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Ausgabe:

1929 Nr. 24

Spalte:

571-573

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Spanuth, H.

Titel/Untertitel:

Religion und Leben. Arbeitsbuch f. d. evang. Religionsunterricht an höheren Schulen 1929

Rezensent:

Plath, ...

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Theologische Literaturzeitung 1929 Nr. 24.

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aus. Dali man dies Unternehmen begrüßen muß, nicht nur mit Rücksicht
auf die höchst bedeutende Nachwirkung Brentanos, etwa auf Husserl
und seine Schule, sondern auch wegen der schlechten Zugänglichkeit
der von ihm selbst veröffentlichten Schriften, liegt auf der Hand. Ob
die Philosophische Bibliothek der geeignete Ort für eine solche Publikation
ist, mag immerhin fraglich erscheinen. Ein klassisches Dokument
der Philosophie wird man keinen der im vorliegenden Band vereinigten
■Vortrage nennen können. Der Herausgeber versucht in seinen liebevollen
, aber nicht selten weitschweifigen und aufdringlich apologetischen
Anmerkungen (60 Herausgeber- gegen 140 Textseiten!) vergeblich von
der systematischen Tragweite der ausgesprochenen Erkenntnisse zu überzeugen
. Die beiden Vorträge sind bereits 1893 und 1874 gedruckt;
der dritte wird hier zum ersten Mal aus den Handschriften veröffentlicht.
Daß der Herausgeber darüber, sowie über das handschriftliche Material
keine genaue Auskunft gibt, ist nicht in der Ordnung. Präsident
Masaryk hat als ehemaliger Hörer Brentanos die Herausgabe des Bandes
unterstützt.

Es ist die vierte Habilitationsthese, die auch den Grundton der
drei Vorträge abgibt. Vera philosophiae methodus nulla alia nisi scien-
tiae naturalis est. Die Durchführung dieser These verbürgt für Brentano
die Zukunft der Philosophie. Er war aber klarsehend genug, um
vor äußerlicher Uebertragung naturwissenschaftlicher Methoden auf die
Geisteswissenschaften zu warnen (75 ff.). Auch die Gründe der Ermutigung
findet er vor allem in der durch jene These in Aussicht gestellten
Erneuerung einer wissenschaftlichen Psychologie. Das bisherige
Versagen der Philosophie darf nicht beunruhigen, weil Mathematik,
Physik, Chemie, Physiologie in dieser Reihenfolge sich allmählich ausbilden
mußten, ehe für die Psychologie als Grundlage der Geisteswissenschaften
ernsthafte Möglichkeiten zu ihrer wissenschaftlichen Gestaltung
gegeben waren. Jene These stützt zuletzt auch die Ablehnung
der idealistischen Methode zu philosophieren. „Eine absurde Anmaßung
müssen wir es aber darum auch nennen, wenn, wie Sendling und
Hegel es wirklich getan, für ihre Produkte künstlerischer Prosa . . . das
Verdienst einer wissenschaftlichen Leistung in Anspruch genommen
wird" (126). Trotzdem ist der Schellingvortrag von 1889, in den die
Habilitationsvorlesung von 1866 wörtlich übernommen ist und zwar als
ein an Konzentration alles Übrige weit überragender Beitrag, das wertvollste
Stück der Sammlung. Die philosophische Entwicklung auch des
späten Sendling wird in dem eingeschobenen Stück knapp und kenntnisreich
umrissen. Daß Brentano die Auffassung von dem beherrschenden
Einfluß Baaders auf Sendlings Wendung zum Theismus teilt, ist wohl
auf den Einfluß seiner Würzburger Umgebung zurückzuführen. Schwerer
wiegt, daß er das Aristotelesstudiuni des älteren Sendling nicht ganz
ernst nimmt. „Allein Schelüng hat Aristoteles zu spät ergriffen, um
ihn zu ergreifen und von ihm . . . ergriffen zu werden" (117). Auch
an grundsätzlichen Einwänden gegen die theologische Geschiehtsapeku-
lation fehlt es nicht. Die umrahmende spätere Rede gefällt sich in
schrofferen, aber auch oberflächlicheren Urteilen, obzwar es ihr an
menschlichem Respekt vor dem „taumelnden Heroen" nicht gebricht.
Bremen. H. Knittermeyer.

Religion und Leben. Arbeitsbuch f. d. evang. Rel.-Unt. an höh.
Schulen. Hrsg. v. H. Spanuth u. Dr. R. Scherwatzky.
Göttingen: Vandenhoeck u. Ruprecht 1926 - 1928.

