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Ausgabe:

1929

Spalte:

509-510

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Koets, Peter John

Titel/Untertitel:

Deisidaimonia. A contribution to the knowledge of the relious terminology in Greek 1929

Rezensent:

Fascher, Erich

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509

Theologische Literaturzeitung 192!) Nr. 22.

510

Lebenskraft der in ihrem eigenen Schöße nach wie vor
fortwährenden urmenschlichen magischen Anschauungen
und Gepflogenheiten völlig zu brechen und auszumerzen.

München. J- Schnitzer.

Koets, Peter John: Juaiiaiftofia. A contribution to the know-
ledge of the religious terminology in Greek. Purmerend: J. Munsses
1920. (XI, 110, IV S.) gr. 8°. 1 $.

In seiner Thcophrastausgabe (Leipzig 1897) hatte
schon O. Immisch die Dringlichkeit einer Untersuchung
des Begriffs Jimidauiovia hervorgehoben. Ein junger,
in Amerika geborener Holländer sucht in der vorliegenden
Utrechter Promotionsschrift dieses Desiderium zu
erfüllen. Die Fülle des Stoffes von Xenophon bis
Theodoret etwa hat er systematisch eingeteilt nach dem
Bedeutungswandel des Begriffs deiaiduiuovia und seiner
Derivate. Ein erster Teil behandelt die Anwendung
im günstigen Sinne und zeigt von Xenophon bis zum
N.T. hin, wie d als „Frömmigkeit", „Gottesfurcht"
gefaßt ist und in späterer Zeit (so auch in den beiden
Stellen der Apostelgeschichte) die farblose und neutrale
Bedeutung des lat. „religio" hat, wie sie sich auch in
der Gesetzessprache (in einem Edikt des Claudius) und
hei Josephus, wo deto. jüdische Religion ist, nachweisen
läßt. Ein zweiter Abschnitt behandelt die Bedeutung
des Wortes im ungünstigen Sinne (S. 32—83)
und ist seines Stoffreichtums wegen in 4 Paragraphen
geteilt, die freilich den Stoff nicht streng abgrenzen,
aber die Komödiendichter, Philosophen, die Historiker
in der Nachfolge des Polvbius und endlich — gesondert
— Plutarch zu Worte kommen lassen. Mehr als im
ersten Teil spielt hier die persönliche weltanschauliche
Einstellung der Autoren eine Rolle, im Hintergrund
steht der Kampf gegen den Polytheismus (Ablehnung
und Abwertung der Üfo't als iafyioveg, Götterglaube
Dämonenglaube - Aberglaube des niederen Volkes), der
hier wenigstens andeutungsweise erkennbar ist und sich
dann in der jüdischen und christlichen Apologetik fortsetzt
(cap. 3 S. 84—96), wo die Götter als „duiftovtg I
qxrvkot", die daoidaitiorsi; als „Heiden", die nicht
..tov orttog ovza &evv" verehren, gebrandmarkt werden
. Durch Zusätze — z. B. duoiduuiovlu rtüv etdw/.tov,
dao. Eü.ryv/.r — wird diese abwertende Bedeutung-
verstärkt, so daß schließlich ömu beinahe unserem
„Polytheismus" gleich wird.

Interessant ist noch eine Entwicklungslinie, die
über die Peripatetiker zu Plutarch und den Kirchenschriftstellern
führt. Danach ist dtio. ein Mittelding
/wischen rioißeut und d^sörr/g. etwa superstitio.
Plutarch entwickelt diese Auffassung in seiner Schrift
.ctgl diiaidaiiioy/uc, wenn er gleich zu Anfang sagt,
echte Frömmigkeit (real piety nennt es Koets) sei der
goldene Mittelweg zwischen „godlesness" and „anxious
pietv", um dann zu zeigen, daß der Gottlose besser
daran sei als der ständig in Angst lebende deioidcuuwv
(S. 78 ff.). Schon Philon bezeichnete im Gegensatz zu
seiner Religion die nach seiner Meinung falschen heidnischen
Religionen mit dem Wort dtio., damit der Definition
der Peripatetiker folgend. Diese Antithese findet
sich dann noch bei Clemens Alexandrinus, wenn er
den Atheisten die „önoiöidiioveg als ,nävro 3eid-
.wrfi,-', ol U&iov jcQOO/.vvrftai" gegenüberstellt. So
zeigt denn das Pendel eine Bedeutungsschwankung von
„Gottesfurcht" bis zu „Götterangst" und „Aberglaube",
zwischen denen es in der Deutung „Religion" gelegentlich
zur Ruhe kommt.

