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Ausgabe:

1929 Nr. 14

Spalte:

330-332

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Loesche, Georg (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Jahrbuch der Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus im ehemaligen und im neuen Österreich. 47. u. 48. Jahrg 1929

Rezensent:

Walter, Johannes

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Theologische Literaturzeitung 1929 Nr. 14.

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gefunden haben müssen, die Pläne betreffend Heranziehung Dänemarks
und Rückführung Ulrichs von Württemberg nicht ganz weggelassen
werden dürfen. Diese Dinge beschäftigten doch Zwingli ebenso stark,
wie die theologische Frage, ja sie waren es, die ihn, wie W. mit Recht
betont, ein Bündnis ohne dogmatische Einigung erstreben ließen.

Nicht ganz richtig ist wohl der im 3. Kap. A. 8 betonte Friedenswille
Zwingiis im ersten Kappelerkrieg. Der als Hauptzeugnis angeführte
Brief Nr. 855 enthält gewiß die Friedensbedingungen, ohne deren Annahme
Zwingli aber eben nicht Frieden schließen will. W. korrigiert
sich Kap. 8 S. 20 selbst. Zuviel gesagt ist, wenn Zwingli in der Schlacht
bei Kappel „als Opfer der von allen Seiten, Papst und Kaiser und Franzos,
geschürten Leidenschaften unter den Eidgenossen" bezeichnet wird.
(S. 18). Zwingli hat doch selbst gegen die politische Stellung der
Innern Orte in den Gemeinen Herrschaften den schärfsten Angriff
geführt.

Trotzdem Waldburger seine Darstellung der theologischen Frage
von Marburg durch den Hinweis auf den zu erwartenden II. Band W.
Köhlers als eine nur vorläufige charakterisiert, tritt er doch mit einem
so bestimmten eigenen Urteil hervor, daß wir auch dazu Stellung nehmen
müssen. Mit Recht wird Zwingli gegen den Vorwurf nur Politiker
und Rationalist zu sein in Schutz genommen und seine religiösen Interessen
, sein Evangelium der Tat (S. 36) gezeigt. Er darf mit Recht
in Marburg als der Größere gelten, insofern ihm ein Bündnis ohne Bekenntnis
möglich war. Trotzdem wird Zwingli zu modern gesehen. Die
Aufstellung: Hie Zwingli, hie Mittelalter, dazwischen Luther (S. IV)
scheint mir unhaltbar. Weltgeschichtlich gesehen gehören Luther und
Zwingli zusammen, dann erst ist zu fragen, ob beide eher dem Mittelalter
oder eher der neueren Zeit zuzuweisen sind. Auch Zwingli steht,
wie W. Köhler zeigt, noch auf scholastischem Weltanschauungsgrund,
so gut wie Luther, nur kommt er von einer andern Schule her als
Luther. Viel wichtiger aber ist ihr gemeinsamer Glaube. Zwingiis Eintreten
für Glaubensfreiheit und Pressefreiheit (S. 33) darf nur mit großer
Einschränkung genannt werden. Innerhalb seines Machtgebietes duldete
er weder Katholiken, noch Lutheraner, noch Täufer. Wenn W. Gerechtigkeit
für Zwingli fordert, muß er diese auch Luther zu Teil werden
lassen. Daß man mit Bemerkungen wie: „. . das doch wesentlich eigennützige
Interesse an dem ihm gnädigen Gott" und „mit seiner Voraussetzung
absurd-blinden Fürwahrhaltens . ." (Kap. 3 A. II) oder mit
der Argumentation: der zu seinen Jüngern redende Christus konnte nicht
zugleich am Tische sitzen und im Brote in seiner Hand sein: „An diesem
einfachen Sinn resp. Widersinn zerfällt Luthers Position" (S. 55) und
der Erklärung, die Lehre von der Ubiquität Christi widerspreche Gottes
Weltordnung (S. 54) Luther nicht gerecht wird und das Verständnis seiner
religiösen Gedanken nicht fördert, brauche ich hier nicht näher zu
begründen. Die Gegenwart Christi im Brote gehörte zu Gottes Weltordnung
, wie sie Luther eben verstand. Die Ansicht W. 's gipfelt in
dem Satze: „Zwingli hatte die Wirklichkeit, d.h. Gott auf seiner Seite.
Das wird man endlich zugeben müssen." W. übersieht doch damit, daß
auch die Wirklichkeit keine eindeutige Große ist, die nur so und nicht
anders angesehen werden kann. Ich frage nur, ob man nicht den Satz
umdrehen könnte: So wie ein Mensch Gott sieht, stellt sich ihm dann
auch die Wirklichkeit so oder so dar.

Nach meiner Auffassung ist es heute nicht mehr
unsere Aufgabe, das Marburger Gespräch zu wiederholen
und festzustellen, wer Recht gehabt habe, sondern
vielmehr herauszuarbeiten, worauf es im letzten Grunde
beiden Reformatoren ankam, wie Waldburger S. 31
leider nur allzukurz antönt, auf „die Gewißheit der
Sündenvergebung durch den sogar seinen Sohn dahingehenden
Vater im Himmel" und dann festzustellen,
aus welchen Gründen die Reformatoren das Wie der
Sündenvergebung und ihrer Offenbarung im Abendmahl
verschieden verstanden haben, Gründe, die in
hohem Grade auf die weltanschauliche Schule und den
ganzen Lebensgang zurückgeführt werden können.
Zürich. Leo von Muralt.

