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Ausgabe:

1929

Spalte:

313-323

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wundt, Max

Titel/Untertitel:

Johann Gottlieb Fichte 1929

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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Theologische Literaturzeitung

Begründet von Emil Schürer und Adolf von Harnack

Herausgegeben von Professor D. EmailUel HfrSCh unter Mitwirkung von

Prof. D. Dr. G. Hölscher, Prof. D. Hans Lietzmann, Prof. D. Arthur Titius, Prof. D. Dr. G. Wobbermin

Mit Bibliographischem Beiblatt in Vierteljahrsheften, bearb. v. Priv.-Doz. Lic. theol. K.D.Schmidt u. Lic. H. Kittel, Göttingen.
Jährlich 26 Nrn. — Bezugspreis: halbjährlich RM 22.50. — Verlag: J. C. Hinrichs'sche Buchhandlung, Leipzig.

cTl | , Tj Ti Manuskripte und gelehrte Mitteilungen sind ausschließlich an Professor D. Hirsch in Göttingen, f. i i- tnjn

ö4. Jatirg. Im. 14. Hainholzweg 62, zu senden, Rezensionsexemplare ausschließlich an den Verlag. «1um lyLJ.

Spalte

Gelpcke: Fichte und die Gedankenwelt!

des Sturm und Drang (Hirsch)......l3]3

Wundt: Johann Gottlieb Fichte (Ders.). .i

Ders.: Fichte-Forschungen (Ders.).....I

Oman: The Text of Revelation (Lohmeyer) . 323
Ehrenberg: Kanhago (Ficker)......324

der Nibelunge Nöt und die Lösung der

Nibelungen-Frage (Ficker).........327

ü r o t e f e n d : Taschenbuch der Zeitrechnung
des deutschen Mittelalters und der Neuzeit
(Hirsch)................328

Moh lberg u. Baumstark: Die älteste Waldburger: Zwingiis Reise nach Mar-
erreichbare Gestalt des Liber Sacramentorum bürg z. Gespräch m. Luther 1529 (v. Muralt) 328

anni circuli der römischen Kirche (Ders.) 325:Hoffmann: Petrus Zedlitz Fontinus (Eberlein) 329
Büchner: Das Vizepapsttttm des Abtes Rothert: Joh. Moritz Schwager (Hashagen) 330

von St. Denis (Ders.)........... 326 Jahrbuch der Gesellschaft für die Geschichte

Glunz: Die lateinische Vorlage der west- j des Protestantismus im ehemaligen und im
sächsischen Evangelienversion (Ders.) . ■ ■ 327| neuen Österreich (v. Walter)........330

Spalte] Spalte
Schröfl: Der Urdichter des Liedes von jSpranger: Kultur und Erziehung

(Kesseler)..................333

Heim: Das Wesen des evangelischen

Christentums (Hirsch)...........333

K ä h 1 c r: Wie studiert man Theologie im

ersten Semester? (Schian).........333

Geurts: Het huwelijk bij de griekse en

romeinse moralisten (Windisch)......333

Brat he: Der evangelische Gottesdienst und

sein Raum (Schian)............334

Schmidt, Bertram,Frick u. Cordier:
Aus dem Gieliener Universitätsgottesdienst
(Niebergall).................335

I Gelpcke, Emst: Fichte und die Gedankenwelt des Sturm | ständigen einig daß in der zweiten Hälfte des 18. Jahr-

und1 Drang. Eine ideengeschichtliche Untersuch*, zur Ergründg. d. i hunderte auf allen Gebieten des geistigen Lebens jene

Wurzeln d dtschn Idealismus. Leipzig: F. Meiner 1928. (VIII, 308 I tiefgreifende Wandlung geschieht, die die Aufklarung

S) 8o rm 10—. ! in den geistig führenden Köpfen unter sich tritt und zur

2. Wundt, Max: Johann Gottlieb Fichte. Mit Bildnis. Stuttgart: ! großen schöpferischen Zeit des deutschen Dichtens und
F. Frommann 1927. (VIII, 317 S. m. e. Titelb.) 8°. = Frommanns Denkens hinüberführt. Ebenso ist darüber kein Streit,
Klassiker der Philos., 28. RM 8 — ; geb. 10—. ; daß Fichte sozusagen wurzelhaft, d. h. von den Revo-

3. Derselbe: Fichte-Forschungen. Stuttgart: F. Frommann i lutionsschriften und der ersten W. L. ab, diesseits der

. / » F mn rt" oJ Ij A* 1 1 . .. .. , 1 ET. _ I . _ . _

1929. (X, 420 S.) 8°. RM 13-; geb. 15—.

Wandlung steht, d. h. selber Gestalter und Bannerträger

Es ist zweckmäßig, die Besprechung dieser drei [ des neuen Zeitalters ist. Aber bei der Analyse dieser

Bücher bei dem Buche des Schülers G. (lj einsetzen zu
lassen, um von ihm dann zu denen seines Lehrers W.
(2. 3) aufzusteigen.

