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Ausgabe:

1929 Nr. 22

Spalte:

524-525

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Strathmann, Hermann

Titel/Untertitel:

Ist der gesetzliche Eid noch haltbar? 1929

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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Theologische Literaturzeitung 1929 Nr. 22.

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willigen Christen hingelenkt auf dasjenige Gebiet, das
im Bewußtsein der gegenwärtigen Menschheit selbst
heftig umstritten ist und auf dem große Entscheidungen
fallen: das Gebiet der privaten und kollektiven Sittlichkeit
.

Diese Tat Söderbloms darf nicht verkannt oder abgeschwächt
werden durch ein künstliches Parallelisieren
von Stockholm und Lausanne. Es war^ eine Belastung
für Lausanne, daß es so bald nach Stockholm stattfinden
mußte. Mindestens in der Sache, wenn auch
nicht in der Zeit, hätte dieses Unternehmen noch viel
stärker abgerückt werden müssen von dem, was in
Stockholm geschehen ist. Dabei soll ausdrücklich anerkannt
werden, daß die positiven Eindrücke der Stockholmer
Konferenz eine ganz unschätzbare und wirksame
Hilfe für die Arbeiten in Lausanne gewesen sind, soweit
es auf die psychologische Vorbereitung der Geister ankam
. Aber die Sache, um die es in Lausanne
ging, ist ihrem Wesen nach so anders als
das Thema von Stockholm, daß man Söderblom
nur beipflichten kann, wenn er immer wieder betont,
w ie wenig hier von Konkurrenz, wie sehr dagegen von
notwendiger neuer Arbeit die Rede sei.

Denkt man diese Auffassung folgerichtig durch,
dann muß noch viel stärker, als das bei Söderblom
selbst bisher deutlich wurde, eine ganz andere Arbeitsweise
für den Stoff von Lausanne gefordert werden.

Zunächst ist festzustellen, daß die Erörterung
auf der Linie der Maximal-Minimal-De-
batte gescheitert ist. Und dies ganz mit Recht!
Nicht bloß das anglikanische Programm der via media
verdient dieses Schicksal. Vielmehr muß jedes Programm
grundsätzlich verworfen werden — und es wird
in der Regel auch praktisch scheitern —, das da meint
ein quautum vorschlagen zu können, über das „Einigung
" bestehe. Ob dieses Quantum groß ist oder
klein, besagt nichts im Vergleich mit der grundsätzlichen
Tatsache, daß hier quantitativ abgewogen wird.
Von da aus war das ganze Verfahren von Lausanne in
eine falsche Richtung gedrängt. In der Präambel wird
als Zweck der Konferenz angegeben: „darüber zu beraten
, was uns gerneinsam ist und was uns trennt". Aus
Erfahrungen der theologischen Arbeitsgemeinschaften
zu Canterbury 1927 und auf der Wartburg 1928 heraus
ist es mir höchst zweifelhaft geworden, ob dieses Programm
dadurch erfüllt wird, daß man gewissermaßen
zwei Listen nebeneinander anlegt: die eine über gemeinsame
, die andere über abweichende Meinungen. Wir
konnten in unserer Arbeitsgemeinschaft etwas derartiges
nur in dem Sinne wagen, daß wir die beiden Listen als
völlige Einheit annahmen, d. h. daß keine Geineinsamkeit
behauptet wird, die nicht die Unterschiede grundsätzlich
anerkennt, und umgekehrt. Als provisorische
Maßnahme zur Förderung des gegenseitigen Verständnisses
ist eine solche Liste brauchbar. Sie versagt dagegen
völlig, wo sich mit ihr der Anspruch verknüpft,
als sei quantitativ in der einen Liste das „bereits" Gemeinsame
, in der anderen Liste das „noch" Trennende
verzeichnet. Nur als einen Ausgangspunkt für weitere
Erörterungen, als einen starting point, der keinerlei
sachliche Konsequenzen in sich birgt, sondern wirklich
bloß Ausgangspunkt für einen Weg auf ein noch unbekanntes
Ziel hin sein will, nur so können die Berichte
von Lausanne der Sache wirklich dienen.

So müssen sie aber auch von uns verwandt
werden. Fragt man nun nach besseren Wegen, als der
in Lausanne beschrittene Weg gewesen ist, so sind zunächst
vor allem zwei Tatsachen durch Lausanne deutlich
geworden.

