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Ausgabe:

1929 Nr. 10

Spalte:

224-230

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Geismar, Eduard

Titel/Untertitel:

Sören Kierkegaard. Seine Lebensentwicklung und seine Wirksamkeit als Schriftsteller 1929

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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Theologische Literaturzeitung 1929 Nr. 10.

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sonderer Spannung nach der religiösen Deutung des
Künstlers und seines Schaffens. Die hat sich der Verf.
freilich reichlich leicht gemacht. Die Entwicklung Rem-
brandts wird so geschildert, daß nach Anfängen „bar
jeden religiösen Antriebes" in der Mitte des Lebens
„der entscheidende Durchstoß zur Religiosität" erfolgt
sei, die das Alter erfülle. Das ist eine schwere Vergröberung
der Wirklichkeit. Sie drückt sich schon in
der Beurteilung der Jugendwerke aus: Wenn etwa von
einem betenden Hieronymus der dreißiger Jahre gesagt
wird, in dieser Gestalt sei „kein Gebet, sondern ein von
profaner Aktion erregtes virtuoses Schaustück" dargestellt
, so gilt das kaum von der Radierung Bartsch 101,
die Pfister doch wohl meint (er bildet das Stück nicht
ab), ganz gewiß aber nicht von der nur drei Jahre später
als diese entstandenen Radierung Bartsch 102 mit
dem ganz innerlich ins Beten versunkenen Manne. Wenn
man dem wirklichen Tatbestand gerecht werden will,
so muß man den seelischen Gehalt der Bilder sehr viel
feinfühliger zergliedern. Daß dabei selbst Rembrandts
Landschaften tiefe Blicke in die Religion des Künstlers
tun lassen, hat etwa Kofahl (Vom Ding zur Seele,
Augsburg 1924) gezeigt. Sobald man schärfer hinsieht,
wird man sich freilich auch nicht auf so allgemeine
Redewendungen zur Deutung von Rembrandts Frömmigkeit
beschränken dürfen, wie Pfister es tut („Anbetung
ist Andacht geworden", „Gefühl der Gottnähe", „Verstummen
vor dem unergründlichen Geheimnis seiner
stündlichen und lebendigen Gegenwart"). Von Rembrandts
Religion sprechen, ohne die Frage nach seiner
Bestimmtheit durch die Reformation aufzuwerfen, die
das große Gegenbeispiel Rubens so aufdringlich nahelegt
, heißt: an der Sache vorbeireden.
Greifswald. Hermann Wolfein« Beyer.

Uttendörfer, O.: Wirtschaftsgeist und Wirtschaftsorganisation
Herrnhuts und der Brödergemeine von 1743
bis zum Ende des Jahrhunderts [Alt-Hernihut, 2. Teil). Herrnhut:
Verlag d. Missionsbuchh. 1926. (486 S.) gr. 8°. geb. RM 7.50.

Die Wirtschaftsgeschichte Herrnhuts gehört zu den
besonders interessanten Verbindungen zwischen Religion
und Wirtschaftsleben in der Neuzeit. In den vorliegenden
beiden Bänden wird sie zum ersten Mal zum
Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung gemacht
. Ich füge gleich hinzu, daß es mit vorbildlicher
Gründlichkeit geschehen ist, so daß die Arbeit als eine
erschöpfende Darstellung bezeichnet werden darf. Dem
an leitender Stelle in der Verwaltung der Brüdergemeine
stehenden Verfasser war der Weg zu den reichen archi-
valischen Schätzen der Muttergemeine der Brüderkirche
geöffnet, so daß er aus dem Vollen schöpfen konnte.
Die Zurückstellung einiger Themen, auf die im Vorwort
hingewiesen wird, war eine weise Selbstbeschränkung.
In der Mitteilung von Einzelheiten geht der Verf. in
manchen Abschnitten recht weit, aber er wird sich gesagt
haben, daß seine Arbeit so ausfallen sollte, daß ihre
Wiederaufnahme von anderer Seite überflüssig würde.
Dieses Ziel hat er erreicht, zugleich aber auch durch
seine ausgedehnte Stoffmitteilung den kritischen Leser in
die Lage versetzt, seine Urteile nachzuprüfen. Vor allem
aber ist zu betonen, daß wir nicht nur einen Einblick in
reichhaltige, mit unermüdlichem Fleiß geschaffene Kol-
lektancen erhalten, sondern in die großen Probleme eingeführt
werden, mit denen Alt-Herrnhut sich auseinander
gesetzt hat. Es wird der Nachweis geführt und
deutlich gemacht, wie die Gestaltung des wirtschaftlichen
Lebens aufs engste mit der religiösen Entwicklung
Herrnhuts zusammenhängt. Zur Bestimmung des
Wesens und der Eigenart der herrnhutischen Frömmigkeit
stehen uns mancherlei Quellen zur Verfügung, insonderheit
das Leben Zinzendorfs, die gottesdienstlichen
Einrichtungen und die Mission Herrnhuts. Aber auch
die Auswirkungen des herrnhutischen Geistes im Wirtschaftsleben
sind heranzuziehen, mehr als es bisher geschehen
ist. Es erweist sich als ein getreuer Spiegel der

