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Ausgabe:

1929 Nr. 3

Spalte:

66-67

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schubert, Hans von

Titel/Untertitel:

Die Anfänge der evangelischen Bekenntnisbildung bis 1529/30 1929

Rezensent:

Kohlmeyer, Ernst

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Theologische Literaturzeitung 1929 Nr. 3.

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tissimorum cognatorum persuasu in die Himmelspforte kam. So könnte
ich fortfahren. Doch ich breche ab-

Nun hat allerdings schon Freitag der Fantasie
stark die Zügel schießen lassen. Aber das entlastet B.
nicht. Da jedoch Biereye als der Berufenste zu diesen
Erfurter Fragen in der Festschrift für Dobenecker Stellung
nehmen wird, mache ich hier nur auf den durch und durch
hypothetischen Charakter alles dessen aufmerksam, was
B. über Luther und das amplonianische Kolleg vorführt
, als hätte man es mit erwiesenen Tatsachen zu tun.
Mir ist Freitags Darstellung durch B. um keinen Grad
wahrscheinlicher gemacht worden. Wir werden Luther
wie bisher in der Georgenburse suchen und allen humanistischen
Folgerungen, die aus einer Zugehörigkeit
zum amplonianischen Kolleg — ob mit Recht oder Unrecht
, lasse ich hier unerörtert — gezogen werden
könnten, aus dem Wege gehen müssen.

Noch viel bedenklicher ist es, sich auf A. V. Müller
zu stützen. Er gewinnt bei B. fast die Bedeutung eines
Kronzeugen. Und doch ist fast alles eitel Fantasie und
Unwissenheit, was Müller vorlegt. Zwar kleidet er
auch die windigsten Einfälle — mit einem Mangel an
Selbstkritik, der seines Gleichen sucht — in das Gewand
von Tatsachen. Die bis zur Anmaßung sich steigernde
Sicherheit, mit der er seine Kartenhäuser hinstellt, mag
B.s Vertrauen zu diesem Führer etwas entschuldigen. Er
ist ja nicht der einzige, der sich von Müller hat bluffen
lassen. Im Unterschied von anderen hat er aber auch
nicht den geringsten Versuch einer Nachprüfung gemacht
. Kritiklos folgt er ihm auch dort, wo von ihm
abzurücken nicht schwer gewesen wäre. So wird gegenstandlos
auch alles, was B. im Anschluß an Müller vorträgt
. Den Beweis für diese Behauptung kann und will
ich hier nicht erbringen. Ich verweise auf die demnächst
erscheinende 3. Auflage meines Luther II. Daß ein
Irrgärtner wie Müller ernst genommen werden könnte,
hatte ich nicht für möglich gehalten und darum Jahre
lang geschwiegen. Nachdem ich gesehen habe, daß
selbst seine leichtfertigsten Behauptungen Glauben finden
— wohl nur, weil man solche Leichtfertigkeit für
unmöglich hält — werde ich mir die Mühe machen,
seine abenteuerlichen Entdeckungen zu zerpflücken. Was
B. sich von ihm aneignet, braucht darum nicht hier zurecht
gerückt oder beiseite geschoben zu werden.

Mit der Methode, die er befolgt, und den Autoritäten
, auf die er sich stützt, ist B. in eine Sackgasse
geraten. Dennoch möchte ich seine Arbeit der Beachtung
empfehlen. Zwar muß man fast jede Seite nachprüfen
. Und die Nachprüfung würde Gefahr laufen,
umfangreicher zu werden, als B.s Schrift. Ich halte es
aber immerhin für möglich, daß Luther während seiner
artistischen Semester mit humanistischen Fragen stärker
in Berührung gekommen ist, als ich bis jetzt angenommen
habe. Mehr als diese Möglichkeit wage ich
allerdings noch nicht einzuräumen. Weder hat B. den
Humanistenzirkel, in dem Luther sich bewegt habe,
sicher nachgewiesen, noch hat er für diese Zeit einen von
der terministischen Scholastik erkennbar wegführenden
Einfluß des Humanismus wahrscheinlich gemacht. Dal!
bis 1505 der Humanismus eine irgendwie maßgebende
Rolle für Luthers Entwicklung gewonnen habe, ist nicht
glaubhaft gemacht worden. Auch der von B. gut gewürdigte
Wimpfelingsche Streit scheint ihn nicht bewegt
zu haben. Und im Kloster sehen wir ihn im schärfsten <
Gegensatz zu Wimpfeling. Aber zweierlei will erneut
erwogen sein. Einmal die Schärfe, mit der schon 1509
die Schriftautorität gegen die Doktoren betont wird; so- 1
dann die heftigen Ausfälle gegen die „Logiker", Aristoteles
, die Philosophen und wie sie sonst noch genannt
werden. Daß der Student Luther schon ein humanistisches
Schriftprinzip sich angeeignet habe, bleibt mir
freilich unwahrscheinlich. Positive Zeugnisse dafür gibt
es nicht. Man verweist zwar gern auf Luthers Bibellektüre
in der Bibliothek des collegium maius. Dies
und die Anregungen des humanistischen Zirkels, dem
Luther angeblich angehörte, mag dann Grund genug sein, !

