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Ausgabe:

1929 Nr. 9

Spalte:

209-212

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stenzel, Julius

Titel/Untertitel:

Platon, der Erzieher 1929

Rezensent:

Knittermeyer, Hinrich

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Theologische Literaturzeitung 1929 Nr. 9.

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gegen die Häretiker, und seine Schreiben sind eine der nicht in Bausch und Bogen zu verwerfen sich veranlaßt
besten Quellen für den Kreuzzug. Ebenso richtig ist es, finden kann, sieht sich doch zu neuer Begründung ge-
wenn die Gestalt des Heiligen Dominikus stark hervor- nötigt. Deshalb ist der Rückgang auf den Entdecker der
gehoben wird. Und da die politische Seite des ganzen Idee nicht nur von historischer Bedeutung. Die hier anUnternehmens
in das Auge fällt, so war auf die Bedeu- zuzeigenden Bücher sind zwar nicht wie Hermann Kut-
tung des Heiligen Ludwig IX. für den Verlauf hinzu- ters Plato und wir (München: Kaiser 1927) direkt auf
weisen. Bei der Schilderung der Inquisition macht der die Gegenwart hinbezogen; aber sie sind beide — auch
Verf. darauf aufmerksam, daß man sie nicht auffassen j das Buch des Philologen Friedländer — an dem Systemdürfe
als ein von den Päpsten neu erfundenes Mittel begriff der Philosophie beteiligt.

zur Unterdrückung der Häresie; vielmehr gehen ihre Im Einzelnen ist die Anlage der Werke gänzlich

Wurzeln zurück in die Zeiten des alten römischen verschieden. Stenzel stellt den Gesichtspunkt der Er-

Reiches wo ihre Grundzüge schon vorgebildet worden ziehung ausdrücklich an die Spitze, ohne doch damit eine

sind auch dies wieder ein Zeichen, wie sich die Papst- ; Monographie der platonischen Pädagogik zu beabsichti-

kirche des 13. Jahrhunderts darstellt als eine Fortfüh- gen. Gewiß steht ihm der „Staat" im Mittelpunkt und

rung der Antike. Es werden viele bemerkenswerte Ein- , verzichtet er grundsätzlich auf eine Ausschöpfung der

zelheiten über die Inquisition mitgeteilt, über ihr Wesen späteren Dialoge. Er begnügt sich damit, den Ort der

und Wollen, über die von ihr verhängten Strafen, über Dialektik aufzuzeigen, und unterläßt — vielleicht zugun-

den Anteil, den die Kirche, den der Staat an ihrer Tätig- sten einer allzu abgeschlossenen Gesamtansicht — die

keit gehabt hat, so daß man ein lehrreiches und treues ; Erörterung der dialektischen Sonderprobleme von Sein

Bild bekommt. — Die Bibliographie, die am Anfang i und Nichtsein. Gleichwohl heißt ihm Erziehung auch

gegeben ist, könnte etwas sorgfältiger sein. ; der Anspruch, der durch das Kernstück der platonischen

Kiel O. Ficker. j Philosophie gestellt ist.

--■-=--—--r~7~Z—TT—i—7,-c ; Friedländer dagegen will die Form des platonischen

Stutz, Ulrich: Ober das Verfahren bei der Nomination auf i Denkens im Ganzen und im Einzelnen sichtbar machen

*!schoff™e-hit^^Ä £^ ^^%£t£ iEr rrspcri,ht noch einen zweiten Teil>der die piiS

,028 PO S) 4» y RM 2 : mschen Schriften besonders behandeln wird. Hier gibt
m Komm. 1928 (_o s.) «. "V ' er unter grundsätzlichen Gesichtspunkten einen Querüber
das Verfahren beider sog. no.n.naho regia, st , schnjtt ^ d üesamtwerk P^os der v"n vieP
bisher naturgemäß wenig bekannt geworden, weil sich fm hilol iscnen Wissen D , T° • «r n°cVS"-
derart.ge Personalfragen im diplomatischen Verkehr zw.- trübt wird. Während Stenzel meist den inneren Zusant
schen der Kurie und den Fürsten der Öffentlichkeit ent- menh der piato„iSchen Gedankenführüng wahr erzogen
Erst der neuen Zeit ist es vorbehalten geblieben, , hebt si<$ Frica-länder in freier Reflexio„r dfrüber ohnc
die Vorgange durch Einsicht m die Akten kennen zu j doch dem Beherrschtsein durch seinen Gegenstand sich
lernen, soweit sich deren erhalten haben, und sie zur , m entziehen< Beide Werke sind in ihrer Art w^Ssend
wissenschaftlichen Darstellung zu bringen, gerade in ßei Friedländer ist auch die sprachliche GesSnrvon
nXsÄ'^ ! Klarheit und Kraft. Daß im SÄhS

n ue Srffs ^ins" f onM ^ SÄ Anstauung "SSS^SS^ÜFSS ^7 ?t

D 1 j d- x- i j- i lascnenue Z.usammenstm mung findet, mag ein Zeichen

vom Besetzenpreclvte der Bistümer als die normale ver- , dafur sci daß der gt ; « ag ™ f"Lnen

kündet und bei ihrer Durchsetzung kaum noch auf ; „:„),.„ ih„„„i„i„-0 „:„u* „ u u . ,UCI '

