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Ausgabe:

1929

Spalte:

265-268

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Panofsky, Erwin

Titel/Untertitel:

Dürers „Melencolia I“ 1929

Rezensent:

Beyer, Hermann Wolfgang

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Theologische Literaturzeitung

Begründet von Emil Schürer und Adolf von Harnack

Herausgegeben von Professor D. EmailUel HirSCh unter iMitwirkung von
Prof. D. Dr. G. Hölscher, Prof. D. Hans Lietzmann, Prof. D. Arthur Titius, Prof. D. Dr. G. Wobbermln

Mit Bibliographischem Beiblatt in Vierteljahrsheften, bearb. v. Priv.-Doz. Lic. theol. K.D.Schmidt u. Lic. H. Kittel, Göttingen.
Jährlich 26 Nrn. Bezugspreis: halbjährlich RM 22.50. — Verlag: J.C Hinrichs'sche Buchhandlung, Leipzig.

- . . . y Manuskripte und gelehrte Mitteilungen sind ausschließlich an Professor D. Hirsch in Göttingen, o tin: IQ7Q

34. Jahrg. ■". L. Haiuliolzweg 62, zu senden, Rezensionsexemplare ausschließlich an den Verlag. «• «»"'■' iziZ.

Spalte

Panofsky u. Saxl: Dürers „Melencolia I"
(Beyer)...................265

Spalte

Maeder: Die Richttmc im Seelenleben
(Wobbermin)................281

Spalte

Die Geschichtswissenschaft in Sowjet-Rullland

1917—1927 (Luther)............275

Praetorius: Die Gedichte des Hosea {J«^ 1: Wandlungen der Weltanschauunc; »ejner: Freiheit, Wollen und Aktivität

(Hölscher)... . 268 (NieberKall).................27« (Iwand)...................282

•O1 j a n c v n : Hryhorii Skor/. oroda 1722-1794 .Oden w a 1 d : Vom Sinn der protestantischen

Baeumker: Studien und Charakteristiken : ([.„ther)................... 278t Theologie (Thimme)............284

zur Geschichte der Philosophie (v. W alter). 270 Ljaug: Entwicklung und Offenbarung hei ;S eh m i d t - J ap i n g: Die christologischen

Zwingliana tBossert)..............271 Ussi„K'(B|a„ke)............ . . 27S

Thomas Murners Deutsche Schriften (Petsch). 272|cysarz: Von Schiller zu Nietzsche (Thimme) 279
Conze: Der Begriff der Metaphysik bei idc Ron vre: Auguste Comtc et le Catho-

Eranciscus Suarez (Brunner)........ 272 licisme (Winkler).............. 2S0jStange: Die Herrlichkeit Gottes (Rendtorff) 286

H a g e n : Staat u. kathol. Kirche in Württem- iBohin: Über die Möglichkeit systematischer 'Richter: Evangelische Missionskunde (Mirbt) 287

berg in den lahren 1S4S —1S62 (Bossen). 273| Kulturpbilosophie (Niebergall)....... 281|Cordler: Evang. Jugendkunde (Niebergall) 288

