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Ausgabe:

1929 Nr. 21

Spalte:

498-499

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hönigswald, Richard

Titel/Untertitel:

G. W. Leibniz 1929

Rezensent:

Knittermeyer, Hinrich

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Theologische Literaturzeitung 1929 Nr. 21.

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unter seinem Vorsitz tagen möchten, aber, wenn es zu Verhandlungen
mit Rom auf dem Fuße der Oleichberechtigung
käme, doch dabei sich gerade vor der Notwendigkeit
schützen wollen würden, die Meinungen aufzugeben,
quae causa adhuc sunt, cur extra unicum Christi ovile
vagentur; das geht wohl gegen die englischen Ritua-
listen, die mit Mercier in Mecheln verhandelten.

Ihnen allen gegenüber werden die alten römischen ,
Ansprüche auf den bekannten römisch-katholischen Ge- 1
dankengang begründet: Gott hat gesprochen (das steht
geschichtlich fest: reapse locutum historiae fide compro-
batur); er hat durch Christus seine Kirche als sichtbare
Kirche gestiftet, die zu allen Zeiten dieselbe bleiben
muß; potuitne obiectum fidei tarn obscurum incertumve
procedente tempore fieri, ut opiniones vel inter se contrarias
hodie oporteat tolerari? Also darf der Papst
nicht dulden veritatem divinitus revelatam in pactiones
deduci; das würde ja heißen, daß die Herabkunft des
hl. Geistes auf die Apostel und sein Bleiben in der
Kirche und Christi Predigt seit mehreren Jahrhunderten
efficaciam utilitatemque omnem amisisse. Besonders
charakteristisch ist für die römische Denkweise der
Satz, es möge zwar den Anschein haben, daß man bei
den Einigungsbestrebungen die Liebe fördern wolle; at
qui fieri potest, ut in fidei detrimentum Caritas vergat?
(S. 21). Die reformatorische Unterscheidung von Dogmenglaube
und Heilsvertrauen wird im Katholizismus !
heute wie einst abgelehnt, während die Protestanten na- 1
mentlich seit dem Pietismus allerdings oft erlebt haben,
daß die Liebe den Dogmenglauben schwächt. Wer die
Bekenner katholischer Dogmen und die der entgegengesetzten
protestantischen Ansichten vereinigen will (der
Papst formuliert die Gegensätze z. B. inbezug auf Tradition
, Transsubstantiation, Heiligenverehrung ganz richtig
), der werde leicht zum Indifferentismus und Modernismus
kommen, bei dem man die dogmatische Wahrheit
nicht für absolut, sondern für nur relativ hält und
fundamentale und nicht fundamentale Glaubensartikel
unterscheidet, während die wahren Christen mit dem
gleichen Glauben, den sie der Trinitätslehre und der
von der Menschwerdung Christi darbringen, dem Dogma
von der unbefleckten Empfängnis der Maria und dem
vom unfehlbaren Lehramt des Papstes huldigen, so wie
es vom Vatikanischen Konzil formuliert worden ist.
Trifft die Kirche gegenüber den Irrtümern der Ketzer
feierliche Glaubensentscheidungen, so wird damit doch
nichts Neues zu dem Schatz an Wahrheiten hinzugefügt,
quae in deposito revelationis, ecclesiae divinitus tradito,
saltem implicite continentur (man sieht deutlich: die
fides implicita der katholischen Massen und die bekannte
Lehre, daß die nach dem Bedarf jeder Zeit zu formulierenden
Heilswahrheiten im Depot der Kirche ruhen,
gehören zusammen). Darum durfte der apostolische
Stuhl, dem doch die Vorfahren der Leute gehorcht
haben, die in die Irrtümer Photii novatorumque verstrickt
sind, also die Vorfahren der heutigen morgenländischen
Christen und der heutigen Protestanten, nie
zulassen, daß Katholiken acatholicorum conventibus beiwohnen
— ein Satz, der praktisch dazu benutzt werden
kann, weitestgehende Sonderung der Katholiken von
Nichtkatholiken auch in bürgerlichen Angelegenheiten
zu begründen, das Panier des schroffsten Konfessionalismus
werden kann. „Leben und Heil steht auf dem
Spiel" (agitur de vita et salute, aus Laktanz). Daß die
Irrenden zur Einheit der Kirche zurückkehren, dazu ruft
der Papst zuletzt als Fürsprecherin beatam virginein
Mariam an, matrem divinae gratiae (fast möchte man
fragen: gab es vor ihr keine göttliche Gnade? oder ist |
auch Maria präexistent?), omnium victricem haeresum.

