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Ausgabe:

1928 Nr. 8

Spalte:

177-179

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Cohen, Hermann

Titel/Untertitel:

Jüdische Schriften. Hrsg. v. Bruno Strauss. Bd. 1 - 3 1928

Rezensent:

Siegfried, Theodor

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 8.

178

Gabriel, Prof. Dr. Johann: Zorobabel. Ein Beitrag zur Gesch.

d. Juden in iL ersten Zeit n. d. Exil. Wien: Mayer Rt Comp. 1027.
(XIX, 152 S.) gr. S°. = Theologische Studien d. Österr. Leo- |
Gescllsch., 27. RM 4 - .

Der Schwerpunkt dieser umständlich gründlichen
Untersuchung des Serubabel-Problems liegt in dem Abschnitt
über die Identität Serubabels mit Sesbassar (§ 5
S. 48—79). Vf. glaubt die fast allgemein abgelehnte
Annahme, die biblischen Namen Serubabel u. Sesbassar
( Sin-bal-usur bzw. Samas-bal-(bel ?)-usur) bezeich- j
neten dieselbe geschichtliche Persönlichkeit, als eine
„Wenn auch nicht unbedingt sichere, so doch in den Angaben
der Heiligen Schrift wohl begründete" festhalten
zu dürfen (S. 68). Auf dieser Hypothese ist dann die
ganze folgende Darstellung aufgebaut, § 7—14. Was
auf S. 9—47 vorangeht, berührt das historische Problem
nur sehr lose. Die einst von Sellin in die Debatte geworfene
Vermutung über den unglücklichen Ausgang
von Serubabels Statthalterschaft lehnt Verf. ab mit einem
non liquet. Auch die Beziehung der Ebed-Oestalt bei
Deuterojesaja auf Serubabel weist er zurück, nur sollte
er das nicht mit der allerdings korrekt-katholischen An-
setzung von Jes. 40—66 in vorexilischer Zeit (S. 143)
motivieren.

Ref. kann sich nicht davon überzeugen, daß der gelehrte
Vf. die s. Z. von E. Meyer mit zureichenden
Gründen verworfene Identität der beiden Namen, die
die biblische Überlieferung mit der Entstehung der jüdischen
Kultgemeinde von Jerusalem verbunden hat, gerettet
hätte.

Jena.______ _W. Staerk.

Margoliouth, J.P.: Supplement to the Thesaurus Syriacus j
of R. Payne-Smith. Collected and arranged by his daughter.

Oxford: Clarendon Press 1927. (XIX, 345 S.) 1". 42 sh.

R. Payne Smith, der Verfasser des großen syrischen j
Thesaurus, starb schon 1895, und sein Schwiegersohn j
D. G. Margoliouth mit seiner Gattin J. P. Margoliouth
waren von 1897 ab die Herausgeber des zweiten, 1901
fertiggewordenen Bandes. Jetzt liefert die letztere, von
ihrem Gatten unterstützt, ein Supplement zum ganzen
Werk. Es beruht auf Sammlungen des ursprünglichen
Verfassers, eigener Lektüre der Herausgeberin, seiner
Tochter, und auf gedruckten Glossaren und handschriftlichen
Notizen verschiedener Verfasser mit Ausschluß
des Christlich Palästinischen, des Neusyrischen und der j
Wörterbücher der Syrer selbst. Naturwissenschaftliches j
und Geographisches nimmt einen ziemlich breiten Raum
ein. j. Löw's ältere Arbeiten sind dabei benutzt, aber
auffallender Weise nicht seine „Flora der Juden", die
1924 zu erscheinen begann und das Syrische eingehend
heranzieht, auch zuweilen Payne Smith berichtigt. Für |
die rasche Benutzung wirkt es erschwerend, daß das j
Anheben eines neuen Wortstammes nicht angedeutet |
wird. Neben manchen bei Payne Smith nicht vertretenen j
Wörte in sind auch vielfach seine Artikel, deren Kolumnenzahl
dann angegeben ist, durch neues Material
ergänzt Wer das große Werk des Vaters besitzt, wird
diese Zusätze stets berücksichtigen müssen. Ob die
Ubersetzungen bei Pflanzen und Tiernamen stets das |
Richtige treffen, ist umso ungewisser, da wir auch im !
Arabischen hier noch oft im Dunkeln sind und der !
naturwissenschaftliche sachliche Hintergrund noch mancher
näheren Bestimmung bedarf, dastä hat schon
bei Payne Smith die Bedeutung „Wüste". Hier folgt als
neuer Beleg, daß eine gewisse Pflanze betura übe- ;
dasta wächst. Aber man sollte zuerst an arab. pers.
d a s t „Ebene" denken. Die Pflanze wird dem Gebirge j
und der Ebene angehören.

Greifswald.____ O. Dal man. j

Cohen, Hermann: Jüdische Schriften. Mit e. Einl. v. Franz

Rosenzweig hrsg. von Bruno Strauss. Bd. 1 3. Berlin:
C A. Schwetschke & Sohn i(_4. (LXIV, 341, VIII, 4S3 u. V, j
375 S.) gr. 8». = Veröffentlichungen d. Akademie f. d. Wissensch,
d. Judentums. RM 18 -; geb. 25 ; Luxusausg. 50 .

