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Ausgabe:

1929

Spalte:

280-281

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rouvre, Charles de

Titel/Untertitel:

Auguste Comte et le Catholicisme 1929

Rezensent:

Winkler, Robert

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Theologische Literaturzeitung 1929 Nr. 12.

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Menschengeschlechts" besitzen. Ein besonderer Vorzug
der Untersuchung ist das einleitende Kapitel: „Lessings
.Methode und die durch sie bedingte Methode der
Lessingforschung". Der umsichtigen und vorsichtigen
Grundlegung, die hier geschieht, sind die schönen Ergebnisse
des Buches mit in erster Linie zuzuschreiben.
Das letzte Kapitel bringt die kritische Würdigung. Sie
ist etwas kurz geraten; aber das wenige, was der Verf.
ausführt, hat in mir Zweifel wachgerufen, ob es in aus-
geführterer Gestalt zu einem wirklich durchgreifenden
Angriff auf Lessing ausreichend wäre. Was Hang z. B.
S. 124 über das Ende der Geschichte andeutet, scheint
mir zu sehr noch von demselben Geiste philosophierender
Abstraktion getragen zu sein, von dem auch Lessing
beherrscht ist. — Warum benutzt übrigens Haug die
Erstauf lage von Hempels Lessingedition und nicht deren
verbesserte Neuausgabe ?

Königsberg i. Pr. Fritz Blanke.

Cysarz, Herbert: Von Schiller zu Nietzsche. Hauptfragen d.
Dichtungs- u. Bildungsgesch. d. jüngsten Jahrhunderts. Halle a. S.:
M. Niemeyer 1928. (V, 405 S.) gr. 8°. RM 12 — ; geb. 14.50.

C. bietet einen großzügigen Überblick über die
deutsche Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts. Er
betrachtet sie als Ausschnitt, besser Exponent der allgemeinen
Geistesgeschichte. Die sich ihm ergebenden
Richtlinien sind ziemlich einfach. Am Eingang des letzten
Jahrhunderts deutscher Dichtungs- und Bildungsgeschichte
steht nicht etwa Goethe, dessen Bedeutung vorwiegend
übernational und übergeschichtlich ist, sondern
Schiller, die edelste und ergreifendste Verkörperung
des Idealismus. Von ihm stößt sich die Romantik ab.
Sie sucht, was gährend, ahnungsvoll im neuen Jahrhundert
emporsteigt, Realismus und Individualismus, seelische
Reizbarkeit und Vielfältigkeit der Werte und
Interessen mit dem besten Geisteserbe der Aufklärung
in universaler (ästhetischer) Schau zu verbinden, ohne
über Programm und hoffnungsvolle Ansätze in Leben
und Dichtung hinauszukommen (Friedr. Schlegel, Schleiermacher
, Novalis). Soweit die Frühromantik. Spät- und
Jungromantiker (Tieck, Arnim, Brentano, Eichendorff
usw.) entschlagen sich je länger je mehr dieses pro-
metheischen Wollens, beschränken und verzetteln sich in
dichterischen Einzelaufgaben. In Kleist prallen der Geist
der alten und neuen Zeit, Idealismus und Realismus,
Monumentalität und Nervosität, zerstörend zusammen,
während sie sich in Grillparzer zu schwierigem Kompromiß
verknäueln. Dem Jungdeutschland der Heine,
Grabbe, Büchner erschließt sich das Jahrhundert von
einer neuen Seite, denn neben dem seelischen macht nun
auch das öffentliche Leben sich geltend. Der Versuch
wird aufgenommen, die disparaten Elemente, einschließlich
des noch fortwirkenden Idealismus, in Kunst und
Leben zusammenzufassen, doch findet man aus revolutionärem
Chaos nicht heraus, verliert sich in Zwiespalt
und Verzweiflung. Der nun aufkommende Realismus
(Gottheit, Keller, Stifter usw.) zieht die Konsequenz,
begnügt sich, wenig beschwert von Problemen, inneres
Leben oder äußere Wirklichkeit zu künstlerischer Darstellung
zu bringen und verfällt je länger je mehr
kleinbürgerlicher Verengung, strebt nur einmal, in C. F.
Meyer, zu wirklicher Monumentalität empor. Aber
gleichzeitig, in dem Pantragisten Hebbel und dem
großen Neuromantiker R. Wagner, steigt die Kurve
von neuem an. Erfahrung und Idee, seelisches (sexuelles
) und metaphysisches Sein treten wieder in beziehungsreiche
Wechselwirkung. Einen neuen Gipfel,
der über das Jahrhundert hinweg die hohe Gestalt
Schillers grüßt, stellt sodann Fr. Nietzsche dar. Von
ihm gilt, daß die mit einander ringenden Geistesrnächte
nicht, wie bei Goethe, zu harmonischem Ausgleich, der
eine gewisse Dämpfung bedingt, sondern in polarer,
kontrapunktischer Spannung, also in extremer Steigerung
verharrend, zur Einheit sich verbinden. Während
endlich um die Jahrhundertwende die von Nietzsche so-

| eben noch heroisch zusammengezwungenen Tendenzen
: der ungemein bereicherten und verfeinerten Moderne in
Naturalismus, Neuromantik und Impressionismus auseinander
fallen, hat Stephan George in seiner dichterischen
Produktion das Nietzsche'rche Format zu wahren, bzw.
wiederzugewinnen vermocht. Der Expressionismus aber
bedeutet in gewisser Weise ein interessantes Zurück-
| lenken von Nietzsche zu Schiller.

