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Ausgabe:

1929 Nr. 10

Spalte:

219-221

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grabmann, Martin

Titel/Untertitel:

Mittelalterliche lateinische Aristotelesübersetzungen und Aristoteleskommentare in Handschriften spanischer Bibliotheken 1929

Rezensent:

Koch, Joseph

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Theologische Literaturzeitung 1929 Nr. 10.

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Die Diskussion dieser These wird wohl davon absehn müssen, in
welcher Gestalt der orrwc-Satz verstündlicher und sinnvoller sei: man
kann über die Gegenwart Gottes unter Todesfurcht, Schande und Tod
vielleicht auch entgegengesetzter Meinung sein. Auch dürfte dann das
uritp navths nicht unerwogen bleiben. Die Frage scheint mir so gestellt
werden zu müssen : in welche dogmenhistorischen Zusammenhänge
führte uns eine Christologie, die Jesus /äWJtf ä*£oi den Tod leiden lälit?
M. E. führte sie uns hin zu der gnostischen These, daß der eigentliche
göttliche Heiland sich vor dem Tode von dem Menschen Jesus trennt.
Diese gnostische These widerspricht aber der ganzen Christologie des
Hebräerbriefs, widerspricht z. B. dem unmittelbar folgenden Verse
Hebr. 2, 10, welche das Leiden als das göttliche Mittel zur Vollendung
des tct>Xiy<>£ rfjff aonrjgias faßt. Es liegt also (wenn man einen
einfachen Schreibfehler für unwahrscheinlich hält) die Vermutung am
nächsten, daß /">oi, sinnentstellende dogmatische Korrektur mit gnosti-
scher Tendenz sei. Will v. Harnack diese Vermutung widerlegen, so
muß er aus der Geschichte der ältesten Christologie eine andre Deutung
des ■/«>oig freo'd beibringen. Das Wort Jesu Mark. 15,34 wäre doch ein
Beleg für das yomlg ft-sov nur, wenn man es im Sinuc jener gnostischen
These deuten dürfte.

Natürlich fällt bei der Verteidigung der Lesart
v>eoi5 auch sonst manches ab zur Erklärung von Hebr. 2,
8—10. Das wichtigste ist die Beziehung von itok'kovg
vloig eig 66§av ayayivra 2, 10. Es gehört nach v. Harnack
zu dem vorhergehenden (e7Cqe/cev yctg) avrty und ist als
in die Infinitivkonstruktion einbezogen akkusativisch konstruiert
; Parallelfall Act. 15, 22.

II. Hebr. 5, 7—9: sv rulg rpsgaig «jg aagxbg aurov
derveig te xai ixrpiegiag 7cglg %bv dvväiisvov oioCsiv avrbv
ix -d-avaTOu /.ietcc xgavyfg ioyygäg xal daxgvtov itgooEviyxag
xai j" eloaxcwod-sig web rr]g evhaßeiag, xab/teg wv vilg
eixad-Ev uep ilv hrecx}eg tiy vitaxory xte. An der mit t
bezeichneten Stelle glaubt v. Harnack ein in ältester Zeit
aus dogmatischen Gründen gestrichnes ovx einfügen zu
sollen, ohne handschriftliche Stütze, rein als sachlich gebotene
Konjektur. Die Gründe sind 1. stilistisch: eia-
ctxovo&Eig ist formell mit /cgoaEvsyxag zusammengehörig,
also noch Schilderung der schweren Lage Jesu, gegen den
mit EiiaÜEv beginnenden Satzteil abgehoben; 2. sachlich:
nur so entsteht ein sinnvoller Satz: worin die Erhörung
Jesu bestanden haben soll, ist dunkel; die Nichterhörung
dagegen ist deutlich: Gott hat ihn, obwohl er es konnte
und darum heiß gebeten wurde, nicht vom Tode errettet.

Die Konjektur wird trotz ihrer Kühnheit Eindruck machen, weil
sie einen tatsächlich schwierigen Satz auf einmal einfach und durchsichtig
macht. Belastet freilich ist sie dadurch, daß sie steht und fällt
mit der Möglichkeit, «no rrji evXaßtittg „aus der Angst weg" (statt
„wegen seiner Gottesfurcht") zu übersetzen. Methodisch wird zweierlei
gesagt werden müssen: 1. Die Gethsemaneszene der drei ersten Evangelien
zeigt nicht nur in der Engelerscheinung Luk. 22,43, sondern
auch in der Wandlung der Haltung Jesu vor und nach dem Gebete
so deutlich auf ein inneres Geschehen hin, daß das Wort „Nichterhörung
" als einfache Wiedergabe der Erfahrung Jesu in Gethsemane
sachlich kaum zutreffend erscheint. 2. Eine den Sinn in das Gegenteil
verkehrende Konjektur ist nur da erlaubt, wo offenbarer Unsinn im
vorgefundenen Texte steht. Eben das aber ist nach dem eben über die
Gethsemaneszene Gesagte nicht der Fall. Man kann zum wenigsten
darüber streiten, inwiefern hier Erhörung, inwiefern Nichterhörung vorliegt
. Damit verliert die Konjektur aber das unbedingt Zwingende,
das methodisch für eine solche Umdrehung gefordert werden muß.
Etwas Verlockendes wird sie trotzdem für viele behalten.

In der weiteren Begründung dieser zweiten Konjektur
sucht v. Harnack in einigen Bibelstellen die Spuren einer
uralten Diskussion über Erhörung oder Nichterhörung des
Gebets Jesu in Todesnot aufzuweisen.

Göttingen. E. Hirsch.

