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Ausgabe:

1929 Nr. 14

Spalte:

325-326

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mohlberg, Kunibert

Titel/Untertitel:

Die älteste erreichbare Gestalt des Liber Sacramentorum anni circuli der römischen Kirche 1929

Rezensent:

Ficker, Gerhard

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Theologische Literaturzeitung 1929 Nr. 14.

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schöpferischer Kulturträger war, wie etwa Athen oder hundert gestaltet war (Qelasianum s. VIII), dem geht
Rom, doch aufs stärkste an „Sinn oder Ordnung der Baumstark eindringend nach. Das zweite wichtige ErWeltgeschichte
" mitgearbeitet. Uns interessiert am mei- gebnis scheint mir zu sein, daß Alcuin bei seiner Ergän-
sten, was über das christliche Karthago gesagt wird. zung des hadrianischen Qregorianum, das zwischen 784
Denn das afrikanische Christentum ist der eigentliche und 791 an Karl d. Gr. geschickt war, sich ange-
Träger einer weltgeschichtlichen Bedeutung des römi- i schlössen hat an die Tradition seiner englischen Heimat,
sehen Karthago Verf. hebt die Selbständigkeit des und daß die von Karl d. Gr. angestrebte Vereinheitafrikanischen
Christentums gegenüber Rom stark her- lichung der westeuropäischen Meßliturgie auf Grund
vor. In Augustin scheint sich noch einmal das Punier- des hadrianischen Gregorianum ebensowenig Bestand
tum zu offenbaren; in ihm waren aber punische Glut gehabt hat als das von ihm geschaffene Großreich. Nicht
und Leidenschaft mit römischem Staatswillen verbunden. das Meßbuch Karls d. Gr., sondern das deutsche Meß-
Er ist der erste große Führer des Mittelalters, wie er buch der Oftonen-Zeit hat für die liturgische Gesamtent-
der letzte des abendländisch-antiken Christentums ge- 1 wicklung den dauerndsten Einfluß gewonnen. In Zu-
wesen ist. Und wenn auch die scharf zugespitzte Cha- sammenhang mit diesen Ausführungen steht die Forde-
rakteristik Augustins, wie sie Mommsen im letzten rung Baumstarks nach Neuausgabe guter liturgischer
Bande seiner römischen Geschichte gegeben hat und wie Texte, insbesondere nach Forschungen über das Meßsie
der Verf. auch an das Ende seiner Ausführungen buch des Bonifatius. Es ist keine Frage, daß wir hier
gestellt hat: Ein erst von wildem Lebenstaumel, dann noch ein gut Stück Arbeit zu bewältigen haben und daß
von flammender Glaubensbegeisterung trunkenes Ge- J B.s Anschauungen hier die Probe zu bestehen haben
müt, wie es aus Augustins Konfessionen spricht, hat ! werden. Gegen einige Resultate B.s hat ein Schüler
seines gleichen nicht im übrigen Altertum — nicht . Lietzmanns H. Hohlwein in den Ephe.nerides liturgicae
richtig ist, so kann man sich doch das darin liegende von 1928 Einspruch erhoben.

Richtige zu eigen machen und es zur Kennzeichnung Kiel. O. Ficker.
dessen verwenden, was die abendländische Kultur Kar

, .„' ~ Buchner, Prof. Max: Das Vizepapsttum des Abtes von St.

rnago veruann. ^ Ficker Denis. Studien zur »Offenbarung des Papstes Stephan IL" („Reve-

latio") und ihrem Anhaue; („Gesta"). Zugleich ein Beitrag zum

Moniberg, D P. Kunibert, O. S. B., u. Prof. Dr. D. h. c. Anton fränkischen Staatskirchentum. Paderborn: F.Schon i null 1928. (XXXIX,

Baumstark: Die älteste erreichbare Gestalt des Liber | 260 S.) sr. S". = Quellenfälschungen aus dem Gebiete der Ge-
Sacramentorum anni circuli der römischen Kirche (Cod. schichte, H. 2. RM 1!

Päd. D. 47, fol. 11 r— lOOr). EhdeHg. u. Textausg. v. M., Untersuchen
, v. B.Münster i. W.: Aschendorff 1927. (XLV, 104 u. 199*
S.) gr. S°. = Liturgieeeschichtliche Quellen, H. 11/12. RM 14.30.