1. Es scheint unvermeidlich zu sein, daß zunächst
einmal die protestantischen Kirchen stärker
miteinander Fühlung nehmen und sich in
mancherlei Weise zusammenfinden. Die ganze bisherige
Debatte ist außerordentlich verwickelt worden durch den
Umstand, daß große Kirchenkörper wie der römische

Katholizismus, der Anglikanismus und die östliche
Orthodoxie als geschlossene Größen auftreten konnten,
während der Protestantismus in einer verhängnisvollen
Weise zersplittert dahinlebt, — was keineswegs Zeichen
von Fülle und Reichtum ist, wie man so oft hören muß,
sondern was im Gegenteil eine gefährliche Vereinseitigung
im Gefolge hat. Theologisch ist besonders
bedenklich, daß die gegenwärtige protestantische Theologie
in unzulässigem Maße abhängt von den jeweiligen
national-kulturellen Voraussetzungen, sodaß beispielsweise
in Deutschland eine ganz andere theologische
Sprache gesprochen wird als in Amerika. Die
groben Mißverständnisse, die sich daraus gegenseitig
ergeben, brauchen nicht nochmals in Erinnerung gerufen
zu werden. Hier „ökumenisch" zu werden, scheint

> mir die erste und dringlichste Aufgabe protestantischer
Theologie zu sein. Wesentlicher noch als die organisatorische
Zusammenfassung des corpus evaugelicum ist
unsere Besinnung auf den einen evangelischen
Geist, der in diesem corpus über alle Staats- und
Kulturgrenzen hinaus noch immer lebt.

Daraus ergibt sich eine 2. wichtige Einsicht: die
uns Theologen nächstliegende Aufgabe muß sein, in
kleinen, auf lange Sicht organisierten
Arbeitskreisen wichtige dogmatische Fragen zu
erörtern. Man kann nicht erwarten, daß etwa das Thema
social gospel zu einer Klärung kommt, solange nicht
europäische und amerikanische Theologen in sorgfältiger
, wissenschaftlicher Arbeitsgemeinschaft längere
Zeit hindurch diesem Thema nachgegangen sind. Man
kann nicht auf eine fruchtbare Renaissance der reformatorischen
Theologie hoffen, wenn nicht westeuropäische
und deutsche Theologen über die Erneuerung der Gedanken
Luthers und Calvins gemeinsam nachsinnen.
Man kann nicht mit einer vernünftigen Lösung der Fragen
nach der Zukunft des östlichen Christentums rechnen,
wenn nicht das Thema „Kirche" in einer dauernden
Arbeits gemeinschaft zwischen protestantischen und

| orthodoxen Theologen studiert wird. Was Lausanne
in ein paar Tagen machen wollte, ist in

! Wahrheit Stoff für Jahre und Jahrzehnte.
Wenn der Versuch, zu einem positiven Resultat zu
kommen, nicht beim ersten Anlauf geglückt ist, so be-

I deutet das weder, daß die Sache selbst jetzt erledigt sei,
noch daß jener Versuch zu mißbilligen wäre. Wird die
Konferenz, von Lausanne als Anstoß für eine neue
Selbstbesinnung der theologischen Arbeit
ernstgenommen und wird unter diesem Eindruck

; die theologische Arbeit selbst zu bestimmten neuen Lei-

j stungen gebracht, dann ist die Konferenz, ein voller Er-

I folg gewesen. Sie hat ein umfassendes, aktuelles Thema
aufgeworfen: die zeitgemäße Sclbsterfassung der christlichen
Glaubenserkenntnis. Es wird von uns abhängen,
ob dieser Aufruf Gehör findet oder verhallt.
Marburg a. L. Heinrich Fri c k.

Strathmann, Hermann: Ist der gesetzliche Eid noch haltbar
? Leipzig: A. Deichen 1928. (49 S.)gr.8°. = Aus Zahn-
h'estgabe S. 55 -103. RM 2.50.

Diese Schrift ist zunächst rein dadurch wertvoll,
daß sie eine Fülle von Stoff, der dem Nichtjuristen nicht
leicht zugänglich ist, zusammenträgt. Über die Ge-
, schichte der Eidesformel und Eidesbewertung, des Mein-
; eids und der Meineidshestrafung, des Streites um den
; Eid im 19. Jahrhundert wird man kurz, treffend und
vollständig unterrichtet. Schon rein deshalb sollte sie
! in der juristischen und theologischen Erörterung der
j Eidesfrage den Ausgangspunkt bilden. Aber nicht als
Stoffsammlung hat Str. seine Arbeit gemeint. Er hat
vielmehr ein bestimmtes Ziel im Auge. Er glaubt, daß
der Eid als Überbleibsel vergangner Zeiten durch eine
einfache, unter entsprechender Strafandrohung stehende
Beteuerung zu ersetzen sei. Juristisch hat er seinen Sinn
als Beweismittel längst verloren, da der Richter sich
sein Urteil über die Glaubwürdigkeit des Zeugen frei
bildet. Für den dem Gottesglauben Entfremdeten ist er