Zeiten des Aufstiegs wie des Niedergangs und ist unentbehrlich
für das Verständnis mancher eigentümlich brüderischer
Schöpfungen wie z. B. der Chöre. Überaus
nahe liegt die Heranziehung von Bezeichnungen wie
Sozialismus und Kommunismus für manche Bestrebungen
im alten Herrnhut, aber gerade dann, wo sie
kaum zu vermeiden sind, zeigt sich, daß Herrnhut eine
Welt für sich ist und sich nicht einfach in feste Schemata
einordnen läßt. Das Werk Uttendörfers ist daher
eine wertvolle Bereicherung der Literatur über die Brüdergemeine
und zeigt die Objektivität, die wir bei den
von brüderischen Theologen veröffentlichten historischen
Arbeiten anzutreffen gewohnt sind.
Göttinnen. Carl M i r b t.

Geismar, Eduard: Sören Kierkegaard, Hans Livsudvikling og
I Forfatterwirksomhed. III.—VI. Del. Kopenhagen: G. E. C. Gad's
i Forlae; 1927/28. (116, 136, 111 u. 128 S.) Er. S".
Ders.: Sören Kierkegaard. Seine I.ebensentvricklung und seine
Wirksamkeit als Schriftsteller. Unter Mitwirkung des Verf.s aus dem
| Dänischen übersetzt. (In 6 Lfgn.) Lfg. 1 - 5. Göttingen: Vanden-
hoeck n. Ruprecht 1927—1929. (558 S.) gr. S".

je RM 4.20; in Subskr. 3.50.
Geismar's großes Kierkegaardwerk ist im Dänischen
| seit Anfang 1928 vollendet; und so hätte ich der Anzeige
I der beiden ersten Teile (Th. L. Z. LH. 1927 S. 60 ff.
i [Nr. 3] ) schon vor mehr als einein Jahre die Anzeige
j des ganzen Werks folgen lassen sollen. Ich habe aber
; das Erscheinen der deutschen Übersetzung abwarten
| wollen. Jetzt liegen von ihr fünf Lieferungen vor, und
die sechste Schlußlieferung, die das Werk auf nahezu
700 S. engen Drucks bringen wird, soll in wenig Wochen
erscheinen. So darf ich nicht länger mehr säumen.

Dabei würde es mir ein Unrecht scheinen, das Buch
in einer Sammelbesprechung der bei uns in Deutschland
in den letzten Jahren reichlich erschienenen Kierkegaard-
1 Kteratur mit zu charakterisieren. Es hebt sich aus dieser
j so deutlich heraus, daß es für sich gewürdigt werden
I will. Als allgemeine Kennzeichen des Werks dürfen
wohl drei gelten. Einmal, hier schreibt ein Mann,
der wirklich sein ganzes Leben an Kierkegaard gesetzt
I hat. Von der ihm zum Schicksal werdenden Begegnung
j mit Kierkegaards Schriftstellerei in der Studentenzeit,
I von der Geismar selbst berichtet, bis zu diesem Werke
J des hoch in den Fünfzigern stehenden Gelehrten sind fast
j vierzig Jahre vergangen voll Studiums und geistigen
! Ringens, die in Kierkegaard ihren Mittelpunkt hatten.

Darum ist Geismar wohl allen, die über Kierkegaard ge-
I schrieben, notwendig überlegen an Beherrschung und
! Durchdringung des Stoffs. Sodann aber, hier schreibt
ein Mann, der wirkliche Ehrfurcht vor seinem Gegen-
' stände hat. Diese Ehrfurcht zeigt sich vor allem in der
; strengen Sachlichkeit, die den Stoff und seine Deutung
! genau zu scheiden weiß. Das Werk teilt die wahrnehm-
! baren äußern und innern Tatsachen in Kierkegaards Leben
und Denken und Schreiben in bisher nicht erreich-
: ter Vollständigkeit und Sorgfalt mit, macht überall auf
i die bestehenden Fragen und Schwierigkeiten aufmerksam
und stellt die eigene Deutung mit Scheu und Vorsicht
hin. Endlich aber, das Buch ist dennoch von
Anfang bis zu Ende beherrscht von dem, das wir
in Anlehnung an Kierkegaard „existentielles" Denken
nennen. Es ist von einem Manne geschrieben, dem
Kierkegaards Worte zum Stachel und zur Unruhe im
eignen Gottesverhältnis geworden sind, der das von
: Kierkegaard Gesagte mit ganzer Leidenschaft und ganzem
Ernst bewegt mit dem Bewußtsein, sein Ja oder
Nein, sein Verstehen oder Nichtverstehen vor Gott verantworten
zu müssen. Das bringt es mit sich, daß die
Sachlichkeit nie zur Teilnahmlosigkeit wird und die
Ehrfurcht vor dem Stoffe sich gerade auch in dem
Willen, bis in den letzten innersten Zusammenhang einzudringen
, ausdrückt. Auf dieser Verschmelzung der
! Gewissenhaftigkeit des Forschers und Gelehrten mit der
des Menschen, der sein eignes Innere sich durchleuchten
i zu lassen sich nicht scheut und am Schlüsse hinsichtlich