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Ausgabe:

1929

Spalte:

270-271

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Baeumker, Clemens

Titel/Untertitel:

Studien und Charakteristiken zur Geschichte der Philosophie, insbesondere des Mittelalters 1929

Rezensent:

Walter, Johannes

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Daß er in manchen Einzelheiten, besonders linguistischen
, auch eigene Wege geht, ist bei einem so hervorragenden
Sprachkenner selbstverständlich. Die vorliegende
metrische Rekonstruktion des Hoseatextes ist
die letzte Arbeit, die der Verfasser vor seinem am
21. Januar 1927 erfolgten Tode noch selber veröffentlichen
konnte, während ein fertiges Manuskript über
„Nachträge und Verbesserungen zu Deutero-Jesaja" 1927
aus seinem Nachlaß von C. Brockelmann zum Druck
gebracht worden ist.

Es ist für mich nicht leicht, diese und die ähnlichen
Arbeiten des verehrten Verfassers zu besprechen,
da ich nicht nur der hebräischen Metrik, wie sie Sievers
seit Jahren vorträgt, mit großer Skepsis gegenüberstehe,
sondern überhaupt die seit Ley auf dem Gebiete des
Hebräischen zur Herrschaft gekommene und von Hubert
Grimme auch für das Syrische empfohlene sog.
„akzentuierende" Metrik für einen grundsätzlichen Irrweg
halte; dies auszuführen, ist aber nicht Aufgabe
einer Rezension. Es muß hier genügen, auf die vorliegende
Arbeit hinzuweisen, die von fast ausschließlich
metrischen Gesichtspunkten aus den ursprünglichen dichterischen
Text der Hoseaworte wiederherzustellen versucht
. Ich halte es von vornherein für mißlich, auf
einem so umstrittenen und noch gänzlich ungeklärten
Gebiete, wie dem der hebräischen Metrik, Texte zu Grunde
zu legen, deren rhythmische Struktur schon an und
für sich so zweifelhafter Art ist, wie unsere Prophetentexte
, und dazu noch ausgerechnet einen textlich so
fragwürdigen und in der Überlieferung so mannigfach
überarbeiteten Text wie den des Hoseabuches. Die Willkür
, mit der ein solcher Text dann durch Korrekturen
und Konjekturen, Streichungen und Umstellungen zurechtgestutzt
werden muß, bis er ein regelmäßiges metrisches
Schema ergibt, widerstrebt meinem philologi -
sehen Gewissen. Dabei erlauben die von Pr. angewandten
Grundsätze noch eine sehr weitgehende Freiheit
. Die meisten der von ihm rekonstruierten Gedichte
bieten, wie er selber sagt, kein einheitlich glatt
durchlaufendes Versmaß, sondern mischen meist ganz
regellos, nach Bedürfnis, hie und da einen Kurzvers
zwischen die Langzeilen. Aber auch die Abteilung der
einzelnen Verse und Versglieder ist auf Schritt und
Tritt höchst willkürlich; Enjambement zwischen den Versen
ist erlaubt; die Cäsuren zerreißen immerfort Zusammengehöriges
, und Unzusammengehöriges vereint sich
in einem Verse. Die Bestimmung des Wortakzents, nach
dem ja dieses ganze metrische System die Vershebungen
und Versfüße bestimmen will, geschieht meist nach dem
Bedürfnis des vorausgesetzten metrischen Schemas; dabei
müssen dann sinnwidrige Betonungen oder Unbetontheiten
in den Kauf genommen werden. I3er Leser der Texte,
der sinnvoll zu lesen versucht, ist auf Schritt und Tritt
überrascht, daß bald ein Wort mehrere Akzente bekommt
, bald, obwohl dem Sinn und dem Silbengewicht
nach schwer, akzentlos gelassen wird, und entdeckt
dann, daß nicht der lebendige Vortrag, sondern das
Schema diktiert hat und daß diese Metrik letzten Endes
auf dem Papier gemacht ist.

Daß eine Erkenntnis der alten hebräischen Metra
nicht zu gewinnen ist ohne eine gewisse Kritik der
masoretischen Sprachüberlieferung, hat Sievers längst
klar gemacht. Auch Pr. beschreitet diesen Weg mit
Recht; aber auch hier herrscht mir viel zu viel Willkür,
z. B. wenn ^Jt~)BP bald yisra'el, bald yisrel gesprochen
wird und bald sogar die erste Silbe ganz verschwindet
wie in Stf-iS"1 S}3 = bm-srel.

Auch dieser Versuch, dem Problem der hebräischen
Metrik beizukommen, scheint mir vorläufig nur zu zeigen
, daß wir noch nicht einmal über die Schwelle des
Heiligtums getreten sind.
Bonn. 0, Hölscher.

