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Ausgabe:

1929 Nr. 19

Spalte:

446-451

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stange, Carl

Titel/Untertitel:

Studien zur Theologie Luthers. Bd. 1 1929

Rezensent:

Bauer, Karl

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Theologische Literaturzeitung 1929 Nr. 19.

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rung wohlwollend gegenübergestanden haben. Es wäre nicht ohne I
Wert, dem sehr sorgfältig nachzugehen; möglich, aber ist das nur, w enn
man das Material relativ vollständig beieinander hat. Ferner wird das
allmähliche Eindringen der natürlichen Theologie in die i.ehre der
Kirche (S. 179 ff.) vielleicht besser, als aus den gelehrten dogmatischen
Werken, aus den praktisch-populären Katechismen sich erkennen lassen;
mindestens wird die genauere Kenntnis der Katechismen jenes Kapitel
der Lehrentwicklung fördern.

Für die rationalistische Zeit liegt Schians vortreffliches
Buch vor: „Die Sokratik im Zeitalter der Aufklärung
, 1900"; doch erhebt es selbst nicht den Anspruch
, die Kat.-Oeschichte der Zeit zu erschöpfen. In
die Flut der Katechismen seit der religiösen Erneuerung
wird schon dadurch eine gewisse Verebbung gebracht,
daß die Repristination mancher alten Bücher nachgewiesen
wird (S. 213 ff.). Die zahlreichen Neuerscheinungen
soll man aber nicht gering achten, vielmehr versuchen
, ihrer Unübersehbarkeit Herr zu werden. Sie
zeigen, wie die neueren Richtungen in der Theologie
den Katechismus benutzen, um ihre Lehrmeinungen zu
popularisieren; viel mehr, als man annimmt, verraten
diese kleinen Bücher den Geist der Zeit. Und sie sind
nicht spurlos an den Generationen vorübergegangen,
sondern haben mitgewirkt, die bunte Mannigfaltigkeit
der religiösen Anschauungen zu schaffen, die heute uns
begegnet. Wir stehen an einem Wendepunkte. Die
Schule verweigert vielfach die fernere Mitarbeit am Katechismus
, und die Kirche weiß nicht überall, welchen
Weg sie einschlagen soll. Deshalb ist es Zeit, aus der
Vergangenheit nach Möglichkeit das Resultat zu ziehen.
Reu hat durch sein Buch und seine Forschungen als Autorität
auf dem Gebiet der Kat.-Forschung sich erwiesen.
So möge er die Hand nicht von dem Werke abziehen,
sondern noch hinzufügen, was noch fehlt, so weit durch
Gottes Gnade die Kräfte reichen! —

Mit diesen Erwägungen sind wir schon in das
letzte Kapitel des Reuschen Buches: „Luthers Kat. in
der Gegenwart" eingetreten. Es verläßt hier seinen
internationalen und ökumenischen Charakter und beschränkt
sich wieder ganz auf das Vaterland des Katechismus
: ein Zeichen, daß dieses im Grunde doch als
tonangebend in catecheticis angesehen wird. Andererseits
erweitert das Buch seinen Rahmen, da es nicht
mehr Luthers Kat. allein, sondern Katechismusunterricht,
ja Religionsunterricht überhaupt behandelt. Es setzt mit
den modernen Bestrebungen ein, den Religionsunterricht
der Schule frei von jeder theologischen Beeinflussung zu
halten (Allgem. deutsche Lehrerversammlung 1870; Dr.
W. Fricke, Ist der Religionsunterricht in der Schule eine
pädagogische Notwendigkeit? und vor allem die Denkschrift
der Bremer Lehrerschaft von 1905), und teilt
dann, ganz der Gegenwart Rechnung tragend, zwischen
der Zeit vor und nach 1918; die Zwickauer Thesen und
die Gründung des ev.-luth. Schulvereins bilden die
Grenze; für die neueste Zeit hat Reu, vor allem auf
Schneiders Jahrbuch und die Zeitschrift des Schulvereins
gestützt, mit großem Geschick alles gesammelt, was für
und wider den Kat.- und Religionsunterricht geschrieben,
gesprochen und verfügt worden ist; er untersucht hier
die Gründe, weshalb der Kl. Kat. vielfach in Mißkredit
gekommen, und nennt ihn einen „Märtyrer", der vielfach
„malträtiert" und „seiner ganzen Eigenart widersprechend
behandelt worden ist". Dabei gibt er in kurzen
Zügen sein Verständnis des Kl. Kat.:

.Das erste Hauptstfick lehrt neutestainentliche Sittlichkeit: die sagen,
es führe die Kinder auf einen vorchristlichen Standpunkt zurück, bürden
abermals dem Kat. auf, wofür nur seine Ausleger zu tadeln sind" ; „im
zweiten Hauptstfick ist es in erster Linie der Hausvater oder Katechet,
der sich als verlorener und verdammter Mensch bekennt und seinen
Glauben ausspricht" damit widerlege sich, dal! Luthers Buch eine
Tiefe der Sündenerkenntnis und eine Höhe des Glaubens voraussetze,
die weit über den Erfassungskreis der Kinder hinausgingen; beim dritten
Hauptstück sei zuzugestehen, daß seine Auslegung wegen der Länge
ihrer Sätze und der Fülle von Gedanken, die darin enthalten seien,
nicht immer auf den ersten Blick durchsichtig sei und an den Katecheten
hohe Anforderungen stelle; aber, wenn er die ersten Hauptstücke
gründlich erklärt habe und Luthers Perioden unter Mitwirkung der

Kinder gliedere, so seien die Kinder imstande, das von Luther Gebotene
zu fassen: im vierten und fünften Hauptstfick solle Luther die Theologie
und nicht den einfachen Christenglauben haben reden lassen . . .
aber, wer so rede, vergäße, daß Luther in beiden Hauptstücken die
Frucht und den Segen des Sakraments am stärksten betone, und das
sei gewiß eine Sache fürs Leben. . .

