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Ausgabe:

1928 Nr. 8

Spalte:

172-173

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Tillyard, Aelfrida

Titel/Untertitel:

Spiritual Exercises and their Results 1928

Rezensent:

Haas, Hans

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 8.

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Dogma der alten Kirche hätten nur den Sinn gehabt,
dämonische Verzerrungen in jeder Richtung abzuwehren,
erscheint mir einseitig. Um so ernster soll sein Satz genommen
werden, auch im Christentum seien Dämonien
aufgetreten, im Katholizismus die der sakramentalen
Hierarchie, im Protestantismus die der reinen Lehre.

Nicht so sehr ausdrücklich dargelegte, als immer
wieder bemerkbare Voraussetzung der ganzen Schrift ist,
daß Ehrfurcht vor dem Göttlichen nur lebt, wenn gleichzeitig
Dämonisches gespürt und bekämpft wird. Von
der griechischen und der abendländischen Aufklärung
sagt T.: „Mit der Dämonenfurcht versank auch die
Furcht vor dem Göttlichen, die Erschütterung und Begnadung
durch das Unbedingte" (32). In der Tat ist
fast alle bisherige Religion irgendwie dualistisch gewesen
. Und man soll in kirchengeschichtlichen Darstellungen
durchaus betonen, welche ungeheure Rolle
der Dämonenglaube noch im älteren Protestantismus gespielt
hat. Das Problem der Theodizee hatte für Luther
noch nicht die Bedeutung, die es später erlangte, weil
er Unfälle auf den Teufel zurückzuführen pflegte. Auch
konservativste Theologen unserer Tage sind entfernt
davon, an diesem Punkt die Lehre der lutherischen Bekenntnisse
(des Großen Katechismus) zu kennen oder
gar festzuhalten. In der Beseitigung des Teufelsglaubens
hat die Aufklärung ihre stärkste Nachwirkung in der
Geschichte des protestantischen Christentums gehabt.
Immerhin: noch bis vor anderthalb Jahrhunderten war
auch das protestantische Christentum stark dualistisch.
Ob Gottesglaube, dem keinerlei Dämonenglaube mehr
gegenüber oder zur Seite steht, sich auf die Dauer halten
könne, diese Frage kann im Blick auf die Geschichte
sehr ernstlich aufgeworfen werden, so gewiß starke
sachliche Gründe dafür vorliegen, daß man rein die
Ehrfurcht vor dem Göttlichen pflege, ohne daß Furcht
vor dem Satan daneben steht.

Nicht voll zuzustimmen vermag ich T.'s Bemerkungen
über den Sündenbegriff. Fein und eindringlich
knüpft er an den Satz an, daß die Wurzel der Sünde
das Mißtrauen gegen Gott sei; es sei Dämonisierung
Gottes im menschlichen Bewußtsein. Das ist in der
Tat Luthers tiefe Erfahrung: Unglaube, Mißtrauen gegen
Gott haben heißt Gott zum Teufel machen; die bloße,
blasse, kühle Meinung dagegen, es sei kein Gott (und
kein Teufel), hat Luthern nicht ernstlich zu schaffen
gemacht. Ebenso hat T. recht, wenn er sagt, dem Menschen
, dem Gott als vernichtender Zorn oder als Abgrund
des Nichts erscheint, und der dann doch wieder
Gottvertrauen gewinne, dem sei das Gnade, absolute
Paradoxie, die niemals erwartet, niemals bewiesen werden
kann. „Außer der Gnade ist Gott Gesetz, Gericht,
das zur Verzweiflung treibt. Gott — im Gegensatz zum
Dämon — wird er durch die Gnade" (21).

Wenn nun aber T. durch Schau des Dämonischen
„den moralischen Begriff der Sünde" überwinden will,
so ist die Definition des Dämonischen, die er dabei voraussetzt
, nicht etwa rein religiös, sondern metaphysisch.
Er hat eine ganz bestimmte Metaphysik: „Der jedem
Ding innewohnende . . . Trieb zur Gestaltung und das
Grauen vor dem Gestaltzerfall ist begründet irn Gestaltcharakter
des Seins. Zum Sein kommen heißt zur Gestalt
kommen; die Gestalt verlieren heißt das Sein verlieren
" (11). Sofern nun aber das Satanische ein Bestandteil
des Dämonischen ist und das Satanische der
unmittelbare Gegensatz des Göttlichen ist, hängt mit T.'s
metaphysischer Fassung des Dämonischen eine bestimmte
metaphysische Fassung des Gottes begriff s zusammen
, als Voraussetzung oder Folgerung. Solche
metaphysische Gotteslehre kann mir als geistreich oder
tiefsinnig erscheinen, aber es ist ein wesentlich ästhetischer
Reiz, den sie so ausübt. Unverwischbar scheint
mir der Unterschied zwischen echt religiösen Gedanken
und solchen metaphysischen Theorieen, und sofern im
Christentum das Ethische wichtiger ist als das Physische,
halte ich die Gefahr einer metaphysisch ausgestalteten

i Sündenlehre für nicht geringer als die einer moralistischen
. Gegenüber solchen Sätzen aber wie daß „die
Einheit von Seinsgestalt und Seinsunerschöpflichkeit als
j Wesenstiefe schlechthin" das Göttliche sei (11), werde
j ich, auch wenn ich sie zu verstehen glaube, ja auch wenn
| ich sie mir ganz aneignen könnte, immer daran denken
müssen, wie fern Jesus und Luther von Metaphysik gewesen
sind, namentlich auch in ihren Worten über die
i Sünde. Und ich sehe darin nicht eine Begrenztheit ihres
| Interesses (gewiß gibt es viele Dinge, die uns wichtig

