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Ausgabe:

1929 Nr. 3

Spalte:

69-71

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Beth, Karl (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Zeitschrift für Religionspsychologie (Beiträge zur religiösen Seelenforschung und Seelenführung). Jahrg. 1, Heft 1 u. 2 1929

Rezensent:

Wobbermin, Georg

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Theologische Literaturzeitung 1929 Nr. 3.

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wegung der universalen absoluten Idee bei Hegel kann |
das Personale und Individuelle, die endliche Eigenform. ;
keine metaphysische Konsistenz behaupten.

.Seine (Hegels) Lehre vom konkreten Allgemeinen, von dein
wechselseitigen Bedingungsverhältnis des Allgemeinen und Individuellen
versucht in dem Hinweis auf die immanenten zeitlosen (?) Abhängigkeitsbeziehungen
zwischen den Einzelwesen und dem absoluten Sein eine
Versöhnung von Individualismus und Universalismus, steht aber ihrerseits
bereits unter dem Einfluß seiner pantheistischen Grundauffassung.
Das durchaus .diesseitige" Göttliche oder Absolute ist das letzte
Allgemeine, der Träger der Realität alles besonderen Seins. Innerhalb
solcher Spekulation besitzt das . Einzelwesen als solches — und
hätte es sich bis zum menschlichen Geiste hinaufentwickelt — nur
ein uneigentliches Sein, es lebt nur in der Substanz der Idee und bat
keine vom Urprinzip wirklich abgelöste Existenz" (S. 54 f.). Für
He<rel kann es daher eine Unsterblichkeit der individuell-persönlichen
Seele nicht geben. Unsterblich (ewig) ist ihm der Geist in seiner
Allgemeinheit. ,.Dic Wahrheit ist das Ganze" (Hegel).

Im zweiten Hauptteil (B) untersucht Stähler |
die Diskussion des Unsterblichkeitsproblems in der He-
aelschen Schule, die durch die Zweideutigkeiten des
Meisters veranlaßt war. Der I. Abschnitt behandelt die
Kontroverse zwischen Friedrich Richter und Friedrich
Göschel. Richter zog aus Hegel die schlechthin negativen
Konsequenzen; Göschel deutete die Bejahung des
Gedankens persönlicher Unsterblichkeit in Hegels Sy-
stem hinein. Der II. Abschnitt entwickelt die Position
der „Pseudo-Hegelianer": Christian Hermann Weisse
und Imm. Herrn. Fichte. Für sie steht die Aufrollung
der Unsterblichkeitsfrage in engstem Zusammenhang
mit ihrem Angriff gegen das Hegeische System vom
Individual- und Persönlichkeitsgedanken aus. „Das Recht
des Individuums gegenüber der Idee, . . . des Posi-
Uvea gegenüber dem Negativen" wird ihnen gerade aus
der Hegeischen Erbschaft heraus zur „Zeitfrage". Weiße
und I. H. Fichte gelangen jeder auf eigenen Wegen,
die streckenweise ein gemeinsamer Weg sind, zur Bejahung
der personalen Unsterblichkeit. —

Im Rahmen des Unsterblichkeitsproblems — die
Schriften darüber schießen in den 20iger und 30iger
Jahren des 19. Jahrhunderts wie Pilze aus der Erde — |
deckt Stähler vortrefflich die Brüchigkeiten des Hegel-
sehen Systems auf und zeigt, daß vor allem Weiße und
I. H. Fichte eine bedeutende schöpferische und
zukunftsstarke Kritik an Hegel geübt haben, die im
allgemeinen noch zu wenig gesehen und beachtet wird.
Ich gedenke über die spätidealistische Proble-
matik — so würde ich sie aus einer Reihe bestimmter I
Gründe nennen — grundsätzlich und umfassend zu han- |
dein in meiner demnächst erscheinenden Schrift: „Philo-
Sophie und Theologie im Spätidealismus, Forschungen
zur Auseinandersetzung von Christentum und idealistischer
Philosophie im 19. Jahrhundert."

Hamburg. Kurt Leese.

Zeitschrift für Religionspsychologie (Beiträge zur ^religiösen
Seelenforschung und Seelenführung). Veröffentlichungen der Internationalen
Religionspsychologischen Gesellschaft, hrsg. v. Karl Beth.
Jg. 1, H. 1 u. 2. Gütersloh: C. Bertelsmann 1928. (192 S.) gr. 8°.
Unmittelbar vor dem Weltkrieg hatte Wilh. Stählin I
die Herausgabe eines Archivs für Religionspsvchologie |
im I. C. B. Mohrschen Verlage (P. Siebeck, Tübingen)
begonnen. Der Krieg unterbrach das zeitgemäße und
hoffnungsvolle Unternehmen. Im Jahre 1921 erschien
dann noch als „zweiter und dritter Band" eine Fort- !
führung. Aber durch die Schwierigkeiten der Infla- i
tionszeit konnte das Archiv nicht hindurchgerettet werden
. In erfreulicher und sehr dankenswerter Weise j
ist nun Karl Beth mit seinem neuen Unternehmen in die
Lücke getreten. Es ist übrigens soeben in den Bertels-
mannschen Verlag übergegangen und führt jetzt den
Namen „Zeitschrift für Religionspsychologie" mit dem j
Untertitel „Beiträge zur religiösen Seelenforschung und i
Seelenführung. Veröffentlichungen der Internationalen [
Religionspsychologischen Gesellschaft".

