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Ausgabe:

1929 Nr. 8

Spalte:

183-184

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nieden, Ernst zur

Titel/Untertitel:

Der Missionsgedanke in der systematischen Theologie seit Schleiermacher 1929

Rezensent:

Schlunk, Martin

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183

Theologische Literaturzeitung 1929 Nr. 8.

184

bewegten Epoche neu durchforscht noch auch zu den
chronologischen, entwicklungsgeschichtlichen und Beeinflussungsfragen
der Hardenbergschen Naturphilosophie
wesentlich Neues und Eigenes gesagt. Gewiß, die Novalis
-Ausgabe Kluckhohns und Samuels mit ihrer Darbietung
interessanten neuen Materials an Fragmenten
und Briefen und ihrer durchgreifenden chronologischen
Ordnung der Aphorismenmasse stand P. noch nicht zur
Verfügung. Aber ganz abgesehen davon, daß er sich
dann eben selbständig um Bereicherung der quellenmäßigen
Grundlagen seiner Arbeit hätte bemühen müssen
— war es wirklich nötig, an der Hand der allgemein
bekannten Literatur nochmals das Verhältnis des
Naturphilosophen Novalis zu Kant, Fichte und Hülsen.
Hemsterhuis und Sendling, Baader und Ritter, Plotin
und Böhme festzustellen: großenteils aus zweiter Hand
und auf weite Strecken hin in oft nur äußerlich unr-
schreibender Wiedergabe der Ausführungen von Haven-
stein, Bulle, Olshausen, Baumgardt, Feilchenfeld, Kircher
, Heilborn u. a.?

Wie oberflächlich und flüchtig der Verfasser bei
dieser, großenteils rein kompilatorischen Tätigkeit verfährt
, dafür nur ein Beispiel. Er sucht, zumeist im Anschluß
an Olshausen, ein — übrigens äußerst dürftiges
—Bild von Ritters Theorie des Galvanismus zu geben
und berichtet, seinem Gewährsmann treulich folgend,
von Ritters experimentellem Nachweis, „daß die galvanische
Aktion oder der Galvanismus auch in der anorganischen
Natur möglich sei". Olshausen (S. 42) fährt
in diesem Zusammenhang fort: „Er (Ritter) ist sich
dabei stets des allgemeinen Gesichtspunktes bewußt,
aus dem heraus diese Versuche die größte Bedeutung
für die Auffassung der Natur überhaupt haben" (nämlich
des Gedankens von der „gemeinschaftlichen Dynamik
" des anorganischen und organischen Naturreichs).
Was wird daraus bei P. (S. 53)?: „Er ist sich des allgemeinen
Gesichtspunkts bewußt, den diese Versuche für
die Auffassung der Natur überhaupt haben." Die
mechanisch zusammenziehende Kompilation führt hier
also nicht nur zu gedanklicher Sinnlosigkeit, sondern
auch zu sprachlich Unmöglichem.

Doch es lohnt nicht, über die Unzulänglichkeit
dieses, zudem noch ziemlich anspruchsvoll auftretenden
Versuchs viele Worte zu machen und sachliche Irrtümer
oder sprachliche Entgleisungen des weiteren einzeln
zu vermerken. Hie und da nimmt P. wohl auch einmal
einen Anlauf zu eigner Auffassung, die aber, soviel ich
sehe, doch nirgends erheblich über den bisherigen Erkenntnisstand
hinausführt. Nur in einem Punkte
möchte ich ihm ausdrücklich recht geben: wenn er (S.
70) gegenüber Feilchenfeld („Der Einfluß Jakob Böhmes
auf Novalis" S. 75 ff.) den Einfluß Böhmes auf das
Märchen Klingsohrs noch weiter einschränkt. Das
stimmt ganz üoerein mit Kluckhohns neuer Datierung
der Entstehung dieser kleinen Dichtung vor dem Ofterdingen
-Roman („etwa Anfang 1799", nach Kluckhohns
Einleitung S. 54), rechtfertigt sich aber vor allem aus
einer unbefangenen Deutung des Märchens selbst.
Güttingen. K. Unger.

Zur Nieden, Ernst: Der Missionsgedanke in der systematischen
Theologie seit Schleiermacher. Gütersloh : C. Bertelsmann
1928. (152 S.) 8°. = Beiträge z. Förderg. christl. Theologie,
Bd. 31, H. 3. RM 4.50.

