 1929 Nr. 4.

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Lot her, Priv.-Doz. Lic. Helmut: Pietistische Streitigkeiten in

Greifswald. Ein Beitrag z. Gesch. d. Pietismus in d. Prov.
Pommern. Gütersloh: C. Bertelsmann 1925. (XV, 275 S.) gr. 8°.

RM 6—.

Das Buch könnte den Titel tragen: Pietistische
Zänkereien oder wenigstens Streitereien. Erwartet man
von ihm neue Aufschlüsse über das Wesen des Pietismus
, so sieht man in dieser Erwartung sich getäuscht.
Wohl aber ist es ein Sittenbild der Zeit und zeigt aufs
neue, wie der Gegensatz Pietismus und Orthodoxie die
Leidenschaften aufwühlt und manche häßliche Früchte
zeitigt; weiter lehrt es, wie verhängnisvoll das staatliche
Kirchenregiment vielfach für die Kirche geworden ist.

Pommern ist manchesmal der Ort erbitterter theologischer
und kirchlicher Streitigkeiten gewesen. Die Reformation
ist nicht nur unter den unvermeidlichen
Kämpfen, sondern auch unter heftigsten Streitereien, in
Stralsund unter „Kirchenbrechen" eingeführt; dann
braucht nur an Knipstro und die Interimsstreitigkeiten,
an Freder und den Ordinatkmsstreit erinnert zu werden.
Die pietistischen Streitigkeiten in Greifswald fügen sich
nicht gerade ruhmvoll den vorhergegangenen an. Lother
teilt den Streit in drei Perioden: er bereitet sich vor in
dem Zusammenstoß zwischen dem pommerschen Generalsuperintendenten
Joh. Friedr. Mayer (gest. 30. März
1712) und seinem späteren Nachfolger Brandanus Henr.
Gebhardi und in den Zwistigkeiten des letzteren mit
seinem Kollegen Joh. Ludwig Würffei. Gebhardi war
zunächst mit'Zustimmung Mayers nach Greifswald berufen
, war dann aber immer mehr bei jenem in den Verdacht
des Pietismus geraten. Mayer aber ist bekannt als
der malleus haereticorum et pietistarum; er hatte früher
selbst pietistische Neigungen gehabt, hatte sich dann
aber wohl nicht ohne persönliche Gereiztheit gegen
Spener vom Pietismus abgewandt und war nun zur
Säule der Orthodoxie geworden. So verkehrte sich sein
anfangs freundliches Verhältnis zu Gebhardi ins Gegenteil
. Und Ähnliches wiederholte sich zwischen Gebhardi
und Würffei; auch hier anfangs freundliche Beziehungen
, da Gebhardi in Würffei einen Gesinnungsgenossen
sah; dann aber zerfielen beide mit einander, bis zuletzt
Würffei jenen bei der Regierung als Pietisten verklagte.
Die eingeleitete Untersuchung endete für Gebhardi günstig
; eine „Ehrenerklärung" der Regierung stellte den
Ruf seiner Rechtgläubigkeit wieder her. Er wird dann
aber aufs neue verdächtigt in der zweiten Periode, dem
„Hauptstreit", der in einem steten Hin und Her etwa
zehn Jahre dauerte und ungefähr die ganzen zwanziger
Jahre des 18. Jahrhunderts ausfüllt; ja dessen
„Nachklänge" (in der dritten Periode) noch etwa 25
Jahre nachwirken. Der den Streit anzettelt und immer
wieder schürt, ist der Mathematik-Professor Jeremias
Papke in Greifswald, der sich aber mehr mit theologischen
Fragen als mit seiner Wissenschaft befaßt hat.
Nach einander hat er außer Gebhardi, den die zeitweilige
dänische Regierung zum Generalsuperintendenten
ernannt hatte, auch dessen Nachfolger, den Generalsuperintendenten
der schwedischen Krone Albr. Joachim
von Krakevitz, den Professor der Theologie Balthasar
und den Generalsuperintendenten Rußmeyer des Pietismus
beschuldigt und bei der Regierung denunziert. Es
sind Untersuchungs-Kommissionen ernannt, Warnungen
erlassen, Entscheidungen gefällt; endlich sollte de:
Streit durch das sogenannte' „Plakat" der Regierung vom
31. März 1730 erledigt sein. Aber Papke fing noch einmal
an - und damit begannen die „Nachklänge" —,
bis ihm der Boden in Greifswald zu heiß wurde, und er
zuletzt nach Schweden flüchtete; erst mit seinem Tode
(Ende März 1755) waren die Unruhen zu Ende.

