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Ausgabe:

1929 Nr. 13

Spalte:

299-300

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hadorn, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Die Reformation in der deutschen Schweiz 1929

Rezensent:

Muralt, Leonhard

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299

Theologische Literaturzeitung 1929 Nr. 13.

300

Handeln und Geschichte verfolgt (81. 172. 177). Daß
vor allem die Untrennbarkeit von Deus absconditus,
Christus, Geist, Geschichte jetzt in tieferem Sinne klar
geworden ist, dürfte am schwersten wiegen. Eine Reihe
anderer, fruchtbarer Fragestellungen des Buches (Lu- '
thers Fassung des Willens, Anschauung von Geschichte,
Verhältnis zum Humanismus) können nicht mehr be- j
rührt werden.

Breslau. F. Koh 1 ineyer. I

Hadorn, Wilhelm: Die Reformation in der deutschen Schweiz.

Frauenfeld: Huber & Cr>. 192S. (207 S.) kl. S". = Die Schweiz im
deutschen Geistesleben, 54.'55. Bdchn. Lwfl. RM 4—.

Mit Recht hat es Hadorn unternommen, in Ergänzung
der profangeschichtlichen schweizerischen Literatur
von kirchengeschichtlicher Seite aus eine zusammenfassende
Darstellung der Reformation zu geben.
Bei dem heutigen Interesse für diese Epoche unserer
Vergangenheit gerade auch bei den Theologen ist vor
allem die im Kapitel über die Reformation in Bern gebotene
Schilderung der dogmatischen Auseinander- j
setzung willkommen. Meiner persönlichen Auffassung ■
nach hätte der Verf. sogar noch mehr Raum für das
geistige Leben frei halten dürfen und den äußern Ab- |
lauf der Dinge noch kürzer fassen können. Eine brei- i
tere Darstellung des kirchlichen Lebens, der Verfassungen
, überhaupt der durch die Reformation neugeschaffe- ;
nen Zustände hätte wohl in noch stärkerem Maße
Gegenwartsinteresse gehabt. Doch die Aufgabe des i
Büchleins ist in erster Linie die Orientierung des Laien j
über den Hergang der Reformation. Diese ist durch eine j
sehr übersichtliche und knappe Darstellung des so komplexen
Stoffes gut gelungen. Den größten Raum nimmt
die Reformation in Bern, dem „Schicksalskanton", in
Anspruch. In der Disputation des Pfarrers Brunner
vom August 1522 wird einerseits die theologische
• Grundfrage aufgerollt, andrerseits gezeigt, wie sehr
Luther gerade hier Lehrer und Führer war. Sehr richtig
wird als das treibende Element in der bernischen Re- |
formation das Stadtvolk hervorgehoben, unter dessen j
Drängen der Rat die Durchführung der kirchlichen Aen- I
derung an die Hand nehmen mußte. Bei der Darstellung
der politischen Kämpfe um die Reformation wird mit !
Recht der Wille Zwingiis, das Evangelium in den Gemeinen
Herrschaften zu sichern, als das Hauptmotiv
hingestellt. Doch zur Erklärung von Zwingiis Kriegswillen
wäre eine stärkere Berücksichtigung der auswärtigen
Lage erwünscht gewesen. Auch werden die Bündnispläne
Zwingiis nur vom schweizerischen Standpunkt
aus beurteilt, deshalb nicht gesehen, daß sich Zwingli
an die vor allem von Hessen betriebene antihabsbur- J
gische Koalition, die als ersten Zweck die Rückführung
Ulrichs von Württemberg hat, anschließt, die dann, I
allerdings ohne die Schweiz, 1534 einen vollen Erfolg
davonträgt. Daß Zwingli in der Schweiz mit den Bündnisplänen
nicht durchdrang, wird sehr richtig auf den
Widerstand Berns zurückgeführt, der durch Berns Blick
nach Westen die Erklärung findet. Schon im ersten
Kappelerkrieg war nicht so sehr die vermittelnde Tätigkeit
des Glarners Aebli ausschlaggebend, als das von
Bern ausgehende scharfe Veto im Briefe vom 10. Juni
1529, worin Bern erklärt, nur dem Angegriffenen helfen
zu wollen. Sorgfältig werden alle Männer, die als
erste für die Reformation eintraten, genannt und oft erfahren
sie eine warme persönliche Würdigung. Das i
Schlußkapitel ist der Festigung der Reformation nach
der Niederlage von Kappel in den einzelnen kantonalen
Kirchen gewidmet, die doch erst das richtige Urteil über
Zwingiis Wirken ermöglicht. Leider haben sich einige
Irrtümer eingeschlichen:

S. 23: Erasmus weilte nicht seit 1513 in Basel, er traf erst
im August 1514 dort ein, blieb bis 1510 und von 1521—29; S. 35:
Daß Thomas Wyttenbach lehrte, daß der Tod Christi die einzige
Bezahlung unserer Sünde sei, überliefert doch nur Bullinger. Die
Sache ist sehr fraglich, denn Zwingli schreibt 1523 Juni 15 an

