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Ausgabe:

1929 Nr. 12

Spalte:

268-269

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Praetorius, Franz

Titel/Untertitel:

Die Gedichte des Hosea 1929

Rezensent:

Hölscher, Gustav

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Theologische Literaturzeitung 1929 Nr. 12.

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1" und den maximilianischen Humanistenkreis (Mitt.
d. Ges. f. vervielf. Kunst 1903 S. 29—41, 1904 S. 6
bis 18, 57—78) vorangegangen und weiteren Forschun-
gen, die nicht gedruckt oder wenigstens nicht veröffent- |
licht wurden, jetzt aber — nach seinem Tode — die
Grundlage für das Buch von Panofsky und Saxl !
bilden. Die beiden Verfasser haben ihren Anteil an
dem Werk nicht geschieden, so daß man ihnen ge- !
meinsam für ihre Arbeit danken muß.

Sie gehen aus von der spathellenistischen Saturnvorstellung
, in der das Bild des Planeten mit dem des
Uraniden Kronos und der Zeitgottheit Chronos in einer
sehr bunten, inhaltreichen Mythologie zusammengeflossen
und dann in eigentümlich astronomisch-naturwissenschaftlicher
Weise mit der Anthropologie (die hier zugleich
medizinisch wie psychologisch arbeitet) zusammengebracht
worden ist, indem eben dem Saturn eine
der vier seelisch-körperlichen „Komplexionen", die Me-
lancholie, zugeordnet wurde. Dieser ganze Vorstellungs- j
kreis wird erhoben aus dem einschlägigen Text des !
Abu Ma'sär (9. Jh.), dessen verschiedene Überlieferungs- i
formen im Anhang I vorgeführt werden. Daß aber '
dessen Aussagen fast durchweg auf antike Begriffe
zurückgehen, wird im Anhang II Stück für Stück nach- ,
gewiesen in einer Quellensammlung, die — wie die
Verf. selbst wissen — wohl noch erweitert werden
kann, ohne daß sich dadurch an dem Ergebnis etwas
ändern wird. Die zweite, mit der ersten sich später
begegnende Vorstellungsreihe geht aus von dem griechischen
Melancholiebegriff, den Aristoteles in seinen
Problemata XXX, 1 klassisch formuliert hat (Text und
Übersetzung in Anhang III), womit sich in der Refor-
inationszeit ja gerade Melanchthon auseinandergesetzt
hat (de anima: Corp. Ref. XIII, 85 ff.). Aristoteles !
sieht dabei ganz scharf die Doppelheit, welche der j
Melancholie innewohnt: Einerseits zeugt sie die Genia- |
lität, so daß alle hervorragenden Männer Melancholiker |
sind (öiä vi jcuvreg 'öoot fcegizrol yeyovaoiv dvögeg
rj xcetd cpüoooftctv i] itohxixrp '>; noirfiiv ij vtyvug
(pcdvovxia fiekayxokxol ovveg), andererseits führt sie
überaus leicht zu krankhaften Erscheinungen von der
tatenlosen Schwermut bis zum Wahnsinn, eine Gegen- j
sätzlichkeit, die nun auch in dem spätantiken Bilde des
Saturn ihre Entsprechung hat. Im Mittelalter wird die
Melancholie von einigen Scholastikern gefeiert, weil sie
den Menschen abziehe von den irdischen Vergnügungen.
Im Allgemeinen aber überwiegt die Furcht vor der
krankhaften Seite dieses Temperaments und man sinnt
auf Mittel, sie zu heilen. Wieder entspricht dem die !
Saturnvorstellung: Einerseits wird der Stern als Weisheitsspender
gefeiert, wie seit Ambrosius die Heilgaben
der sieben Planeten in die im Mittelalter so gern geschilderten
virtutes principales Spiritus saneti umge-
deutet werden; aber die Volksvorstellung sieht in dem
Planeten das Unglücksgestirn. Da hat Dante die gottnahen
Vorbilder der vita contemplativa in die Saturnsphäre
versetzt, und bald danach begannen die großen
Geister der Renaissance sich wieder als Melancholiker
im genialischen Sinne zu fühlen, mit dem besten Recht
ein Michelangelo. Diese beiden Vorstellungen hat Mar-
siglio Ficino in seinen „Libri de vita triplici", aus denen
in Anhang IV ausgewählte Kapitel abgedruckt werden,
in ein geschlossenes System gebracht: Die Melancholie
kommt vom Saturn, dem edelsten Gestirn, als eine
„einzigartige und göttliche Gabe", nur kommt es darauf '
an, den saturninischen Menschen durch klug geregelte
Lebensweise, Heilmittel und astrale Magie vor den unheilvollen
Wirkungen des Planeten zu schützen, was
namentlich dadurch geschehen kann, daß die Gegenkräfte
des Jupiter wirksam gemacht werden.

