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Ausgabe:

1929

Spalte:

278

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Oljancyn, Domet

Titel/Untertitel:

Hryhorij Skworoda 1722-1794. Der ukrainische Philosoph d. XVIII. Jahrh. u. seine geistig-kulturelle Umwelt 1929

Rezensent:

Luther, Arthur

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tische Eigenart, mathematische und architektonische Betätigung
, die Versenkung des Cusaners in das Weltzentrum
seine geistige und die Entstehung des Kapitalismus
seine wirtschaftliche Art an; Buchdruck, Pulver
und Geld erweisen sein Strehen in die Weite und Breite.
Neurömischer Geist macht sich in ihm geltend. Das
16. Jahrh. ist das der Hochrenaissance und der Reformation
, wo eine neue Welt ersteht, die sich schon im
14. angekündigt hatte. Alles macht sich von alten Bindungen
los; man orientiert sich nicht am Orient wie im
vorigen, sondern am Westen. Muttersprache, Lyrik, Biographien
, persönliche Bekenntnisse; die Religion des
Menschen, wissenschaftliche Befreiung, Naturspekulation
— alle für lösende Zeiten hezeichnenden Merkmale tauchen
gesteigert auf, bis sich langsam der Drang zur
Selbständigkeit gegen die Jahrhundertwende nach dem
Barock hin zum Drang nach dem Unendlichen wandelt.

Die Schilderung der beiden letzten, dem unsrigen
vorangehenden Jahrhunderte bildet einen Glanzpunkt
des ganzen Werkes. Es ist schwer, eine Ahnung von
der gewaltigen Fülle großer und kleiner Züge zu geben,
mit denen diese beiden klassischen Zeitalter der Bindung
und Lösung gekennzeichnet werden. Nur die ganz
großen Gegensätze sollen angedeutet werden. Ist die
Barockzeit eine Zeit der Masse, der Macht und der
Pracht, so die der Aufklärung eine des Einzelnen, des
Kleinen, des Weiblich-Weichlichen, der Natur und der
Häuslichkeit. Dem Zug zum Orient und zu Rom in
jener entspricht der Sinn für Griechenland und den
Westen in dieser. Frankreich ist das klassische Land des
Barock, England Ausgangspunkt der Aufklärung. In
ausführlichen Darstellungen der Philosophen aus beiden
Zeiten bewegt sich der Verf. auf seinem eigentlichen
Gebiete. Fesselnd ist die eingehende Analyse Friedrichs
II. mit seiner durch den Gegensatz und die Verwandtschaft
mit Macchiavelli bedingten Seele. Kunst —
Malerei im 17., Musik vor allem im 18. Jahrh. — Erziehung
, Politik, Wirtschaftsleben, Religion, gesellschaftliches
und soziales Leben, Wissenschaft, darunter vor
allem die Mathematik — alles wird mit vielen Einzelzügen
und unglaublich vielem Detail unter den beherrschenden
Gesichtspunkt gerückt. Kein Leser wird diese
Darstellung der beiden gegensätzlichen Zeitalter vergessen
.

Und doch — ist es wirklich, wie J. im Vorwort
sagt, schon ein geschichts-philosophisches Werk, das
sowohl den platten Historismus wie auch das leere
Nachdenken über Geschichtsphilosophie überwinden
soll? Es will schon scheinen, als sei die Spalte des
durchgeführten Rhythmus von Bindung und Lösung
doch zu schmal, um die ganze Fülle des Geschehens
hervorquellen zu lassen. Man möchte mehr vom Geist
der Zeiten spüren, aus dem angeblich der Strom herkommt
. Und wird nicht unter diesen beiden polaren Begriffen
, die nie genau ins Licht treten, vieles vereinigt,
was nur gezwungen zusammen zu passen scheint? —
Man gewinnt immer wieder den Eindruck, daß eine unvergleichliche
Kulturgeschichte mit soziologischer Einrahmung
geboten werde, die eine vorzügliche Grundlage
für geschichtsphilosophisches Denken hiete, aber
dieses noch nicht selbst. Oder sollte J. sich mit einem
Begriff von Philosophie begnügen, der nur das Allgemeine
der Wissenschaften im positivistischen Sinn und
noch die Frage nach der Erkenntnis im kritischen umfaßt
? Sollte ein wirklich geschichtsphilosophisches Denken
nicht zum Inhalt vor allem eine Antwort auf die
Frage nach dem Sinn haben, der dann wieder mit bestimmten
Wertungen verbunden sein muß, die hier gänzlich
fehlen, da der Verf. offenbar Barock und Aufklärung
mit gleicher Liebe umfängt? Man sieht bis
jetzt nur Ursache und Wirkung, ein schier mechanisches
Ausschwingen bald nach dieser bald nach jener Seite.
So ist der Tatbestand, gewiß; aber das reicht noch nicht
zur Geschichtsphilosophie. Aber vielleicht führt der
zweite Band auf diese Höhe des Sinnes', der das letzte

Jahrhundert behandeln soll, an dessen Schwelle die

großartige Darstellung seiner beiden Vorgänger herangebracht
hat.

