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Ausgabe:

1929

Spalte:

429-431

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich von

Titel/Untertitel:

Erinnerungen 1848 - 1914. 2., erg. Aufl 1929

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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Theologische Literaturzeitung 1929 Nr. 18.

430

sionistischen Wunschbildern lebt). Im zweiten Teile
untersucht er die realistischen Bestandteile der drei Gedankenkreise
und stellt fest, „daß sie einen theologisch
falschen Realismus an die Stelle des theologisch richtigen
Realismus setzen". Im dritten Teile endlich bietet
er positiv Grundlinien eines „echten theologischen Realismus
der Kirche" dar.

Dieser Aufbau gibt der Schrift im Ganzen große
systematische Geschlossenheit; sie ist etwas ganz andereres
als eine Folge von drei Buchbesprechungen. Allerdings
mußte dabei die Einzel kritik an Geschlossenheit
einbüßen: jeder Autor kommt an zwei und mehr Stellen
vor und wird jeweils nur unter einem bestimmten Gesichtspunkte
, nicht durchgehend kritisiert. Am besten
gelungen scheint mir die Kritik an E. Stange. Seiner
Rede vom „engeren Kreis der gläubigen Gemeinde" und
der Empfehlung des Distanzgefühls „gegenüber der
Welt ringsum" setzt Fr. die lutherische Rechtfertigungslehre
entgegen: „man kann nicht gruppenmäßig auseinandernehmen
diejenigen, die reine Subjekte kirchlichen
Handelns wären, und die anderen, die als bloße
Objekte zu gelten hätten". „Für die Theologie von der
Kirche ist es wesentlich, daß sie die grenzenlose Solidarität
der Rettung, d. h. die potentielle, allgemeine
Christlichkeit des Menschengeschlechts versteht" (41).
Damit soll die Frage, ob man nicht in unserer Volkskirche
dienende Kerngemeinden schaffen müsse, nicht
verneint werden. Aber solche organisatorisch erfaßbare
Kerngemeinde darf nicht in eins gesetzt werden mit dem
corpus Christi. Fr. hat sicher darin recht, daß E. Stan-
ges Gedanken hier mehr vom Pietismus als von der
Reformation beeinflußt sind (in noch höherem Maße
gilt das übrigens von Paul Ie Seurs Schrift „Die Meisterfrage
beim Aufbau der evang. Kirche" 1924). Am
meisten Wünsche läßt die Kritik Petersons übrig. Was
sie bietet, ist vortrefflich. Aber es fehlt das Eingehen
auf die am meisten „verführerische" S. 17 bei Peterson,
auf die Forderungen des apostolischen Kirchenrechtes
und der Lehrautorität der Kirche; Fricks Anm. 22 reicht
hier, wenn doch sein Vortrag der Pfarrerwelt dienen
will, nicht aus. Im Ganzen aber bedeutet seine klare
und kraftvolle, aus wahrhaft theologischer Tiefe kommende
Kritik an den drei Büchern eine wirkliche Förderung
der Kirchendebatte.

Der positive Schlußabschnitt betont stark, daß man
das Wesen der Kirche zunächst in Beziehung zu Gott
auffassen müsse. „Das Herz der Kirche schlägt in der
Anbetung Gottes, was inhaltlich zusammenfallen muß
mit dem Warten auf das Kommen Christi" (38). „Anbetuno
" bezeichnet sowohl eine Gesamthaltung des
Lebens wie einen dafür kennzeichnenden Einzelakt, nämlich
den Kultus. Hiernach erst kommt Fr. auf die
Kirche, soweit sie ein Verhältnis der Menschen zu einander
begründet, zu sprechen; hier ergibt sich ein Doppeltes
: die Kirche ist Bruderschaft und sie hat das Wort
vom Kreuz an die Welt — zu der wir alle gehören —
auszurichten als Wort- und Tatzeichen des kommenden
Reiches. Eine Würdigung dieser Gedanken ist bei dem
nur andeutenden Charakter des letzten Teiles schwierig.
Man darf hoffen, daß der Verf. seine Kirchenidee bald
ausführlicher darstellt.

Der Wille zur Form hat auf S. 42f. zu dem Wortspiel „Einspruch"
„Zuspruch", „Anspruch" geführt, das den Gedanken eher unklar als
klar macht und künstlich wirkt. — Auf S. 46 erscheinen Tolstoj und
Gandhi als Gestalten „ur-christlichen Gepräges". Man darf hoffen, dal!
der Vf., der sonst so erfreulich enist in Luthers Schule geht, auch an
diesem Punkte noch lutherisch werden wird. Was hat — um nur dies
Eine zu fragen — Tolstojs pantheistischer, alle Distanzen auflösender
Liebesgedanke mit der Bergpredigt zu tun ? — S. 39 oben und der
Schiuli von Anm. 44 sind Dublette. Druckfehler: S. 38, Z. 2 v u. lies
„Bedenkliches" statt „Unbedenkliches".

Erlangen. >'. A 11 h a u s.

von Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich: Erinnerungen

1848—1914. 2., erg. Aufl. (4.-5. Tsd.) Leipzig: K. F. Koehler.
(326 S. m. 4 Taf.) 8". RM 6-; I.wd. 10—.

