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Ausgabe:

1929 Nr. 1

Spalte:

359-360

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schnitzer, Joseph

Titel/Untertitel:

Der Tod Alexanders VI 1929

Rezensent:

Koch, Hugo

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Seite 1

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359

Theologische Literaturzeitung 1929 Nr. 15/16.

360

Schnitzer, Prof. Dr. J.: Der Tod Alexanders VI. Eine quellen-
krit. Untersuchung. München: E. Reinhardt 1929. (127 S.) 8".

RM 3.80; Lwd. 5.50.

Da gegen die Darstellung, die Schnitzer in seinem
Buche über Peter Delfin 1926, S. 294 ff. von der Ursache
und dem Verlaufe des Todes Alexanders VI. gegeben
hat, verschiedene Einwände erhoben wurden (vgl.
diese Ztg. 1926, Sp. 444), so greift er die Frage in dieser
quellenkritischen Untersuchung nochmals an. Er zeigt
zunächst, daß die älteste Überlieferung durchweg dafür
ist, daß Alexander an dem Oifte gestorben sei, mit dem er
einem andern habe vergeben wollen, und daß erst seit
Ende des 16. Jahrhunderts ein Umschwung der Ansichten
eintrat, der dann bis in die Gegenwart anhielt, obwohl
inzwischen Gesandtschaftsberichte veröffentlicht wurden,
von denen namentlich die venezianischen uns in stand
setzen, „den Verlauf der Krankheit des Papstes von Tag
zu Tag, man darf nachgerade sagen, von Stunde zu
Stunde zu verfolgen" (S. 18). Im zweiten Kapitel vergleicht
dann Sch. mit den Aufzeichnungen des päpstlichen
Zeremonienmeisters Burckard die genannten Berichte
des venezianischen Gesandten Anton Giustinian,
sowie die Schreiben des ferraresischen Gesandten Bel-
trand Costabili und des mantuanischen Geschäftsträgers
Lucido Cattanei: während Burckard äußerst wortkarg ist
und von Gift oder Giftverdacht keine Silbe verlauten
läßt, schildert der venezianische Gesandte seiner Signo-
rie den Verlauf der Krankheit sehr eingehend. Zwar
spricht auch er in seinen amtlichen Berichten nicht von
Gift, aber er hatte die Gepflogenheit, „in seinen amtlichen
Depeschen nur offizielle Mitteilungen vorzulegen
und es der Weisheit der Serenissima zu überlassen, die
nötigen Schlußfolgerungen selbst zu ziehen" (S. 40).
Da er nun von der Anwesenheit des Papstes und seines
Sohnes Cesare beim Mahle in der Villa des Kardinals
Hadrian und der sich daran anschließenden Erkrankung
aller Teilnehmer berichtet und wiederholt auch Gelegenheit
gehabt hatte, der furchtbaren Wirkung des Borja-
giftes (der berüchtigten Cantarella) zu gedenken, so
konnten „schon auf Grund dieser Depeschen Doge und
Senat über die wahre Natur der Krankheit der Borja
nicht im unklaren sein", zumal da der Gesandte immer
wieder beteuerte, alles aufbieten zu wollen, um „der
Wahrheit auf den Grund zu kommen". Und was er
in seinen amtlichen Berichten nur andeutete, das sprach
er in den ihnen beigelegten, vom gleichzeitigen venezianischen
Chronisten Marino Sanuto seinen Tagebüchern
einverleibten Begleitschreiben offen und unumwunden
aus: den Verdacht der Vergiftung. Beim Schweigen
Burckards ist aber zu bedenken, daß dieser nicht im
Vatikan selbst, sondern in einem eigenen Hause im
Borgo wohnte, der Vatikan seit der Verschlimmerung im
Befinden des Papstes versperrt war und außerdem der
sonst so redselige Zeremonienmeister seine Gründe zum
Schweigen gehabt haben mochte. Giustinianis Berichte
aber finden eine Stütze in anderen gleichzeitigen Aufzeichnungen
, namentlich bei Peter Martvr Anglerius, der
„über Gewährsmänner verfügte, wie sie nicht leicht einem
andern Schriftsteller zu Gebote standen" (S. 45).
Ja „Cesares eigene Leute gestanden, nicht um ein gewöhnliches
Fieber habe es sich bei diesem gehandelt,
sondern um Gift in Trebbianerwein, den der Papst un-
vermischt, Cesare aber mit Wasser getrunken habe (S.
43). „Somit besteht die ursprüngliche Überlieferung, wie
sie auch von Luther vertreten wurde, vollauf zu Recht:
Alexander VI. ging an seinem eigenen Gifte zu gründe"
(S. 47). Aber selbst wenn sich bis hierher immer noch
Zweifel behaupten sollten, so müssen diese meines Erachtens
im 3. Kapitel völlig verstummen: hier zeigt Sch.
aufgrund der medizinischen Forschung über das Malariafieber
einerseits, Vergiftungen anderseits und an der
Hand des Gutachtens eines so hervorragenden Giftforschers
wie Lewin, daß die bei Alexander VI. und
Cesare zutage getretenen Erscheinungen, über die wir
sehr gut unterrichtet sind, nicht von Malaria, sondern