Wyttenbach, sie hätten „die Zeit am Geschwätz der Scholastiker vergeudet
" (klit. Ausg. VIII, 84); S. 101: die zwölf Artikel der Bauern
sind nicht vom „Bundschuh" aufgestellt, diesen Namen tragen nur.
die Bauernbewegungen vor 1524, vgl. Rosenkranz, Der Bundschuh;
S. 125: Z. Z. der Berner Disputation waren die süddeutschen Städte
noch nicht mit den schweizerischen „verbündet", Bern trat ja gerade
in diesem Momente erst dem Burgrecht Zürichs mit Konstanz bei;
S. 150 sollte es heißen Schwerzenbach statt Schwarzenbach; S. 158 50
wird richtig gesagt, daß die Lutheraner ein fertiges Bekenntnis nach
Marburg mitbrachten, es sind die sogenannten Schwabacher
Artikel, die aber nicht in Schwabach vereinbart wurden, da ja die
dortige Zusammenkunft erst am 10. Oktober 1520 stattfand, vgl.
v. Schubert, Bekenntnisbildung und Religionspolitik S. 21 ff. W.
Köhler in Festschrift Meyer von Knonau S. 365; Zwingli verließ allerdings
Zürich ohne Genehmigung des Rates, diese wurde aber nachträglich
erteilt und wie dann Hadorn richtig erwähnt, dem Reformator
ein Ratsmitglied nachgeschickt; S. 172: die V Orte beschlossen
nicht erst am 0. Oktober 1531 den Krieg, sondern sammelten ihre
Truppen schon vom 4. au und setzten an diesem Tage in I.uzern die
Kriegserklärung auf.

Nach W. Köhler, Basier Nachrichten Nr. 207 (1028) erwähne ich
noch: bei Wessel (S. 24) ist der Vorname Johann zu streichen, er
heißt Wessel Gansfort; Zwingiis Besuch bei Erasmus fällt in das
Jahr 1516, nicht 1513 (S. 37); der Name „Stillstände" für die ländlichen
Sittengerichte kam erst später (S. 54); das bekannte Zwingli-
wort heißt: Nicht (nit) fürchten ist der Harnisch! (nicht: Nichts, S.
57); die Autorschaft Vadians am „Wolfgesang" ist neuestens (von
Schieß in der Festschrift des Zwinglivcrcins für H. Escher) mit
guten Gründen bestritten worden (zu S. 80); liest man Flugschriften
und sogar Lieder über die Ahendmahlskontroversc, so kann man wohl
nicht sagen, daß von ihr „das evangelische Volk so gut wie keine
Notiz genommen hat" (S. 157).

Zürich. Leo von Mu ral t.

Festgabe des Zwingli-Vereins zum 70. Geburtstage seines
Präsidenten Hermann Escher. Zürich: Buchdruckerei Bericht-
Haus 1927. (239 S. in. c. Bildnis.) gr. 8". 9 Fr.

Wenn ich zu der in der letzten Zeit gepflogenen
Diskussion über die Berechtigung derartiger Festschriften
ein unmaßgebliches Wort sagen darf, so möchte ich
zwei Punkte zu ihren Gunsten nennen: Der Unzweck-
mäßigkeit, daß Aufsätze, die eigentlich in eine Zeitschrift
gehören, gesondert und an einer auf manchen Bibliotheken
vielleicht nicht erhältlichen Stelle erscheinen,
kann doch durch guten bibliographischen Dienst und
Austauschverkehr abgeholfen werden. Die Freude und
die Ehre, die einem Jubilar durch eine solche Sammlung
zu Teil wird, darf man nicht außer Acht lassen,
beruht doch auch das wissenschaftliche Leben in hohem
Grade auf persönlichem Gedankenaustausch und persönlicher
Anregung, für die am besten dem Jubilar durch
eine Arbeit, durch eigene Leistung der Freunde und
Schüler gedankt werden kann. Der Schwierigkeit, daß
ein Referent nicht zur Besprechung aller Aufsätze zuständig
ist, unterliege ich allerdings auch.

Einleitend berichtet Helen Wild ül>er „Hermann Esclier
und der Zwingli - Verein" und zeigt, wie die in den Publikationen
des Vereins kaum genannte organisatorische Tätigkeit des Präsidenten
nicht wegzudenken ist. Ein Verzeichnis der historischen Publikationen
Eschers ist beigegeben.

Germain Murin legt dar, daß das gemeinsame Auftreten
der beiden Märtyrernamen Felis; und Regula und die Ähnlichkeit des
Datums in der Zürcher Tradition zu demjenigen im Kalendarium
Carthagineiise doch irgendwelche ursprüngliche Herkunft aus Afrika
beweisen. Diese kann er sich nur durch Übertragung von Reliquien
der Märtyrer von Abitinae nach Zürich denken.

Hans von Schubert schildert in seiner geistvollen, immer
die weitesten Gesichtspunkte wählenden Art „Die Grundlegung der
deutsch-christlichen Kultur im Frühmittelalter". Nicht so sehr Politisches
und Wirtschaftliches, wie Dopsch glaubt, ist aus der römischen
Kulturperiode erhalten geblieben und von Einfluß auf die germanische
Welt gewesen, sondern vielmehr das, was aus der Antike
im Gefäß der christlichen Kirche enthalten war. Die komplizierte
Durchdringung des deutschen Staats- und Rechtsgefüges und der
christlichen Gcisteskultur vollzog sich in verschiedenen Stufen. Nur
gering waren die Wirkungen des Christentums an Donau und Rhein
zu römischer Zeit. Dann aber stellte sich die erste Vermählung der
beiden Größen in den arianischen Stammeskirchen ein. Eine Staatskirche
war auch die römisch-katholische der Franken. Die irische
Missionstätigkeit kam erst durch die Angelsachsen zu voller Wirkung
und in Bonifaz sind kaum lreachtete heimische Elemente — z. B. die