Grabmann, Martin: Mittelalterliche lateinische Aristotelesfibersetzungen
und Aristoteleskommentare in Handschriften
spanischer Bibliotheken. Vorgetr. am 14. Jan. 1928. München:
R. Oldenbourg i. Komm. 1928. (120 S.) 8°. = Sitzungsberichte d.
Bayer. Akad. d. Wissensch., Philos.-philol. u. histor. KL, Jahrg. 1928,
5. Abhdlg.

Die Görresgesellschaft, deren Präsident Heinrich
Finke in Spanien vor allem wegen der Herausgabe der
Acta Aragonensia in großem Ansehen steht, hat in den

j letzten Jahren die spanischen Forschungen in den Be-

! reich ihrer Arbeit gezogen. Martin Grabmann war als
ihr Stipendiat im Herbst 1927 in Barcelona, Madrid,

i Toledo und im Escorial, um seine Forschungen über den

| mittelalterlichen Aristotelismus zu fördern. Die Ergeb-

j nisse sind, wie mir scheint, nicht allzu reich gewesen. G.
hat bisher in zwei Arbeiten über sie berichtet. Die eine
behandelt den wichtigsten Fund, „ein ungedrucktes Lehrbuch
der Psychologie des Petrus Hispanus (Papst Johannes
XXI) in Cod. 3314 der Biblioteca nacional zu
Madrid": Spanische Forschungen, hg. von H. Finke, 1
(1928) 166—173 (vgl. auch diese Akademieabhandlung,
S. 99 f. und meine Notiz in Theol. Revue 27 (1928)
268 f.). Die hier angezeigte Akademieabhandlung ist vor
allem dem mittelalterlichen Aristotelismus gewidmet.

; Bei der Bedeutung, die Toledo einst als Übersetzerzentrale
hatte, durfte man von einer Durchforschung spani-

I scher Bibliotheken neue Aufschlüsse über den lateinischen
Aristoteles erwarten, zumal wenn sie von einem
Manne unternommen wurde, der das Problem so beherrscht
wie G. (vgl. seine „Forschungen über die lateinischen
Aristotelesübersetzungen des XIII. Jahrhun-

j derts", 1916). In dieser Hinsicht wird man aber enttäuscht
. G. beschreibt natürlich manche Aristoteleshandschrift
(vgl. besonders S. 9—45), jedoch bringen sie
nichts Neues. Nur ein Explicit in Cod. 47—11 der
Kapitelsbibliothek zu Toledo (f. 44r) bestätigt, was G.
Thery bereits wahrscheinlich gemacht hatte, daß die

I translatio nova der Meteorologien (Incipit: „De prunis
igitur causis", gedruckt in den Venediger Aristotelesausgaben
des 16. Jahrhunderts) von Wilhelm von Moerbeke
stammt (S. 19). An Kommentaren fand G. eine neue
Hs. des Kommentars des Siinplicius zu den Kategorien
in der Übersetzung Wilhelms von Moerbeke (Cod.
47—11 von Toledo, 1278 geschrieben) (S. 45 f.), den

i Kommentar des Adam von Bouchermefort zur Physik
(Cod. 1580 der Bibl. nacional in Madrid) (S. 50f.), in
Cod. Ripoll 109 eine Anzahl von Kommentaren zur
aristotelischen Logik, so von Wilhelm von St. Amour
(G. bestätigt hier die Forschungen Denifles) und den
nicht weiter bekannten Artisten Bernardus de Sanciza
und Robertus de Aucumpno (S. 51—63). Cod. h. II 1
der Bibliothek des Escorial ethält u. a. Kommentare zur
Metaphysik und zum Liber de causis, die G. Heinrich
von Gent zuweisen möchte (S. 71—76, 83—98), außerdem
anonyme Kommentare zu De coelo et mundo (S.
76—80) und zur Meteorologica (S. 80 f.) und einen
Traktat De unitate formae des Dominikaners Johannes
Faventinus (S. 81 f.). Cod. 1877 der Bibl. nacional zu
Madrid enthält eine große Sammlung medizinischer

: Traktate des Petrus Hispanus und seine Erklärung der
aristotelischen Tiergeschichte (S. 98—113). Einige
Schriften, die G. fand, sind Erzeugnisse des Schulbetriebes
im 13. Jahrhundert; so enthält Cod. Ripoll 109

! eine Summa de physica, eine (unvollständige) „Zusammenstellung
von Quaestionen der verschiedenen, um die
Mitte des 13. Jahrhunderts in der Artistenfakultät gebrauchten
Textbücher" (S. 53, 30 ff.), eine Summa de

• grammatica eines Magisters Durandus (53) und eine
Summa de sophismatibus eines Magisters Matthaeus von
Orleans (62); Cod. 3314 der Bibl. nacional in Madrid

j bietet eine Wissenschaftslehre, die sich besonders mit

; dem Quadrivium beschäftigt; G. nennt sie deshalb die
„Einleitung zu einer Philosophie der mathematischen
Wissenschaften" (S. 65—70).

Soweit die Forschungsergebnisse G.s; sie sind nicht
allzu reich, wie man sieht; aber die Art und Weise, wie
er die Funde mit Hilfe seiner großen Hss.- und Biblio-
: thekskenntnisse von allen Seiten beleuchtet und in die
) Ergebnisse bisheriger Forschungen einordnet, macht die
' Abhandlung genuß- und lehrreich. Einen Wunsch möchte
ich jedoch vor allem äußern. Hss.-Beschreibungen
haben nur dann einen Zweck, wenn sie exakt sind; denn
i nur dann sind sie ein nützliches Forschungsinstrument.
Darum wäre es wünschenswert, daß G. bei seinen Be-