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Ausgabe:

1929

Spalte:

34-35

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Beyschlag, Willibald

Titel/Untertitel:

Zur Entstehungsgeschichte des Evangelischen Bundes 1929

Rezensent:

Mulert, Hermann

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sonders stark zeigen sich diese Bindungen auf religiösem
Gebiet und sind hier ein Zeichen sowohl der ungemeinen
Kräftigkeit der christlichen Gedanken trotz aller
wohlbekannten Schwächen des mittelalterlichen Katholizismus
als auch der Unsicherheit der Renaissancemenschen
in religiösen Fragen. Endlich zeigen sie uns
die geistige Bedeutung der theologischen Arbeit und
der religiösen Ausdrucksformen der Reformation zu
tieferem Verständnis. Wohl bekannt in der Geschichte
der Historiographie wie als Quellenwerk für die Geschichte
der Frührenaissance ist die Chronik des Giovanni
V, des ersten Geschichtsschreibers der floren-
tinischen'Republik. Trotz des nicht im Ungewissen gelassenen
bürgerlich-patrizischen Standpunktes, trotz
scharfer politischer Parteinahme auf Seiten der Guelfen
eigner dem Werk eine gewisse Monumentalität, da die
Geschichtsbetrachtung der Bibel von dem in der Geschichte
waltenden Gotteswillen — wenn auch nicht
bis ins Letzte durchgedacht — hinter ihm steht (vergl.
Mehl S. 142).

So war es ein dankbares und dankenswertes Unternehmen
, die Chronik einmal für sich zu behandeln und
aus ihr die Weltanschauung dieses kleineren Zeitgenossen
Dantes in ihrer eigentümlichen Zwischenstellung
zwischen m. a. Geistigkeit und modernem Geist in der
Zeit des ersten Erwachens dieses modernen Geistes zu
erheben. Das hat der Verf. in sehr fleißiger, sorgfältiger
und umsichtiger Weise getan. Nach kurzer Darstellung
des Lebens Villanis beschreibt er seine „allgemeine
Stellung im Geistesleben der Zeit*', berichtet darunter
über seine sprachlich-literarische und naturwissenschaftliche
Bildung, seine religiös-ethische Einstellung und
seine Auffassung der politischen Zeitfragen, um dann
im zweiten Teil zu seiner Geschichtsanschauung überzugehen
und hier nach den „christlich-biblischen Allgemeinvorstellungen
'' die „Nachwirkungen Augustins"
(Dualismus und Eschatologie) und das „Astrologische
Geschichtsbild" nach seinen Quellen und seinem Verhältnis
zur biblischen Gottesanschauung zu behandeln.
Gut herausgearbeitet ist, wie hinter der Geschichtsdarstellung
Villanis die Geschichtsauffassung eines gläubigen
Katholiken steht, der in der geschichtlichen Bewegung
Lohn und Strafe Gottes auf gute und böse Taten
der Menschen folgen sieht. Hier wie an den Stellen,
wo eine astrologische Geschichtskonstruktion herangezogen
wird, liegt die Gefahr eines durch die Wirklichkeit
nicht gerechtfertigten Schematismus nahe. Die
Treue zu der Institution des Papsttums schließt nicht
schärfste Kritik an einzelnen Päpsten aus (S. 51 ff.
63 ff.). Biblischer Stil und Predigtstil haben deutlich
auf die Schreibart Villanis eingewirkt (S. 58, 75).
Interessant ist der kirchliche Traditionalismus, der auch
dem Papst gegenüber geltend gemacht wird (S. 78 f.),
die Anteilnahme des Laien an der Transsubstantiation
(S. 81 ff.), der Einfluß des kirchlichen Sündenschemas
auf die Personendarstellung (S. 84 ff.), die weltliche
Seite des im scholastischen Gottesgedanken so gern
.•erwendeten Begriffs der liberalitas (S. 90).

Anzumerken ist: S. 70 Mitte: Hier hat Villani richtig Kon. und
nicht 2. Sam. zitiert, weil die Vulg. nach LXX die Sam.- und die
Königsbücher zusammen als 4 Königsbücher rechnet. S. 74. Zu
XII, 17 würde ich eher an Matth. 26, 52 denken. Ebenda A. 1. Der
Begriff „Herrenwort" ist nach allgemeinem Sprachgebrauch auf
Worte Jesu beschränkt worden und daher wie hier gebraucht mißverständlich
. S. 82. Man kann nicht sagen, daß Occam an der
Irrationalität des Dogmas „Anstoß nahm". O. hat grade diese
Irrationalität herausgearbeitet und das Dogma dem Glauben, nicht
dem Wissen zugewiesen, nicht um Anstoß zu nehmen, sondern um
es um so besser und unangreifbarer behaupten zu können. S. 80. Die
4 sog. bürgerlichen Tugenden der kath. Morallehre stammen nicht
aus der Stoa, sondern aus der platonischen Staatslehre. S. 140. A. 1.
Der Gebrauch des Wortes lex für Religion stammt nicht in erster
Linie aus dem Gottesbegriff, sondern daher, daß der Hauptinhalt sowohl
der israelitischen wie der christlichen Religion in der lex gesehn
wurde, im A.T. im Mosaischen Gesetz, im N.T. in der Bergpredigt
und im doppelten Liebesgebot.

Berlin. Walter Dreß.