! Marburg. F. Niebergall.

Oljaneyn, Dornet: Hryhorij Skoworoda 1722—1794. Der

ukrainische Philosoph d. XVIII. Jahrh. u. s. geistig-kulturelle Umwelt
. Berlin: Ost - Europa - Verlag 1928. (168 S. m. e. Titelbild.)
gr. 8°. ±= Osteuropäische Forschgn., N. F., Bd. 2. RM 0.50.

Der eigentümliche ukrainische Philosoph und Wanderlehrer
Skoworoda (1722—1794) ist in Deutschland,
! wo man sich erst vor kurzem für die slawischen Denker
zu interessieren begonnen hat, bisher kaum bekannt
gewesen. Es ist daher an sich schon ein Verdienst,
weitere Kreise auf ihn aufmerksam zu machen, wenn
! das vorliegende Buch auch nicht über ein bloßes Referieren
der Gedankengänge Skoworodas hinausgeht. Wie
für alle seine Stammesgenossen, ist für Sk. die Philosophie
„Weisheitslehre", d. h. „eine Philosophie der
Beziehungen des Bewußtseins zum Dasein Gottes, und
keine Erforschung von Methoden des Erkennens im all-
I gemeinen". Wie aus dieser Grundeinstellung sich die
Einzelanschauungen des Denkers ergeben, wird dann
sehr eingehend, an Hand zahlreicher Zitate, dargelegt;
! dabei verzichtet der Verfasser fast auf jede Kritik, auch
j die Zusammenhänge zwischen der Philosophie Skowo-
; rodas und den geistigen Strömungen seiner Zeit, insbe-
, sondere der Aufklärung, seine Abhängigkeit von der
; griechisch-orthodoxen Theologie usw. werden kaum an-
: gedeutet. Dagegen wird das Spezifisch-Ukrainische seiner
Persönlichkeit und seiner Lehre scharf betont und gegen
das Großrussische ausgespielt.

Leipzig. Arthur Luther.

Haug, Stadtpfr. Dr. theol. Martin: Entwicklung und Offenbarung
bei Lessing. Gütersloh: C. Bertelsmann 192S. (128 S.) er. S°.

RM 4 .

Die Beschäftigung mit dem Religionsphilosophen
Lessing hat darin ihre beträchtliche Schwierigkeit, daß
i Lessing entweder seiner Sache selber noch unsicher ist
! oder seine wahren Gedanken versteckt. Daraus entsteht
[ eine störende Vieldeutigkeit, die schon zu Lessings Ta-
■ gen zu einem Streit um seinen Glauben geführt hat.
Dieser Streit ist auch heute noch nicht verstummt. Es
ist noch keineswegs eindeutige Klarheit über Lessings
theologischen Standpunkt hergestellt; eine Untersuchung
zu Lessings Religion rührt darum immer noch an offene
Fragen. H a u g schließt sich in seiner Arbeit „Entw icklung
und'Offenbarung bei Lessing" sachgemäß in erster
Linie an die „Erziehung des Menschengeschlechts" an.
Die Schrift Gustav Krügers „A. Thaer und die Erziehung
des Menschengeschlechts" scheint er nicht
selbst gelesen zu haben. Sie hätte seine Zuversicht, daß
: die Thaerlegende erledigt sei (S. 14, Anm. 2) vielleicht
doch etwas herabgestimmt. Ich bin ebenfalls (wie Haug)
nicht der Ansicht, daß Thaer als der Verfasser der
1 „Erziehung" zu gelten hat, sondern „glaube" an Lessings
Verfasserschaft. Aber exakt beweisen läßt sich
, diese nicht. In der Frage nach dem Autor der „Erziehung
" wird man wissenschaftlich nicht über ein non
liquet hinauskommen. Das scheint mir seit Krüger, der
m. E. auch nicht mehr als den Aufweis eben dieses non
liquet erreichen wollte, klar. Selbstverständlich ist es
des Einzelnen gutes Recht, je nach seiner persönlichen
Überzeugung die „Erziehung" als Dokument der
Lessingsehen Theologie zu verwerten. Aber dem Leser
muß in diesem Fall mitgeteilt werden, daß es sich dabei
um eine Hypothese handelt.

Was Haug inhaltlich über die „Erziehung des Menschengeschlechts
" zu sagen weiß, ist zwar nicht durchweg
neuartig — schon J. G. Hamann hat über die
„Erziehung" in vielem ähnlich wie der Verf. geurteilt
— aber es ist doch so umfassend gründlich, so scharfsinnig
und überall zum Kern der Dinge dringend, daß
ich nicht anstehe, Haugs Schrift den besten Kommentar
zu nennen, den wir gegenwärtig zur „Erziehung des