Von dieser letzten Formung des Saturn- und Me- ,
lancholiegedankens bei Ficino aus wollen nun Panofsky
und Saxl Dürers Stich erklären, und zwar machen sie
unmittelbare literarische Einwirkung des Florenzer Pla-

tonikers auf Dürer glaubhaft. Die „Melencolia" ist das
Sinnbild des unter der Wirkung des Saturn stehenden,
zum Genialen befähigten, aber auch der schwersten Gefahr
seelischer (freilich dabei ganz körperlich von der
schwarzen Galle ausgehender) Krankheit ausgesetzten
Menschentums. Daher sind ihr die Abwehrmittel beigegeben
, die Ficino empfiehlt: Klistierspritze, heilender
Blätterkranz, Zahlenquadrat des Jupiter. Alle übrigen
Ein/elstücke haben auch ihre astrologische Bedeutung.
Es sind Sinnbilder derjenigen Berufe, welche von Alters
her dem Saturn zugeordnet werden; jedoch sind nur diejenigen
ausgewählt, welchen die Geometrie, die Kunst
des Messens zugrunde liegt. Die beiden auffallendsten
Gegenstände, der Zirkel, den die Frau in der Hand hält,
im Mittelalter das Werkzeug Gottes als des Weltenbaumeisters
, in der Renaissance das Symbol des schöpferisch
genialen Menschengeistes, und der große Polyeder,
dem in Anhang VI. eine genaue mathematische Beschreibung
gewidmet ist, bezeugen das deutlich. Und
so entspricht es ja durchaus dem Wesen Dürers, der
„aus Maß, Zahl und Gewicht sein Fürnehmen anfohen"
wollte. Allein der Putto und der Hund bleiben auf
diese Weise unerklärt. Die Verf. sehen in ihnen nicht
ohne belegte Gründe, aber doch so, daß hier noch am
ehesten Fragen bleiben, „zwei Gegenbilder" der Hauptgestalt
„in kindlicher und tierischer Sphäre". Für die
Aufreihung der Symbole menschlicher Tätigkeiten, die
zum Saturn Beziehung haben, sind das künstlerische
Vorbild die Planetenkinderdarstellungen, für deren Geschichte
in Anhang V ein reich mit Abbildungen belegter
Aufriß gegeben wird. Gerade im Vergleich mit
allen vorangegangenen Versuchen wird freilich die
schöpferische Einzigartigkeit von Dürers Stich höchst
eindrucksvoll. Das veranlaßt dazu, schließlich noch einmal
die Frage nach der ganz persönlichen Geisteshaltung
zu stellen, die dieser künstlerischen Leistung ihre
eigentümliche Eindruckskraft gibt. Die Verf. weisen auf
einen Text Heinrichs von Gent hin, der gerade in jener
Zeit durch Pico da Mirandola bekannt geworden ist, in
dem der enge Zusammenhang gerade zwischen mathematischer
Wissenschaft und Melancholie betont wird,
weil eben der Mathematiker die Grenzen seines an den
Raum gebundenen Wissens besonders deutlich fühlt.
Das führt zu der Deutung des Zusammenhanges von
Genialität und Melancholie. Er liegt letztlich „in dem
Gefühl einer unheilbaren inneren Insuffizienz", dem gerade
der schöpferische Mensch notwendigerweise ausgesetzt
ist. Daß Dürer wirklich diesem Gedanken hat
Ausdruck geben wollen, zeigen seine eigenen Äußerungen
(„Dann die Lügen ist in unsrer Erkanntnuß" Lange-
Fuhse, Dürers schriftlicher Nachlaß S. 222) und stärker
noch die zwingende Wirkung, die noch heute von seinem
in allen Einzelheiten so zeitbedingten Bilde ausgeht.
Nur glaube ich, daß Weber gegen die an diesem Punkte
aufhörenden Verf. recht hat, wenn er diese Einsicht
mit den religiösen „Ängsten" Dürers und der Besten
seiner Zeit in Zusammenhang bringt. Renaissance und
Reformation gehören hier allerdings als Frage und
Antwort zueinander.

Die Verf. geben im VII. Anhang noch einen Überblick
über die nachdürerschen Melancholiedarstellungeu
bis zum 17. Jahrhundert. So haben sie das Musterbeispiel
einer umfassenden und genauen geistesgeschichtlichen
Einzeluntersuchung geliefert.
Greifswald. Hermann Wblfgang Beyer.

Praetor in S,f Franz: Die Gedichte des Hosea. Metrische und
textkritische Bemerken. Halle a. S.: M. Nieniever 1926 (III 4*
S-) 4". ' RM 6- .

Der Verfasser hat sich im Anschluß an Eduard
Sievers in den letzten anderthalb Jahrzehnten seines
Lebens aufs eifrigste dem Studium der hebräischen Metrik
gewidmet und eine Fülle von kleineren Abhandlungen
und Aufsätzen über dieses Gebiet veröffentlicht.