Specht t, Prof. Dr. theol. Thomas: Geschichte des Bischöflichen
Priesterseminars Dillingen a. D. 1804—1904. Fortgef.
u. hrsg. v. Andreas Bigelmair. Augsburg: B. Schmidsche Buchh.
1028. (XV, 140 S. m. Taf.) 4». RM 4.20.

Die Quellen dieser von dem verstorbenen Dogmatiker Specht
hiiiterlassenen Geschichte des Priesterseminars Dillingen in dem Jahrhundert
von 1804 bis 1004 liegen in den Registraturen des hischöfl.
Ordinariats Augsburg, des Priesterseminars selber, des bayr. Staatsministeriums
für Unterricht und Kultus und des Staatsarchivs in Neuburg
a. D. Nach einem Rückblick auf die Gründung des Seminars
durch Otto Truchseß von Waldburg, den nachmaligen Kardinal, und
den Neubau unter Bischof Heinrich von Knöringen (im Anfang des
17. Jahrhunderts) schildert der Verf. die Säkularisation des Seminars,
seine neue Errichtung neben dem Lvceum (der jetzigen philosophisch-
i theologischen Hochschule) durch die bayrische Regierung, die Uber-
j gäbe an den Bischof, die Vermögensausscheidung zwischen Seminar-
i fonds und Studienfonds, den (nachher fallen gelassenen) Plan einer
Verlegung nach Augsburg, die Verfassung unter landesherrlicher und
unter bischöflicher Verwaltung, die Bildungsmittel, den Vermögens-
' stand, die Vermögensverwaltung, die Gebäulichkeiten, die Hauswirt-
; schaft, Seminaristen und Vorstände. Herausgegeben und bis zur Gegen-
I wart fortgeführt hat die Arbeit der Dillinger Kirchenhistoriker Bigelmair
, der namentlich den in den Jahren 1000—1011 unter dem
I gegenwärtigen Bischof v. Lingg errichteten großen und schönen, den
Bedürfnissen der Neuzeit in jeder Hinsicht Rechnung tragenden Neu-
I bau darstellt und damit das Buch abschließt. Angenehm berührt der
I vornehme, sachliche Ton, z. B. bei der Erwähnung der Verweigerung
| des Modernisteneides durch den damaligen Subregens Franz Wieland
und des Übertritts Fendts zum Protestantismus (S. 00 f.). Beige-
i geben sind 16 gute Abbildungen, darunter zwei des Bischofs v.
i Lingg, dem das Werk zum 25jährigen Bischofsjubiläum (1027) ge-
i widmet ist.

München. Hugo Koch.

j Beyschlag f, Prof. D. Willibald: Zur Entstehungsgeschichte
des Evangelischen Bundes. Persönliches u. Urkundliches. Zum

Ehrengedächtnis B.'s u. derer, die mit ihm d. Ev. Bund gegründet
haben, veröffentlicht z. 5 X. 1026. Berlin: Verlag d. Ev. Bundes
i (1026). (86 S. m. 3 Taf.) kl. 8°. RM 1 -.

In B.'s (f 1900) Nachlaß haben sich diese Aufzeichnungen
gefunden, etwa von 1895, wohl zum Druck
! in deii Deutsch-Evangelischen Blättern bestimmt, der
aber dann nicht erfolgte. Bärwinkel, Senior in Erfurt,
und v. Bamberg, Oberschulrat in Gotha, die zu den Mit-
j begründern des Ev. Bundes gehörten und inzwischen
l gleichfalls verstorben sind, haben sie durchgesehen. Die
j Tatsachen, die Beyschlag mitteilt, waren im Wesentlichen
bereits bekannt. Der Gedanke, einen protestan-
: tischen Schutzbund zu gründen, ist ihm und anderen,
als nach Abbruch des Kulturkampfes die Macht der
römischen Kirche in Deutschland schnell wuchs, bei
einem Zusammensein in Rom im Frühjahr 1886 gekommen
. Ende Mai besprachen er und sächsische Gesinnungsgenossen
den Plan mit Lipsius und Nippold.
B. teilt die nach dieser Versammlung von ihm verfaßte
Denkschrift mit, sowie seinen ersten Satzungsentwurf
(Bärvvinkel, der einen andern lieferte, schlug als Name
Deutsch-evangelischer Kirchenbund vor; der Name
; Evangelischer Bund stammt von Beyschlag), sodann
i von der Erfurter Gründungsversammlung des Bundes
| (5. Okt. 1886) die einleitenden Reden, die er und
Leuschner (Kons. Rat in Merseburg) hielten, endlich
den Aufruf des Bundes vom 15. Jan. 1887 mit 237
Unterschriften. Von den in Erfurt an der Gründung des
Bundes Beteiligten leben, soviel ich sehe, nur noch drei:
i Jul. Smend, Bornemann, Rade. Von Interesse ist, daß
Beyschlag überzeugt war, einen Bund der Mittelpartei
mit den positiven Gruppen ohne und gegen die Linke
sofort zu Stande bringen zu können (S. 9), aber das
wollte er nicht; in der Tat hat Lipsius, der zeitweise
dem Protestantenverein angehört hatte, um die Begründung
des Bundes sich erhebliche Verdienste erworben,
namentlich bei einer Krise wegen der Bekenntnisfrage!
Beyschlags Denkschrift spricht nur von der römischen
Gefahr, noch nicht auch vom Kampfe gegen den Materialismus
, der dann immer zum Programm des Bundes
gehört hat (wenn auch seine geschichtliche Aufgabe und
Leistung wesentlich die Abwehr gegen den Ultramontanismus
gewesen ist). B.'s Schrift ist heute historisch