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Ausgabe:

1929 Nr. 12

Spalte:

284-285

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Odenwald, Theodor

Titel/Untertitel:

Vom Sinn der protestantischen Theologie. 2 Vorträge 1929

Rezensent:

Thimme, Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung 1929 Nr. 12.

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tragenen Gedanken abgeben, wenn es auch so scheinen
möchte, als ob sich hier die philosophischen Erörterungen
mit theologischen Grundfragen träfen.

Von wesentlich größerem Interesse scheinen mir
gerade unter theologischem Gesichtspunkt die Ausführungen
über „secundär vorherbestimmte (Willens) Aktivität
" und „gegebene (Willens) Aktivität" zu sein.
Wenn wir kurz darauf eingehen, so dürfen wir hoffen,
damit den Rahmen einer theologischen Zeitschrift nicht
zu überschreiten. Der Verfasser versteht unter jenen beiden
Verhältnissen eine sich gegeneinander abgrenzende
und gerade dadurch in ihrer Verschiedenheit deutlich
werdende Form der Selbstbestimmung. Es ist ein
Unterschied, ob eine Stellungnahme, die „in mir" auftaucht
, „bruchlos" in eine „von mir" vollzogene übergeht
, — das wäre gegebene Aktivität — oder ob ich der
,„in mir" auftauchenden Stellungnahme gegenüber selbst
Stellung nehme, d. h. mich in Wachheit mit ihr identifiziere
, bzw. sie ablehne. Diese „secundär vorherbestimmte
(Willens) Aktivität" wird dann besonders deutlich
, wenn sich mir mehrere Möglichkeiten der Stellungnahme
bieten, wenn ich also in Wahlfreiheit die Entscheidung
vollziehe.

Stellen wir nun zunächst den Punkt heraus, an dem
das theologische Denken vornehmlich interessiert ist.
Er liegt in dem von dem Verfasser klar gesehenen
Phänomen der Möglichkeit der Zustimmung bzw. ihrer
Verweigerung zu einem in mir aufsteigenden Affekt. Dir
Mensch kann sich mit ihm identifizieren und ihm ebenso
sein Selbst-dabei-Sein verweigern. Durch die Weigerung
wird, wie der Verfasser sagt, die betreffende Stellungnahme
gewissermaßen „geköpft". Freilich würden wir
meinen, daß die Weigerung nur da „geschieht" im Sinne
eines Aktes, wo eine bereits vorliegende Identifizierung
realiter aufgehoben wird, sodaß nur von der Weigerung
aus das positive Phänomen einsichtig sein wird. Aber
wie dem auch sei, dieselbe Frage beschäftigt die katholische
wie die protestantische Theologie in dem Lehrstück
über den consensus, das für die Beichtpraxis ebenso
wichtig ist wie für die protestantische Lehre von der
Sündenvergebung. Vielleicht hätte eine Berücksichtigung
des hier vorliegenden Materials den Verfasser zu sehr
viel tieferen und theologisch fruchtbareren Problemen
führen können. So aber läßt die Ungeklärtheit des Ichbegriffs
in den Redeweisen von „in mir auftauchenden"
und „von mir vollzogenen" Stellungnahmen gerade den
Punkt in der Schwebe, für dessen phänomenologische
Aufhellung man von theologischer Seite gewiß dankbar
gewesen wäre. Handelt es sich doch gerade hier um
Bestimmungen des Ich im Verhältnis zu sich selbst, also
um die Frage, die der vom Verfasser zitierte Kierkegaard
an der von Jaspers erwähnten Stelle aufwirft. Ein
Weitergehen in dieser Richtung würde dem Verfasser
vielleicht auch gezeigt haben, daß jede Untersuchung
über das Freiheitsproblem im Psychologischen stecken
bleiben muß, die das Phänomen der Freiheit vom Akt
aus zu erfassen sucht — vor dem Steckenbleiben im
Psychologischen schützt auch die phänomenologische
Terminologie nicht.

Die Richtung, in der die Lösung gesucht wird, ist
nun freilich eine ganz andere. Trotz der aufgefrischten
Ausdrucksform scheint sie mir nur Altes in neuartigen
Begriffen zu bieten. Freiheit als „Selbstbestimmung des
eigenen kommenden Lebens" gibt es nach der Meinung
des Verfassers im Hinblick auf die „Dimension des
Wertes", und zwar ist die Freiheit hier eine absolute.
Das Vermögen, allem in uns Vorfindlichen gegenüber
die Entscheidung im Hinblick auf die Wertung in der
Hand zu haben, trägt keinen Aktcharakter mehr, sondern
gehört „als an den habituellen Stellungnahmen der
Person haftender Charakter auch dieser selbst habituell
zu". Person und Vermögen zur Selbstbestimmung im
Blick auf das kommende Leben setzen sich durch einander
. Der Verfasser drückt diesen Gedanken auch folgendermaßen
aus: „Zentralität (des Ich) ist ein Wesensmoment
der Aktivität im Sinne der Willentlichkeit.
Umgekehrt ist nun aber auch Willentlichkeit Konsti-
tuens für die Zentralität". Das heißt, Wille und sich
selbst bestimmendes Ich sind identisch. Die dieser These
zugrunde liegende ethische Einstellung führt dahin,

i Ethik als Wertgestaltung des eigenen Lebens aufzufassen
. Der Wert gehört gleichsam als unentbehrliches
Requisit zu jeder das zeitlos urteilende Ich in den

