Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1929

Spalte:

461-463

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Platzhoff, Walter

Titel/Untertitel:

Geschichte des europäischen Staatensystems 1559-1660 1929

Rezensent:

Wolf, Gustav

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

461

Theologische Literaturzeitung 192t) Nr. 20.

462

Man vergleiche 36,4: ubi cunctus populus ... cum
senatu etc. 19,15 schreibt Schw. in einem Zusammenhang
, der davon handelt, daß Christus immer nur vom
Gottesreich oder Himmelreich, nie von einem irdischen
Reiche gesprochen habe: Appropinquavit regnum dei,
cui comparabitur regnum coeli, statt: cui comparabitur
regnum coeli? Es ist ein neuer Satz, der auf Mark. 4,30
Bezug nimmt. Auch sonst sind dem Herausgeber bei
allem Bemühen, Anspielungen auf Schriftstellen zu kennzeichnen
, manche von ihnen entgangen, so zu 1,22 Ps.
138,7, zu 2,16 1. Thess. 2,4, zu 3,27 Eph. 5,5, zu
17,27 I.Tim. 6,7, zu 18,27 Jerem. 48,10, zu 20,2
Mark. 10, 2 ff., zu 79,26 Jes. 14,13, zu 80,3 üal. 5,9
(I. Cor. 5,6), zu 80,12 Luk. 12,42. Ebenso sind bei
andern Anführungen da und dort Angaben der Fundstellen
oder Berichtigungen unterblieben, so 11,24 zu
Vergil, 28,21 ff. zum Satz des Melchiades, 35,30 zu i
Cicero, 36, 1 zu Sallust, 36,14 zur Gregor 1. Auch das
Urteil über den Kardinal Vitelleschi 74,4 hätte durch
eine Anmerkung erläutert werden sollen. Übrigens sind
auch dem berühmten Humanisten beim Auspacken seiner
Gelehrsamkeit Irrtümer unterlaufen. So übersieht er
12,5 in der Anrede, die er den Redner des römischen
Senates und Volkes an Constantin halten läßt, daß seit
Caracalla das römische Bürgerrecht allen Provinzbe-
wohnern verliehen und damit aufgehoben war. 15,18
läßt er den Papst Silvester den Kaiser mit „fili" anreden
, was die Päpste vor der zweiten Hälfte des 5.
Jahrhunderts nicht getan haben. 32, 18 beanstandet er
die Bezeichnung der Päpste als „vicarii Petri", obwohl
sie auch in der von ihm 69, Uff. angeführten Schenkung
Kaiser Ludwigs I. vorkommt (69, 17). Ebenso
ist bei Cvprian vicarius mit successor oder succidaneus
oieichbedeutend (Härtel 468, 8ff. 729,20 verglichen mit
723,21. 748,15).
.München. Hugo Koch.

PI atz hoff, Prof. Dr. Walter: Geschichte des europäischen
Staatensystems 1559—1660. .München: R. Oldenbourg 1928.
(XVII!, 279 S.) gr. 8°. = Handbuch d. Mittelalterl. u. Neueren
Geschichte, Abt. II: Politische Geschichte. RM 12.50; geb. 14.50.

Die Auffassung, welche dem Buche zu Grunde
liegt, hat einen reaktionären Charakter. Bekanntlich be- 1
deutet das Wort Gegenreformation von Haus aus nichts
anderes als die obrigkeitliche Rekatholisierung eines
protestantisch gewordenen Gebietes und man sprach,
weil jede einzelne derartige Maßregel immer nur eine
örtlich beschränkte Tragweite besaß, von Gegenreformationen
in der Mehrzahl. Erst als man sich dessen bewußt
wurde, daß solche Akte das Wesen des späteren
16. und beginnenden 17. Jahrh.s ausmachten und unter
sich eng zusammenhingen, bürgerte sich der Begriff
„Gegenreformation" oder „Zeitalter der Gegenreformation
" im Singular ein. Aber auch jetzt bezeichnete man
damit noch immer politische Akte. Maurenbrecher suchte
z. B in der spanischen Offensive gegen den Protestantismus
während der Regierung Philipps II. die Triebfeder
und Eigenart der Gegenreformation auf. Dieser
Standpunkt wurde durch Gothein und Pastor verschoben.
Beide erblickten das Wesen der Gegenreformation nicht
mehr in politischen Handlungen, sondern in religiösen
und geistigen Motiven; sie gaben daher ihren Werken
ein stark kulturgeschichtliches Gepräge. Bemerkenswerter
Weise bezeichnet Platzhoff Gotheins Auffassung,
daß die Gegenreformation der katholische Rückschlag !
gegen die große kulturelle und religiöse Umwandlung
der Renaissance und Reformation gewesen sei, als „nur
bedingt richtig" und „den Inhalt des Zeitalters nicht erschöpfend
". Wie er mit Ranke den Charakter des 16.
Jahrh.s in der Vermischung politischer und religiöser
Interessen sieht, kümmert er sich bei der Gegenreformation
vorzugsweise um die Machtkämpfe und politischen
Auseinandersetzungen, welche durch das konfessionelle
Ringen verursacht wurden. Letzteres führt er
aber nicht wie Gothein und Pastor auf seine geistigen

und organisatorischen Ursachen zurück, sondern nimmt
es als gegeben an und verfolgt es nun in seinen Wirkungen
auf das staatliche und internationale Leben.

