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Ausgabe:

1929

Spalte:

286

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Oepke, Albrecht

Titel/Untertitel:

Karl Barth und die Mystik 1929

Rezensent:

Iwand, Hans Joachim

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Nonsens, sondern ein aus sachlichen Erwägungen erforderter
und trotz nicht wegzuleugnender Schwierigkeiten
tragbarer Zustand ist, daß Theologie sowohl ein
Glied der^ Universitas litterarum ist als auch in einem
notwendigen Funktionsverhältnis zur Kirche steht. Diese
eigenartige Stellung ist haltbar, wenn man nur einerseits
neben der Naturwissenschaft die weltanschauungs-
mäßig bestimmten, nicht auf diskursivem, sondern intuitivem
Denken sich gründenden (S. 24) Geisteswissenschaften
anerkennt, in deren engeren Kreis die Theologie
hineingehört, und wenn man andrerseits sich klar macht,
daß der Glaube, der an sich „ein unmittelbares Existen-
zialverhältnis zu Gott" (S. 28 f.) ist, der theologischen
Präzisierung und Rechtfertigung bedarf. Bei diesem
Vortrag bedauert man noch mehr als bei dem vorigen,
daß die Knappheit der gewählten Darstellung nur Andeutungen
gestattete. Gern hätte man noch Näheres
über das Verhältnis der Theologie zu den Geisteswissenschaften
, speziell der Metaphysik, sowie über den Unterschied
des unreflektierten vom reflektierenden Glauben
(darüber auf S. 29 ein paar interessante, nach näherer
Aufklärung begierig machende Sätze). Ich glaube nicht,
daß ich in diesen Punkten mit dem Verf. würde einig
gehen können, doch sind seine Ausführungen zu kurz
und unbestimmt, als daß eine Auseinandersetzung möglich
wäre.

Iburg W. T Ii i in in e.

Schmidt-Japing, Priv.-Doz. Lic. Dr. J. W.: Die christo-
logischen Anschauungen d. dialektischen Theologie.

(Sonderdr. aus d. Apologetischen Jahrbuch 1925.) Gütersloh: C.

Bertelsmann. (28 S.) gr. 8U. RM —80.

Verf. bietet hier eine kritische Darstellung der Theologie
Barths — denn um diesen dreht sich die Abhandlung fast ausschlicll-
lich — vom Gesichtspunkt der Christologie her. Da die Diskussion
über dieses Thema erst in den letzten Jahren in Monographien und
kritischen Auseinandersetzungen von der dialektischen Theologie, dazu
gehört auch Brunner, und ihren Gegnern aufgenommen ist, so entspricht
freilich der Artikel langst nicht mehr dem Stande der Debatte,
und es kann sich nur noch darum handeln, oh er kritische Erwägungen
von grundsätzlicher und also bleibender Bedeutung enthält.

Da ist zunächst der Gedanke, den H. W. Schmidt aufnimmt und
ausbaut (Zeit und Ewigkeit S. 1721 ff.) und den dann auch W. Koepp
vorträgt (Panagape I. S. 24/25), daß die dialektische Methode idealistisch
angelegt sei, gerade weil sie antithetisch zum Idealismus gehalten
ist. Sie ist sein Pendant mit negativen Vorzeichen. Man fordert
an dessen Stelle einen positiven Neuhau auf Grund spezifisch
biblischer Offenbarungserkenntnis. Die Feststellung eines Strukturzusammenhanges
zwischen Dialektik und Idealismus will, wie mir
scheint, solange wenig besagen, als man über die Struktur des letzteren
nichts Näheres erfährt. Auch will beachtet sein, daß Barth selbst
zwischen Dialektik als theologischer Methode und dem Glauben an
Gott und sein Wort eine Scheidewand zieht. Daher trifft die Kritik,
die sich an die Methode hält, nicht ins Zentrum.

Gewichtiger erscheinen mir daher die Bedenken, die Sch.-J.
gegen Barths Auffassung der biblischen Gestalten und insbesondere
Jesu vorbringt. Er warnt davor, den biblischen Menschen zum Paradigma
des menschlichen, in Frage gestellten Daseins überhaupt zu
machen, vor allem vor der unausbleiblichen Konsequenz dieser Typisierung
, in Jesus den Prototyp solcher Fragwürdigkeit zu zeichnen.
Er weist darauf hin, daß im A.T. die „abnehmende Tendenz" von
einer „ansteigenden" begleitet ist und daß das Ineinander der beiden
Tendenzen in Jesus Christus zum „heiligen Nacheinander" geworden
ist. „Jene gefräßige Dialektik von Zeit und Ewigkeit ist hier im
konkreten Geschahen zur Ruhe gekommen." Und dies heilige Nacheinander
, dies „am dritten Tage" der Synoptiker, darf nicht in ein
dialektisch-unzeitliches Ineinander verwandelt werden. Hier ist jedenfalls
ein Problem aufgeworfen, für das wohl auch die Gegner Verständnis
haben werden. Daß für den Christen trotzdem das pauli-
nische Wort gilt rrnVrorf ritv rtxo")tiir zur irjnoC (V rni ataputtt
7itgi(fio<irTt; wird der Verf. nicht bestreiten wollen.

Im einzelnen konnte manches vorsichtiger und gerechter formuliert
sein. Nach Barth zerbrechen z. B. nicht die religiösen Begriffssätze
(Sch.-J. S. 93) sondern liegt die Eigenart biblischen Denkens
je"se'ts a*r religiösen Begriff geg e n sätze (B.Wort Gottes
S. 84).

Königsberg i. IT. H.-J. Iwand.

