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Ausgabe:

1929 Nr. 9

Spalte:

205-206

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Shotwell, James T. (Ed.)

Titel/Untertitel:

Records of Civilisation 1929

Rezensent:

Ficker, Gerhard

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Seite 1

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205

Theologische Literaturzeitung 1929 Nr. 9.

206

28) kommt auch dem Evangelisten von Herzen, nicht
von Philon" (41, ähnl. 43).

3. Die Vorstellung des Verf.s vom hellenistischen
Synkretismus ist eine ganz schematische. Will man den
Begriff „Hellenismus" etwa im Sinne Boussets und
Reitzensteins festhalten, so muß man sich doch darüber
klar sein, daß dieser Hellenismus eine ganz komplexe
Größe ist, und man muß abgrenzen, welches Gebiet bzw.
welche Motive als Einflußsphäre für Joh. überhaupt in
Betracht kommen. Man muß unterscheiden zwischen
philosophischer und mythologischer Tradition, zwischen
Mvsterienkulten, wie den ägyptischen oder phrygischen,
und der Sphäre der Gnosis, zwischen Spekulation,
Mystik. Zauber u. a. Und wiederum darf solche Scheidung
natürlich nicht äußerlich und schematisch gemacht
werden, da die einzelnen Gebiete ja vielfach im Austausch
stehen und die einzelnen Motive oft kombiniert
werden. Umso sorgfältiger müssen sowohl Untersuchungen
über chronologische und geographische Verbreitung
wie literarkritische und motivgeschichtliche
Analysen (z. B. für Philon und die hermetischen Schriften
) geführt werden. Der Verf. verkürzt solche Untersuchung
schon dadurch, daß er das palästinensische Judentum
aus dem Synkretismus herausnimmt. Die Essener
, deren synkretistischer Charakter sich ja nicht leugnen
läßt, werden einfach ausgeschieden als „außerhalb"
des Judentums stehend (13); aber sie sind doch — als
extremer Fall — nur ein Symptom dafür, daß auch das
palästinensische Judentum in den Synkretismus hineingezogen
war. Das zeigt ja die Weisheitsspekulation und
das zeigen Eschatologie und Apokalyptik deutlich genug,
z. B. die Gestalt des Menschensohns, über die der Verf.
redet (15. 40), als gäbe es hier gar kein Problem.

Bei dieser Sachlage hat es keinen Sinn, wenn ich meine
Zustimmung zu manchen einzelnen Urteilen erkläre.
Auf das Ganze gesehen kann ich weder Ja noch Nein
sagen; denn weder bezweifle ich die Selbständigkeit und
Eigenart des Joh. gegenüber dem hellenistischen Synkretismus
, die der Verf. behauptet, noch ist es mir
zweifelhaft, daß für das Anschauungsmaterial und die
Begriffsbildung des Joh. orientalische Mythologie, jü-
disch-synkretistisches Denken und hellenistisch-syrischer
Sprachgebrauch die Voraussetzungen sind. Aber ich bin
der Meinung, daß das Thema in einer völlig anderen
Weise behandelt werden muß, als es hier geschehen ist.
AUrbunj. R. B u 11 m a n n.

Records of Civilization. Sources and Studies, edited by James
T. Shotwell. The See of Peter by James T. Shotwell and
Louise Ropes Loomis. New York: Columbia University Press 1927.
(XXVI, 737 S.) Er. 8°. 10 J.

Der Herausgeber dieses Buches findet es mit Recht
verwunderlich, daß es ein ähnliches Quellenbuch wie
Mirbts Quellen in englischer Sprache nicht gebe. Mirbts
Quellen haben sich ja, wie die verschiedenen Auflagen
beweisen, in der Praxis ausgezeichnet bewährt. Für den
amerikanischen Unterrichtsgebrauch scheint aber doch
eine andere Art, die Quellen zu bieten und anzuordnen,
geeigneter zu sein. Daher die Verschiedenheiten des vorliegenden
Quellenbuches zu Mirbt. Es bietet nämlich die
Quellenstücke nicht in der Originalsprache, sondern nur
in der Obersetzung, und zwar merkwürdigerweise die
Stellen, die aus dem Neuen Testament inbetracht kommen
, nicht in Übersetzung aus dem griechischen Urtexte
, sondern in Übersetzung aus der Vulgata, der autorisierten
katholischen Übersetzung. Für ein Quellenbuch,
das den Studenten die Kenntnis der Vergangenheit vermitteln
soll, würde das dem Deutschen unmöglich erscheinen
. Weiter aber bietet das Buch viel mehr als
Mirbt. Es will nicht nur das Quellenmaterial möglichst
vollständig bieten, sondern will auch in das
Wesen der Quellen einführen, also auch das bieten, was
Mirbt dem mündlichen Vortrage des Lehrers überläßt.
Daher kommt es, daß uns hier ein starker Band von ungefähr
700 Seiten vorgelegt wird und doch nur die

Zeit bis zum Ende des 4. Jahrhunderts behandelt wird.
Und dabei wird vom 4. Jahrhundert ab auf das Legendarische
nur wenig Rücksicht mehr genommen.