: Mittelpunkt setzenden Ethik. Wir möchten meinen, daß
der Verfasser diese Einstellung trotz seiner gegenteiligen
Versicherung von vornherein mitbringt, da er sonst, gerade
wenn er auf die Sache, auf das ethische Handeln
gesehen hätte, die Problematik seiner Zielsetzung be-

■ merkt haben müßte. Und Phänomenologie heißt doch
wohl „zu den Sachen selbst" (Heidegger).

Es sei mir gestattet, im Anschluß hieran statt
weiterer eigener Ausführungen auf die einschneidende

I Kritik des Wertbegriffs und dessen Verwendung in der

i Ethik hinzuweisen, die wir in dem Aufsatz von Rudolf
Hermann „Die Sachlichkeit als ethischer Grundbegriff"

: finden, wo das Freiheitsproblem von der Zeitgebunden-

I heit des eigenen Lebens her beleuchtet wird. (Z. f. syst.

! Theol. 1927 S. 250 ff.)

Wir sind uns bewußt, daß der Gesichtspunkt, unter

! dem wir an die vorliegende Schrift herangetreten sind,
ein von außen an sie herangebrachter ist und hoffen,

| daß dabei nicht zu große Mißverständnisse des vom
Verfasser eigentlich Gemeinten untergelaufen sein möch-

i ten. Wie weit die phänomenologische Methode dabei im
Sinne der Männer, auf die sich der Verfasser beruft, gehandhabt
wird, entzieht sich unserer Beurteilung, ob-
schon wir auch da gewisse Differenzen zu bemerken

l glauben.

j Königsberg i. Pr. H.-J. Iwand.

I Odenwald, Prof. Lic theol. Theodor: Vom Sinn der protestantischen
Theologie. 2 Vorträge. Leipzig: J. C. Hinrichs 1929.
(32 S.) gr. S". RM 1.80.

Der erste Vortrag behandelt das Glaubensprinzip
und die Methodenfrage in protestantischer Theologie.
Seine Grundthese ist: Protestantische Theologie Glau-

j benstheologie. Die lutherische Orthodoxie wich davon
ab, indem sie den Glauben zu einem Artikel neben andern
machte, ihn also aus dem Zentrum an die Peripherie
rückte, während der Platz im Zentrum der gesetzlich
verstandenen Schriftautorität zufiel. Schleiermacher
hat den ersten systematischen Entwurf einer
Glaubenstheologie vorgelegt, in der göttliche Objektivität
und menschliche Subjektivität, der Transzendenz- und
Immanenzgesichtspunkt in gleicher Weise zur Geltung
kamen, einen Entwurf, der freilich infolge nachwirkender
rationalistischer, orthodoxistischer und romantischer
Tendenzen (S. 5 f.), sowie infolge nicht ausreichender,
bzw. später nachlassender individueller Erfahrungsfülle
und Tiefe (S. 8. 16) unvollkommen blieb. Auf dieser
Linie wird sich auch die künftige Theologie halten
müssen. „Der Punkt, bei dem die Theologie einzusetzen
hat, kann nicht Gott in sich sein, und kann nicht ein
Glaube sein, der von seinem Objekt gelöst ist, sondern
nur das im Glauben vorhandene Ineinander" — ein
wenig glücklich gewählter Ausdruck! — von Gott und
Mensch, S. 10. „Gott als Sein einer nichtgegenständlichen
Wirklichkeit wird nur in der gegenständlichen
Welt offenbar", S. 12. Abzuweisen ist demnach der
Neuansatz der Barthschen Theologie, deren Fehler die
Leugnung des durch den Glaubensbegriff geforderten
Offenseins des Menschen für Gott sowie die sachlich
unzulässige Orientierung an der Praxis der Predigt ist,
S. 9. Meiner Meinung nach hätte noch gezeigt werden
müssen, daß und wie die geforderte Glaubenstheologie

| einer allgemeinen erkenntnistheoretischen Besinnung ein-

! zuordnen ist.

Der zweite Vortrag vom „doppelten Standort prote-

: stantischer Theologie" sucht zu beweisen, daß es kein