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Ausgabe:

1929 Nr. 4

Spalte:

83-84

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Beck, H.

Titel/Untertitel:

Bugenhagens Person in seiner Kirchenordnung für die Stadt Braunschweig 1929

Rezensent:

Clemen, Otto

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Theologische Literaturzeitung 1929 Nr. 4.

84

von kath. und ev. Seite seiner Darstellung zu Grunde
legen. Nur in ganz vereinzelter Weise boten Passauer j
Quellen eine Ergänzung. In der Würdigung Kaisers !
oder Käsers zeigt sich trotz aller Betonung des kath. ;
Standpunkts (S. 49) eine erfreuliche Übereinstimmung
tritt Fr. Roth. Mit Entschiedenheit wird gegen Jörgs
Versuch, ihn den Wiedertäufern zuzuzählen, Stellung
genommen (S. 45). Ob aber der Verfasser überhaupt j
dem ev. Standpunkt ganz gerecht geworden ist? Es sei
abgesehen von den Ausführungen, die in der Behandlung
abweichender Meinungen zwischen luth. und kath.
Territorien nur eine Gleiche sehen — wo ist in den
ersteren ein Gegenstück zu Käser und andern zu fin- j
den? — aber wenn behauptet wird, die ev. Kirche hätte j
die Lehre von der Nichtverdienstlichkeit der guten Werke
heute aufgegeben, so zeugt dies doch von einer geringen :
Kenntnis der Probleme. Und damit erhebt sich die '■
andre Frage, ob es ihm dann überhaupt möglich ist,
einen Mann, wie Käser ganz zu verstehen. — Der [
Herausgeber druckt die beiden einzigen Schriftstücke
ab, die sich in München über diese Sache erhalten ;
haben. Fr. Zoepfl hat dazu die anonyme ev. Dar-
Stellung, welche 1527 schon erschien, und Ecks Ge-
gehschrrft unter genauer Würdigung der orthographischen
Besonderheiten der einzelnen Ausgaben gefügt.
Das Eintreten Luthers beim Markgrafen Kasimir er1- ;
klärt sich wohl aus dessen verwandschaftl. Beziehungen
zum bayr. Herzogshause (S. 29).
Roth. Karl''S c h o r n b a u m.

Gümbel, Ob.-Archivrat Albert: Das Mesnerpflichtbuch von
St. Lorenz in Nürnberg vom Jahre 1493. München: Chr. ;
Kaiser 1928. (VII, 63 S.) gr. 8". = Einzelarbeiten aus der Kirchengesch
. Bayerns, Bd. 8. RM 1.75. ;
Das von dem mit dem Nürnberger Staatsarchiv
wohl vertrauten Oberarchivrat Gümbel aufs trefflichste
kommentierte Mesnerpflichtbuch von St. Lorenz in Nürnberg
1493 hat natürlich zunächst vor allem lokale Bedeutung
: Was wir über den mittelalterlichen Kultus :
Nürnbergs wissen, ist so wenig, daß wir für diese ein- j
gehenden Notizen, mögen sie sich naturgemäß auch
mehr auf das Äußerliche beziehen, recht dankbar sein ;
müssen. Aber auch der Kulturhistoriker und der Kunst- 1
historiker wird reichen Gewinn aus dieser Arbeit ziehen.
Aber damit ist die Bedeutung dieser Arbeit nicht er- j
schöpft. Bei der Stellung der alten Reichsstadt im
ganzen Reich haben natürlich diese Ausführungen auch
Anspruch auf allseitige Beachtung. Bei der geringen
Kenntnis der kultischen Gebräuche im ausgehenden Mittelalter
verdient diese Publikation eine ganz besondere
Würdigung von Seiten aller Liturgiker, umsomehr, als
die eingehenden Anmerkungen über vieles neues Licht
bringen. Der Annahme, daß es sich hier um Feststellungen
des Kirchenmeisters von St. Lorenz Andreas von j
Watt, auf Grund von Notizen des 1492 abgesetzten !
Mesners Hans Schürstab aus dem folgenden Jahre handelt
, dürfte beizupflichten sein.
Roth. Kurl Sch ornbau m.

Beck, H.: Bugenhagens Person in seiner Kirchenordnung
für die Stadt Braunschweig. Zur Vierhundertjahrfeier d. |
Stadtreformation im Auftr. des Stadtkirchen-Aussduisses wissen- 1
schaftl.-theologisch und quellen-kritiscb verfaßt und herausgegeben, j
Braunschweig: Waisenhaus-Buchdruckerei 1928. (24 S.) RM —50. •
B. hebt aus der „am 5. Sept. 1528 von dem Rate und der j
ganzen Stadt oder Gemeinde feierlich beschlossenen und einträchtig
angenommenen und des anderen Tages in allen Kirchen von den
Predigtstühlen verkündigten", 1885 von L. Hältselmann nach dem j
niederdeutschen Original herausgegebenen Braunschweiger Kirchenordnung
Bugenhagens folgende Punkte heraus: Wirklichkeitssiun, konservative
Gesinnung, Mäßigung, mit Sprichwörtern und Humor gewürzter
, oft drastischer Ausdruck, Gründlichkeit und Selbständigkeit
seiner Theologie (besonders seiner Abendmahlslehre), Betonung der ;
Notwendigkeit einer organisierten Liebestätigkeit, der Anpassung an i
die soziale Struktur, des Hand-in-Hand-Gehens mit der weltlichen
Obrigkeit, der Weckung und Kräftigung des Oemeindegefühls und der

