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Ausgabe:

1929 Nr. 19

Spalte:

440-442

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Martin, Alfred von (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Luther in ökumenischer Sicht 1929

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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489

Theologische Literaturzeitung 1929 Nr. 19.

440

stantische Überlieferung gewiesen an ein alt-ehrwürdiges
Buch, wo wir doch nur aus einer immer gegenwärtigen,
schöpferisch freien iustificatio leben. Andererseits macht
gerade dieses Buch uns große Schwierigkeiten, wenn wir
es in seinem sensus literalis nehmen sollen." Diese
Spannung, die in der nachreformatorischen Entwicklung
der Exegese, wie einleuchtend dargetan wird, entweder
von dem wissenschaftlichen oder dem pneumatischen
Verständnis der heiligen Schrift her zu Zwiespältigkeiten
oder künstlichen Synthesen mittels der Allegorie führt,
ist in der Reformation selbst noch durch das Verständnis
des Heils und Heils weges gebunden. Die Lösung
der Not erfordert darum die Besinnung auf das Wesen
der Sache d. h. auf den Charakter des „Wortes" (S. 15).

Entsprechend dem Beziehungsreichtum des gesprochenen
Wortes charakterisiert der Verf. die verschiedenen
Stadien des Bibelverständnisses. Ersteres schließt
vier Sinnbeziehungen ein: es ist Benamung, Ausdruck,
Mitteilung — und zuhöchst diese drei Elemente einschließend
— lebendiges, gemeinschaftstiftendes Zwiegespräch
. Dem analog lassen sich vier Stadien des
Schriftverständnisses unterscheiden. Das erste: die naive
Hinnahme des Bibelwortes; das zweite: die kritische
Auseinandersetzung mit der Bibel. Im dritten wird das
Wort als Ausdruck genommen. Man verhält sich zwar
positiv zum Bibelwort, indem ein Qeistesgehalt in
ihm bejaht wird; aber doch wieder abstrakt, indem
der sensus literalis um des zeitlosen Gehaltes willen
preisgegeben wird. In diesem 3. Stadium befindet sich
nach dem Urteil des Autors fast unsre gesamte Theologie
(S. 19). Das Verhältnis dieser drei Stadien
stellt sich so dar, daß das erste konfliktlos ist. Das
zweite in dem Konflikt das „religiöse" Verständnis dem
„wissenschaftlichen" opfert, das dritte aber die Aussöhnung
beider Arten des Verständnisses anstrebt. Die
Gefahr einer zwiefachen Schrifterklärung ist dabei latent
vorhanden und wird auch nicht „durch eine Darstellung
des hinter dem Wort waltenden schöpferischen Geistes"
behoben. Demgegenüber ist der Schritt aus dem abstrakt
-positiven Schriftverständnis in das konkretpositive
zu fordern. Darunter ist eine Auffassung
der Schrift zu verstehen, die nicht mehr zwischen vergänglicher
Form und bleibendem Gehalt unterscheidet,
vielmehr beide ganz in eins sieht (S. 21). Nur so wird
das Entscheidende am Wort, die lebendige Beziehung
zwischen Sprecher und Hörer — das Zwiegespräch gefaßt
. „Das ist das Geheimnis der Exegese Luthers.
Denn seine Schriftauffassung hängt an der Rechtferti-
gungslehre und die R. F. ist die dogmatische Formel
für das lebendig gegenwärtige Zwiegespräch zwischen
dem richtenden und rettenden Gott einerseits und dem
bußgläubigen Menschen andererseits . . ." Sichtbar wird
diese Korrelation zwischen promissio und fides an der
Bibel (S. 22).

Aus dieser Grundlegung gewinnt der Verf. die Gesichtspunkte
für Abgrenzung und Verknüpfung beider
Sehen des Schriftverständnisses. Das Miteinander von !
scriptura Sacra und testimonium Spiritus sancti in der Art
des Zirkels, wie Holl ihn für Wort und Geist beschrieben
hat, wird zuvörderst nachdrücklich hervorgehoben;
sodann, daß die Autorität der Bibel sich erst in dem
Wechsel von Bibelwort und Geisterfahrung begründet.
Wie wird nun aber das in der Bibel objektivierte Zwiegespräch
zwischen Gott und Mensch aktualisiert? Der
Verf. scheidet scharf zwischen dem, was wissenschaftliches
menschliches Wollen kann und was „pneumatisch
" heißt. Wissenschaftlich nüchterner Sinn und sittlicher
Ernst der Wahrheitsforschung, die wider eigene
Vorurteile dem Buchstaben gegenüber Gehorsam üben,
über den Sprachen hart halten, die Figuren nachzeichnen
, in denen der Geist sich ausspricht — das ist unbedingtes
Erfordernis auf Seite des Menschen — u n d die
invocatio Dei patris luminum, daß er seinen Geist zum
Worte gebe. Dies und nicht mehr. Pneumatisches Verständnis
ist also kein wissenschaftliches Arbeitsziel, sondern
Akt des göttlichen Geistes selbst und gehört damit
zum hohen Beruf der Kirche.

