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Ausgabe:

1929 Nr. 1

Spalte:

372-375

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Internationale kirchliche Zeitschrift. N. F. 12. - 18. Jahrg., 1922 - 1928 1929

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

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Theologische Literaturzeitung 1929 Nr. 15/16.

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schaulicher Form die Männer charakterisiert und mit
gut gewählten Zitaten die Ideen vorführt, die bis an
den Umsturz von 1917 heran Rußlands „Geistesleben"
beherrschten. Ich habe den Vortrag, dem eine Fülle
Einzelbelege (wenn auch nur mit äußerlicher Quellenangabe
) beigefügt ist, sehr gern und mit Nutzen gelesen,
wiewohl er kaum eigentlich Neues bietet. Lieb schildert
recht gut die verschiedenen „Standpunkte" in ihrem
Gegensatz und ihrer Gleichheit. Ich kann das Schriftchen
jedem empfehlen, der sich über die Stellung der
Denker in Rußland zum „westeuropäischen" Kirchen-
und Staatstum, insonderheit zu den Hauptweltanschauungsformen
, die bei „uns" wirksam waren (und sind:
römischer Katholizismus, deutscher Protestantismus,
idealistische Philosophie, Romantik, Demokratie, Marxismus
), orientieren will; ich habe keinen Punkt gefunden,
wo ich widersprechen müßte, eher den einen und andern,
wo sich „mehr" sagen ließe, Männer übergangen sind,
die noch recht bedeutsam heißen müssen. Aber ein Vortrag
muß sich beschränken. In jeder Beziehung ist der
„Westen" das Schicksal für Rußland geworden. Zuerst
fühlte man sich fast wehrlos ihm gegenüber. Dann trat
immer mehr ein nur allzu hoher Nationalismus und eine
Art von kirchlichem Hochmut mit hervor. Beklommenheit
blieb genug nach, wurde nur meist nach Möglichkeit
verhehlt. Der Russe ist von Natur zum Radikalismus,
ich möchte sagen: bestimmt, er übertreibt alles, die
Devotion und die Opposition. Die entsetzliche Grausamkeit
der Bolschewiken ist im Umschlag der „Gewalt
" der russischen Psyche gemäß. Edele Naturen,
die nicht selten sind, übertreiben ihre „Begeisterung" für
ihr Ideal in abstrakter Konsequenzmacherei. Geschichts-
kenntnisse zeigt kaum einer der Denker, die eine
Geschichts p h i 1 o s o p h i e entwickeln. Intelligenz ist
reichlich vorhanden. Excentrisches Hoffen, zum Teil
eschatologischer Art, trägt mehr als einen, der sich gern
etwas prophetenhaft gebenden Männer (vereinzelt haben
sie selbst den wirklichen Umsturz geahnt). Bei
schärferem Zusehen zeigen sich gewisse Unterschiede
zwischen dem Großrussen (dem Russen von Moskau,
der finnischen und tatarischen Einschlag hat) und dem
Kleinrussen. Darauf ist bisher vielleicht noch nicht genügend
geachtet; der Großrusse überwiegt. Der russische
Fromme ist eo ipso (Sakraments-)M y s t i k e r ,
nimmt aus der Dogmatik Stichworte, deren Sinn er sich
„zurechtlegt". Er träumt von einer Mission des russischen
Volks für die Christenheit, die diese erst zur
Vollendung bringen werde. Auf der Kehrseite träumt
der Bolschewismus ja auch von „W e 11 revolution",
die er zum Siege bringen werde; er will das Christentum
ertöten, die Kirche, die „himmlische Schnapsbude"
(Bakunin) kurzweg beseitigen, am liebsten durch Hohn
und Verspottung.

Die Männer, die Lieb kennzeichnet, sind die folgenden
. An der Spitze steht T s c h a a d a j e w (1794 bis
1856). Er ist der Bahnbrecher der Bewegung der Geister
in Rußland, das „geschichtliche", das „byzantinische
" Rußland erschien ihm als ein „kulturelles
Nichts", er hoffte zuerst — hernach wurde er mehr
zurückhaltend — nur etwas von „Rom": der Protestantismus
dünkte ihm so tot, wie die eigene Kirche. Lieb
benutzt überwiegend seine Briefe. Öffentlich war er
„vorsichtig": Der Terror unter Nikolaus I. macht das
begreiflich. Die Probleme, die er aufwarf, sind von den
„Slawophilen", oder „Westlern", erst wirklich entwickelt
worden: sie sind es, die anfingen von der „russischen
Erde" wie einem Heiligtum zu reden, vom russischen
Volk in seiner Einfachheit, Zurückgebliebenheit, aber
auch „Unverbrauchtheit" zu schwärmen, die orthodoxe
Kirche als die Seele der Christenheit zu feiern. Erster
spezifischer Träger der Slawophilie war Kirejews-
kij (1806—1855). Er zeigt sich dem Westen gegenüber
verständnisvoller als Tschaadajew, war der Bahnbrecher
für die deutsche Philosophie in Rußland. Durch
ihn ist Sendling (der „spätere") so wichtig hier geworden
, wie es der Fall gewesen und im Grunde nicht
verwundern kann. Chomjakow (1804—1860) ist es
dann, der vollends von Rußlands '„Mission" und der
unvergleichlichen Hoheit seiner, der Ostkirche, zu orakeln
beginnt. Lieb wendet sich dann noch besonders
Solowjew (1853—1900) zu, den auch ich für den
feinsten, innerlichsten, in seinem Denken beachtlichsten
ansehe (siehe meine Berichterstattung über seine ins
Deutsche übersetzten „Ausgewählten Werke" 2 Bde.,
Th. Litz. 1915, Nr. 16/17, Sp. 378—81 und 1918, Nr.

