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Ausgabe:

1928 Nr. 8

Spalte:

173-175

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Clemen, Carl

Titel/Untertitel:

Religionsgeschichte Europas. 1. Bd.: Bis zum Untergang der nichtchristlichen Religionen 1928

Rezensent:

Hempel, Johannes

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 8.

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standene Tatsache. Wissenschaftler wie Heilige schenken dem Mysti- j
cismus Beachtung und haben über sein Wesen ihre Theorien. Bücher j
über Mysticismus finden begierige Leser, Vorlesungen über den j
Mysticismus zahlreiches Publikum. Allcrwärts ist es Männern und
Frauen darum zu tun, wie sie doch in Gemeinschaft mit Gott j
kommen möchten. Bis zu einem gewissen Punkte ist Musik lehrbar. j
Nicht minder Malerei und so überhaupt jede Kunst. Bis zu einem ge- ,
wissen Punkte ist es möglich, die Kunst der Gemeinschaft mit Gott |
zu lehren. Geistliche Übungen enthalten die Regeln und die Technik
der Kunst. Zum guten Gelingen ist mehr erfordert als nur Regeln |
und Technik, hier im besonderen reine Intention und Gottes Gnade, i

Das alles sind Sätze aus dem Vorwort der Verfasserin, die hier
nur aus ihrem Englisch in planes Deutsch umgesetzt sind. Das
Buch ist voll charakterisiert, wenn ich auch noch sein Schlußwort
resümiere. Was die Verfasserin klar gemacht zu haben glaubt, sind
die folgenden Tatsachen:

1. In allen Religionen gibt es Männer und Frauen, die sich nicht
mit ritueller oder theologischer Religion zufrieden geben, sondern die
nach direkter Berührung mit dem Ungesehenen verlangt.

2. Diese Menschen haben durch Erfahrung gefunden, daß sie
sich selbst für die ersehnte Gemeinschaft zu trainieren imstande sind,
und haben daher gewisse Meditationssysteme herausgebildet, die sich
als wertvoll bewährt hallen.

3. Im Gefolge geistlicher Übungen stellen sich erkennbare
Geisteszustände ein. Sie lassen sich nicht genau klassifizieren, doch
aber grob umreißen. Der höchste dieser Zustände besteht darin, daß
das Bewußtsein sich ausweitet, während das Selbstgefühl stark abnimmt
oder ganz und gar untergeht.

4. Die Meditationen des Aspiranten bestimmet! die Form, die
seine Erfahrungen annehmen.

5. Die Bewußtseinszustände sind bei den Anhängern aller Religionen
gleich. Was verschieden ist, ist nur die Interpretation, die
ihnen gegeben wird.

Leipzig. H. Haas.

Clemen, Carl: Religionsgeschichte Europas. I. Bd.: Bis zum

Untergang d. nichtchristlichen Religionen. Mit 130 Text-Abb. Heidelberg
: Carl Winter 1926. (VII, 383 S.) 8". = Kulturgeschichtliche
Bibliothek, 1. RM 17; geb. 19 — ,

Daß die Zielsetzung des vorliegenden Buches Verwunderung
erregen würde, ist Clemen deutlich, gewesen,
als er es schrieb. Ist Europa eine kulturelle, geistige
Einheit selbst in sehr weitem Sinne des Wortes, eine
Einheit, die nach außen deutlicher spürbare Grenzen
zeigt als innerhalb des eigenen Bereiches? Und gesetzt,
Europa sei jetzt eine solche Einheit: seit welcher Zeit
und auf Grund welcher Vorgänge ist unser Erdteil dazu
geworden? Solche Zweifel, die notwendig auftauchen
müssen, beschwichtigt Clemen durch den
Hinweis auf die Tatsache, daß schon Herodot, der in
Asien Geborene, den Unterschied von Asien und Europa
lebendig gespürt habe und daß der gleiche Unterschied
auch in der Gegenwart lebendig gespürt wird, mag
immer die Frage der Grenzziehung in Einzelheiten
strittig sein.

Überblicken wir die in Europa gegebenen, in Klima,
Bodengestaltung und Bodenqualität sich darstellenden
Naturbedingtheiten des menschlichen Lebens und menschlicher
Kultur, so wird ohne weiteres deutlich, daß von
Natur Europa nicht zur Einheit bestimmt ist. Wie
stark vielmehr in klimatischer Hinsicht der Südosten
Europas — trotz auch hier vorhandener Unterschiede in
der Regenmenge und Regenverteilung — mit den asiatischen
Küstenländern zusammengehört, hat Miss Semple
im Scottish Geographical Magazine 1925 aufs neue eindrücklich
gemacht, so wenig ich ihre Schlüsse auf ]
eine aus dieser Natureinheit folgende Religionseinheitlichkeit
mir zu eigen mache. Daß aber die Götter
Griechenlands, rein auf die naturbedingte Seite des Geisteslebens
ihrer Verehrer gesehen, andere Gestalten sein j
mußten als die Götter Skandinaviens, wird bei der |
Lektüre von Otto Kerns Griechischer Religion wohl j
jedem deutlich. Und in der Tat hat ja der Südosten j
Europas zweimal zu einer Kultur- und Religionswelt |
gehört, die nach Asien hinübergriff, während ihre Beziehungen
zum Norden mindestens undeutlich sind: ein- j
mal in prähistorischer Zeit, in der die Gemeinsamkeiten '
der ägäischen und altkleinasiatischen Kultur und Religion
wurzeln (vgl. Palaestina-Jahrbuch 1927, 69 ff.) I

