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Ausgabe:

1929 Nr. 1

Spalte:

366-370

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rehm, Walther

Titel/Untertitel:

Der Todesgedanke in der deutschen Dichtung vom Mittelalter bis zur Romantik 1929

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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Theologische Literaturzeitung 1929 Nr. 15/16.

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aus Gottes Alleinwirksamkeit entziehen kann) zugeben,
daß Luther diese äußerste Spitze des Gedankens hier
oder irgendwo ausgesprochen hat. Die Erklärung dafür
(soweit es eine gibt) sehe ich in einem Momente
an Luthers Aussagen über Gott, das mir seit langen
Jahren ein entscheidender Gesichtspunkt beim Verständnis
Luthers ist und von Lj. selbst an einer früheren
glänzenden Stelle seines Buchs (S. 168 ff.) ähnlich entwickelt
worden ist: Luther hat begriffen, daß unsre
Aussagen über den ewigen Gott und die über den in
die Geschichte eingehenden und ihre Gegensätze wirkenden
Gott antinomisch zueinander stehen. Gewiß sind
die Aussagen über Gott in der zweiten Rücksicht nur
Durchführung dessen, daß ein ewiger mit sich einiger
Wille alles Geschehen wirkt und zu seinem Ziele führt;
aber sie führen diesen Gedanken durch an den vorgefundenen
und wahrgenommenen Gegensätzen des geschichtlichen
Lebens, sie müssen darum Gott als den
wunderlichen beschreiben, der auch in seinem Widerspiel
ist. Eben darum aber ist es bei diesem zweiten
Gedankenkreise möglich, die Alleinwirksamkeit des heiligen
und mit innerer Notwendigkeit nichts als Gutes
schaffenden Gottes auch gegenüber der Sünde zu bejahen
, ohne sich über den Ursprung des Widerspiels
Rechenschaft geben zu müssen. Die Überschreitung
dieser Grenzlinie hätte bei Luther den Übergang von
der Wahrnehmung zur Spekulation bedeutet und damit
auch das Geheimnis des deus absconditus verletzt. Diese
eigentümliche „Schainhaftigkeit" des Denkens Luthers
(ich habe kein andres Wort dafür) finde ich auch in
de servo arbitrio gewahrt.

Natürlich kann eine solche Besprechung nur ein
annäherndes Bild von der Gedankenarbeit des Buches
geben. Soviel ist doch wohl klar geworden, daß hier
ein entschlossenes und in sich klares Denken mit den
letzten und schwersten Fragen der Lutherforschung gerungen
hat aus eignem lebendigen Sinnen heraus und
doch mit verstehender Hingabe und darum auch mit
der Kraft zu ernsthaft eindringender Deutung. —

II. Die Studie von Nojgaard ist ausgezeichnet
durch die peinliche Genauigkeit ihrer Induktion. Jedem
der Abschnitte in der Zeit bis 1522, die sie bildet,
ist ein Paragraph mit genauer Übersicht über die Quellen
vorangestellt. Diese Paragraphen bilden zusammen
eine vollständige Übersicht über alles was von Luthers
Produktion bis 1522 erhalten ist, und über sämtliche
sich an die einzelnen Stücke knüpfenden literarkriti-
schen Fragen (mit Übersicht über die Literatur, auch
über die in deii gelehrten Zeitschriften zerstreuten Aufsätze
). Diese Übersicht ist um so wertvoller, als sie
die Diskussion in einigen Punkten, z. B. hinsichtlich der
Parallelismen in den erhaltenen Bruchstücken und hinsichtlich
des Datums einiger Predigten, zu fördern weiß.

Was so von der Beschaffung der Unterlagen der
Arbeit gilt, gilt auch von der Arbeit selbst. Für jeden
der gebildeten kleinen zeitlichen Abschnitte liegt eine
genaue und umfassende Sammlung der einzelnen Äußerungen
zu Grunde. Diese Äußerungen werden dann zu
Gruppen zusammengeschlossen. Es kommt dem Verf.
also darauf an, ein möglichst jeden einzelnen Zug
scharf erfassendes Bild zu entwerfen. Das ist ihm auch
insofern gelungen, als alle seine einzelnen Beobachtungen
als einzelne verläßlich sind und ihm für sein
Thema Wesentliches nicht entgangen ist.