Hoff mann, Propst Kirchenrat Prof. D. Georg: Petrus Zedlitz

Fontinus, der erste evangel. Prediger an d. ehem. Kirche z. Heil.
Geist in Breslau (1526—1530). Sonder-Abdr. a. d. Correspondenz-
blatt d. Ver. f. Gesch. d evangel. Kirche Schlesiens. Breslau: Evangel.
Buchh. (G. Kauffmann) in Komm. 1928. (S. 41—97.) 8°.

RM 1.50.

Petrus Zedlitz aus dem sächsischen Borna (daher:
„Fontinus") taucht zum ersten Male urkundlich als
Franziskanermönch in Wittenberg als Zeitgenosse und
Kollege Luthers auf. 1510 wird er bei der Universität
inskribiert; hintereinander steigt er dort zu den dreifachen
Ehren eines baccalaureus (biblicus-sententiarius-
formatus) empor; 1518 erlangt er die Doktorwürde;
Luther und Karlstadt sind bei der Disputation mit be-

: teiligt. 1519 wird Zedlitz Nachfolger Luthers im theologischen
Dekanat. Theologisch und religiös ist er nicht

j sobald den Fußspuren Luthers gefolgt; er steht noch
lange Jahre ganz im Bann der franziskanischen Ordenstradition
(cf. seine Verteidigung der Wundenmale des

j hl. Franz!) und mitten drin im Kampf der zwei Ordens-

j richtungen, der Observanten und Reformaten. Bei den
letzteren ist sein Platz, er bringt es dort schließlich zur

| Stellung eines Provinzialministers der obersächsischen
Provinz. Als solcher gerät er in kirchliche, nationale
und politische Händel, die die sächsische Ordensprovinz
in Breslau und Görlitz gegen die böhmische erbittert
durchkämpft; er selbst kommt in die Gefahr der Ex-

j communikation. Vielleicht waren diese Händel bei seinem
um 1524/5 erfolgten Anschluß an Luther mit ausschlaggebend
. 1525 jedenfalls wird Zedlitz Pastor an

j der hl. Geist-Kirche in Breslau, steht im regen Umgang

j mit Breslaus führenden Männern, besonders Heß, ver-

i läßt aber schon 1530 die Stadt, um in Wohlau das
Pfarramt zu übernehmen. Er hatte sich der Zwinglischen
Richtung genähert, dadurch war für ihn im lutherischen

i Breslau kein Raum. In Wohlau hat er 1535 wahrscheinlich
sein Pfarramt aufgegeben; sein Todesjahr steht

' nicht fest.

Was den Lebensgang dieses Zedlitz lesenswert
■. macht, ist nicht sowohl seine Persönlichkeit; dieselbe
I weist manche Schatten auf, soweit sie überhaupt aus
' den mangelhaften Quellen feststellbar ist. Auch der
äußere Lebensgang bietet noch viele ungeklärte Fragen,
besonders die — worauf der Verfasser selbst hinweist
— nach Jugendzeit, Studium und Lebensende. Aber
Zedlitz ist Zeitgenosse Luthers in Wittenberg; er steht
später in Schlesiens Reformationskämpfen mitten drin.
Beides macht seine Gestalt interessant. Alles, was an
i Quellenmaterial vorhanden ist, wird vom Verfasser mit
i penibler Gründlichkeit gesichtet und verwertet; dabei
| werden auch manche Irrtümer früherer Geschichts-
I forscher revidiert; man kann den meisten Korrekturen
D. Hoffmanns zustimmen. Nicht ganz überzeugend ist
| die gänzliche Streichung des Beinamens: „Nadus", auch
j wenn wir ihn vorläufig noch nicht erklären können.
Daß Zedlitz 1524 nicht mehr als sächsischer Provinzial
des Ordens gewählt wurde, erklärt sich am einfachsten
aus einer Ablehnung seiner selbst; stand doch sein
Übertritt zu den Lutherischen unmittelbar bevor. Beziehungen
dieses Zedlitz zu dem bekannten altschlesi-
i sehen Adelsgeschlechte der Zedlitze, das auch in der
Reformationszeit eine Rolle spielte, lassen sich nicht
nachweisen.

Kupferberg. Eberlein.

Roth er t, Prof. D. Dr.: Johann Moritz Schwager, eine westfälische
Pfarrergestalt der Aufklärungszeit. Berlin: M. Warneck 1929.
(52 S.) 8°. = Studien z. Gesch. d. evangel. Pfarrerstandes, H. 2.

RM 2.50.

Der Schwerpunkt der vorliegenden dankenswerten
| biographischen Skizze liegt in der Analyse der vielseitigen
schriftstellerischen Tätigkeit Schwagers. Die
aufklärerischen Züge darin werden treffend herausgearbeitet
. Doch hätte die ganze Arbeit gewonnen, wenn
sie mehr in die allgemeine, auch im Literaturverzeichnis
nicht genügend berücksichtigte Geschichte der rheinisch
-westfälischen Aufklärung hineingestellt worden
wäre. Auch sonst wird es weiterer, auch literarhisto-
j rischer Forschungen bedürfen, um Schwager voll zu
würdigen.

Hamburg. J. Hashagen.

Jahrbuch der Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus
im ehemaligen und im neuen Österreich. Begründet
v. Theodor Haase, Gustav Trautenberger, C. A. Witz-Oberlin. Hrsg.
v. Georg Loesche. 47. u. 48. Jahrg. Leipzig: J. Klinkhardt Wien:
Manz'sche Verl.- U. Univ.-Buchh. 1926 B. 1927. (XII 186 u II
220 S.) gr. 8°. RM 3.50; geb. 4-.'

Im 47. Jahrgang des Jahrbuchs setzt Georg
Loesche seine Archivberichte über die Geschichte des
österreichischen Protestantismus fort, indem er diesmal