Hierbei unterscheidet er sich aber von Maurenbrecher
dadurch, daß er nicht bloß gleich diesem die Gegenreformation
als die von katholischer Seite erhobene
Offensive auf die protestantischen Länder betrachtet,
sondern von zwei aufeinander platzenden Offensiven, der
des nachtridentinischen Katholizismus und des Kalvinismus
, redet. Beiden schreibt er das Streben nach Alleinherrschaft
zu. Offenbar hat bei dieser Abweichung der
verschiedene Ausgangspunkt Maurenbrechers und Platz-
hoffs mitgewirkt. Der erstgenannte Forscher hat zwar
vorzugsweise in Simancas Archivstudien getrieben; aber
er ist zu ihnen durch das Interesse an der deutschen Geschichte
getrieben worden. In letzterer fehlten indes
während der Gegenreformation die Voraussetzungen für
eine tatkräftige evangelische Offensive. Mochten wohl
auch in Deutschland heftige Federkämpfe entbrennen,
so scheiterten doch alle auf protestantischer Seite unternommenen
Versuche, gegen die römische Kirche siegreich
weiter vorzudringen; abgesehen davon, daß neugläubige
Landesobrigkeiten in der Aufrichtung und Befestigung
evangelischer Staatskirchen fortfuhren, kam es
nicht einmal zu einer geschlossenen wirksamen Verteidigung
. Platzhoff hat dagegen seine Studien mit der französischen
Geschichte begonnen. In dieser erreichte der
Protestantismus sowohl machtpolitisch als seinem geistigen
Gehalte nach erst während der zweiten Hälfte des
16. Jahrh.s seinen Höhepunkt, und es wäre durchaus einseitig
, die innere Erneuerung und gesteigerte Tatkraft
des Katholizismus allein in den Vordergrund zu stellen,
zumal in Frankreich lange Zeit hindurch noch die Bedingungen
für den organisatorischen und religiösen Aufschwung
fehlten, welchen die alte Kirche damals in
Deutschland, Italien und Frankreich erlebte. Daß seine
Beschäftigung mit der französischen Geschichte Platzhoff
stark beeinflußt hat, ergibt sich auch aus der
Disposition des Buches. Nicht nur Anfangs- und Schluß-
punkt sind nach Maßgabe der französischen Entwicklung
gewählt, sondern auch die einzelnen Abschnitte ihr
entsprechend gegliedert.

Im Übrigen strebte Platzhoff jedoch, wie er auch
im Vorworte ausdrücklich betont, nach einer möglichst
gleichmäßigen Behandlung des Stoffes für die
einzelnen Zeitabschnitte. Dieses Programm ist jedoch
nicht etwa bloß so erfüllt worden, daß Platzhoff nicht
ein Volk ausführlicher geschildert hat als das andere.
Vielmehr betrachte ich es als einen Hauptvorzug des
Werkes, daß es uns ein lebendiges Bild des inneren Zusammenhangs
zwischen den Vorgängen in den verschiedenen
Ländern enthüllt. Gewiß die unmittelbaren und
in der Darstellung direkt zur Geltung kommenden Beziehungen
waren teilweise noch recht gering. Es fehlten
z. B. die Voraussetzungen für die skandinavischen Politiker
, in die Händel der westeuropäischen Staaten einzugreifen
wie umgekehrt die Angehörigen der letzteren den
schwedischen und dänischen Vorgängen wenig Interesse
entgegenbrachten. Aber dadurch, daß Platzhoff dem
Ganzen eine Schilderung erst der maßgebenden Motive
des gesamten Zeitalters und dann der einzelnen Glieder
des europäischen Staatensystems vorausschickt und daß
er hierauf seinen Stoff zunächst in mehrere große chronologisch
geordnete Abschnitte gliedert und innerhalb
derselben die verschiedenen Staaten behandelt, gewinnt
er die Möglichkeit eines straffen einheitlichen Aufbaus,
der uns nicht nur äußerlich eine gute Übersicht verschafft
, sondern uns auch den örtlich und zeitlich abgewandelten
Einfluß der herrschenden religiösen und politischen
Motive vergegenwärtigt. Hierdurch kommt dem
Leser, auch wo das Bindemittel äußerlich erkennbarer,
fortlaufender, gegenseitiger Einwirkungen mangelt, die
innere Zusammengehörigkeit der Vorgänge in den verschiedenen
Ländern ständig zum Bewußtsein. Außerdem
hat Platzhoff in allen den Fällen, wo solche gegenseitige