Die drei vorliegenden Bände umfassen eine literarische Arbeit
von rund fünfzig Jahren. Die Arbeiten lind vom Herausgeher nach

systematischen Gesichtspunkten geordnet. Band 1 und 3 enthalten
die religionsphilosophischen Hauptabliandlungcn. Band 2 enthält kürzere
Gelegenheitsveröffentlichungen „zum Aufbau des Judentums in
der Gegenwart", Abhandlungen zum Thema Judentum und
Staat, die Polemik gegen den Antisemitismus, Nachrufe sowie
rühmende Referate über die zwei Berliner Rektoratsreden des Grafen
Baudissin von 1912/13 und eine Tübinger Antrittsrede von A. Bertholet
1913. Besondere Hervorhebung verdient im 3. Bande die grolle
Abhandlung über die Eihik Maimunis. G. beginnt mit einer scharfen
Abgrenzung Maimunis gegen die aristotelische Metaphysik, in tief
grabender Analyse hebt er die ethische Grundbestimmtheit des Gottesbegriffs
heraus (es bleiben nur die Attribute der Handlung) und entrollt
dann in stetem Vergleich mit Aristoteles die ethischen Prinzipien
Maimunis. Den Schiuli des Bandes bildet eine weit angelegte Analyse
des theologisch-politischen Traktats von Spinoza, sie gipfelt in
einer grundsätzlichen Kritik des Spinozismus. Genannt seien die im
gleichen Bande befindlichen kritischen Auseinandersetzungen mit Lazarus
' Ethik des Judentums und Grätzens Philosophie der jüdischen
Geschichte.

Erstaunlich ist die innere Geschlossenheit, welche
diese 68 Beiträge an einander bindet. Der Marburger
Neukantianer spricht hier als Glied seiner Religionsund
Volksgeineinde in freierer, teilweise leidenschaftlicher
Bewegtheit. Er will der Anwalt seines Volkes
gegen den Ansturm des Antisemitismus sein, aber auch
ein ernster Mahner im eigenen Kreis. Nirgends verleugnet
sich der Philosoph, dem die Grundlegung der Methode
ein und alles ist.

Im Mittelpunkt steht naturgemäß die Frage nach
dem Verhältnis von Religion und Sittlichkeit (Band I
ganz. Iii insbes. S. 36ff.). Wenn auch die Religion in
der Idee sich in reine Ethik auflöst, so fragt sich doch,
ob die Menschheit ihrer Bilder wird entraten können,
und es ist das Wesentliche, daß die reine Idee in den
Bildern wirksam wird. Dafür bietet nun die jüdische
Religion die vorzüglichste Gewähr. Indem sie anstelle
der Götter Gott, den Einzigen, setzt (I, 87ff.; III,
98 f. f.), durchbricht sie den Naturmvthos, der der Prot« -
typ alles Mythos ist, und hebt die Gottesidee in die
reine Sphäre der Sittlichkeit. Darum ist auch ihr Schöpfungsgedanke
nicht mythisch, sondern liegt in der Richtung
des reinen Urspmngsbegriffs, der seine Tiefe noch
j<«ra rf;g ovalug im awni&ttiuv, in der „Ungrundlc-
gung" der praktischen Idee des Guten hat (III, 224).
Die Verbindung zwischen platonischer Theorie und jüdischem
Ethos, wie C. sie vollzieht, kommt damit zu
einem unvergleichlich klaren Ausdruck: das jüdische Ethos
gibt den Gehalt, das Griechentum die Form des Denkens
. Der Tendenz aber zur Auflösung alles Inhaltlichen
in die reine Form widerstrebt die religiöse Wurzel, die
die Quelle dieses Philosophierens war. Im dvvrtöüeTov,
sucht C. zwar keinen Schlupfwinkel für theoretischmetaphysische
Bedürfnisse, wohl aber findet er hier
an der Grenze der Philosophie den Punkt, wo auch
das Ethos, ohne seine Reinheit zu verlieren, zur Ehrfurcht
werden darf. Die soeben angedeutete Synthese ist
aber alles andere als spannungslos. C. ist sachlich genug
, um auch den Gegensatz nicht zu verdecken. Autonomie
ist nach ihm ein in der Religion unzulässiger
Begriff, und die Reinheit der Ethik verbietet ihm, die
Religion mit einem Kantisohen „als ob" aus der Ethik
selbst zu entwickeln. So bleibt es bei der Spannung.
Ein Bindeglied nur gibt es zwischen den beiden Sphären
, die Idee der Freiheit (1, 36 ff.). Mit diesem Gedankengang
ist die Diastase zu eindeutigem Ausdruck gelangt
. Aber gerade unter diesem Gesichtspunkt lenkt
C. bezeichnenderweise nicht zur Theorie der religiösen
Versinnbildlichung des Ethischen zurück. Die Freiheit
bleibt die Sphäre der religiösen Besinnung. In dir
Philosophie bleibt die Freiheit Idee und d. h. immerdar
Aufgabe. In der Religion geht es um die Kraft zur
Freiheit, und d. h. zur Reinheit vor Gott, welche aus
der „Versöhnung" möglich wird. Wichtig und erstaunlich
ist eine von C. in diesem Zusammenhang gegebene
naturtheoretische Analogie. „So wenig das Naturgesetz
die Naturkraft und den Naturstoff erledigt,
ebensowenig erschafft das Sittengesetz den Menschen."