Soweit Pius XL Man begreift es vollständig, daß
der Papst alle diese Einigungsbestrebungen'verwirft; er
konnte nicht einmal an den erwähnten Mechelner Verhandlungen
viel Freude haben, wenn doch gleichzeitig
andre Kreise der anglikanischen Kirche mit den Dissen- ,
ters Verständigung suchten und wenn bei vielen Engländern
das nationale Selbstbewußtsein schließlich stärker
sein wird als das Verlangen nach Einigung der
anglikanischen Kirche mit „anderen katholischen Kirchen
". Es ist auch durchaus denkbar, daß die im Weltkriege
und unmittelbar nachher mächtig gewordenen
religiös-kirchlichen Einigungsbestrebungen bald wieder
sehr zurücktreten, wenn und weil statt des blutigen
Kampfes christlicher Völker miteinander sich vielmehr
etwa eine Atmosphäre von geruhiger Harmonie der
äußeren Interessen durch Völkerbund, Kelloggpakt und
dgl. verbreitet. Immerhin würden die Ideale der Einigung
doch irgendwann verstärkt wiederkehren. Und es
sei nur angedeutet, daß in doppelter Hinsicht fraglich
erscheint, ob des Papstes scharfe Absage an die Einigungsbestrebungen
ganz zweckmäßig ist. Erstens im
Blick auf die äußere Lage, auf das Zahlenverhältnis
der Konfessionen. Umfaßte früher die römisch-katholische
Kirche wirklich die Mehrheit der Christen, so ist
das im 19. Jahrhundert anders geworden; heute gehören
zu ihr rund 300 Millionen, zu den übrigen Gruppen der
Christenheit aber schon mehr als 350, und dieses Verhältnis
wird sich voraussichtlich weiter zu Ungunsten der
römischen Kirche verschieben. Eine Gruppe, die für sich
allein die Mehrheit bildet, darf, wenn überhaupt Einigung
erfolgen soll, hoffen, als der starke Magnet die
Splitter anzuziehen, als der Ozean die Ströme aufzunehmen
. Eine Gruppe aber, die in die Minderheit gedrängt
ist, wird, wenn sie immerhin die stärkste ist,
leicht bei Einigungsverhandlungen durch geringes Entgegenkommen
die Fühmng gewinnen; verhält sie sich
dagegen zu starr und schroff, so schließen sich die
anderen dann leichter ohne, ja gegen sie zusammen.
Zweitens gilt abgesehen von allem Taktischen, rein im
Blick auf das Wesen der Sache, den Kern der Einigungs-
bestrebungen: lehnt der Papst ihre Vertreter als pan-
christiani (Allerweltschristen oder wie man das übersetzen
mag) ab, so haben nicht nur einige der so Bekämpften
wie Söderblom bereits ihre Antwort gegeben,
sondern es liegt die Frage sehr nahe: liegt der Begriff
der panchristiani, der allgemeinen Christen, nicht sehr
nahe bei dem Ideal des Katholischen, das doch seinem
Wortsinn nach ganz, dasselbe ist? Wird nicht irgendwann
das Ideal des Allgemein-Christlichen mit Macht
sich erheben gegen die Verengung, die das Katholische
im und zum Römisch-Katholischen erfahren hat?
Schwache Vertreter ökumenischen Sinnes unter den
Evangelischen mögen als Opfer ihrer Romantik römischem
Wesen verfallen, katholischer Propaganda erliegen
; wo aber der ökumenische Gedanke wirklich stark
ist und seine Vertreter stark sind, wird er zur Gefahr für
die ausschließlichen Herrschaftsansprüche des päpstlichen
Systems, wird er in diesem Sinne auch auf Katholiken
wirken, wie es schon bisweilen geschehen ist.

Die Uebersetzung ins Deutsche ist bisweilen wortreicher als das
Original, bisweilen sehr treffend, anderwärts nicht eben charakteristisch.
Einiges mildert sie; der Papst sieht (S. 6) die zum Naturalismus und
Atheismus abgleiten, die allen Religionen ein gewisses Recht zuerkennen
und jeden sich von der göttlich geoffenbarten Religion ganz lossagen,
der talia sentientibus adstipulaturj die Uebersetzung sagt: „der solchen
Gedankengängen und Bestrebungen rückhaltlos beipflichtet". Aus dem
„sog. Protestantismus" (quem vocant) wird einfach: der Protestantismus.

S. 6 Mitte I. legationi st. legationc.

Kiel. Hermann Mulert.

Hönigswald, Richard: G. W. Leibnlz. Ein Beitrag z. Frage
seiner problemgeschichtl. Stellung. Tübingen: J. C. B. Mohr 1928.
(52 S.) gr. 8°. = Philosophie u. Geschichte, 19.

RM 1.80; in Subskr. 1.50.
Hönigswald bewährt in diesem Präger Vortrag an einem philosophiegeschichtlichen
Höhepunkt die ihm eigene Art problemgeschichtlicher
Betrachtungsweise, die aus seinen grölleren Arbeiten über die antike
und neuere Philosophie bekannt ist. Abhold jeder künstlichen Vereinfachung
der in der Sache gegebenen Schwierigkeiten bietet Hönigswald
auch hier einen Beitrag zum Verständnis Leibnizens, der alles andere
als eine summarische Übersicht über sein System ist. Es wird zwar auch
von Natur und Gnade, von Prästabiiierter Harmonie und von dem Em-