Man kann K. für diese Untersuchung, deren Mühen
Rez. aus eigner Erfahrung kennt, nur dankbar sein. Für
den deutschen Leser wäre es freilich besser gewesen, K.
hätte neben Umschreibung der Textzusammenhänge den
griech. Text etwas ausführlicher geboten und nicht bloß
in einzelnen Phrasen oder halben Sätzen, da die feinen

Bedeutungsschwankungen des Textzusammenhangs dann
vom deutschen Leser doch in seiner Sprache reicher
wiederzugeben sind als es die allgemeinen Wendungen
„real piety", „anxious piety" etc. im Englischen tun.
So wird man im Ernstfalle bei aller Dankbarkeit für die
Stellensammlung doch immer wieder selbst zum griech.
Urtext greifen müssen.
Marburg a. I.. Erich Eascher.

Charles, R.H., D.D.: A Critical and Exegetical Commen-
tary on the Book of Daniel. With lntroduction, Indexes and a
New Translation. Oxford: Clarendon Press 1920. (CXXV1II, 408 S.)
8". 30 sh.

Dem amerikanischen Danielkommentar von Mont-
goinery (1927), den ich hier 1928 in Nr. 13 anzeigte,
folgt nun ein englischer, der nicht minder wertvoll und
gleichfalls die Frucht langer Jahre ist. Denn bereits die
Bearbeitung des Danielbuches in der Century Bible
durch Ch. (1913) zeigt trotz der dort gebotenen Kürze
alle wesentlichen Züge dieses Kommentars, so sehr,
daß sogar manche Stellen wörtlich übernommen werden
konnten. Von seinem amerikanischen Rivalen unterschei-
1 det sich das Buch, bei aller Obereinstimmung in der
Gesamtauffassung, doch stark. Geht jenes mit gleicher
Bereitwilligkeit und Sorgfalt grammatischen, textkriti-
schen, geschichtlichen, religions- und literargeschicht-
lichen Problemen nach, so liegt hier das Schwergewicht
durchaus auf dem Textkritischen und Sprachlichen,
i wie denn auch die gegenüber derjenigen bei M. recht
kurze Bibliographie (§ 27) außer den Kommentaren
fast nur dazu Literatur aufführt. Und während M„ allen
kühnen Hypothesen abhold, auch in der Textbehandlung
die größte Zurückhaltung übt, ist Ch.s Kommentar
durch zwei einschneidende Thesen bestimmt, die beide
an sich keineswegs neu sind, aber hier vielfach selbständig
begründet werden: 1. daß der ganze Daniel ursprünglich
aramäisch abgefaßt war, Anfang und Ende
von drei verschiedenen Händen nachträglich, aber noch
vor der Obersetzung ins Griechische (c. 145 v. Chr.)
ins Hebräische übertragen wurden (§ 6—12); 2. daß
der MT. schlecht erhalten ist und seine Verderbnisse
teils erst nach Entstehung der alten Obersetzungen oder
einzelner von ihnen, teils noch vorher fallen (§ 14).
Dem Beweis dieser Thesen dient ein großer Teil der
Einleitung, wie auch der Erklärung selber, die darum
viel weniger als bei M. den üblichen Charakter des
Kommentars mit der ganzen Auslegungsgeschichte trägt.

Natürlich hat Ch. als der Verfasser bekannter Monographien
über Eschatologie und Jenseitsglauben und
eines zweibändigen Kommentars zur Offenbarung des
Johannes, und als der Herausgeber der Apokryphen und
Pseudepigraphen auch zum Inhalt vieles zu sagen. Aber
auf die religionsgeschichtlichen Probleme im engeren
Sinn, etwa die Herkunft des „Hochbetagten" und des
„Menschensohnes" von c. 7, der Tiersymbolik in c. 7
und 8, die Vorgeschichte des Schemas der vier Weltreiche
oder -perioden von c. 2 und 7, geht er gar nicht
ein. Daß den Legenden ältere (mündliche?) Tradition
zugrunde liegt, wird gelegentlich angedeutet (S.
XXXVIII. XL1V), aber Ch. verzichtet darauf, dem weiter
nachzugehen. Ohne einen Versuch zu machen, zwischen
der älteren Gestalt des Stoffes und seiner Umbiegung
und Ausdeutung in der Makkabäerzeit zu unterscheiden,
findet er ganz in der Art von Marti u. a. in den Erzählungen
Beziehungen auf Antiochus Epiphanes (z. B.
S. 65. 114). Ja c. 7, das schon von Hölscher als im
Grundbestand vormakkabäisch nachgewiesen wurde und
nach Haller und Noth gar das älteste Stück ist, soll eine
unmittelbare Vision des Verfassers sein (S. XLIV). Mit
dem Fehlen solch traditionsgeschichtlicher Betrachtung
— nur zu c. 4 und 5 finden sich Ansätze dazu — hängt
es zusammen, daß 2, 13—18 nicht als Erweiterung erkannt
, die Nichterwähnung Daniels in c. 3 in alter
Weise aus seiner hohen Stellung am Hof erklärt (S. 55),
das Verhältnis von c. 1 zu 2—6 nicht richtig gesehen ist