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Ausgabe:

1928 Nr. 7

Spalte:

154

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zeitlin, Solomon

Titel/Untertitel:

The Christ Passage in Josephus 1928

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologische Literaturzeitung 1928 Nr. 7.

154

falls charakteristischer, aber nicht eigentlich „johanneischer" —
,,Breitenausdehnung" erfaßt werden können. Das Wort „Liebe" bedeutet
nach D. dort, wo es im eigentlichen johanneischen Sinne gebraucht
wird (die Briefe und etliche „Ausnahmen" im Ev. bleiben
außer Betracht), nicht ein sittliches Verhältnis, sondern die Selbst-
initteilung Gottes, „die besondere Beziehung zwischen dem sich offen-
lrarendcn Gott und dem Offenbarungsempfänger, der selbst wieder
Offcnbanuigsträger wird". — Aber sollte der Begriff „Liebe" nicht,
— trotz 1, IS — neben der Vorstellung der Selbstmitteilung die des
sittlichen Liebesverhältnisses immer mit einschließen? Es fragt sich
doch wohl, ob hier nicht ein umfassender, schwebender Begriff vorliegt
, der eine allzu straffe Umschreibung nicht verträgt. Jedoch
durch diese Erwägung wird das Hauptziel des Aufsatzes nicht beeinträchtigt
, der johanncische Begriff „Liebe" ist von dem 15, 13 vorliegenden
auf jeden Fall verschieden; der Beweis, daß 15, 13—16
„eine midraschartige Abschweifung" ist, die um des Verses 13 willen
unternommen wird, scheint mir zwingend zu sein. — G. Bertram
(Die Himmelfahrt Jesu vom Kreuz aus und der Glaube an seine
Auferstehung) kommt zu dem Ergebnis, daß der Glaube an die
Himmelfahrt Jesu vom Kreuz aus ursprünglich eine bedeutsame, selbständige
Stellung neben dem Glauben an die Auferstehung gehabt
hat, die Verbindung dieser beiden Glaubensformen, die später Verbreitung
gefunden hat, ist eine sekundäre Addition. B. nimmt an, daß
die Jesusüberlieferung, auf der die Autorität des Apostelamtes beruht,
die Ostererlebnisse nicht ohne Weiteres mit einschließe, die „Aufnahme
" Akt. 1, 21 umfasse nur Tod und Erhöhung, die Autorität
der Apostel sei nicht derartig, daß ein Ostcrerlebnis, etwa das des
Petrus, „historisch betrachtet die Grundlage des christlichen Auferstehungsglaubens
bilden" könnte. „Die älteste Gemeinde zeigt sich
im Grunde nicht abhängig von dem Glaubeiisstand ihrer Führer".
Mir scheint damit die Stelle Akt. 1, 21 f. zu stark belastet und die
Autorität, die das Urchristentum den Aposteln beimaß, nicht ganz zutreffend
beschrieben zu sein. Es liegt nahe, hier an die Ausführungen
K. L. Schmidts über Ostererlebnisse und Apostelautorität in
der gleichen Festschrift (bes. S. 303) zu erinnern. Ich glaube auch
nicht, daß B. dem Kapitel 1. Kor. 15 gerecht wird, wenn er es
statt aus dem Zentrum der paulinischen Frömmigkeit wesentlich
aus dem polemischen Zusammenhang begreift, in dem es steht. Die
Hauptbewcisstellen für B. sind natürlich diejenigen Neutestamentlichen
Aussagen über den Eingang Jesu in die himmlische Herrlichkeit, die
die Auferstehung nicht berühren. Aber — um hier nur einen Einwand
zu nennen — bei manchen dieser Stellen ist doch zu fragen, ob sie
der Form nach nicht an ältere, außerchristliche Aussagen angelehnt
sind und darum als Belege für einen christlichen Himmelfahrtsglauben
ohne Auferstehungsglaubcn von vornherein wegfallen. Es
scheint mir auch der nächstliegende Einwand gegen B.s These nicht
widerlegt zu sein, nämlich daß ein vom Osterkomplex ganz unberührter
Glaube an die Erhöhung schwerlich Werbekraft besitzen
konnte, daß er kein ausreichendes Gegengewicht gebildet hätte gegen
das im Kreuzestod des Messiasprätendenten ergangene negative
Gottesurteil. Das „wirkende Wort" konnte einen Propheten ausweisen
, aber konnte es erhärten, daß ein inzwischen Gekreuzigter
der Menschensohn sei? Aber ich muß zugeben, daß es mit
solchen einzelnen, das Grundsätzliche doch nur umkreisenden Einwänden
bei dieser weit ausholenden Arbeit nicht getan ist, ich denke,
sie wird noch ausführlichere Debatten hervorrufen. Ich meine überhaupt
, daß B.s These einmal so aufgestellt und durchgeführt werden
mußte und daß auch der nicht überzeugte I.eser für die Art, wie
das hier geschehen ist, dankbar sein wird. Der paulinischen Formel I
*flv» Xfjcjuf liegt, wie Lohmeyer zeigt, eine wesentlich andere
Vorstellungswelt zugrunde, als der Formel „in Christus". Diese
zweite Formel setzt voraus, daß „die dunkle Pause zwischen der
Vergangenheit des geschichtlichen Lebens Jesu und der Zukunft seines
eschatologischen Kommens" von der steten Nähe Christi durchwirkt
die Formel „mit Christus" dagegen steht in Zusammenhängen,
die für diese Pause die Verborgenheit Christi in Gott voraussetzen
, eine Verborgenheit und damit eine Trennung von den Gläu- J
bigen, die einst durch Tod und Weltkatastrophe ihr Ende findet, in
der Gegenwart durch das Sakrament überbrückt wird. Die Christo-
logie, auf die die Formel „mit Christus" führt, steht nicht in der
Mitte, sondern mehr an der Peripherie der paulinischen Christusfrömmigkeit
, in ihr kommt nicht so sehr die Wirkung und Bedeutung
des Apostels zum Ausdruck, es ruht in ihr vielmehr ge- |
meinsames Erbe urchristlicher Frömmigkeit. Ihren „sachlichen Hintergrund
' bildet jene „eigentümliche Metaphysik zweier Welten", die
mit dem Menschensohnglauben verbunden ist. Sie führt auf eine Tra- :
dition, die sich nach vorwärts „in den johanneischen Schriften, in den i
Oden Salomos, in den mandäischen Zeugnissen weit verzweigt", die I
nach rückwärts in der Apokalyptik des Judentums verwurzelt ist i
und von dem religiösen Weltbild der Zarathustra-Keligion her Ein- !
flüsse erfahren hat. — Die ausführliche Studie des Herausgebers
über „die Kirche des Urchristentums" hat nicht überall Zustimmung gefunden
, jedenfalls wird auch sie noch manches Mal zur Debatte stehen.
Ich muß sagen, daß ich sie mit großer Freude gelesen habe. Daß
die Urgemeinde sich „kenischta" genannt hat und daß in dieser