Das Werk besteht aus 5 Hauptteiien, 4 Ergänzung*- und bis jetzt
23 „Arbeits"heften. Von den Hauptteilen sind je ein bibelkundlicher
von Spanuth, und ein kirchengeschichtlicher von Scherwatzky bearbeitet,
für die Ober- und Mittelstufe, der erste, von Spanuth bearbeitete: Biblische
Geschichten und Bilder aus der Geschichte des Christentums, für
die Unterstufe bestimmt. Zu diesem Teile gehören die beiden von
Spanuth zusammengestellten Ergänzungshefte: Biblische Lebensworte und
kurze Gebete zur Auswahl und: Legenden und fromme Lieder zur heiligen
Geschichte. Die beiden andern, von Studiendirektor G. Schümer
in Magdeburg verfaßten Ergänzungshefte sind für die Mittel- („Lebensfragen
") und Oberstufe („Grundfragen der Ethik") bestimmt.

Der Preis der 5 Hauptteile mit den Ergänzungsheften beträgt
15,40 M., und zwar Unterstufe: 3,60 + —,40; das erste Ergänzuugs-
heft wird von der 2. Aufl. an statt des 2. mit dem Hauptteil zusammengebunden
und unentgeltlich geliefert; Mittelstufe: 5,40 + ,80, Oberstufe
: 4,40 + —,80, dabei sind die Hauptteile II III u. IV/V zusammengebunden
; bei Bezug von Einzelbänden erhöht sich der Preis
um —,60 und —,80 M. Die 23 Arbeitshefte, mit Ausnahme von
Heft 18 (Scherwatzky, Augustin und Luther, Auswahl für die Mittelstufe
— ,80 M.) nur für die Oberstufe bestimmt, kosten zusammen
16,35 M., der Einzelpreis bewegt sich zwischen —,50 und 1,— M.
Die Austattung ist gut, der Bilderschmuck sparsam, aber ausreichend
und mit sorgfältiger Rücksicht auf den Unterricht zusammengestellt.
Eür Niedersachsen ist eine Heimatausgabe der Hauptteile zum gleichen
Preise erschienen.

Hier soll nicht im einzelnen auseinandergesetzt werden, wie das
vorliegende Werk sich dem durch die preußischen amtlichen Richtlinien
normierten Rel.-Unt. an den höheren Schulen angepaßt hat; es soll nur
das in der Fachliteratur bereits mehrfach ausgesprochene und begründete
Urteil wiederholt werden, daß es in dieser Beziehung allen berechtigten

: Anforderungen vollauf genügt. Als besonders glückliche Lösung möchte
j ich die Einrichtung der Ergänzungshefte bezeichnen : sie gestattet dem
Religionslehrer, die hier behandelten Gebiete nach Wahl völlig selb-
: ständig oder im Anschlüsse an das von Spanuth bezw. Schümer Dargebotene
mit den Schülern zu bearbeiten. In ähnlicher Weise wird man-
j eher Religionslehrer seine Schüler gern in die Bibel einführen, ohne
ihnen dabei etwas anderes als die biblischen Texte in die Hand zu
geben. Doch kann solchem Lehrer geraten werden, die vorliegenden,
von Spanuth bearbeiteten, bibelkundlichen Teile durchzusehen; nament-
| lieh der für die Mittelstufe bestimmte Teil III enthält in Wort und Bild
< alles das wertvolle Material für die Bibelkunde des alten und neuen
Testamentes (antikes Schriftwesen — Geschichte Israels und Judas —
■ Umwelt Jesu und der Apostel —), das der Unterricht nicht entbehren
j und das den Schülern, ohne daß ihnen ein Arbeitsbuch in die Hand
gegeben wird, doch nicht so eindrücklich dargeboten werden kann.
Allen Einleitungsfragen gegenüber nimmt Spanuth, wie bekannt, den
Standpunkt der entschiedenen Kritik ein; die aus allen seinen Veröffentlichungen
bekannten Vorzüge weisen auch diese beiden bibelkundlichen
[ Teile auf: umfassende Kenntnis, abwägendes Urteil, maßvollen Ausdruck.
I Daß er die mit der Thora und dem 4. Evangelium zusammenhängenden
: Fragen im Mittelstufcnteile nur streift und erst für die Oberstufe ausführlicher
behandelt, ist in jeder Hinsicht zweckentsprechend. Auch
J entspricht es dem Gepräge des Arbeitsbuches der Oberstufe, daß Spanuth
bei der Behandlung des 4. Evangeliums Männern wie Fr. Barth, Knopf
! und Wilhelm Heitmüller das Wort gibt. In diesem letzten Abschnitte
j wird das Reifste und Edelste, was die kritische Betrachtung des Johannesevangeliums
zu Tage gefördert hat, unserer Jugend dargeboten.