und sodann in der sich bildenden xoivt] im östlichen
Mittelmeerbecken des 14. und 13. Jahrhunderts v. Chr.,
die sich in der Gleichheit des religiösen Empfindens
ägyptischer, „griechischer" und hetitischer Menschen
ihren lebendigen Ausdruck geschaffen hat, bis sie von
dem Sturm der Nordvölker zerschlagen ward. Daß
Herodot Asien und Europa als Gegensätze empfand,
hat seinen Grund darin, daß beidemale durch Bewegungen
, die von außen kamen, die natürliche Gemeinsamkeit
der östlichen Mittelmeerkultur zerrissen ward;
durch die Semitisierung Syriens und durch das Herüberdrängen
der indogermanischen Griechen in die Halbinsel
und an die kleinasiatische Küste (vgl. Deutsche
Literaturzeitung 1928, 41ff.). Die analogen Tatsachen
der hellenistischen und der Kaiserzeit sind zu bekannt,
um sie hier ausführlich zu entwickeln.

So ist „Europa" keine natürliche, sondern eine geschichtliche
Einheit, und diese Einheit reicht soweit
als die indogermanische Besiedlung reicht. Damit
ist in historischer Zeit die „Religionsgeschichte Europas
" ein Ausschnitt aus der Geschichte der indogermanischen
Religion, der neben der Geschichte der
indogermanischen Religionsentwicklung in Asien sein
Daseinsrecht hat. Wieweit man die Darstellung der urindogermanischen
Religion in die Religionsgeschichte
Europas hereinnehmen will, hängt von der
Frage ab, ob man das Problem der Heimat der
Indogermanen zugunsten Europas für gelöst hält oder
nicht. Eine Darstellung der Religion der Einwandernden,
soweit sich etwas über sie, vor allem über ihre Differenzierung
bei den einzelnen Stammesgruppen und
Stämmen erarbeiten läßt, gehört unzweifelhaft in den
Rahmen des Buches. Inhaltlich aber ist die Geschichte
der indogermanischen Besiedlung Europas zugleich die
Geschichte der Verschmelzung der Indogermanen
mit älteren Bevölkerungsschichten, ein Prozeß, der zum
Teil in ihren Religionen bedeutsame Spuren zurückgelassen
hat.

Eine Religionsgeschichte Europas muß sich demgemäß
aus der Sache heraus in zwei nicht völlig gleiche
Teile gliedern: eine Darstellung der Religionen der
vor- und nichtindogermanischen Völker und eine Geschichte
der Spaltung und der Sonderentwicklung der
indogermanischen Religion in den einzelnen auf europäischem
Boden sich bildenden indogermanischen Völkern
. In der Tat hat Clemen auch den Stoff für die „geschichtliche
" Zeit in dieser Weise geordnet; vielleicht
hätte stärker gezeigt werden können, wie die vorindogermanischen
Religionen der einzelnen Länder auf die eindringenden
eingewirkt haben. Gewiß hat Clemen dies
Problem gesehen — vgl. etwa die Bemerkung über die
Nachwirkung des kretischen Axtkultes in der griechischen
Waffenverehrung (also ein Beispiel „funktionellen"
Einflusses) auf S. 226 — aber gerade bei seiner Themastellung
einer Religionsgeschichte Europas hätte in
seiner Behandlung tiefer gegraben werden können. Auch
für die Fragen, die mit der Übernahme des Christen-
tumes durch die europäischen Völker zusammenhängen,
wäre es von größtem Interesse gewesen, den Verschmelzungsprozeß
der vorindogermanischen Religionen mit
den Kulten der Eindringenden zu verfolgen. Besonderen
Dank aber wird man Clemen dafür wissen, daß er am
ausführlichsten diejenigen Abschnitte behandelt hat, für
die es zusammenfassende Darstellungen noch nicht oder
nicht in zureichender Form gibt. Sein Buch bildet so zugleich
eine wertvolle Ergänzung zu den üblichen Darstellungen
der Allgemeinen Religionsgeschichte. Das
gilt vor allem von seiner Behandlung der urindogermanischen
Religion.

Aber mit dem bisher Gesagten ist noch nicht das
Ganze des Clemenschen Werkes umschrieben. Der Behandlung
der geschichtlichen Zeit vorangestellt ist ein
großer Abschnitt über die Religion des prähistorischen
Europa vom Paläolithikum bis zur Hatlstatt- und
La Tene-Zeit, wiederum im wesentlichen ein Neubruch.