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Ausgabe:

1929

Spalte:

271-272

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zwingliana. Mitteilungen zur Geschichte Zwinglis und der Reformation. 1928, Nr. 2. (Bd. IV

Titel/Untertitel:

Nr. 16.) 1929

Rezensent:

Bossert, Gustav

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271

Theologische Literaturzeitung 192» Nr. 12.

272

Gedanken auch in dem sich daran anschließenden Aufsatz
über den mittelalterlichen und Renaissance-Platonis-
mus vielfach wiederkehren, werden wir in das eigentliche
Forschungsgebiet Baeumkers eingeführt. Ist er es
doch gewesen, der die Existenz einer platonisch-neuplatonischen
Unterströmung selbst in der Zeit der angeblich
uneingeschränkten Herrschaft des Aristoteles zur
Evidenz gebracht und die von da aus zum Renaissance-
Piatonismus führenden Fäden aufgedeckt hat. Die Elemente
der humanistischen und naturwissenschaftlichen
Bildung im Mittelalter führen vielfach auf Plato und
den Neupiatonisinus zurück. Die Emanationslehre, die
„Lichtmetaphvsik", auch das nicht ganz geschwundene
ästhetische Empfinden des Naturzusammenhangs weisen
auf die gleiche Quelle. Selbst im thomistischen
Denken werden platonische Elemente nachgewiesen.
Noch stärker treten sie bei Albert dem Großen, bei
Bonaventura, in der südwestdeutschen Dominikanerschule
(z. B. Ulrich von Straßburg), auch in der Tegern-
seer Schule hervor. — In der Kaiser-Geburtstags-Rede
über den Anteil des Elsaß an den geistigen
Bewegungen des Mittelalters erweist sich
Baeumker als Meister der Form: über Ernold von
Straßburg und Gtfried, Manegold und die Straßburger
Dichter werden wir wiederum in die Gebiete des spätmittelalterlichen
neuplatonisch durchsetzten Aristotelis-
mus geführt.

Dem gleichen Thema dient der Aufsatz über den
pseudohermetischen liber XXIV philosophorum nebst
Text, einer Sammlung von 24 kurz erläuterten Thesen,
die um 1200 entstanden sein mag, während der gehaltvolle
Aufsatz über Dominicus Gundissalinus um
die Mitte des 12. Jahrhunderts die Wege aufweist, auf
denen der Aristotelismus dem Mittelalter zugeführt wurde
. Der erste Aufsatz bringt eine Abhandlung über den
Sophisten Polyxenos, der nach Baeumker ein Zeitgenosse
Piatos war und das Argument vom roirog
av&Quncog gegen dessen Ideenlehre aufbrachte: veranlaßt
die Gemeinsamkeit der Merkmale hei verschiedenen
Individuen die Annahme einer real existierenden Idee, so
müßte nach dem gleichen Prinzip beispielsweise die
Gemeinsamkeit der Merkmale bei der Idee des Menschen
und dem individuellen Menschen die Existenz eines
rouog uvO-gw/cog und so fort in infinitum als Konsequenz
erfordern. Plato habe sich mit dieser Kritik im zweiten
Teil des Parmenides auseinandergesetzt.

Von dieser einen Ausnahme abgesehen führt das
vorliegende Buch in die mittelalterliche Geistesarbeit ein.
In ihm redet ein großer Kenner und verständnisvoller
Beurteiler zu uns.
Rostock. J. von Wal ter.

Zwingliana. Mitteilungen /,. üescli. Zwingiis u. ct. Reformation.
1928, Nr. 2 (IV. Bd., S. 489—532). Zürich: Bericlithaus. gr. 8°.

Das vorliegende 16. Heft bringt den Abschluß des
IV. Bandes, der die Jahre 1921—28 umfaßt. Der Aufsatz
von D. F r e t z über Joh. Klarer, gen. Schnegg,
„der letzte Gastgeber Huttens" wird zu Ende geführt.
Klarers Händel mit der Gemeinde, welche mit seiner
Eheschließung nicht einverstanden war, und mit dem
ihn verdrängenden neuen Pfarrer, seine aus diesen Streitigkeiten
erwachsende, doch nicht streng durchgeführte
Landesverweisung und Armut, sowie seine Wiederanstellung
und sein Ende in Schwarzenbach werden geschildert
und das Los seiner Familie berichtet: zum
Schluß wird das von ihm in die Kirche von Maur 1511
gestiftete Bild des hl. Bartholomäus mit Klarers Porträt
und Wappen beschrieben. Beigegeben sind seine
Bittschrift für einen vom Wasser Geschädigten und der
Befehl seiner Ausweisung aus dem Züricher Gebiet.
A. Caf lisch kann ein weiteres Brustbild B. Hallers
mit einem Nachtrag zu dessen Ikonographie beibringen ;
doch schreibt er die Entstehung desselben erst der
Wende des 17. Jh.'s und dem Wunsch der nicht mit B.

