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Ausgabe:

1929

Spalte:

276-278

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Joël, Karl

Titel/Untertitel:

Wandlungen der Weltanschauung. Eine Philosophiegeschichte als Geschichtsphilosophie. Lfg. 2 - 4 1929

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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276

Kapitel behandelt den Kampf um die kirchliche Selbständigkeit
bis zur Übereinkunft des Bischofs Lipp mit
der Regierung im Jahre 1854, und zwar in vier Abschnitten
: 1. über die kirchliche Bewegung des Jahres
1848, welche in der Würzburger Bischofskonferenz
gipfelt, 2. über die daraus erwachsenen Forderungen des
Bischofs, welche über seine früher geäußerten Wünsche
hinausgingen und in den Verfassungsentwürfen berücksichtigt
werden sollten, aber mit diesen scheiterten, 3. :
über das gemeinsame Vorgehen der oberrheinischen Bischöfe
unter Kettelers Einfluß, wodurch der Bischof bis
zur „Erhebung revolutionärer Opposition" kam, wie man 1
ihm vorwarf; er bedrohte z. B. die staatlichen Kirchenräte
mit kirchlichen Zensuren, wenn sie sich seinen ge- ;
setzwidrigen Maßnahmen entgegenstellen sollten. Es ist j
bezeichnend, daß Rom schon in diesem Stadium seine
Vermittlung anbieten ließ. Der 4. Abschnitt bringt die
Übereinkunft des Bischofs mit der Regierung, welche I
dem Papst zur Gutheißung unterbreitet werden sollte. :
Die Verdrängung des Episkopalsystems wird deutlich
spürbar.

Das zweite Kapitel schildert die Entstehung der
württembergischen Konvention. Ihr Zustandekommen
war möglich dank der liberalen Denkweise des Kultusministers
und dem Friedenswillen des Königs. Beachtenswert
ist auch hier die fast völlige Ausschaltung
des durch berufene und noch mehr unberufene Stimmen
in Rom verdächtigten Bischofs.

Der zweite Teil des Werks bringt die Kapitel:
Vollzug der Konvention, Kampf um die Konvention und
das Gesetz vom Jahre 1862, das an die Stelle der Konvention
trat. Überraschend ist die Instruktion des Papstes
an den Bischof, welche in ihren Forderungen über
die Abmachungen in der Konvention wieder hinausgeht
. Kein Wunder, daß es beim Vollzug der Konven- I
tion zu Differenzen kam, welche besprochen werden
unter den Überschriften: Kirchenämterwesen, geistliche
Erziehung, Ordenswesen, Volksschule, Kirchenvermögen,
bischöfliches Disziplinarrecht, Ehesachen. Die viel angefochtene
Übersetzung der Bulle: (der Papst sei verpflichtet
) universam catholicam ecclesiam . . regere mit: die
ganze Christenheit zu lenken, welche ursprünglich von
evangelischer Seite dem katholischen Stuttgarter Stadt-
pfarrer Dannecker, dem einen der württembergischen
Beauftragten bei der monatelangen Verhandlung in Rom
zugeschrieben wurde, führt H. auf Carl Weizsäcker, den
damaligen Hofkaplan, zurück; eine Nachprüfung dieser
Notiz war dem Ref. nicht möglich.

Das vierte Kapitel schildert den literarischen, politischen
und parlamentarischen Kampf, welcher einen i
Übergang des Ministeriums von Rümelin auf Golther I
mit sich brachte und mit der Verwerfung der Konvention
und ihrer Ersetzung durch das inhaltlich nichts wesentlich
anderes bietende Staatsgesetz endete.

Das fünfte Kapitel bespricht dieses Gesetz, welches
dem Land dank der Friedensliebe des Königs, der weitherzigen
Handhabung des Gesetzes und der friedfertigen
Haltung der Bischöfe für 60 Jahre jeden Kulturkampf
ersparte.

Horb. ü. Bossen.

Die Geschichtswissenschaft in Sowjet-Rußland 1917—1927.

Bibliographischer Katalog, hrsfr. v. d. Deutschen Gesellschaft zum
Studium Osteuropas anläßlich der von ihr in der Preußischen Staatsbibliothek
zu Berlin veranstalteten Ausstelle;. Mit e. Vorwort v. Otto
Hoetzsch. Berlin: Ost-Europa-Verlae 192S. (103 S.) er. 8". RM3-.
Dieser Ausstellungskatalog mit seinen rund 2000
Nummern bietet dem Erforscher der russischen Geschichte
ein ebenso reiches wie wertvolles bibliographisches
Material. Der Begriff „Geschichte" ist sehr weit
gefaßt: auch Religion, Philosophie, Pädagogik, Literatur
, Kunst, Musik, Theater sind mit berücksichtigt.
Der Katalog zeigt nicht nur, wie viel im kommunistischen
Rußland auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften
quantitativ geleistet worden ist, sondern auch,