Auf dem knappen Raum von 150 Seiten bringt der
Verfasser in überaus anregender Form ein Stück Geschichte
des theologischen Denkens über die Pflicht zur
Mission. Er beginnt mit Schleiermachers Reden, führt
dann zu seiner Glaubenslehre und seiner praktischen
Theologie und Ethik, sucht Marheineke als Schüler
Schleiermachers zu verstehen, verweilt bei Johann Peter
Lange, Richard Rothe und Alexander Schweizer, skizziert
die Erweckungsbewegung und die neue Orthodoxie,
Hofmann, Frank, Luthardt, Dorner, Wuttke, Martensen,
erwähnt Becks ablehnende Haltung, untersucht die

Stellung von Pfleiderer, Lipsius und Biedermann, um
| bei Ritsehl, Troeltsch und Kähler zu enden. Der Ge-
| danke, der diese Studien leitet, ist der von Schleier-
| macher formulierte, aber vom Verfasser im anderen
' Sinne verwandte Unterschied zwischen reinigendem und

verbreiterndem Handeln, und der Fortschritt über die
j früheren Ergebnisse hinaus die Erkenntnis, daß der
| Missionsgedanke in der systematischen Theologie des

19. Jahrhunderts nie verloren gegangen ist, in ihm viel-
I mehr ein Lebenszeichen des Christentums gesehen wer-
! den muß.

Tübingen. M. Sehl unk.

Odenwald, Priv.-Doz. Lic. theol. Theodor: Protestantische

Theologie. Überblick u. Einführung. Berlin: W. de Gruyter
& Co. 1928. (136 S.) kl.8°. = Sammlung Göschen 983.

geb. RM 1.50.

Der Untertitel „Überblick und Einführung" bezeichnet
eine Schwierigkeit der Aufgabe, die O. sich gestellt
| hat. Wenn nämlich ein Überblick gegeben werden soll
nicht nur über die Aufgaben der Theologie, sondern
auch über die gegenwärtige theologische Arbeit, so ist
i diese so verwickelt, daß man fragen muß, ob Anfängern
I mit solchem Überblick ein Dienst getan wird, ob sie die
| gegenwärtige innere Lage der deutschen protestantischen
j Theologie ohne einen Überblick über die Geschichte der
I protestantischen Theologie wirklich verstehen können.
I O. hat sich durch diese Schwierigkeit nicht abschrecken
lassen. Er gibt in Abschnitt 2 „Die Selbstbesinnung der
protestantischen Theologie in der Gegenwart" und 3
I „Das Problem der protestantischen Theologie" eine
i Einführung in die heutige theologische Lage, wie er
I sie sieht. Abschnitt 4: „Der Organismus der protestantischen
Theologie" gehört zum herkömmlichen Bestand
der theologisch-enzyklopädischen Bücher und Vorlesun-
| gen. Auch der erste Abschnitt „Das protestantische
Frommsein" und der letzte „Protestantische Theologie
I und protestantische Kirche" gelten Fragen, die in allen
I Werken dieser Art behandelt werden sollten. Ich würde
j gern neben diesen beiden Problemen (Theologie und
| Frömmigkeit, Theologie und Kirche) das des wissen-
I schaftlichen Charakters der Theologie ausführlicher behandelt
sehen. Was O. darüber sagt (S. 46, 98 f. und
sonst) ist übrigens besonnen; in der Kürze konnte er
solche Sätze wie den nicht begründen, daß Wissenschaft
nicht um ihrer selbst willen betrieben werde, sondern
j um des wirklichen Lebens willen; ich würde das nicht
so allgemein behaupten. Oder den, daß die Theologie
| als Glaubenswissenschaft den Abschluß der Wissen-
I schaft bilde. Die Umwandlung der Theologie in allge-
I meine Religionswissenschaft lehnt er ab, aber der Religionsphilosophie
vermöge die Theologie nicht zu ent-
raten.

Das Buch ruht auf guter Kenntnis der neueren theologischen
und religions-philosophischen Literatur, be-

j müht sich in sehr sympathischer Weise, verschiedenen
Strömungen in der neueren und neuesten Theologie gerecht
zu werden und enthält manche auch für den Fachmann
anregende Bemerkung, so namentlich sogleich im
ersten Abschnitt. Diesen seinen Wert behält es für mich
durchaus, auch wenn ich nun eine Reihe von kritischen
Bemerkungen mache. Ist es nicht zu sehr dem Neuesten
zugewandt, macht es nicht der Neigung vieler Zeitgenossen
, staunend und laut von der eingetretenen Zeitenwende
zu reden, zu viel Zugeständnisse? Wenn als charakteristische
Vertreter der Religionsauffassung der nun
abgelaufenen letzten Periode Simmel, Natorp und Cohen
genannt werden, so hätte gesagt werden sollen, daß die
nicht bezeichnend waren für die Theologie um 1900.
Und daß ein neuer Wissenschaftsbegriff, der nicht mehr
nur kausal, sondern kausal und final bedingt sei, ein
theologisches Verfahren ermögliche, das sich auch an
intuitivem Denken orientiere, das würde ich nicht so, wie
O. es tut, als Kennzeichen der Gegenwart hinstellen;
z. T. kann ich es nicht für so neu, z. T. nicht für so

| gut halten wie er.