i 2/3, Sp. 39—44). Zuletzt handelt Lieb von Berdja-
jew, der jetzt als russischer Flüchtling in Prag lebt
und von dem Bubnoff und Ehrenberg (s. oben) schon
eine Schrift in Übersetzung zugänglich gemacht; Lieb
konnte weitere neuerdings übersetzte Werke von ihm
benutzen. Was Lieb in seinem Vortrag bietet, kann den

! Wunsch wecken, weiteres Spezielle über die geistige Bewegung
in Rußland, die in den bolschewistischen
Schrecknissen ihr vorläufiges geschichtliches oder prak-

j tisches Ergebnis gezeigt hat, zu erfahren. Natürlich

i berührt Lieb auch die Häupter der marxistischen
Bewegung. In einem Vortrag konnte er ja wohl nicht
noch auf sie genauer sich einlassen. Ich empfinde es

i doch als den Hauptmangel, daß er nicht wenigstens
Bakunin (von ihm stammt, wie ich bei Masaryk erfuhr
, der Parteiname „Sozialdemokratie"), oder aber
Herzen (und damit den Einfluß des Judentums auf
das moderne Rußland), ebenso behandelt wie die fünf
„Größen", die ich genannt. Lieb nennt längst nicht alle

I beachtlichen Männer. Auch er, wie Masaryk, übergeht
die Dichter, streift selbst Dostojewski nur (dem
Masaryk zwei weitere Bände widmen wollte!). Aber
die „Denker", die er ernstlich schildert, sind für die
eine, die „positive" Linie der russischen Geistesentwicklung
im letzten zaristischen Jahrhundert in der Tat als

: die Spitzenführer anzusehen. So ist der Vortrag doch nur
mit Dank aufzunehmen.

Halle a. S. F. Kattenbusch.

, Internationale ^kirchliche Zeitschrift. Neue Folge der „Revue
internationale de theologie". 12. —18. Jahrg., 1922 — 1928. Bern:
Stämpfli & Co.

Die jetzt sich so bezeichnende Zeitschrift macht in
jedem Heft darauf aufmerksam, daß sie die Fortsetzung
ist der im Jahre 1892 vom internationalen Altkatholiken-
I kongreß in Luzern gegründeten „Revue internationale
! de Theologie", die der Professor der altkatholischen
theologischen Fakultät zu Bern Michaud lei-
1 tete. Sie ist 1910 an die Stelle jenes älteren Organs
1 getreten und nennt sich eigens „Neue Folge" desselben.
I Ich habe in dieser Zeitschrift ihr 1922, S. 475 f. mit
Blick auf den „11. Jahrgang" eine schildernde Besprechung
gewidmet. Was mich seither gehindert hat,
von ihr des weiteren Bericht zu erstatten, ist zufälliger
i Natur gewesen. Gern ergreife ich doch endlich mal
wieder das Wort, um auf sie mit dem Nachdruck hinzuweisen
, den sie verdient. Sie ist in ihrer jetzigen Haltung
spezifischer auf die kirchlichen Fragen eingestellt
, von denen der Altkatholizismus erfüllt oder
bewegt ist, als in der älteren Form, jedoch nicht so,,
daß ihr das Interesse an der Theologie der Zeit
abhanden gekommen wäre. Immer noch bringt sie manche
wertvolle theologische Untersuchung. So von dem
bekannten Münchener Gelehrten (ehemals Braunsberger
Professor) Hugo Koch. Ich nenne die Aufsätze
„Kirche und Auserwählung beim hl. Cyprian", 12.
Jahrg., 1922, S. 44—71 (ein „Anhang" mit zwei „Zusätzen
" gehört dazu: eine Untersuchung, ob Cyprian
ein Fegefeuer kenne. K. widerlegt es B. Posch-
' mann gegenüber [G. Anrieh hat schon 1902 be-
| wiesen, daß Clemens von Alexandrien und Origenes die
| Begründer der Lehre vom Fegefeuer sind, aber diese
„Lehre" hat sich keineswegs sofort durchgesetzt]), fer-
j ner „Die karthagische Ketzertaufsynode vom 1. Septem-
i ber 256. Zugleich ein Beitrag zur Primatsfrage", 13.