1. Eine von W i 1 h. Wundt schon früher (1890) berührte
Idee ist neuerdings auch von Heinrich Maier

zwiefachen Tatsache stehn die Gegensätze auf. G.
seinerseits bringt diesen Wandel auf die einheitliche
Formel „Sturm und Drang". Da hat alles wahrhaft
Fruchtbare und Neue im deutschen Geistesleben seinen
Keim. Voraussetzung dieser Deutung ist natürlich, einausgesprochen
worden (z. B Kant 1924 S. 14), daß | m a j) daß man überhaupt alle, welche in der Genie
Fichtes frühe Wissenschaftslehre den Mut, das Ding an ; ep0che mit gegärt haben, als Repräsentanten des Stur-
sich über Bord zu werfen, hatte, weil ihm vom Sturm j mes und Dranges in Anspruch nimmt und ferner mit dem
und Drang her der Glaube an die produktive Aktivität i Prädikat „Vorläufer von Sturm und Drang" sehr freigebig
des Geistes eigen gewesen ist. G. hatte in einer Arbeit i ist; z w e ite n s, daß man Lessing und Kant wesentlich
für Max Wundt's Seminar schon 1922 die Aufgabe, , a]s Repräsentanten der von Sturm und Drang abgetanen
Fichtes Verhältnis zu Sturm und Drang zu untersuchen, j Aufklärung beurteilt; drittens, daß man die Klassik
Daraus ist ihm seine Promotionsschrift und nun, in , positiv im Wesentlichen insofern wertet, als sie selber
nochmaliger Erweiterung das vorliegende ziemlich um- j aus dem stürm und Drang herausgeboren ist, und im
fangreiche Buch erwachsen. Es hat zum Grundge- j Gründe in ihr nur ein Zwischenspiel zwischen dem
danken, daß Fichte seiner ganzen Geistes- und Lebens- i stürm und Drange und der Romantik sieht. Nun ist G s
haltung nach zu den Sturmern und Drangern gehöre ! Buch gewiß selber viel zu sehr stürmisch und dränge-
und darum mit Kant, dem Vertreter der alteren, vom rjsch, als daß man von ihm völlige Klarheit im geistes-
Sturm und Drang bekämpften aufgeklarten Geistes- und ; geschichtlichen Aufriß erwarten dürfte; solche Unstim-
Lebenshaltung innerlich kaum etwas zu tun habe. Seine ] migkeiten wie daß er hier Schiller als echten Vertreter
Wissenschaftslehre [künftig hier = W.L.] ist der neue- , von Sturm und Drang nicht anerkennt, dort die Klassik
ren Zeit angehörend, unkantisch dem Geiste nach, und | aus Sturm und Drang geboren werden läßt, finden sich
trägt nur für sie ein nicht wesentliches, ihren eigentlichen öfter, und ich habe bei jedem G.s Meinung zusammen-
Gehalt verhüllendes Gewand kantischer Formen. Nur fassenden Satze von mir Sorge, daß ich nicht durch die
wenn man sich diese wahre Geistesart Fichtes klar macht, , Irnr eigne Neigung zur Geschlossenheit und Klarheit des
kann man sein Einmünden in die Romantik verstehen. Na- j Bildes mit irgendeiner Äußerung G.s anderswo in Miß-
türheh ist G. einsichtig genug, Fichte nicht schlechtweg helligkeiten komme. Im Ganzen aber (mit einer ge-
mit der Genieepoche gleichzusetzen. Fichte erscheint ihm legentlichen derben Inkonsequenz gegenüber Lessing)
in vielem als der Löser der Probleme, mit denen man im sjnd die drei Voraussetzungen überreichlich erfüllt. Leib-
Sturm und Drang vergeblich gerungen, und fuhrt inso- niz z. ß. ist fürG. ebenso der „Begründer der deutschen
fern über ihn hinaus. Man kann ihn insofern sogar den Aufklärung" wie in vielem „der Vater von Sturm und
Überwinder der Genieepoche nennen, wenn man nur klar Drang", und dabei ist „der Sturm und Drang" ihm aus
sieht, daß das die wesenhafte Zusammengehörigkeit ] (gegenüber der Aufklärung) „völlig neuem Lebensge-
nicht berührt, ja, daß Fichte die Struktur des Stürmers I fühl" und „völlig neuer Weltauffassung" herausge-
und Drangers im Grunde nie verleugnet hat. ] boren. — Mir meinerseits ist diese ganze Zurückführung
Ehe ich in die Charakteristik der Beweismittel, die j des Wandels damals auf eine Formel unmöglich, wäre
G. für seine These braucht, eintrete, ist es nötig, über j sie unmöglich auch, wenn sie in vorsichtigerer und
die ihn bei seiner Fragestellung bestimmende Auffassung durchdachterer Weise als bei G. durchgeführt würde,
der G e i s te s ge s c h ic h te des 18. J a h r h u n de r t s I Ich sehe in der Arbeit von Lessing und Kant in ihrem
etwas zu sagen. Darüber sind sich natürlich alle Ver- ! Ringen um die Wahrheit, ihrer Herausmeißelung des

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