■ sind und von denen Jesus und Luther uns nichts sagen),

■ sondern eine Mahnung, das Religiöse nicht zu vermischen
mit dem Metaphysischen, das stets weit ab liegt
von aller Ethik. Es ist mir kein Scherz (sondern ich

j glaube vielmehr meine Achtung vor dem mächtigen An-
j reiz zu bekunden, den Metaphysik auf so viele reiche
| Geister ausübt), wenn ich frage: ist dies vielleicht auch
I eine Dämonie, daß Metaphysik so oft sich nicht neben
den Glauben stellen will, sondern sich mit ihm zu
vermischen und damit schon ihn irgendwie zu ersetzen,
; zu verdrängen sucht?

Lebhaft stimme ich dagegen wieder dem Geiste zu,
in dem T. zuletzt von den Dämonien der Gegenwart
spricht. Hier redet der Ernst eines christlichen Gewissens
, der sich nicht an die Denkgewohnheiten der
j Kirchenleute binden will. Nur würde ich an letzter Stelle
! statt des Nationalismus den Machthunger äußerer Ver-
j bände überhaupt nennen, von dem mir der Nationalismus
, der Chauvinismus eine edlere, aber eben deshalb
I besonders gefährliche Form zu sein scheint. Genauere
I Erörterung müßte in einzelne politische Streitfragen
1 hineinführen.

Kiel. Hermann Mulert.

Tillyard, Aelfrida. Spiritual Exercises and their Results.

An Essay in Psychology and Comparative Religion. London: S. P.
C.K. 1027. (VIII, 216 S.) 8». 7 gh. 6 d.

Geistliche Übungen sind Methoden, erfunden, die Seele zu
trainieren für Gemeinschaft mit dem, das man nicht siebet. Wo immer
Menschen gegen Formalismus und Uber-Intellektualismus in Religion,
revoltierten, haben sie das Bedürfnis nach Meditation gefühlt, um
mit ihrer Hilfe ihre Seelen in Berührung mit geistigen Realitäten
zu bringen. Geschieht es, daß Meditation systematisiert und geflissentlich
gelehrt wird, so kommt es zu dem, was man als „geistliche
Übungen" kennt. Unglücklicherweise haben es diese Übun-
I gen sehr oft an sich, im Lauf der Zeit zu bloller Formalität zu
1 werden, zu entarten und phantastische Gestalten anzunehmen. Der reine
Geistimpuls ist entschwunden; übrig bleibt nichts weiter als die
„Übung". Diese Niederwärtstendenz geistlicher Übungen, mit denen
es ursprünglich darauf abgesehen war, zu erheben und zu läutern, ist
in den nichtchristlichen Religionen sehr weit verbreitet. Der „tanzende
Dervisch", der für Geld vor den Augen des Touristen umher-
j wirbelt, der Hindubettler, der, um unwissende Zuschauer mit baffem
1 Erstaunen zu erfüllen, starr in vorgeblicher Gebetspositur verharrt,
haben wenig gemein mit dem muhammedanischen Mystiker, der über
himmlische Harmonie meditierte, oder mit dem Hindu-Heiligen, der
lange Stunden in Kontemplation verbrachte. Das Christentum hat sich
von solchen Extravaganzen ziemlich freigehalten, die Übung ist hier
J geistlich, auf geistige Ziele gerichtet geblieben. Das ursprüngliche
1 Abzielen aber war hier wie dort das gleiche. Christ wie Nichtchrist
haben gleicherweise das Bedürfnis nach direktem persönlichen Geistkontakt
gefühlt, während der eine wie der andere Methoden, das
Denken zur Ruhe zu bringen und emporzuheben, ausfindig gemacht
und nützlich gefunden hat.

Worauf es mit dem vorliegenden Buche abgesehen ist, ist: die
Erforscher von Mysticismus und Religion bekannt zu machen mit
geistlichen Übungen, wie sie gegenwärtig bei Christen, Hindus,
Buddhisten und Muhammcdanern geübt werden. Es ist vielleicht das
erste Mal, daß ein solcher Versuch, verschiedene Gebetsmcthodcu zu
überblicken und einer vergleichenden Betrachtung zu unterziehen,
gemacht worden ist. So ist nicht zu erwarten, daß das Buch frei von
Fehlern ist. Der christliche Leser wird gebeten, nicht nur für die
1 Gefahren und Abirrungen, die seine eigene mystische Tradition und
' Lehre mit Erfolg vermieden hat, ein Auge zu haben, sondern sich
I mit Bewunderung für das hohe Erbteil erfüllen zu lassen, das ihm
I seine Kirche Übermacht hat. Vor 30, 40 Jahren war das Wort
„Mysticismus" suspekt, und es gehörte damals einiger Mut dazu, sich
j als einen Mystiker zu bezeichnen, obwohl an unzugestandenem Mysti-
i cismus, d. i. an starker und vitaler persönlicher Religion, kein
Mangel war. Das neuerliche mystische revival ist jedoch eine zuge-