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Ausgabe:

1929 Nr. 18

Spalte:

426-428

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gogarten, Friedrich

Titel/Untertitel:

Die Schuld der Kirche gegen die Welt 1929

Rezensent:

Althaus, Paul

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4-25

Theologische Literaturzeitung 1929 Nr. 18.

426

Zeit und Time Stunde verwechselt werden (beides Küte-
mever S. 314), passieren doch bei Schaeder nicht. Auch
im Titel z. B. hat er die Verballhornung Kütemevers,
„Über den" in „der" zu verwandeln, glücklich vermieden
. Freilich zeigen Schaeder's Freiheiten nicht allzuselten
Mangel an letztem Gefühl für die Nuance; und
da und dort passiert ihm auch ein Fehler. Im Ganzen
hält er doch ein Niveau, das von Kütemever nicht erreicht
wird.

Es versteht sich von selbst, daß ich nach Stichproben
geurteilt habe, und daß ich für diese Stichproben
aus der von mir bis ins Kleinste vertrauten Schrift
Kierkegaard's besonders schwierige Partien gewählt
habe.

Göttingen. E. Hirsch.

Kraus, Prof. Dr. Oskar: Albert Schweitzer. Sein Werk u. seine
Weltanschauung. Mit 27 Bildern u. e. Faks. 2., venu. Aufl. Berlin:
Pan-Verl. 1929. (III, 78 S.) 4°. RM 6.50; geb. 8—.

Die in 2. Auflage vorliegende Abhandlung ist zuerst
im Jahrbuch für Charakterologie 1926 erschienen;
nachher als Sonderausgabe. Sie stellt einen sehr ernst
zu nehmenden Versuch dar, die Gesamterscheinung Albert
Schweitzers soweit zu ergründen, als wissenschaftlich
forschendes Eindringen das vermag. Dabei berücksichtigt
Kr. alle Seiten des Phänomens: sowohl das
praktische Handeln wie die Denkarbeit; diese letztere
wieder in allen Zweigen: die theologische, philosophische
, musikwissenschaftliche Leistung. Auch der Verknüpfung
von praktischer und theoretischer Leistung
geht Kr. nach, um so zu einer Gesamtwürdigung der Bedeutung
Schw.s zu kommen. Dabei findet die Missionstätigkeit
eine sehr entsprechende und ansprechende Beachtung
. Ausgezeichnete Abbildungen in reicher Zahl helfen
der Darstellung. Kr. hat innerlich ein nahes Verhältnis zu
Schw., der ihm geradezu zum charakterologischen Problem
geworden ist. Man spürt auf jeder Seite, mit wie
großer Liebe er seinen Gegenstand umfaßt. Dabei verfällt
er nicht in den Fehler kritikloser Verherrlichung,
obwohl hohe Achtung vor dem Mann und dem Denker
ihm die Feder führt. Die Absicht ist aber auch nicht
kritische Auseinandersetzung, sondern die einer untersuchenden
Darstellung auf grund psychologischer Forschung
. Dabei kann es den Theologen nur angenehm
berühren, daß das, was wir die christliche Persönlichkeit
Schw.s nennen würden, mit feiner Einfühlung, aber
ganz ohne die übliche theologische Terminologie beschrieben
wird. Es liegt in der Einstellung des Verf.s
begründet, daß die historisch-theologischen Fragen mehr
beiseite geschoben, die philosophischen aber, auch die
philosophisch-theologischen scharf angefaßt werden.
Zwischen dem Verf. des Buchs „Von Reimarus zu
Wrede" und dem Arzt im Urwald, der dein Farbigen
erzählt, daß Jesus ihn gesandt habe, liegen ja doch
gewaltige Zwischenräume. Kr. kommt auf die hier entstehenden
Fragen dort zu sprechen, wo er von Schw.s
Auffassuno- der Weltanschauung Jesu handelt: sie ist
ethisch und optimistisch zugleich; aber auch dort, wo er
von Schw.s Mvstik redet. Ob es glücklich ist, wenn Kr.
diesen viel umstrittenen Begriff hier benützt, soll nicht
untersucht sein. Er nennt Kant den Bahnbrecher für
die mystisch-spekulative Epoche der deutschen Philosophie
(S. 61 f.), für die Romantiker usw. Darin werden
ihm nicht alle folgen. Auch die Anwendung des
Begriffs auf Schw. scheint mir schweren Bedenken zu
unterliegen. Aber von dem Inhalt des Wortes aus, den
Kr. voraussetzt, werden jene Gedanken allerdings verständlich
. „Die skeptische Hemmung des metaphysischen
Bedürfnisses bricht sich in der affektbetonten
Mvstik Bahn" (S. 62). Hier handelt es sich eben um
den religiösen Menschen. Die hieher gehörenden
Untersuchungen sind gerade für denjenigen bemerkenswert
, der Schw.s Kulturethik mit ihrer Grundlegung im
Gedächtnis hat. — Die 2. Auflage kann eine Beigabe
besonderer Art bringen. Schw. hat Kr. gegenüber brieflich
zur 1. Aufl. Stellung genommen; Kr. macht davon
in einem ausführlichen Nachwort Mitteilung. Dabei ist
besonders bemerkenswert, daß Schw. gerade in puncto
Irrationalismus widerspricht. „Ich will sein der, der den
Rationalismus zu Ende denkt." Jenen Satz von der
affektbetonten Mystik erkennt Schw. in gewissem Grad
an; jedoch habe er die Ethik nicht als Affekt, sondern
als logische Notwendigkeit erlebt. Es bleiben auch hier
Fragen zu lösen, die in die Tiefe gehen. — Kr. verdient
für sein — übrigens vorzüglich ausgestattetes — Buch
großen Dank.
Breslau. M. Schi an.