Bestellung tüchtiger und ausreichend bezahlter Prediger und Lehrer..
Die von B. gewählten Überschriften decken sich nicht immer mit
dem Inhalt, und bisweilen ist Zusammengehöriges auseinandergerissen,
im übrigen aber ist das Schriftchen eine beachtenswerte Bereicherung
der Bugenhagenlitcratur. In einer „Vorbemerkung" kündigt der Verf.
eine umfängliche „Geschichte der Reformation in der Stadt Braunschweig
'' an. . . ..

Zwickau i. S. O. C1 e m e n.

Christ, Karl: Tragödie du sac de Cabriere. Ein kalvinistisches
Drama der Refonnationszcit. Halle a. S.: M. Nicmeyer 1928. (V,
132 S.) gr. 8°. RM 6—.

Mitte des 16. Jahrhunderts bildet sich in Frankreich
eine neue Form des Dramas aus, die sogenannte
biblische Tragödie. Die Verfasser sind meistens Calvi-
nisten und von hier aus ist die eigentümliche Durchkreuzung
der mittelalterlich-anÜKen und christlichen Tendenz
zu verstehen. Wenn sich nämlich die kalvinistische
Bühne vom mittelalterlichen Drama nie völlig loslöst,
so ist die humanistische Gegentendenz im Calvinismus
selbst gegründet. Denn zeigt sich auch Calvin in seinen
Predigten, sofern er sie durch sprichwörtliche Redensarten
, Worte und Wendungen aus der Volkssprache zu
beleben sucht, gebunden an den Geschmack des 16.
Jahrhunderts, so bildet doch das Rückgrat seiner Beredsamkeit
das reformatorische Schriftprinzip, das den
künstlerischen Ausdruck bindet, weil das Bedürfnis danach
nicht in ihm gegründet sein kann.1 Und so wie
die Predigt Calvins simplex ac nuda, frei von allem
Prunk der Rede, bloß Auslegung der Schrift sein soll,
so halten sich die Dramatiker oft eher an die strengere
Form des antiken Dramas als an den volkstümlichen
Stil des mittelalterlichen Spiels, das dem Geist des
Calvinismus widerstrebt." Ist nun aber in der früheren
protestantischen Tragödie, der mittelalterlichen und antikisierenden
, Th. de Bezas und des bedeutenderen Des-
Masures8, Rivaudeaus und La Tailles, die Bibel die
Hauptquelle, so weist das vorliegende Stück, das Christ
nach einer französischen Handschrift der Heidelberger
Bibliothek zum erstenmal herausgegeben hat, einen
völlig neuen Zug auf: nicht die Bibel, bzw. das alte
Testament, aus dem die protestantischen Dramatiker
mit Vorliebe schöpften, ist sein Stoffgebiet, sondern ein
zeitgenössisches Ereignis, die Überlistung und Zerstörung
der reformierten Stadt Cabriere durch den seigneur
d'Oppedes, den Führer der Katholiken. Ein Dokument
der kalvinistischen Weltanschauung, die in dem langen
und feierlichen Glaubensbekenntnis des Bürgermeisters
vor dem feindlichen Heer den stärksten Ausdruck findet
. Tragisch ist das Stück im Sinn Senecas, dessen
dramatische Produktion entscheidend auf die Renaissance
wirkt, un spectacle pitieux et miserable ä voir
(Vorrede), ebenso prägt sich im Aufbau, der Fünfteilung
, der Rolle des Chors, den Monologen und Berichten
an Stelle der echten dramatischen Handlung,
der Einfluß Senecas aus. Aus der Quelle des Dichters,
Crespins histoire des martyrs, dem „Märtyrerbuch der
reformierten Kirche", wird uns im Anhang ein Auszug
mitgeteilt (p. 127 ff.). Die genau dokumentierte Einleitung
Christs (p. 1—58), die Aufschluß über die
Handschriften, die Zeitgeschichte und die literarische
Stellung des Dramas gibt, ist ausgezeichnet. Einzelne
Korrekturen zu Glossar und Text findet der philologisch
interessierte Leser bei Ph. A. Becker (Zeitschrift
f. französ. Sprache u. Lit. Bd. 51 p. 352ff.).

1) vgl. Calvin corpus Ref. op. 48, p. 328... exinanita, inquit,
fuisset crux Christi, si cloquentia et splendore ornata fuisset — weiten
Belegstellen z. B. sehr ausführlich in einer Predigt über Deut. 18
(op. 37, p. 499).

2) über die Stellung der Calvinisten zu den Mysterien vgl.
Creizenaeh Geschichte des neueren Dramas, Halle 1918, II, p. 506. ib.
über das calvinistische Drama in Frankreich 426ff., 452ff.

3) vgl. Comtes kritische Ausgabe der Tragedies saintes (societe
des textes francais modernes), Paris 1907.

Hainburg. Fritz Schalk.