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Ausgabe:

1929 Nr. 8

Spalte:

187-189

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Robinson, H. Wheeler

Titel/Untertitel:

The Christian Experience of the Holy Spirit 1929

Rezensent:

Bohlin, Torsten

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Theologische Literaturzeitung 1929 Nr. 8.

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Die dialektische Theologie knüpft aber gerade nicht an
diese Luther fortführende Linie an. Sie sieht in dem
Kierkegaard des Paradoxes den ganzen Kierkegaard, und
so passiert es ihr, daß sie ihn in ihre Ahnenreihe einstellt
, der doch im Grunde ein Vertreter der Erlebnistheologie
ist, die sie selbst bekämpft. Auch in der
dialektischen Theologie finden sich Züge, die der Erfahrungslinie
im Denken Kierkegaards entsprechen, aber
im Gegensatz zu Kierkegaard nur als glückliche Inkonsequenz
.

Die ausgezeichnete Kritik, die so fair gehalten ist,
daß man wohl erwarten kann, daß die Vertreter der
dialektischen Theologie auf sie eingehen, hat bei ihren
Erwägungen nur einem Gedanken nicht genug Spielraum
gelassen. Auf die Frage, die sich der Kritiker
gestellt hat: Woher hat die dialektische Theologie ihr
Wissen um das Ewige, wenn es nicht aus der religiösen
Erfahrung stammt? ist nicht nur die eine Antwort möglich
, die der Verf. allein in Rechnung stellt: aus abstrakt
-metaphysischen Überlegungen, sondern auch die
andere: von dem in der Schrift vorliegenden und im
Dogma konzentrierten Wort. Von dieser Antwort aus
hätte noch manches zugunsten der dialektischen Theologie
gesagt werden können, freilich auch auf die Gefahr
hingewiesen werden müssen, daß ihre Worttheologie
in Verbindung mit ihren objektivistischen Tendenzen
zu einer Restauration der Orthodoxie des 17.
Jahrhunderts führt.

Heidelberg. Robert Winkler.

Robinson, H. Wheeler, M. A., D. D.: The Christian Experlence
Of the Holy Spirit. London: Nisbet & Co. 1928. (XVIII,
295 S.) 8°. . 10 sh. 6 d.

Dem eben so zarten wie zentralen Problem des
Heil. Geistes in der Theologie hat Robinson eine
eingehende, religiös und psychologi ch tiefschürfende
Untersuchung gewidmet, die in der Serie „The Library
of Constructive Theology" veröffentlicht ist.

Nach einer Einleitung, die teils den Gegenstand
und die damit verknüpften Schwierigkeiten charakterisiert
, teils eine summarische Skizze der ruach im Alten
Testament und des pneuma im Neuen Testament gibt,
wird der Doppelsinn festgelegt, in dem der „Heilige
Geist" im Folgenden aufgefaßt werden soll. Der Geist
wird erstens in einem allgemeinen, mehr „philosophischen
" Sinne als Inbegriff aller Attribute und aktiven
Funktionen der menschlichen oder göttlichen Persönlichkeit
aufgefaßt, teils in einem spezieller christlichen
Sinne als „der heilige Geist".

Der Ausgangspunkt für die Analyse des Geistesbegriffes
wird in der christlichen Erfahrung genommen
. In der Betonung des autoritativen Charakters der
religiösen Erfahrung sieht Robinson das Prinzip des
Protestantismus. Aber diese „Erfahrung", die hierbei in
Gegensatz sowohl zum unpersönlichen Autoritätsglauben
als auch zum abstrakten Vernunftglauben gestellt wird,
darf nicht mit außerordentlichen Erlebnissen verwechselt
werden, sondern muß als ein Glied in der menschlichen
Erfahrung überhaupt aufgefaßt werden; das religiöse
Erlebnis des Einzelnen muß durch die „Tradition",
durch die gesammelte geistige Erfahrung der Christenheit
gereinigt und vertieft werden. Bei Robinson liegt
ein starker Ton auf dem Zusammenhang zwischen religiöser
und „natürlicher" Erfahrung; der Unterschied
zwischen beiden bezieht sich weniger auf den Inhalt der
Erfahrung als auf seine Deutung (S. 50). Hiermit hängt
aber gar nicht eine Tendenz zusammen, die Religion
in Moral aufzulösen oder sie in der Richtung immanenter
Religiosität umzudeuten. Der Verf. hat eher die
entgegengesetzte Tendenz: in der „natürlichen" Erfahrung
in Natur, Persönlichkeit und Geschichte erblickt er
Hinweise auf die transzendente Wirklichkeit, die der Halt
aller lebendigen Religionen ist (Kap. IV). Die Voraus-

; setzung für diese ganze Betrachtungsweise ist der christliche
Schöpfungsglaube: die ursprünglich gegebene Verwandtschaft
zwischen Mensch und Gott, kraft deren der
Menschengeist das Göttliche immerfort offenbaren kann
und das Göttliche in dem Menschlichen inkarniert wird.