Gogarten, Friedrich: Die Schuld der Kirche gegen die

' Welt. l.u. 2. Tsd. Jena: E. Diederichs 1928. (40 S.) 8". RM 1.40.
Die eigentliche Not der Welt besteht darin, daß
sich alle Ordnungen, ohne die sie doch nicht leben
I kann, auflösen. Die Kirche ist für die Welt verantwortlich
. Sie muß ihr zu der Erkenntnis der großen natürlichen
Ordnungen des Lebens zurückhelfen, und zwar
j durch ihre Theologie. Stattdessen sucht sie ihre Ver-
; pflichtung gegen die Welt in falscher Richtung, wie
• Stockholm, Lausanne, die Forderungen eines evangelischen
Sozial- und Kulturprogramms zeigen. Die Kirche
| ist auch zur Erfüllung ihrer eigentlichen Aufgabe an
< der Welt unfähig geworden, dadurch daß sie sich in
; ihrer Theologie dem Einflüsse der deutschen idealistischen
Philosophie hingab. Die Philosophie der Innerlichkeit
verstärkte in der Theologie die seit dem IS.
Jahrh. begonnene „Privatisierung des Glaubens". Die
Philosophie der Freiheit und Persönlichkeit verstand
die Ordnungen der Welt als Ausdruck des schöpferischen
Ich. Darin folgte die Theologie ihr und wurde
I infolgedessen hilflos gegenüber den schweren Fragen
! der Sozialethik. Soll die Kirche ihre Schuldigkeit gegen
' die Welt erfüllen, so muß die Theologie den rechten
Glauben an die Schöpfung wieder finden und lehren,
i Rechter Schöpfungsglaube bedeutet aber: Gott hat den
j Menschen als einen Gebundenen, d. h. in einen bestimmten
Stand hineingeschaffen. Was der Mensch in diesem
Stande ist, ist er immer für einen anderen, also in der
1 Zweiheit, in der verantwortlichen Bindung an den anderen
. In ihr allein hat er sein Leben. So gibt es auch
I nur die Sünde, die einer in seinem Stande seinem Nächsten
gegenüber tut. In dem Stande soll der Mensch
! nicht nur Gottes Willen tun, sondern er k a n n es auch,
trotz seiner Sünde. „Denn das was wirklich ein Stand
j ist, das ist so geordnet, daß alles, was ein Mensch in
ihm tut, dem Anderen zunütze geschieht.." (35). Als
j unser Tun bleibt es sündig, der Rechtfertigung immer
bedürftig; als Werk in dem von Gottes Schöpferwillen
gesetzten Stand ist es — so weiß der Erlösungsglaube
— Gott wohlgefällig, ja heilig. Hat die Kirche das
alles wieder eingesehen, dann kann sie ihre Sendung
erfüllen: die Welt von den idealistischen Trugbildern
; zu der vernünftigen, unideologischen, nüchternen Erkenntnis
der Lebensordnungen in ihrer Gegebenheit zurückzuführen
. Die Kirche muß also um ihres Dienstes
an der Welt willen die Theologie und die theologischen
Fragen unter Hintansetzung alles anderen endlich wieder
ernstnehmen. Es ist ihre Schicksalsfrage, ob die
„fürchterliche Unterschätzung der Theologie," die in der
Kirche immer mehr um sich greift", aufhört oder nicht.

Soweit Gogarten. Mit seinem ernsten Rufe zur
theologischen Besinnung der Kirche, mit seiner Grund-
these, der Erneuerung der lutherischen Lehre von den
schöpfungsmäßigen Ständen sagt er ein in der gegenwärtigen
Lage nötiges und wichtiges Wort. Auch ich
glaube, daß die Kirche in der heutigen Wirrnis nichts
Dringenderes zu tun hat, als die von Gott gesetzten
Ordnungen des Lebens aufs Neue zum Verständnis zu
bringen. Freilich ist diese Aufgabe bisher doch wohl
nicht so verkannt und vernachlässigt worden wie es
bei Gogarten erscheint. Darf man der neueren Theologie
wirklich im Ganzen vorwerfen, daß sie dem Gewicht