Widerstände trifft. Es ist selbstverständlich, daß der "töndlmnÄ Ver"

Verf. mit der ihm eigenen großen Gelehrsamkeit, na- j * •

mentlich in der Vergangenheit der Kirchengeschichte, : , ^ U/ n z e 1 leitet mit einer geschichtlichen Skizze ein,
und mit der scharfen Bestimmtheit des Juristen die | der.en Höhepunkt die Darstellung des Sokrates ist. Geangeschnittene
Frage behandelt. Das Wichtige ist, wenn ' me>ngeist, Frömmigkeit, Sachverstand, Bildung und Ein

ich recht sehe, daß seine Ausführungen uns ermög
liehen, Grundzüge der jetzigen päpstlichen Politik kennen
zu lernen. „Nachdem die Kronen von Österreich
und Bavern, die mit die stolzesten Träger der Bischofs

sieht sucht Sokrates dadurch aus der Vereinzelung, in die
der sophistische Wissensdünkel zersetzt, wiederherzustellen
, daß er das Gespräch als die echte Grundlage entdeckt
„Sprache ist die unerschöpfliche Probe auf gemein-

nomination gewesen waren, zu Fall gekommen sind,., i same^.Me'"-n (°9) —■■ °as ist zugleich ein Vorverweis

1 111 r> .. .' .° ... . J7 nur Hirt L>r,ii,, Hio C,I• ..I----- ;— __• _i____ rt, -,

ist Rom, den weiteren Rückzug mancher staatlicher Ver
fassungen der Nachkriegszeit aus bis dahin besetztem
kirchlichem Bereiche gerne und unverzüglich benutzend,
eifrig bemüht, in Konkordaten und konkordatsähnlichen
Abmachungen die Anerkennung seines gemeinen Rechtes
der Bistumsbesetzung durch den Staat zu erreichen
und sich gegen etwaige Restaurationsversuche bei spä-

auf die Rolle, die Sokrates im platonischen Philosophieren
spielt. Die „Wissenschaft ist die organische
Fortsetzung eines Verständigungsprozesses, den die
Sprache einleitet und in dem wir die unzerstörbaren Voraussetzungen
für eine wahre, d. h. uns allen gemeinsame
Welt erzeugen" (283). In Frage und Antwort
steht das Wort zwischen den Unterrednern. Zwar wird
die gymnastische und musische Bildung von Stenzel

uie gvmnasuscne und musische Bildung von Stenzel
teren Verfassungsänderungen zum voraus nach Möglich- | nkht ubersehcn. Der Eros wird jn seiner vollen Spann-
keit zu schützen Die Vereinheitlichung und freie Durch- jt erschlossen, aber das „höchste menschliche Band"
fühnSg des kirchlichen Rechts schreitet unaufhaltsam | * ^ 0emeinsämkeit freier Paideia" (315); das „zusammen
auf die Sache blicken", das im dialegein geschieht
. Hier ist am sichersten vor leeren Allgemeinheiten
und individuellen Verzückungen Schutz. Wenn es
das „Wesen des Piatonismus" sein soll, „Denkformen zu
finden, die eine Erweiterung und Intensivierung des
Gemeinten zugleich bedeuten" (289), die im Allgemeinsten
das Besonderste enthüllen, dann ist diese lieutung
aus der tiefen Erkenntnis dialektischer Erziehung erwachsen
.

Stenzel findet sicherlich gerade aus solchem Verständnis
heraus den biologischen Denktypus des Aristoteles
bei Plato schon weitgehend angelegt (105). Hier
iie Sicherheit der 'deutsch-idealistischen I scheint die Gefahr eines Fehlgehens nahezuliegen. So
cT^tik ns Wanken S *st heu*e d^ aufschlußreich Stenzeis Ausdeutung des dialektischen

^^^h^^dShrT^n Fichte bis Hegel | Verfahrens ist, so bedenkheh wäre seine einseitige Aus-

fort." „Erst die Geschichte wird darüber urteilen, ob
Religion und Kirche nicht doch bei den Bindungen
besser gefahren sind, die ihnen im letzten Jahrhundert
o. a. durch das Nominationsrecht auferlegt waren."
Kiel. G. Ficker.

Stenzel, Julius: Piaton, der Erzieher. Leipzig: F. Meiner 1928.

(VIII. 337 S.) gr. 8°. RM 12 | geb. 14—.

Friedländer, Paul: Piaton. I. Eidos, -Paidein, Dialogos.

Berlin: W. de Gruyter 1928. (VIII, 278 S. u. 3 Taf.) gr. 8°.

RM 12.50; Lwd. 14.50.

Piatos Ideenlehre wird in dem Augenblick wieder
ein Gegenstand unserer eigenen philosophischen Pro-