Der Geist (in der allgemeinen Bedeutung dieses Begriffes
) wird durch vier Merkmale bestimmt: zentripe-
: tale Aktivität, gemeinschaftsbildende Kraft, Fähigkeit
| der Transformierung und Sublimierung sowie durch
„sacramentalizing activity" — einen Begriff, der jedoch
nicht zu eng aufgefaßt oder für eine spezielle Sakramentstheorie
in Anspruch genommen werden darf (Kap.
III). Jemehr sich das Geistige in diesem Sinne dem
i göttlich Geistigen nähert, wird es ein immer vollkommeneres
Organ für die Offenbarung. Die eigene Autorität
der Offenbarung ist folglich letzten Endes von rein
innerem Charakter („The presence of God is proved
i by the quality of experience"); sie tritt als ein eigen-
i artiges Evidenzbewußtsein hervor — testimonium
Spiritus saneti internum.

Mit diesem Gedanken ist der Übergang zu dem
zweiten Hauptteil der Untersuchung gegeben, der das
[ Werk des Heiligen Geistes in Bezug auf die
Kirche, die Schrift, das Sakrament, das individuelle Leben
behandelt. Das größte Interesse knüpft sich hier
j an die Frage nach dem Geist und Christus. Robinsons
Deutung dieser Beziehung kommt Erich Schnede
r s Gedankengängen in seinen Werken „Theozentrische
Theologie" und „Das Geistesproblem der Theologie
" nahe und ist direkt von ihnen beeinflußt. Wie
Gott in der Welt durch Christus gegenwärtig ist, so ist
Gott durch Christus im Heiligen Geiste gegenwärtig.
Eine „christozentrische" Theologie kann nur dann ihr Zen-
i trum in Gott gewinnen, wenn das Christusproblem in das
! Geistesproblem überführt wird. In entschiedenem Gegensatz
zu R i t s c h I und Herr mann betont Robinson,
! daß die spezifisch christliche Erfahrung ihren Ansatz-
j punkt nicht in dem historischen Jesus hat, sondern
sich gründet auf einen unmittelbaren geistigen Kontakt
; mit dem lebendigen Christus, dem „Herrn des Geistes"
: der nicht ohne Weiteres mit Jesus von Nazareth identi-
! fiz.iert werden darf. Seine Christologie ist überhaupt
' d y n a m i s ch.

Ist Kor. 3, 17 nach dieser Anschauung der klassi-
1 sehe Ausdruck für das Verhältnis der Christologie zur
Pneumatologie (R. betont nicht wie Schaeder das Span-
, nungsverhältnis zwischen der Tendenz, Christus und den
Hlg. Geist zu identifizieren, und der Tendenz des Neuen
j Testamentes, den lebendigen Christus und den Hlg.
i Geist gleichzeitig neben einander zu stellen), so wird im
I dritten Hauptteil der Untersuchung „The Holy Spirit
j and the Godhead" das Verhältnis des Hlg. Geistes zu
| Gott in den drei Bestimmungen angegeben: daß Gott
| den Heiligen Geist gibt und hat und zugleich der
; Hlg. Geist ist. Der Verf. vertritt eine Offenbarung
s tr i n it ät, die sich auf die Offenbarung in der
Natur, in der Geschichte, im Selbstbewußtsein der
christlichen Persönlichkeit bezieht (S. 239). Gott selbst
j soll letzten Endes als Heiliger Geist aufgefaßt werden.
I „Der Hlg. Geist ist der Anfang und das Ende", und
schließt Vater- und Sohnschaft, das Göttliche als svna-
mische Größe, als schaffende und erlösende Aktivität
| in sich. Wird aber die Dreieinigkeit zunächst auch als
j eine dreifache Offenbarung aufgefaßt, und lehnt der
Verf. entschieden jede Tendenz zu Tritheismus ab, so
schwebt ihm doch letzten Endes der Gedanke an ein
Korrelat zur Differenzierung der Offenbarung im eigenen
Wesen Gottes vor. Gerade die Erfahrung des
Heiligen Geistes ruft, und darin mündet die Unter-
; suchung, den Gedanken an eine „differenzierte Einheit"
Gottes hervor: „Though not indivudualized, in which
therc is the co-existence of that which our thinking
i cannot combine ontologically" (S. 285).

Die Stärke des Verf. liegt weniger auf dem histo-