Baeumker, Clemens: Studien und Charakteristiken zur
Geschichte der Philosophie, insbesondere des Mittelalters. Gesammelte
Vorträge u. Aufsätze. Mit e. Lebensbilde Baeumkers, hrsg.
v. Martin Grab mann. Münster i. W.: Aschendorff 1927. (VII.
284 S.) gr. 8°. ~ Beiträge z. Gesch. d. Philos. d. M.-A., Bd. 25,
H. 1/2. RM 12.75,

Dem Gedächtnis des Begründers der „Beiträge zur
Geschichte der Philosophie und Theologie des Mittelalters
" Clemens Baeumker sind die beiden ersten Hefte
von deren 25. Jahrgange gewidmet. Grabmann hat
hier eine Reihe von Abhandlungen und Vorträgen, an
deren Neuherausgabe in der Form gesammelter Aufsätze
Baeumker noch in den letzten Wochen seines
Lebens durch Ergänzungen und Richtigstellungen gearbeitet
hatte, der wissenschaftlichen Welt vorgelegt und

I mit einer Charakteristik der wissenschaftlichen Arbeit
Baeumkers eingeleitet. Das so entstandene Buch erinnert
lebhaft an Grabmanns „Mittelalterliches Geistesleben
". Allgemeine Überblicke, Spezialuntersuchungen
und bedeutsamere Kritiken wechseln in bunter Folge
und bieten einen guten Einblick in das rastlose Forschen
des vielseitigen Gelehrten. Wem freilich das rein
persönliche Interesse an dem verewigten Forscher ferner

i liegt, dem mag die Frage nach dem Rechte der Auswahl
der veröffentlichten Stücke da und dort auftauchen. So
gerne man die lehrreichen Kritiken über Schneiders
Psychologie Alberts des Großen und namentlich über

' die römische Thomasausgabe aus den Jahren 1908 und
1890 wiederliest, so mag bei den kurzen Kritiken zu

; Gundissalinus (S. 101 f., 1890), Johannes de Rupella

i (S. 102 f., 1890), Eckhart (S. 134 f., 1890) und Niko-

j laus von Autrecourt (S. 136ff., 1897) gefragt werden,
warum sie neugedruckt wurden. Hier wäre eine genaue
Bibliographie sämtlicher Rezensionen und Abhandlungen

| Baeumkers neben der einleitenden Würdigung seiner
Hauptwerke für den Spezialforscher vom größeren
Nutzen gewesen.

Aber nur selten melden sich solche Bedenken. Im
Ganzen werden wir dem Herausgeber zu Dank verpflichtet
sein, daß er nicht nur die Tätigkeit des Editors
und Forschers Baeumker in einen lehrreichen diszi-
plingcschichtlichen Zusammenhang gestellt hat, sondern
uns auch reichhaltige Proben des wissenschaftlichen
Schaffens Baeumkers vorgelegt hat. Ich mache hier
namentlich auf die Abhandlungen über „Geist und
Form der mittelalterlichen Philosophie"
und über den „Piatonismus im Mittelalter",
beide neubearbeitet, aufmerksam. Die erstere bietet eine
kurze Einführung in die mittelalterliche Philosophie.
Ohne die Schranken der scholastischen Arbeit zu verwischen
, versteht Baeumker es doch, aus voller Beherrschung
des großen Stoffes heraus die mancherlei

I Einseitigkeiten früherer Urteile auf ihr rechtes Maß zu
reduzieren. Der Hinweis auf die doppelte Auffassung

' des credo, ut intelligam bei Augustin und Gregor, die
sich durch die mittelalterliche Geschichte hindurchzieht
und einerseits als Regulativ der Spekulation dient, andererseits
die Gegner der Dialektik zu schroffer Abweisung
jeder philosophisch-theologischen Arbeit verleitet
, scheint mir ein neues beachtliches Moment in die
Gesamtauffassung der mittelalterlichen Geistesart hineinzufügen
. Leider ist zu Anfang der Abhandlung der
Gedankenfortschritt von der Betonung des rezeptiven
Charakters des mittelalterlichen Denkens zur Behauptung
der Übernahme einer Summe objektiver Wahrheiten
nicht deutlich. Dagegen scheint mir die Aufweisung
der Nüancen in dem Satze von der doppelten
Wahrheit recht beachtlich zu sein: ist einerseits im Anschluß
an Averroes und dessen Stellung zum Koran die
Neigung vorhanden, lediglich von einer Bildhaftigkeit
der Vorstellung dort zu sprechen, wo die Vernunft sich
in Gegensatz zur Autorität stellt, so wird andererseits,
je weiter die Zeit vorrückt, die Kluft zwischen Glauben
und Denken scharf aufgerissen. — In der Abhandlung
über den Piatonismus im Mittelalter, deren