I. Kindheit Mariowitz, 22. XII. 48—Ostern 1862 (Die Heimat.
Das Elternhaus). — II. Schülerjahre P/orte, Ostern 1862—9. IX. 67.

— III. S tu de n tenj a h re Bonn, Oktober 1S67—August 1869: Berlin,
Oktober 1869—14. VII. 70. — IV. Krieg 20. VII. 70—20. VII. 7l!

— V. Intermezzo, Sommer 1871—Sommer 1872. — VI. Wan-
derjahre (Italien, üriechtnland, Italien; August 1872 —Februar 1873).

— VII. Privatdozent Berlin, Herbst 1874—Ostern 1876. — VIII.
Greifswald Ostern 1876 August 18S3. — IX. G ö 11 i n ge n Herbst
1883—März 1897. — X. Berlin. Seit Ostern 1897.

Schon der Titel zeigt dem, der Stilgefühl hat,
worauf es W. ankommt und nicht ankommt. Er oibt
keine Geschichte seines Lebens und keine Geschichte
seiner Werke. Was sich von Freud und Leid des eignen
Lebens und was sich vom eignen Wachsen und Werden

: in dem Buche spiegelt, ist nur eine Nebenfrucht. Die
Hauptsache ist ihm, das Stück Vergangenheit zu schildern
, an Zuständen und an Menschen, das in seiner
eigenen Erinnerung lebt. Die Gabe des Schauens und
Schilderns, die in W.s Werken jedem Leser eindringlich
wird, der Sinn für das Ganze des Lebens, der ihn auch
im Kleinen und Zuständlichen die Verflechtung mit dem
Großen und Bedeutenden sehen lehrt, gibt nun auch
diesen Erinnerungen das Bildhafte und macht sie zugleich
zu einem Spiegel eines großen Stücks deutscher
Geschichte aus dem mit dem Weltkrieg abgeschlossenen
Jahrhundert. Und damit ist doch auch in ihnen das
Pathos geeint, das den Menschen als den belebenden
Mittelpunkt der Welt versteht und ihn unerbittlich —
einfach dadurch, daß er geschaut wird in seinem Verhältnis
zu seiner Welt — an zugleich auf sein besonderes
Werk bezogenen individuellen und sehr hochgespannten
Maßstäben mißt. Soweit die eigne Person in
Frage kommt, wird sie mit der gleichen Sachlichkeit
und der gleichen Unerbittlichkeit behandelt; W. spricht
z. B. fast nur von solchen eigenen Schriften, denen
gegenüber in irgendeinem Sinne sich zu distanziieren er
das Bedürfnis hat.

Fast überall entstehen ihm so unvergeßliche Bilder.
Wie er das väterliche Gut Markowitz Kr. Inowrazlaw
| Hohensalza j schildert und hineinstellt in die kujawische

| Landschaft und in die Geschichte unsrer verlorenen

| Ostmark während dreier Menschenalter, das hat in allein
Tatsächlichen den Wert eines geschichtlichen Dokuments
, und die damit zwanglos verbundenen weiten Ausblicke
und Urteile sind auch für den, der z. T. anders
denkt, verläßliches Zeugnis für die Stimmungen und
Meinungen des von aller politischen Engherzigkeit
freien ostmärkischen Adels. Eine so anschauliche Schilderung
Schulpfortas (um die von W. getadelte herge-

; brachte Mischform zu gebrauchen) gibt es sonst kaum:
gerade weil hier der Ausblick auf die Gegenwart
hin die ganze Frage der humanistischen Bildung mit aufrollt
und von Schulpforta die Verbindungslinie zu den
eignen Schul- und Bildungsidealen W.s hinüberzieht, ist
die Darstellung so lehrreich geworden, und bekommen
die Bilder der alten Lehrer, mit unbarmherzigen Strichen
charakteristisch gezeichnet und doch Liebe und Dankbarkeit
in jedem Worte atmend, ihre Eindruckskraft. In
der Darstellung des Krieges 1870,71 fällt einem auf,
wie doch damals ein einfacher, ganz unter den Mannschaften
lebender Kriegsfreiwilliger noch, wenn er nur
Schärfe der Beobachtung und weiten Sinn besaß, in
seinen eignen konkreten Erlebnissen den ganzen großen
Gang der Dinge anschaulich sich spiegeln sah; nicht
ohne Absicht sind gerade die Erlebnisse, die das Verhältnis
des deutschen Soldaten zur französischen Zivilbevölkerung
malen, besonders genau bis ins Einzelne
wiedergegeben. Aber das Bedeutendste an dem Buche
ist doch, wie aus den Erinnerungen an die Studenten-
imd Professorenzeit eine Geschichte des deutschen
philologischen Universitätsunterrichts uud ein scharfes
Bild des verschiedenen Gesichts einiger deutscher Universitäten
durch verschiedene Alter hindurch überall
mit aus kleinen Zügen zusammengesetzten lebendigen
Porträts, erwächst, und wie die Schilderung der Auslandsreisen
fast unwillkürlich ein Bild vom Werden vor