Haller verwandten Beruer Familie Haller zu, ein Bild
! ihres irrtümlichen Vorfahren zu besitzen. Ein Personeu-
| und Ortsregister für den IV. Band ist beigegeben,
j Horb. ü. Bossen.

Thomas Murners Deutsche Schriften mit den Holzschnitten der
; Erstdrucke. Hrsg. unter Mitarbeit v. anderen von Franz Schultz.

Bd. VI : Kleinere Schriften. (Prosaschriften gegen die Reformation.)
1 1. TL Hrsg. v. Wolfgang Pf ei ff er-Bei 1 i. Bd. VII: Kleine

Schriften. (Prosaschriften gegen die Reformation.) 2. Tl. Hrsg. v.

Wolfgang Pfeif f er-Bei Ii. Berlin: W. de üruvter & Co. 1927

u. 1928. (VIII, 200 u. VI, 174 S.) gr. S". = Kritische Gesamt-
' ausg. Elsäss. Schrittst, d. M.-A. u. d. Reformationszeit. RM 19—.

Die große Murner-Ausgabe, auf die wir die Leser
dieser Zeitschrift wiederholt aufmerksam gemacht ha-
: ben, ist bei Murners Prosaschriften angelangt. Diese
j Schriften, die bisher nur zum kleinen Teil in zuverlässigen
Neudrucken zugänglich waren, sollen in drei Bänden
(Bd. 6—8) der Gesamtausgabe zusammengefaßt und
mit aller textkritischen und exegetischen Sorgfalt bearbeitet
werden. Es sind 7 Schriften (entstanden 1520
i 22), unter denen die in Bd. 6 und 7 abgedruckten fünf
Stücke wieder eine Einheit bilden: das starke Bekenntnis
; zu einer „Reformation von oben" unter Abwehr aller
radikalen Bestrebungen. Diese polemischen Prosaschrif-
ten sind natürlich weniger literarisch und dichterisch als
sprachgeschichtlich und vor allem theologisch interessant
. Dr. W. Pfeiffer-Belli bringt sie in chronologischer
Folge mit reichen Erläuterungen, die nicht bloß
i dem unmittelbaren Textverständnis dienen, sondern Murners
viel umstrittene Person und die Entwicklung seine-
Verhältnisses zur Reformation von besorgter Mahnung
I („mit cristlicher mesikeit") bis zu wütender Verhetzung
darlegen wollen. Die Einleitung bemüht sich, freilich
nur in ganz großen Zügen, vor allem darum, Luthers
und Murners Bild aus den Kulturschichten heraus zu
begreifen, denen sie entsprossen. Förderlicher sind die
Ausführungen über Murners polemische Prosa, de:
Pf.-B. die Mittelstellung zwischen der im 16. Jh. so beliebten
Gefühlspolemik und den Versuchen zu besonuen-
i gelehrter Widerlegung zuweist. Er zeigt endlich, wie
; Murner, von Hause aus eine ehrliche, aoer mannigfach
geschichtete und temperamentreiche, daher auch wider-
! spruchsvolle und zu heftigen Ausfällen neigende Natur,
immer tiefer in die Polemik hineingerissen wurde, die
ihn bis auf die neueste Zeit hinein seineu guten Namen
: gekostet hat. Es zeigt sich auch, wie Murner schließlich,
unter Aufopferung mancher persönlichen Note, zur Satire
im „Großen lutherischen Narren" fortschreiten
mußte. Erst jetzt lernen wir die eigentümliche Dynamik,
wie die Vielseitigkeit, ja den Reichtum seiner Persönlich-
; keit besser schützen, und die neue Ausgabe seiner Prosa-
I Schriften trägt das ihre dazu bei. Auf die exegetischen
Verdienste des Herausgebers denken wir beim Abschluß
! dieses Teils der Ausgabe zurückzukommen.
I Hamburg. Robert Petscli.

i Conze, Dr. Eberhard: Der Begriff der Metaphysik bei
Franciscus Suarez. Leipzig: F. Meiner 1928. (VII, 72 S.)
gr. 8°. — Forschungen /.. Gesch. d. Philos. u. d. Pädagogik, Bd. 3,
H. 3. RM 4.50.

Diese Abhandlung ist in ihrem Hauptbestande eine
kommentierende Darstellung der wichtigsten Grundge-
| danken, die Suarez in der ersten Disputation seiner
i Disputationes Metaphysicae entfaltet. Die Überschrift
I dieser Disputation (de natura primae Philosophiae seu
i Metaphysicae) deckt sich ja geradezu mit dem Titel der
: vorliegenden Arbeit. Naturgemäß berücksichtigt der Vf.
in dem ersten Teil seiner Ausführungen über den „Gegenstand
der Metaphysik" besonders sect. 1: Quod sit
Metaphysicae objectum, und in dem zweiten Teil über
„die Aufgaben der Metaphysik den Einz.elwissenschaf-
I ten gegenüber" vor allem sect. 4: Quae sint huius
j scientiae munera, quis finis, quaeve utilitas. Doch begnügt
sich der Verf. nicht damit, den Gedankengang
des Suarez mir nachzuzeichnen, sondern die den Be-