Schon diese kurze Skizzierung erweist die Berechtigung
des eingangs gefällten Urteils; es handelt sich
nicht um ein lauteres Ringen klarer Gegensätze, sondern
um ein oft nur allzu kleinliches Verdächtigen und Spionieren
, wobei Neid, Eifersucht und allerlei Persönliches
sich kräftig eindrängen. Vor allem herrscht dieser Ton

in dem Hauptstreit durch Papke, er fehlt aber auch
nicht in der ersten Periode und wird hier schon durch
Mayer genährt. Die Angegriffenen befleißigen sich, wie
nicht verkannt werden kann, im ganzen einer besseren
Kampfesweise. Aber der Vorwurf kann ihnen nicht erspart
werden, daß keiner mit einigem Mute zum Verteidiger
des Pietismus und zum Dolmetscher seiner
höchsten Ziele sich aufrafft, vielmehr alle sich zu entlasten
und ihr Vorgehen und Reden unverfänglich zu
deuten trachten; sie lieben geradezu, die Sache zu verschleiern
, und die Frage, wer denn wohl Pietist zu
nennen sei, wird wiederholt umstritten. IX'r Hauptgesichtspunkt
in ihrem Streite i t, keine „Blame" zu erleben
. Das liegt an dem landesherrlichen Kirchenregiment
, bei dem der Pietismus in Verruf ist, bei dem
schwedischen noch mehr, als bei dem dänischen; die
Stellung des Hofes regiert und entscheidet; jeder begründete
Verdacht bedeutet Verlust des Amtes und der
Existenz; da ist eine sachliche Auseinandersetzung nahezu
ausgeschlossen. Das Schlimmste aber dabei ist —
und das hat auch Lother ausgesprochen —, daß durch
diese Ketzerriecherei den Segnungen der pietistischen
Bewegung der Zugang versperrt wird. Denn nicht nur
Hinneigung zu pietistischen Gedanken in der Predigt
wird verdächtigt, nicht minder jeder praktische Versuch,
der zum Pietismus irgendwie in Beziehung stand, Belebung
des katechistisehen Unterrichts so gut wie Bibel-
besprechungen. Lother führt auf diese Verhinderungen
es zurück, daß „die inzwischen in anderen Teilen
Deutschlands und weit darüber hinaus durch einen gesunden
Pietismus längst geschehene Belebung kirchlicher
Formen und Sitten, Erfrischung kirchlichen Lebens
, aber auch persönlichen Glaubenslebens, dem Lande
fast ganz vorenthalten wurde, was sicher nicht zuletzt
mit in Rechnung zu stellen sei, wenn man heute so
mannigfache Klagen über besonders starke Unkirchlich-
keit gerade in Vorpommern vernehme" (S. 260). Das
sei die Folge davon, daß die pietistischen Ideen nur „als
ein Objekt theologischen Streits" dem Lande bekannt
geworden seien. Einiges, was von pictistischen Einflüssen
sich findet, führt Lother auf andere Quellen
und nicht auf den Einfluß der pietistisch bestimmten
Lehrer an der Landesuniversität zurück. Unbetei.igt ist
das Land an den Streitigkeiten aber doch offenbar nicht
geblieben; dafür zeugt die Abnahme des Besuchs der
Universität, dafür zeugt auch, daß, als Krakevitz. die
viermonatige kostspielige Reite nach Schweden unternimmt
, um Papkes Einfluß dort entgegenzuwirken (S.
212ff.), die Kosten durch eine freiwillige Sammlung
unter der Priesterschaft und den Küstern gedeckt werden
; man war der Hetzerei müde.

Lother hat aus den sehr vollständig aufbehaltenen
Akten mit großem Fleiß die Streitigkeiten bis in die
Einzelheiten hinein dargestellt. Es ist nach dem Gesagten
aber begreiflich, daß die Darstellung stets innerlich
verwandter Angriffe und immer ähnlicher Abwehr
durch Jahrzehnte hin etwas Ermüdendes hat. Vielleicht
hätte sich deshalb ein anderer Weg der Darstellung finden
lassen; etwa so, daß der äußere Gang des Streites
nur skizziert worden wäre, die sachlich zu ordnenden
Streitpunkte aber gesondert behandelt wären. Die geschichtliche
Färbung aber wäre am besten zu wahren gewesen
, wenn besonders wichtige Aktenstücke im Wortlaut
wiedergegeben wären; in dieser Hinsicht ist Lother
recht zurückhaltend gewesen; nur das „Plakat" vom 31
März 1730 hat er abgedruckt (S. 184ff.) und hält für
nötig, das ausdrücklich zu rechtfertigen.

Mehrfach (z. B. S. 23 und 191) scheint Lother den Ausdruck
,,;;ekiinstelt" als ein Vorzugsprädikat für die Predig zu gebrauchen;
stammt der Ausdruck vielleicht aus einer alten Vorlage? „Höchstge-
stelltest" (S. 42) ist ein seltsames Wort. S. 97 wird Erfurt als pietistisch
besonders beeinflußter Ort erwähnt; aber Franckc wurde gerade
aus Erfurt vertrieben.

Vielleicht regt das reichhaltige Buch an, daß der
Frage nach der Ausbreitung des Pietismus in Pommern