Scherwatzky führt in den beiden für die Mittel- und Oberstufe be-
1 stimmten kirchengeschichtlichen Teilen den Grundsatz durch, die eigene
I Darstellung nach Möglichkeit mit Abschnitten klassischer Darsteller —
: Gustav Freytag, H. v. Schubert — und mit Quellenstücken in Wort
und Bild zu durchsetzen. Daneben gibt er tabellarische Übersichten
z. B. über die Missionstätigkeit der mittelalterlichen Kirche, über die
1 Entwicklung des Mönchtums, über den Verlauf der Reformation und
1 Gegenreformation. Im Mittelstufenteile, der, dem Schüleralter entspre-
| chend, mehr den äußeren Verlauf der Kirchengeschichte berücksichtigt,
i ist die Heidenmission der evangelischen Kirchen, also besonders des
; 19. Jahrhunderts, zu kurz gekommen. Hier fehlen anschauliche Schilde-
i rungen, wie sie den Abschnitt über die innere Mission beleben. Und
gerade lebendige, anschauliche Darstellungsweise ist ein Vorzug dieses
Scherwatzky'sehen Buches: mit kundigem und sicherem Blicke greift er
aus dem kirchengeschichtlichen Quellenmaterial plastische Bilder heraus
oder knüpft die eigene Darstellung an eine mit wenigen Strichen ent-
] worfene anschauliche Begebenheit an. Den 12. Abschnitt dieses Teiles
(„Lebensfragen") würde ich gern entbehren; schon der Umstand, daß
i das 3. Ergänzungsheft den gleichen Stoff behandelt, muß verwirren; sodann
glaube ich, daß dieser Stoff in immer und überall verschiedener
Form wird behandelt werden müssen, gerade auf der Mittelstufe. Dabei
' sind beide Wege, auf denen Scherwatzky (in diesem Abschnitt XI1 des
II. Teiles) und Schümer (im Ergänzungsheft) die „Lebensfragen" behandeln
, anregend, die „Quellenstücke" aus modernen ethischen Schrif-
! ten, die Schümer in seinem Ergänzungshefte für die Oberstufe zu-
• sammengestellt hat, wertvoll. Aber ich meine, daß dem Rel.-Unt., so-
; weit er „Lebensfragen" zu behandeln hat, weniger durch Arbeitsbücher
! und -hefte für die Hand der Schüler, als durch Unterrichtsbeispiele in
i der Fachpresse und durch Bücher für die Hand der Lehrer und Er-
| zieher, wie etwa Karl Alvermanns „Lebensziele", genützt wird, auf das
unter anderer Literatur ja Scherwatzky im Eingange jenes Abschnittes
! XII ausdrücklich hinweist. Sachlich ist zu beiden Wegen, dem Scher-
| watzkys und dem Schümers, zu sagen, daß sie nicht von dem Eindrucke
des historischen Jesus auf den Menschen ausgehen; in den „Stimmen
der Väter" des Ergänzungsheftes für die Oberstufe sucht man daher
auch Wilhelm Herrmann vergebens.

Mit jenem Literaturnachweise leitet der XII. Abschnitt des II. Teiles
zur Arbeitsweise der beiden Oberstufenteile über. Es ist erstaunlich,
in welche Fülle der kundig gesammelten und sorgsam gesichteten Literatur
, der bibelkundlichen, kirchengeschichtlichen und weltanschaulichen
Probleme diese beiden Teile einführen. Hier sprechen zwei Führer zu
jungen gebildeten Christen ihrer Zeit. Dieser Eindruck der Fülle wird
verstärkt durch die 22 für die Oberstufe bestimmten Arbeitshefte. Mit
Ausnahme der beiden Hefte 6 (Gottfried Spanuth: Altgermanische
| Religion u. Christentum) und 10 (Univ. Prof. Dr. Schmalenbach-Göttingen :
Kantische Philosophie und Religion) bringen sie nur Quellen und ausge-
gewählte Stücke größerer Abhandlungen. In allen herrscht Freiheit der
Auffassungen und Einheitlichkeit der Methode: kundige Sammlung,
sorgfältige Sichtung, planvolle Ordnung. Die bei weitem größte Zahl
dieser Arbeitshefte (16) bringt Material zur Behandlung kirchengeschichtlicher
Einzelgebiete. Die Reihe eröffnet Scherwatzky mit einem
Hefte über Luther im Urteile der Geschichte, und zweien über Staat
und Kirche von den Anfängen über Luther bis zur Gegenwart. Walter
, und Emmi Nieschmidt geben unter dauernder Beziehung auf Bibel,
Kirchengeschichte und Gegenwart reiches Material zur Frage: Christentum
und Hellenismus (Heft 13). Gottfried Spanuth-Erfurt stellt kundig
und ausführlich in einem der 4 stärksten Hefte Lebensäußerungen altger-