Der Begriff „religionspsvchologisch" kommt für |

die heutige Theologie unter doppeltem Gesichtspunkt in
Betracht, unter dem technisch-fachpsychologischen
einerseits, unter dem spezifisch theologischen
andererseits. Unter dem erstgenannten
Gesichtspunkt bezeichnet er ein Sondergebiet der empirischen
Psychologie, unter dem anderen eine bestimmte
Art theologischer Problemstellung und Problembehandlung
— diejenige nämlich, welche unter grundsätzlicher
Berücksichtigung sowohl der psychologischen Struktur
des religiösen Bewußtseins wie der eigenpersönlichen
Glaubenserfahrung mit ihrem gegenständlich gerichteten
d. h. auf Gott und die Offenbarung Gottes bezogenen
Wahrheitsinteresse von den religiös-kirchlichen Vorstellungsformen
aus zu ihrem letzten genuin-christlichen
Sinn- und Überzeugungsgehalt durchzudringen sucht.
Diese Problemstellung kann zur vollen Auswirkung naturgemäß
erst in der theologischen Systematik kommen.
Hier bedeutet sie im bewußten schärfsten Gegensatz zu
aller den Glauben rationalisierenden Scholastik die konsequente
Durchsetzung der reformatorischen Grundeinstellung
Luthers („Der Glaube und Gott gehören zu
Haufe", „promissio et fides sunt correlativa"). Als
solche hat sie Schleiermacher erkannt und hat daraufhin
versucht, sie prinzipiell zur Geltung zu bringen. Infolge
der bei ihm dabei zurückgebliebenen Unklarheiten und
vor allem infolge seiner sie durchkreuzenden philosophisch
-spekulativen Neigungen ist dieser Versuch in den
ersten Ansätzen stecken geblieben, ja in der konkreten
Ausführung ist er vielfach umgebogen und zum Teil in
sein Gegenteil verkehrt worden. Immerhin berechtigt
jener Sachverhalt dazu, von einem religionspsychologischen
Ansatz der Theologie Schleiermachers zu reden.
Tatsächlich ist auch in seiner Schule der Ausdruck
„religionspsychologisch" frühzeitig in diesem Sinne als
theologischer Terminus aufgekommen. Daß hier

— in gewissen Grenzen und mit bestimmtein Vorbehalt

— eine bedeutsame Analogie zu der in der heutigen
Philosophie seit der Jahrhundertwende aufgekommenen
„phänomenologischen" Einstellung, speziell zu der existentiellen
Phänomenologie Heidegger's, besteht, ist unverkennbar
.

Nun ist ohne weiteres klar, daß die Veröffentlichungen
eines Religionspsychologischen Forschungsinstitutes
, das Vertreter der verschiedensten Wissenschaften
und verschiedensten praktischen Berufe zu gemeinsamer
Arbeit vereinigen will, den Begriff religionspsychologischer
Forschung und Arbeit nur in dem vorher
zuerst genannten Sinne meinen kann, also als Sondergebiet
empirischer Psychologie. So betont denn auch
der Herausgeber in seinem grundlegenden Artikel, daß
es sich einzig und allein um empirische Forschung und
empirische Wissenschaft handeln solle. Feststellung von
Tatbeständen, ursächliche Analyse derselben, Zusammenfassung
und Zusammenordnung zu typischen psychischen
Abläufen sei die in Betracht kömmende Arbeit.
Darnach könnte es nun scheinen, daß die beiden verschiedenen
Bedeutungen des Begriffs „religionspsvchologisch
" mit einander garnichts zu tun hätten und in
keiner Beziehung zu einander ständen. Denn in dem zuletzt
genannten Aufgabenkreis handelt es sich, so umfangreich
, so mannigfaltig und so kompliziert er auch
ist, gerade nicht um Sinndeutung und Sinnerfassung.

Aber es liegt doch anders. Es bestehen doch Beziehungen
, z. T. sogar sehr enge und sehr bedeutsame
Beziehungen. Das zunächst schon deshalb, weil
die als Sinndeutung religionspsychologisch eingestellte
Theologie grundsätzlich die psychologische
Struktur des religiösen Bewußtseins beachten
muß, wenn sie sich vor der Gefahr der Willkür
schützen will. Die Klarstellung dieser psychologischen
Struktur des religiösen Bewußtseins ist also eine gemeinsame
Aufgabe und ein gemeinsames Interessengebiet.
Ausdrücklich bezeichnet es Beth als Ziel seiner Religionspsychologie
, den „innerlich-seelischen Prozeß" der
Religion oder, wie er auch sagt, ihren „inneren Lebens-