Oepke, Prof. D. Albrecht: Karl Barth und die Mystik. Mit

e. Stammtafelskizze u. 3 Diagrammen. Leipzig: Dörffling & Franke
1928. (92 S.) S°. RM 3.50.

In dieser Schrift, die ursprünglich in Aufsatzform in „Christentum
und Wissenschaft" erschien, wird Barth auf seine Herkunft von
der Mystik und den Mystikern untersucht, wobei der Verfasser
freilich weder für ihn noch für die Mystik große Sympathie an
den Tag legt. Es werden weitreichende geistesgeschichtliche Perspektiven
gezogen , Barths Theologie wird als ein Stück des
Kampfes, der „zwischen dem Evangelium und Asien auf der ganzen
Linie entbrannt ist", angesprochen. Daß hierbei Barth mehr Schrittmacher
Asiens ist, versteht sich von selbst. Sein Platz ist etwa in
der Mitte zwischen Eckart Und Sankara, seine Theologie hat den
voluntaristischen Theopanisnuis des Wesiens mit dem ontologischen
Theopanismus des Ostens zu einer harten Legierung verschmolzen,
j Die Frage nach der Abhängigkeit Barths von Mystikern beantwortet
die Stammtafelskizze, die von Barth über Cohen und Natorp, Plato
und Plotin zu Parsismus und Hinduismus, Samkhya und Yoga hinaufführt
. Man würde meinen, daß es nur wenige unter den heute lehen-
l den, geistig tätigen Menschen geben wird, denen diese ominöse
, Vaterschaft nicht anhaftet, zumal auch Kant in die Reihe der
Mystiker eingestellt wird.

Im einzelnen werden Zitate von Barth zu den Begriffen: Zeit
und Ewigkeit, Gott, Welt, Mensch, Offenbarung, Christus. Kreuz und
| Auferstehung, Ethik und Eschatologie auf die mystische Denkweise
, hin untersucht, die zunächst aus dem „Römerbrief" entnommen sind.
'. Das Resultat wird dann durch eine Untersuchung des Kommentars
i zum Philipperbrief und der Prolegomena zur Dogmatik erhärtet.
; Die Polemik Barths gegen die Mystik wird als innermystischer Ge-
< gensatz, als der Kampf einer Mystik „radikaler gegen eine solche
weniger radikaler Observanz" verstanden. Paulus und Luther werden
vom etwaigen Verdachte, gleichfalls Mystiker zu sein, gereinigt. Der
• Grundgedanke, eine Kritik an der philosophischen Ontologie in der
Begriffsbildung Barths vorzunehmen, hätte vielleicht fruchtbarer aus-
; fallen können, wenn die Fülle der Vergleichungen eingeschränkt
worden wäre.

Eine Berichtigung wäre besonders erwünscht im Hinblick auf
i das Barth in seiner Exegese von Phil. 1,23 zugeschriebene Ver-
: ständnis. Barth versteht das itiHtXSattt ganz richtig vom rir XgtnTti
l ihmi aus, nicht umgekehrt. Ein boshafter Druckfehler spricht von
der „Empfehlung üedicierter Weltlichkeit als Panazee" (S. 47).
Königsberg i. Pr. H.-J. Iwand.

Stange, Prof. D. Carl: Die Herrlichkeit Gottes. Predigten.
Berlin: Furche-Verlag 1928. (120 S.) 8°. = Stimmen aus d. dtschn.
christl. Studcntenbewcgg., H. 63. RM 3.60.

Von diesem neuen Bändelten Predigten, dem achten
, das Carl Stange ausgehen läßt, gilt ohne Abstrich
das, was ich im Jahrgang 1927 Nr. 15 dieser Zeitschrift
bei Besprechung der 192ö unter dem Titel „Unser
Glaube" erschienenen Sammlung zur Würdigung der Predigtweise
des Verfassers ausgeführt habe. Es enthält lö
kurze Predigten aus den Jahren 1925 bis 1927 über neu-
testamentliche, meist evangelische Texte, von denen die
erste zur Eröffnung der Kölner Tagung des apologetischen
Seminars, die letzte zur 40jährigen Gründungsfeier
der Einweihung der Kirche in der Heimatgemeinde
des Verfassers, die übrigen alle im Universitätsgottes^
dienst in Göttingen gehalten sind. Ihre Themata führen
immer ins Zentrum der Heilsverkündigung, das der Prediger
mit aller Zuversicht bezeugt und um dessen gläubige
Erfassung er zugleich mit der Gemeinde heiß und
inbrünstig ringt. Einer der Grundsätze seiner „Dogmatik"
gelangt hier zu ergreifender praktischer Durchführung :
„Man würde nicht von der Gewißheit des Glaubens
reden können, wenn das, was geglaubt wird, nicht in
der Form der persönlichen Überzeugung angeeignet
würde — aber ebensowenig auch, wenn das, was den Inhalt
der persönlichen Überzeugung ausmacht, in seiner
Geltung nicht von der persönlichen Überzeugung unabhängig
wäre". Kultpredigt und Erweckungspredigt sind
hier zu höherer Einheit verschmolzen. Für den We»
aber, auf dem der Verfasser seine Hörer zum Glauben
an die Heilsbotschaft führt, ist ein anderes Wort seiner
Dogmatik kennzeichnend: „Das religiöse Erkennen ist
keine rein logische Größe sondern ein Lebensvorgang,
die Offenbarung die Tat eines Willens, der Anspruch an
unsern Willen stellt; darum kleidet sich das religiöse
Bewußtsein in die Form des Gewissens" Elenchtik, persönliche
Überführung um Sünde, Gerechtigkeit und Ge-