Der Vortrag sucht für eine exakte wissenschaftliche
Bibelauslegung gegen pseudowissenschaftlichen Ersatz,
der sich mit dem Titel „pneumatisch" rechtfertigt, und
für die rechte Auffassung des pneumatischen Bibelverständnisses
, die dem menschlichen Wollen gegenübersteht
, ein klärendes Wort zu sprechen. Wenn ich mir
eine besondere Anregung erlauben darf, so entnehme
ich dem Vortrag die, daß einmal eine Monographie über
„Allegorie", eine Untersuchung über die figurae bei
Luther (cf. S. 9 und 34) und eine vollständige Hermeneutik
geschrieben würde.
Berlin. Theodor Heckel.

Luther in ökumenischer Sicht. Von evangel. u. kathol. Mitarb.
hrsj;. v. Alfred von Martin. Stuttgart: t-'r. Frommann 1929. (III,
266 S.) gr. 8". RM 8—; geb. 10—

Inhalt: Einführung des Herausgebers.

(1) S. Merkte, Gutes an Luther und Übles an seinen Tadlern.

(2) C. Dyrssen, Luther und die christliche Philosophie.

(3) A. V. Müller. Luthers Lehre in ihrem Verhältnis zu Ausrustin und

zur augustinischen Tradition.

(4) N. Söderblom, Luther im Lichte der Ökumenizität.

(5) ./. Albani, Hat Luther mit der Kirche gebrochen ? Brach die Kirche

mit ihm ?

(6) /. w. E. Sommer, War Luther ein Zerstörer der Freiheit der Kirche

oder ihr Bahnbrecher?

(7) J Albani, Luthers „Subjektivismus."

(8) H. Hansen, Luther und die Schwarmgeister.

(9) o. Piper, Vom kirchlichen Wollen der deutschen Reformation.

(10) H. Ehrenberg, Luthers Tafel der Denkformen.

(11) o. Qlinz, Lutherais ökumenische Größe.

(12) F. Heiler, Luthers Bedeutung für die christliche Kirche.

(13) A. Fischer, Was der betende Luther der Christenheit zu sagen hat.

(14) A. Heuling, Das schlichteste Dokument der Ökumenizität Luthers.

(15) N. Hackt, Luthers Evangelismus.

(16) E.Sinz, Der ewige Sinn der Reformation.

(17) r. h. Wallau, Das ökumenische Recht des evangelischen Protests.

(18) A. Bigelmair, Zum Verhältnis Luthers zur deutschen Mystik.

(19) H. H. Ehrler, Luthers Werk und das Schicksal der Christenheit.
Von Büchern.

Nimmt man diesen Sammelband als Beitrag zur
Lutherforschung, so ist man schnell damit fertig. Nur
zwei Beiträge verdienen da Beachtung: A. V. Müller (3)
und A. Bigelmair (18). A. V. Müller kündigt ein
neues Buch über Luther und den mittelalterlichen Augustinismus
an und teilt die These im voraus mit: die
entscheidende theologische Quelle Luthers, mit der er
fast ganz zusammenstimmt, ist die Frühscholastik, voran
der Lombarde und Hugo v. St. Victor. A. B i g e 1 m a i r
gibt eine zusammenfassende Übersicht über die bisher
festgestellten Beziehungen Luthers zur Mystik; obwohl
ihm E. Wolfs Staupitzbuch entgangen ist, eine solide
Arbeit, neue Einsichten freilich nicht bietend. Vielleicht
darf man dann noch S. Merkle (1) nennen; sein Aufsatz
stellt einige freundlichere katholische Urteile über
Luther zusammen, um zu zeigen, daß streng katholische
Gesinnung zur Verdächtigung von Luthers Person sich
nicht getrieben zu fühlen braucht; es ist zu hoffen, daß
er wirklich dazu hilft, solche peinlichen literarischen Erzeugnisse
wie die Denifle's und Grisar's künftig unmöglich
zu machen.

Die übrigen Aufsätze haben mit Lutherforschung
so gut wie nichts zu tun. Sie sind, obwohl alle guten
Willen zeigend, nicht auf die Erkenntnis des geschichtlichen
Luther, sondern auf die Gegenwartsfrage nach
Möglichkeit und Art der Wiedervereinigung oder doch
christlichen Gemeinschaft der Kirchen gerichtet. Sie
sind gewissermaßen eine Reihe von Gutachten über
„Luther in ökumenischer Sicht". Und eine erhebliche
Zahl dieser Gutachten ist mit ziemlich oberflächlicher
Kenntnis der gegenwärtigen Lutherforschung gearbeitet,
theologische Journalistik und nicht theologische Wissenschaft
. Was da möglich ist, illustriere ich gerade an
dem Manne, der noch am gründlichsten gewesen ist und
sicherlich an sich den gehaltreichsten Beitrag geliefert