welche Tendenzen in der Forschung vorherrschen. Es
genügt, darauf hinzuweisen, daß die Abteilungen „Revolutionäre
und Arbeiterbewegung", „Die russische kommunistische
Partei. Lenin", „Die kommunistische Internationale
", „Sozialismus. Revolutionäre Beweguno
(außerhalb Rußlands)" — rund 700 Titel, also mehr
als ein Drittel der Gesamtzahl umfassen. Religious- und
Kirchengeschichte sind dagegen nur mit 30 Titeln vertreten
. Das Vorwort von Hoetzsch berichtet über das
Zustandekommen der Berliner Ausstellung und hebt
zum Schluß hervor: „Die Ausstellung dient rein wissenschaftlichen
Zwecken und wir Historiker unserer
geschichtswissenschaftlichen Auffassung treten ihr gegenüber
, wie es das erste Gebot unserer Wissenschaft uns
befiehlt". Daher ist der Zusammenstellung sowjet-russi-
scher Publikationen auch eine von L. Loewenson-Berlin
bearbeitete Bibliographie der geschichtlichen Emigrantenliteratur
beigefügt, die mit Recht als „für den Forscher
untrennbarer Bestandteil der russischen Historiographie
" bezeichnet wird.
Leipzig. Arthur Lll t Ii e r.

Jo6l, Kurl: Wandlungen der Weltanschauung. Eine Philosophie*
geschickte als Gescliichtsphilosophie. Lfg. 2 4. Tübingen: J.C.B.
Mohr 1928. 4". in Subskr. 2 u. 3 je RM 7—; 4: RM 11—.

In den Lieferungen 2—4, die den ersten Band abschließen
, wird der in der ersten angekündigte und
schon für die ältere Zeit durchgeführte Rhythmus von
Bindung und Lösung klar und energisch weiter geführt.
Wir versuchen, was bei der unglaublichen Fülle des
verarbeiteten Stoffes ein Wagnis ist, ganz kurz je ein
bindendes, ungerades und ein lösendes, gerades Jahrhundert
zusammenzufassen.

Das 9. Jahrhundert ist nicht bloß durch die Bindekraft
Karls des Großen und Nikolaus L, sondern auch
durch die Ordnung des Lebens durch Gesetz und Regel
und durch den spekulativen System bau der arabischen
Scholastik bezeichnet, während das folgende die aufklärerische
und individualistische Renaissauce des Mittelalters
kennzeichnet, deren Merkmale politischer Partikularismus
und der Bund von Clerus, Bildung und Weiblichkeit
darstellen. Die folgenden beiden Jahrhundertc
unterscheiden sich ähnlich. Das 11. ist die hochromanische
Zeit, gekennzeichnet durch das Streben nach Ein-
heitsrnacht und den Rausch des expansiven Imperialismus
, dazu aber noch durch die Vergeistlichung des ganzen
Daseins, die sich in Pilgerfahrten und heiliger Ordnung
des Lebens beweist; geistig bringt es das Rationale
und die Autorität, Denken und Sein in einem
Höchsten zur Einheit. Das zwölfte Jahrhundert löst
wieder alles auf; war das vorige ein Dom, so ist dieses
ein Schlachtfeld; auf dem politischen Gebiet herrscht
wieder der Partikularismus, im sozialen der freie Ritter,
im geistigen der Minnesang, die Aufklärung, die Toleranz
und die Häresie. Die folgenden Jahrhunderte steigern
noch diese Gegensätze. Das 13., das große Jahrhundert
der Hochgotik, stellt wieder das große Ganze,
das Allgemeine, das Ewige in den Vordergrund; die
hierarchische Zentralgewalt steigt auf ihre Höhe, romanische
Zentralisation beherrscht das ganze Leben, Orden
und Universitäten werden gegründet, große Reiche entstehen
, mächtige Lehrsysteme richten bindende Autoritäten
auf. Wie es in den ungeraden Jahrhunderten vorher
seine Parallelen hat, z. B. im Aufstieg der päpstlichen
Macht, so in den ungeraden folgenden, was die
Hochschätzung der Massen und der Macht angeht (Barock
, Napoleon-Friedrich IL). Ihm folgt wieder als
lösendes Saeculum das 14., die Frührenaissance mit
allen bezeichnenden Merkmalen: Kritik, Disputationslust,
zweifache Wahrheit, Schätzung von Freiheit und Persönlichkeit
, Nationalität, Bewußtwerdung des eigenen
Lebens, Geltung des Weibes usw. Die folgenden beideH
bilden ein ähnliches Paar. Humanistische Sammlung
und spätgotische Formung bezeichnen das Wesen des
15. Jahrh.s, Macht und Pracht (Kreml) deuten seine poli-