Anschauungen d. dialektischen Theologie

(Iwand)...................285

Oepke: Karl Barth und die Mystik (Den.). 286

Panofsky, Erwin, u. Fritz S a x I: Dürers „Melencolia I". Eine dessen erklärt als sinnbildliche Darstellung der irdischen
quellen- u. typengcschichti. Untersuchg. Leipzig: B. 0. Teubner Weisheit, der Philosophie, im Gegensatz zu der gött-
1923. (XV. 160 S. u. XLV Taf.) 4°. = Studien d. Bibliothek War- jjehen, der Theologie, die in dem im gleichen Jahr 1514
mirfö -• KM 12 ; ßcb- 15—• und in dem selben Format geschaffenen „Hieronymus im
Zum Verständnis der Reformationszeit als einer Gehaus" gesehen wurde. Die vielen Einzelstücke des
Epoche der Kulturgeschichte ist es nicht unwichtig, Bildes wurden gedeutet als Kennzeichen der aus der
denjenigen eigentümlichen Strom ihres geistigen Le- Scholastik übernommenen, aber von Dürer mit vollem
bens zu beobachten, der sich aus altorientalischer Weis- Bedacht eigentümlich abgewandelten freien und mecha-
heit, griechischer Philosophie, scholastischer Theolo- nischen Künste. Den besonderen geistigen Gehalt be-
gie. mystischem Gefühlsleben, Gedankengut aus Kab- kam die Frauengestalt Dürers in Webers Augen aber
bala und Islam, zu allen Zeiten lebendiger Astrologie, erst dadurch, daß sie eben als Melancholie gegeben
Magie und abergläubischen Geheimichren als Quellen waTi als „Weltschmerz ganz in unserm modernen Sin-
speist und der nicht unbeträchtlich zur Entstehung der ne", als „Seele, die in Schwermut versinkt, weil alle die
neuzeitlichen Bildung beigetragen hat, zumal er den Künste und Fertigkeiten, alle die weltlichen Kennt-
Bedürfnissen der Träger dieser Bildung nach Resten „isse und Forschungen sie doch nicht zu befriedi-
wunderhafter Lebensbestimmtheit ebenso entgegenkam gen vermögen". Diese „deutsche Melancholie" wurde
wie er bedeutsame Ansätze naturwissenschaftlicher Er- ais bezeichnende Stimmung weiter Kreise „am Vor-
kenntnismöglichkeiten in sich trug. A. Warburg hat eine abend der Reformation" (1514!) literarisch nachge-
Teilcrscheinung dieser Gesamtbewegung „die Renais- wiesen, aus der dann die große Empfänglichkeit für
sance der dämonischen Antike im Zeitalter der deut- Luthers befreiendes Wort verständlich gemacht wurde,
sehen Reformation" genannt (Sitzungsber. d. Heidel- n^r „lir aus großen Ängsten geholfen hat" war ja
herger Akad. Phil.-hist. Klasse 1020, 26. Abh. S. 4). Dürers bekannte Äußerung über den Reformator.
Den Theologen muß sie nicht nur als ein Vorgang der in dreifacher Weise hat die Forschung seit 1000
neueren Religionsgeschichte beschäftigen (denn ohne weitergeführt. Wie Weber das Blatt mit ,',Ritter, Tod
Zweifel sind eigenartige religiöse Kräfte sehr stark da- und Teufel" aus der angeblichen Trilogie der drei be-
bei im Spiel, so unehristheh sie auch sein mögen), son- rühmten Dürerstiche gelöst hatte, so erkannte man, daß
dem auch darum, weil diese Geisteswelt sich m ihren aucn die Deutung der „Melancholie" nicht von vorn-
bedeutendsten humanistischen Vertretern, zu denen ge- herein festgelegt werden durfte, indem man diesen
rade in dieser Hinsicht mit einem Teil seines Wesens stich als Gegenstück zu dem doch ganz anders ge-
selbst ein Melanchthon gehört, mit Strömungen un- arteten Hieronvmusblatt verstand, sondern daß man sie
mittelbar vor und innerhalb des reformatonsehen Den- aus jhm selbst versuchen müsse. Zum zweiten hat die
kens eigentümlich berührt und auseinandergesetzt hat, Erforschung der antiken und mittelalterlichen Astro-
um in Luther ihren schärfsten Gegner zu finden, was logie, an der sich gerade Saxl durch sein Verzeichnis
gerade die völlig andere Art seines „Teufelglaubens" astrologischer Handschriften (Sitzungsber. d. Heidel-
deutheh macht. Der Berührungspunkt dieser beiden berger Akad. Phil.-hist. Klasse. 1915 6. u. 7. Abh.) und
Welten ist der geistesgeschichtliche Ort, an den Dürers die darauf gegründeten Untersuchungen nach dem VorKupferstich
der „Melancholie" gehört. gang Bolls, Warburgs u. a. beteiligt hat, gezeigt, welch
Die Erklärung dieses ebenso stark zum Gefühl enger Zusammenhang zwischen dem Melancholiebegriff
sprechenden wie verstandesmäßig schwer deutbaren Bit- und der Planetenfürchtigkeit, insonderheit der Saturn-
des hat naturgemäß seit langem die Geister beschäftigt. Vorstellung seit der Antike besteht. Die Folge war, daß
Eine deutliche Stufe in der Forschung bildet das Jahr man zum dritten die Erklärung des Diirerbildes in Ver-
1900. in dem das kluge und weitschaiiende Buch des bindung bringen mußte mit eben diesen gerade in der
Jenenser Kunsthistorikers Paul Weber „Beiträge zu Renaissance wieder stark auflebenden Vorstellungen,
Dürers Weltanschauung" erschien. Hier wurden die d. h. mit jener eingangs geschilderten, Kosmologie und'
geistigen Voraussetzungen des Stiches in Scholastik, Anthropologie gleichmäßig durchdringenden, die Spätvolkstümlicher
Mystik und Nürnberger Humanismus un- antike erneuenden Geisteswelt. Hier ist Karl Giehlow
tersucht. Die Frauengestalt Dürers wurde auf Grund mit seiner Abhandlung über Dürers Stich „Melencolia

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