Im Mittelpunkte der hier vorgelegten Studien steht
die Person des Abtes Hilduin von S. Denis, des Mannes,
der die Identifikation des heiligen Dionysius von Paris

Schon A. Ebner hatte in seinen Quellen und For- mit dem Pseudoarcopagiten Dionysius in seinen Areo-
schungen, Iter Italicum, 1896, auf die Wichtigkeit der , pagitica sive Sancti Dionysii vita, iussu Ludovici Pii
Handschrift der Kapitelsbibliothek zu Padua D 47, IX.s., ; scripta (Mignc, Patrologia Latina 106, 13—50), und
aufmerksam gemacht, wenn er auch noch nicht ihren damit eine der merkwürdigsten üeschichtsfälschunoen
Wert genügend erkennen konnte. Jetzt hat sie Mohlberg des Mittelalters vollzogen hat, die in vieler Beziehung
genau beschrieben und ihren Inhalt so genau und sorg- für die Geschichtsanschauung des Mittelalters gruntf-
fältig, wie es nur möglich ist, wiedergegeben. Es zeigt legend war; sie war auch bedeutend für die Einbürge-
sich, daß sie zur Zeit Kaiser Lothars I. 823—855 in der rung der neuplatonischen Mvstik im Abendlande. Hil-
Gegend Aachen—Lüttich geschrieben worden ist und , dum hat auch sonst in der Geschichte des Karolinoischen
ihr ein stadtrömisches vorhadrianisches Sakramental- zu- 1 Reiches eine große Rolle gespielt. Und so ist es
gründe liegt, das älteste gregorianische Sakramental-, das ' dankenswert, daß B. auf diese interessante und einfluß-
wir kennen, das nahe bis an die Zeit Gregors des ' reiche Persönlichkeit die Aufmerksamkeit lenkt und eine
Großen heranreicht. Da die Handschrift sich früher eingehende Monographie über sie in Aussicht stellt
in Verona befand, so liegt es nahe, es mit Ratherius Hier hat er es mit 2 „Fälschungen" zu tun, die beide
von Verona in Zusammenhang zu bringen, der auch ein- in die Areopigita aufgenommen worden sind und wohl
mal Bischof von Lüttich war, daß sie nach dem Süden ; auch auf Hilduin als Urheber zurückgehen: die sog
kam. Das wird natürlich nur vermutungsweise ausge- Revelatio Stephans IL (J.-E. 2316) und die mit ihr ui
sprochen: wichtiger ist die Erkenntnis, daß die Vorlage Zusammenhang stehenden Gesta (dedicatio altaris). B
der Handschrift bis in das 7. Jahrhundert zurückreicht, sucht durch die Fälschungen und ihre aus den Zeitum-
uns also bis nahe an die Zeit Gregors bringt. Dieser ständen genommene Erklärung den Beweis zu führen
Erkenntnis hat sich Baumstark durchaus angeschlossen, ; für die großen kirchenpolitischen Pläne Hilduins die
sie wird ihm zum Anlaß, im 2. Teil des Bandes eine ihn sogar mit dem Gallikanismus in Verbindung erzusammenfassende
Arbeit über die ältere Geschichte der scheinen lassen. Und es ist auf alle Fälle interessant zu
römischen Sakramentare vorzulegen. So viel Problema- lesen, wie die mannigfachen Schicksale Hilduins benutzt
tisches sie auch enthalten mag, so hat sie doch sicher- werden, um seinen komplizierten Charakter erkennen zu
lieh das Verdienst, die neueren reichlich erschienenen Ar- lassen und hinter das Geheimnis seiner Persönlichkeit
beiten zur Geschichte der Liturgie, Texte und Unter- ! zu kommen. Sein wiederholter Abfall von Kaiser Lud-
suchungen, berücksichtigt und beurteilt und auf die Auf- ; wig dem Frommen und sein darauf wieder folo-ender
gaben, die jetzt der Forschung gestellt werden, hinge- Anschluß an ihn erfordern ja auch eine Erklärung. B
wiesen zu haben. Wenn ich recht sehe, so ist das wich- findet sie in den kirchenpolitischen Gedanken jener
tigste Ergebnis der Untersuchungen, das sehr zur Klä- Zeit, wie sie namentlich in dem Constitutum Constantini
rung beiträgt, das, daß es ein Qelasianum in dem früher das Hilduin für seine Fälschungen benutzt hat, vertreten
verwendeten Sinne, d. h. ein auf Gelasius zurück- sind. Danach ist es sein Plan, aus dem Frankenreiche
gehendes römisches Sakramentar nicht gegeben hat, daß eine Provinz des heiligen Petrus, in dem hier vorliegen-
die Existenz eines dem üregorianum vorangegangenen den speziellen Falle aus dem Kloster des hl. Dionysius
stadtrömischen Sakramentars als einer Sammlung un- ein solches des Petrus zu machen und so das Kaisertum
verbrüchlich zu alljährlicher Wieder Verwendung festge- durch die Bindung an eine übergeordnete Gewalt mit
legter Texte, sich nicht beweisen lasse, daß Gelasianum den kurialen Ansprüchen auszusöhnen, und umgekehrt
nur zu verstehen sei im Gegensatz zum Gregorianum, als auch durch die Übertragung von Reliquien des hl
Zeugnis einer mannigfachen anonymen Tradition rö- Dionysius nach Rom und durch die Gründung eines
mischen Sakramentarstoffes, für die nur auf fränkischem Dionysiusklosters in Rom die Verbindung der fränki-
und insularem Boden die vermutungsweise Verknüpfung sehen Kirche mit Rom zu bekräftigen und S. Denis in
mit Gelasius I. bezeugt ist. Wie dieser Stoff im 8. Jahr- | Wahrheit als ein zweites Rom und seinen Abt als einen