nur von Gift haben herrühren können. Im 4. Kapitel
sucht Sch. dann aus den sich vielfach widersprechenden
Berichten ein Bild von dem verhängnisvollen Mahle bei
Kardinal Hadrian zu gewinnen, und das 5. Kapitel gewährt
, so gut es geht, Einblicke in das Zimmer, worin
der Borjapapst mit dem Tode rang. Beidemal muß natürlich
eine gewisse Gabe der Verbindung und Mutmaßung
Hilfsdienste leisten. Daß der Papst, nachdem
er einige Tage zuvor sich zwischen zwei Dirnen gelegt
und in ihre Brüste verkrallt hatte, um aus ihren Körpern
Wärme gegen den Fieberfrost zu gewinnen, zum
Schluß noch beichtete und kommunizierte, zieht auch
Sch. nicht in Abrede. Von seinen angeblichen Tränen
aber scheinen die damals Anwesenden nichts gesehen zu
haben. „Alexander kam über eine magische Auffassung
der kirchlichen ünadenmittel nie hinaus" (S. 88). Zum
Schluß gibt das 6. Kapitel dem Borjapapst seinen Platz
in dem düsteren Zuge der Gestalten, die nach der Volkssage
mit dem Teufel Bündnisse geschlossen hatten und
so Vorläufer Fausts waren. Er ist nicht der einzige
Papst, dessen Laufbahn so erklärt wurde, wohl aber
der, bei dem diese Erklärung sich für damals am meisten
nahelegte.

Es ist kein Zufall, daß Sch. sich soviel mit Alexander
VI. beschäftigt hat. War dieser doch der kirchlich
höchstgestellte Feind Savonarolas, dem es gelang, den
sittenstrengen Prediger und Propheten von San Marco
an den Galgen und auf den Scheiterhaufen zu bringen.
Hatte Sch. in seinem großen Werke über Savonarola geschildert
, wie dieser für eine sittliche Erneuerung der
Kirche lebte und starb, so zeigt er hier als Gegenstück
das Ende des Papstverbrechers, der an seinem eigenen
Gifte zu Grunde ging. Es ist eine streng wissenschaftliche
Untersuchung, die Sch. anstellt und mit deren Ergebnis
er über die unter dem Scheine einer überlegeneren
Kritik sich breit machende Kritikmiidigkeit der jüngsten
Zeit hinweg an einen Leopold Ranke, Karl Hase
und Jakob Burckhardt anknüpft, aber sie liest sich in
vielen Stücken wie ein Roman aus der Renaissance. Damals
wurde eben das Unwahrscheinliche zur Wirklichkeit
und das Ungeheuerliche zum Ereignis.

München. Hugo Koch.

1. Ljunggren, Gustaf: Synd och skyld i Luthers Teologi.

Stockholm: Diakonistyrelscs Bokförlas 192S. (VII, 494 S.) gr. 8".

2. Nojgaard, Niels: Om Begrebet Synd hos Luther. Studier
i Luthers Antropolosnc indtil 1522. Kopenhagen: G. E. C. Gad 1029.
(X, 201 S.) gr. 8".

Die beiden Bücher, die ich hier anzeige, sind sehr
verschieden. Das schwedische (I) steht in der schon
reichen Tradition der jungen schwedischen Lutherforschung
drin, die wohl aus dem Wirken Einar Bil-
1 i n g's ihren ersten Anstoß empfangen hat und schon
manche gute, bei uns wegen der Sprachverschiedenheit
allerdings kaum beachtete Frucht getragen hat; es ist zudem
das reife Werk eines sonst schon verdienten Forschers
und Dozenten. Das dänische (II) ist in jeder Hinsicht
ein Anbruch, ein Anbruch einer dänischen Forschung zu
Luthers Theologie, und eine erste Probe wissenschaftlicher
Forschungsarbeit durch den Verfasser. Der Umstand
, daß sie im Thema sich nahe berühren, veranlaßt
mich zur Verbindung der Besprechungen beider zur
Einheit.

I. Ljunggren ist Systematiker, wie die Forscher
zu Luthers Theologie, überhaupt die Dogmenhistoriker,
in Schweden regelmäßig. Das ist dem Buche in mehr als
einer Hinsicht zugute gekommen. Nirgends haftet er am
Einzelnen und Zufälligen als solchen. Überall sucht et
nach der zugleich individuellen und charakteristischen
großen Linie des Zusammenhangs. Überall bricht er zu
den großen zentralen Problemen durch oder geht auch
von ihnen aus. Kurzum, das Buch ist mit steter strenger
Selbstbesinnung geschrieben, ist ganz und gar im eigenen
Denken durchdacht und vergißt nirgends, daß es
vom Begriff der Sünde bei Luther als einem entscheiden-