schon dem reifenden Studenten, etwa dem Bakkalar
Luther, eine humanistische Stellung zur Schrift zuzusprechen
. Man übersieht aber stets, daß Luther, wie es
in einer Tischrede heißt, aufsteigende kritische Gedanken
mit dem Blick auf die Autorität der Kirche
unterdrückte und mit der Schriftlektüre aufhörte. Diese
gern zur Seite gedrängte Überlieferung weist in eine
der humanistisch-kritischen Schriftauffassung entgegen
gesetzte Richtung. Im Kloster aber hat Luther ganz gewiß
nicht als Humanist die Schrift gelesen, sondern im
Ordensgehorsam und mit dem Herzen des um die
Vollkommenheit und um den gnädigen Gott kämpfenden
Mönchs. Ihm wächst aus dem Klosterkampf, nicht aus
humanistischen Überlegungen die Schrift ins Gewissen.
Und was ihm Hugo von St. Victor, Jordan von Sachsen,
Bonaventura und Pseudo-Augustin, d. h. der Verfasser
der von Wimpfeling angefochtenen Sermone an die
Eremiten über die Schrift mitzuteilen hatten, weist in die
gleiche Richtung. Daran ist B. ganz vorbeigegangen.
Ich glaube darum nicht, daß Luthers starke und frühe
Bezugnahme auf die Schrift durch den Humanismus
vermittelt worden ist. Vollends wissen die Randbemerkungen
von 1509 nichts vom Grundsatz der alleinigen
Schriftautorität. Doch das alles mag im Zusammenhang
, aber behutsamer als von B., nochmals untersucht
werden. Das Zweite ist der Gegensatz gegen
die „Logiker" in den Randbemerkungen von 1509. So
schroff haben sich Usingen und Trutvetter nicht geäußert
. Darin hat B. Recht. Aber dem Okkamisinus
hat Luther trotzdem keinen Urlaub gegeben. Ob die
Ausfälle über den Sonderfall hinaus verallgemeinert,
als Systemwechsel angesprochen werden dürfen, ist darum
recht fraglich. Doch mag auch hier noch einmal
alles gründlich erwogen werden. Vielleicht ist 1509,10
Luthers „Humanismus" kräftiger, als die Darstellungen,
meine eigene eingeschlossen, bisher haben gelten lassen.
Muß aber, wenn dem so wäre, dafür ausschließlich der
Erfurter Humanismus verantwortlich gemacht werden?
B. hat der Frage überhaupt keine Beachtung geschenkt,
ob nicht der einjährige Aufenthalt in Wittenberg, das
doch um einige Grade humanistischer war als Erfurt
und wohin auch Marschalk sich hatte berufen lassen,
Luther humanistisch beeinflußt haben könnte. Ich werfe
diese Frage nur auf, um zu zeigen, daß wir es nicht
lediglich mit Erfurter Problemen zu tun haben. So
schnell wie B. kann ich den Kreis nicht schließen. —
Im Anhang sind drei für Längs Stellung zum Humanismus
bezeichnende Briefe P. Eberbachs an Lang aus der
Münchener Coli, camer. vol. XVI Nr. 65 (Ende 1506),
Nr. 63 (Nov. 1507), Nr. 60 (5. Sept. 1508) abgedruckt.
München. Otto Scheel.

von Schubert, Hans: Die Anfänge der evangelischen Bekenntnisbildung
bis 1529 30. Vortrag. Leipzig: M. Heinsius
Nachf. Eger & Sievers 1928. (41 S.) gr. 8°. = Schriften d. Vereins
f. Reformationsgesch., Jg. 45, H. 2 (Nr. 143). RM 1.50.

Dieser stoff- und gedankenreiche Vortrag enthält
eine Zusammenfassung und Weiterführung der Studien,
die uns Hans v. Schubert vor allem in seinem Werk
„Bekenntnisbildung und Religionspolitik" 1910 vorgelegt
hat. Aber der Vortrag ist umfassender angelegt, da
er auch den theologischen und den innerterritorialen
Wurzeln der Bekenntnisbildung nachgeht und den Loci
Melanchthons als einer aus dem Römerbrief erwachsenen
Lehrdarstellung paulinischen Gepräges in dieser
Hinsicht grundlegende Bedeutung beimißt. Diese Linie
spaltet sich später auf mehrere Einzelziele hin: die Aufgaben
der Visitation mit dem Unterricht der Visitatoren
und Parallelen auf fränkischem Gebiet, des Katechismus-
Unterrichts, der zuerst das Apostolikum in die Bekenntnisentwicklung
hineinzieht, und der akademischen Lehrtätigkeit
.

Daneben verläuft die durch die Außenpolitik bestimmte
Entwicklungslinie, die nach dem Nürnberger
Reichstag von 1524 einsetzt und ihre erste Auswirkung in
den für eine Reichskirchenreform bestimmten fränkischen