Hier setzt Reu auch mit dem Versuch einer Svste-
matisierung des Kat. sich auseinander und bekennt
Zezschwitz, Steinmeyer und Thieme gegenüber sich zu
Gottschicks These, daß jedes Hauptstück des Kat. das
Ganze der christlichen Wahrheit enthalte, bloß jedes
unter einem besonderen Gesichtspunkt.

Dabei berührt er die wiederholt von D. Joh. Meyer vertretene und
vor allem von D. Aug. Hardcland bestrittene Auffassung, über die auch
in dieser Zeitung schon berichtet ist (vgl. z. B. 1015, Sp. 284), daß
Luther der Gottesfurcht erst unter dem Einfluß der sächsischen Kirchenvisitation
in seiner Kat.-Auslegung eine fundamentale Stellung zugewiesen
habe. Reu stellt in unserm Buche „in der Hauptsache" noch
sich auf Hardelauds Seite, der auf das Bedenkliche in Meyers Aufstellung
hinwies und meinte, dal! letzterer die Bedeutung seiner Entdeckung
in der dritten der Katechismus-Predigt-Reihen von 1528 überschütze
. In der englischen Übersetzimg unseres Buches aber hat Reu
anerkannt, daß unter dem Eindruck von Meyers schon erwähntem Kommentar
er für Meyers Auffassung mehr und mehr gewonnen sei. wenn
er auch noch nicht alle Bedenken für beseitigt halte. Von dieser
Änderung seiner Ansicht geben die von ihm vor dem Erscheinen der
Übersetzung versandten Druckfahnen Kenntnis, von denen oben schon
die Rede war.

Reu schließt sein letztes Kapitel mit einem Wort
über den Religionsunterricht in der modernen „Arbeitsschule
"; er läßt ihre Bestrebungen gelten, wenn das
Altbereclitigte der Lernschule nicht ausgeschaltet werde:
„der Gedanke der Arbeitsschule sei von dem Augenblick
an verkehrt, da er die große Wahrheit verdunkele,
daß im Katechismusunterricht wie im Religionsunterricht
überhaupt Gott im Vordergrunde stehen und der Katechet
der Offenbarer seines uns in Christo geoffenbarten
Herzens und Wesens bleiben müsse, denn nur Gott
könne religiöses Leben wirken und pflegen". Zweifellos
kann die „Arbeitsschule" ganz ähnlichen Gefahren verfallen
, wie sie einst zur Aufkläruiigszeit die neu entdeckte
Sokratik in sich barg.

Noch einmal tritt der ökumenische Charakter unseres
Buches in den ihm beigegebenen 13 Bildtafeln uns
entgegen. Der Entstehungszeit des Klein. Katechismus
sind 4 Tafeln gewidmet: eine Abbildung der Fetzen, die
von der Ausgabe des KI. Kat. auf Tafeln noch übrig
sind, das Titelblatt der ersten niederdeutschen Buchausgabe
, das Titelblatt der Sauermannschen lat. Übersetzung
und das Titelblatt der wichtigen Wittenberger Ausgabe
von 1531, die für alle Folgezeit maßgebend geblieben
ist. Alle anderen Tafeln dienen dem ökumenischen Gedanken
: er tritt in den je zwei Seiten der oft aufgelegten
Polyglottenausgabe des Kat. von Joh. Clajus von 1572
und der 8 sprachigen Ausgabe des Kl. Kat. aus dem 17.
Jahrhundert zu Tage, die die Titelblätter der ältesten
Übersetzungen ins Dänische, Schwedische, Holländische
und Englische gewissermaßen einrahmen (Taf. V—X);
und er zeigt sich in der Wiedergabe der Titelblätter
dreier wichtiger Kat.-Ausgaben vom Missionsfelde (Taf.
XI—XIII).

Der Katechismus hat seine Zeit nicht hinter sich,
sondern vor sich! hat kürzlich D. Dörries in einem Vortrag
zur 400jährigen Gedächtnisfeier des Kat. gesagt.
So hoffen wir, daß Reus Buch der Hinweis auf ein
noch schöneres des Jahres 2029 ist. Gründen aber möge
sich dieses auf Reus umfassende Studien, auf die schon
vorliegenden und auf die, die wir noch von ihm zu erwarten
haben.
Ilfeld a. H. Ferdinand Cohrs.

Stange, Carl: Studien zur Theologie Luthers. Bd. l Gütersloh
: C. Bertelsmann 1928. (VII, 495 S.) gr. 8°.

RM 15-; geb. 17—.

Mit dem charakteristisch gewählten Lutherwort als
Motto: Moriendo fit theologus hat St. eine Reihe seiner
seit reichlich 25 Jahren erschienenen Aufsätze und Ab-