Die Frage ist nun, wieweit es ihm gelungen ist,
zu einer wirklichen Gesamtauffassung auf diesem Wege
vorzustoßen. Das Ziel darauf zu hat er fest im Auge
behalten: es liegt ihm daran, alle einzelnen Beobachtungen
einer Werdegeschichte des eigentümlichen lutherischen
Begriffs von der Sünde zusammenzuschließen.
Diese Werdegeschichte läßt sich nach ihm verstehen
positiv als eine zunehmende Klärung des in Luthers
eigner Erfahrung gesetzten eigentümlichen Ansatzes zu
einem neuen Begriff der Sünde, negativ als fortschreitende
Herausarbeitung des (der Sache nach von Anfang

I an bestehenden, aber nicht von Anfang an erkannten)
j Gegensatzes zur Scholastik. In dieser Allgemeinheit
i ausgesprochen ist die These sicherlich richtig; und es
sind nicht wenige einzelne Beobachtungen, die sich ihr
eingliedern. Bei der konkreten Durchführung ergibt sich
I doch m. E. eine starke Unterschätzung der ersten Anfänge
nach dem Maße der in ihnen steckenden theologischen
Besinnung und Folgerichtigkeit. Manches einzelne
Urteil wäre dem Verf. anders ausgefallen, wenn
er die weiteren Zusammenhänge und Beziehungen des
; Sündenbegriffs, vor allem seine Korrelation zum Christusglauben
, systematisch und grundsätzlich in die Betrachtung
hineingezogen hätte, statt nur gelegentlich auf
| sie zurückzugreifen. D. h. das Thema ist, was die Kehr-
1 seite der Gewissenhaftigkeit der Einzelarbeit ist, viel zu
stark isoliert.

Gleichwohl nun aber ist das ganze Buch von einem
eigentümlichen und tiefen Grundgedanken getragen,
! der freilich bei Lj. nicht fehlt, aber in dieser Schärfe
| m. W. noch nirgends betont ist und tatsächlich ein
; für Luthers Sündenbegriff sehr charakteristisches
Moment trifft. Das ist nun die in ihm vollzogene
eigentümliche Verbindung von erfahrungsmäßigen
und übererfahrungsmäßigen Aussagen. Der Sünden-
■ begriff teilt darin die Eigenart aller Glaubenserkennt-
nis nach Luther, und diese findet N. am feinsten aus-
i gesprochen in den paradoxen Sätzen vom Auge außer
| uns und in uns W. A. I 100 (Predigt vom 11. XI.
1516). Nach der einen Seite hin entwickelt Luther
(und mit immer zunehmender Deutlichkeit) das Wesen
der Sünde in psychologischen, d. h. an die Selbster-
l kenntnis appellierenden Begriffen. Nach der andern ist
er sich bewußt, daß unsre Sünde etwas Unergründliches
und Unerkennbares für uns hat, um das sich alle psveho-
logischen Verdeutlichungen wie um einen verborgenen
Punkt herum bewegen. Dieser verborgene Punkt ist,
daß Sündenerkenntnis nur im Glauben, nur als Wirkung
[ des heiligen Geistes wahr und echt sein kann; nur so
l ist sie auf den göttlichen und nicht auf irgend einen
subjektiv - menschlichen Maßstab bezogen. Sündenerkenntnis
wird innere Erfahrung also gerade dadurch,
! daß alle unsre innere Erfahrung unter eine sie spren-
i gende und aufhebende Macht tritt. Sünde und Gnade
können nur im Paradox des Glaubens erfaßt werden, —
nicht etwa deshalb, weil sie nicht psychologisch erlebt
würden, sondern weil sie psychologisch so erlebt werden
, daß alles psychologische Erleben zugleich unter
die Anfechtung begrenzt wird, womit gerade der Grund
gegeben ist für die paradoxe Gewißheit des Glaubens.
Es ist die Meinung Nojgaards, daß Luthers Sünden-
i begriff in seiner Entwicklung bis 1522 dies eigenartige
Verhältnis von Sünde und Erfahrung immer deutlicher
erkennen läßt, und daß niemand, der nicht dies Verhältnis
beachtet, Luthers Sündenbegriff nach seinem
Gegensatz zur Scholastik verstehen kann. Gewiß spürt
man in dem allen eine echt kierkegaardische Interpretation
Luthers, aber es ist auch meine ernsthafte
Meinung, daß man von Kierkegaard auch für das Ver-
i ständnis Luthers lernen kann. Nicht nur die von Nojgaard
reichlich ausgebreiteten Materialien, sondern vor
allem auch dieser Hinweis auf das Verhältnis von
Sünde und Erfahrung bei Luther werden von der Lutherforschung
zu beachten sein. So ist dieser Erstling einer
dänischen Lutherforschung ein verheißungsvoller Anbruch
.

(Mtttagen. E. Hirsch.

Rehm, Waith er: Der Todesgedanke in der deutschen Dichtung
vom Mittelalter bis zur Romantik. Halle a S • M Nie
meyer 1Q28. (IX, 480 S.) gr. 8°. = Deutsche Vierteljahrsschrift f
Litcraturwissensch. u. Oeistesgesch., Buchreihe Bd. 14.

RM 24—; geb. 26—.
Man muß gegenüber diesem Buche geduldig sein.
Die Wahl des Themas ist kühn. Um es richtm &zu behandeln
, muß man ja zunächst die ganze deutsche