Das erste Buch handelt von der petrinischen Tradition
und bringt zunächst die neutestarnentlichen Texte.
Im 2. Teil werden die Zeugnisse vorgeführt, die als
historisch angesehen worden sind (bis in das 5. Jahrhundert
), während der 3. Teil die apokryphe Tradition
i behandelt.

Das zweite Buch handelt von dem Aufstieg des
römischen Bischofssitzes vom Clemensbrief bis zum
Anfang des 4. Jhs., während das 3. Buch die universale
Bedeutung der römischen Kirche vorführt in den großen
Persönlichkeiten der Päpste, wie Silvester, Julius I.,
Liberius, Damasus. Besonders eingehend und inhaltreich
wird das Pontifikat des Damasus nach seinen
verschiedenen Seiten charakterisiert. Im Anhang werden
die Dekretale des Siricius an Himerius von Tarragona
und der liberianische Katalog der römischen Bischöfe
mitgeteilt.

Jedem Abschnitt ist ein Verzeichnis der benutzten
Literatur beigegeben und es ist erfreulich zu sehen, daß
die deutsche Literatur hier reichlich zu Worte kommt.

Ich glaube, daß die hier gegebene Zusammenstellung
und Besprechung der übersetzten Quellenstücke
! gute Dienste leisten kann, wenn ich auch nicht glaube,
daß das hier gezeichnete Bild von dem Aufstieg des
Papsttums vollständig ist. Aber der Grund ist doch
gelegt worden, und der Verfasser hat recht getan, wenn
er auf die Bedeutung Konstantins hohen Wert legt.
Kiel. Q. Ficker.

Wallach, Richard: Das abendländische Gemeinschaftsbewußtsein
im Mittelalter. Leipzig: B. G. Teubner 1928. (IV,
58 S.) gr. 8°. = Beiträge z. Kulturgesch. d. M.-A. u. d. Renaissance,
Bd. 34. RAt 2.40.

Wallach hat die Quellen, vorzugsweise erzählende
! aus den Kulturzentren des Abendlandes mit universalen
Interessen, aber auch reichlich orientalische, die ihm der
Recueil des historiens des croisades bot, nach den Äußerungen
über das Gemeinschaftsbewußtsein des Abendlandes
durchforscht. Es ist ein sehr großer Stoff, den er
zusammengetragen hat und nun unter geeigneten Gesichtspunkten
, dem Gange der geschichtlichen Entwicklung
folgend, vorlegt. Man hätte nur wünschen mögen,
daß markante Äußerungen der Quellen im Wortlaute
wiedergegeben worden wären und der Verfasser sich
nicht begnügt hätte, nur die Stellen anzugeben, wo sie
sich finden. Wie sich der Begriff des Abendlandes, wie
wir ihn heute fassen, entwickelt hat, und wie sich das
Zusammengehörigkeitsgefühl gegen den Osten herausgebildet
hat, trotz des Sonderbewußtseins der einzelnen
im Abendlande vereinigten Nationen, wird in lehrreicher
Weise durchgeführt. Daß auf die Kreuzzüge und die
einigende Macht des lateinischen Papsttums in besonderer
Weise hingewiesen wird, versteht sich von selbst.
Aber stärker als die von der römischen Kirche theoretisch
anerkannte Gemeinchristlichkeit ist der gemein-
abendländische Antiorientalismus, in welchem sich
Deutsche und Franzosen, Italiener und Spanier über ihre
engeren Gegensätze hinweg die Hände reichen. Daß
dieser Gegensatz, wie er am Ende des Mittelalters bestand
, auch heute noch lebendig ist, wird am Schlüsse
dargelegt. Damit werden Fragen angeregt, die für die
künftige Stellung des Ostens und Westens ihre Bedeutung
haben werden. In dieser Anregungsfähigkeit
scheint mir der Wert der vorliegenden Arbeit zu liegen.

Kehr, P.: Das Papsttum und der katalanische Prinzipat bis
zur Vereinigung mit Aragon. EinzelausE. Aus den Abhdbm

d. Preußischen Akademie d. Wissensch. Jahrg 1Q96 Phil hTst
Klasse Nr. 1. Berlin: W. de Qruytcr & Co. in"Komm. 1926:
m S-> 4 ' RAt 13.50.

Die Kirchengeschichte Spaniens im Mittelalter ist
von den deutschen Historikern etwas vernachlässigt wor-