Ohne Zweifel ist von dem geistvollen, ungeheuer
belesenen, immer wieder die Beziehungsfäden zwischen
, deutscher Literatur und Weltliteratur knüpfenden Verf.

eine Menge zu lernen. Indessen bestehen betreffs der
: Zulän'glichkeit des durch die problematische Ineinsschau
von Geistes- und Literaturgeschichte gewonnenen Schemas
Bedenken. Zumal der so gefundene Wertmaßstab
! scheint nicht zu genügen. Spannungseinheit von Geist
| und Seele, Idealismus und Realismus, Universalität und
Mannigfaltigkeit der Werte, das dürfte doch ein zu
formaler Gesichtspunkt sein, um geistige Höhenlagen
i abzuschätzen. Dabei ist nicht Rücksicht darauf genommen
, daß es einen Widerstreit von sich ausschließenden
i Ideen gibt, und daß die irdischen Sachwerte eine Stufen-
! Ordnung darstellen, die sehr verschieden bestimmt wer«
| den kann. Aber auch die Dichtung dürfte sich gegen
den hier doch wohl etwas schulmeisterlich gehandhabten
: Maßstab empören und für die grundsätzliche Gleichberechtigung
ihrer wechselvollen Lebensformen kämpfen.
Ist man aber mit dem Verf. über die oberste, vermeintlich
in gleicher Weise für alle geistigen Schöpfungen giltige
i Norm uneins, wird man sich folgerecht auch manche
[ einzelne Werturteile nicht aneignen. Was zumal die beiden
Titelhelden anlangt, so muß ich gestehen, so sehr
ich mich der verständnisvollen Würdigung und wannherzigen
Verehrung freue, die Schiller erfährt — G.s
j Buch ist als eine Vorarbeit zu einem großen Schiller-
Werk gedacht — daß die geistesgeschichtliche Bedeutung
Nietzsches (ebenso wie die Itter arische St. Georges)
mir stark überschätzt zu sein scheint.

Einige den Theologen interessierende Einzelheiten
mögen noch Platz finden. Gegen Schleiermacher wer-
1 den gelegentlich — ähnlich wie von Gundolf — ver-
giftete Pfeile abgeschossen. Er war nach C. „ein Bauer
nur des ästhetischen Individualismus, hingegen ein
Schleichhändler der Moral", er „sucht ein Königreich
der Moral und findet nur ästhetische Eselinnen", S. ()5.
Von Luther aber heißt es: „Bärbeißig-rauh und demütigstolz
, voll großartiger Nüchternheit (nicht seraphisch-
' verrannt (!) noch ekstatisch-verzückt, sondern erzenen
' Fleißes und Emsts), in Berge versetzender (niemals
I Begriffe verwirrender) Zuversicht auf das Licht der
Wahrheit ringt Luther mit dem Wort des Herrn", S.
125 f. Das wären dann zugleich ein paar stilistische
Kostproben, die freilich keineswegs ausreichen, die erstaunliche
, geist-, wort- und bilderreiche, gedrängte,
überladene, gekünstelte, witzige, oft gradezu beleidigend
krasse und grelle Schreibweise des Autors zu kennzeichnen
. Ich leugne nicht, daß trotz der zahlreichen
glänzenden, bald breit ausgesponnenen, bald in wenige
Worte zusammengepreßten Charakteristiken, die immer
wieder fesseln und versöhnen, mein Geduldsfaden mehr
als einmal zu reißen drohte,
lbunr. V. T h i in m e.

de Rouvre, Charles: Auguste Comte et le Catholicisme.

Paris: F. Rieder 1928. (267 S.) 8". = Christianisme, 25. 12 Fr.
Die vorliegende Untersuchung will es nicht mit
dem Philosophen Comte, der die Gesetze der Zivilisation
, auch nicht mit dem Gelehrten Comte, der die
positivistische Stufenordnung der Wissenschaften entdeckt
, sondern mit dem Apostel und Organisator Comte
zu tun haben. Auf den Einfluß einer Frau, der katholischen
Clodilde de Vaux, ist es zurückzuführen, daß er
im Gegensatz zu seinen wissenschaftlichen Ergebnissen
zu der Überzeugung der dauernden Vorherrschaft des
Gefühls über den Verstand kam und von diesem Ge-