Selbstbezeichnung der Anspruch lag, das wahre Israel, die
„kenischta" zu sein, ist das Ergebnis des ersten Abschnittes
(Exx'kriaia und seine Entsprechungen: die Wörter und die Sache).
Mit der sprachlichen und begrifflichen Feststellung als solcher wäre
vielleicht nicht allzu viel gewonnen, aber S. versteht es, sie für das
j gesamte Kirchenproblem des Urchristentums fruchtbar zu machen,
| er zwingt den Leser, die Ergebnisse der beiden anderen Abschnitte
I seiner Studie (Das Logion Mt. 16, 18 und das Verhältnis des
I Heidenchristentums zum Judenchristentum) zum mindesten sehr ernst
zu nehmen: Die Stellung des Petrus in der Urgemeinde läßt sich am
besten dann verstehen, wenn Petrus von dem Herrn selbst eine
schlechthin verbindliche Autorisierung besaß. Jede Einzelgemeinde
ist eine Darstellung der Kirche, des Gottesvolkes, aber sie ist es
auf geschichtlichem Wege geworden, und dieser Weg hat über die
Ostererlebnisse der Urapostel geführt. Mag Paulus gegen theokratische
Selbstherrlichkeit in Jerusalem schärfsten Protest erhoben haben, die
Lösung von der Gemeinde der Urapostel, in der sich insbesondere die
Verheißungen Israels erfüllt hatten, war ihm verboten, ebenso wie ihm
die Loslösung von den Verheißungen selbst verboten war. „Auf das
Ganze, das Wesentliche, das Entscheidende gesehen, haben die judenchristlichen
und die heidenchristlichen Urgemeinden, haben Petrus
und Paulus dieselbe Kirchenauffassung gehabt."

Erik Peterson untersucht „die Bedeutung von arafdxyvflt
in den griechischen Liturgien". Es handelt sich weder um ein
Synonymon von avajiAsmo noch um einen Terminus, der mit der
Elevation zu tun hat, die Bedeutung ist vielmehr, wie unter Heranziehung
antiker Parallelen überzeugend nachgewiesen wird: weihen.
Das Buch würde keine Deißmann-Festschrift sein, wenn darin
i nicht auch von der heutigen Christenheit und insbesondere von ihrem
Streben nach Einheit die Rede wäre. Dem ist der letzte, aus Nathan
Söderbloms Feder stammende Beitrag gewidmet: „Evangelische
Katholizität". „Wir können nicht die Katholizität-Universalität der
Kirche im Credo, im Gottesdienst bekennen und zugleich den Namen
' »katholisch« einer einzelnen, unsere evangelische Christenheit nicht
umfassenden Abteilung der Kirche überlassen". „Die evangelische
Kirche hat keine gemeinsame Organisation und kann keine absolute
äußere Herrschaft über sich anerkennen, aber in der letzten Zeit
hat sie eine ungeahnte Einheit des Geistes trotz des Mangels an
Organisation gezeigt". „Die brennenden Probleme des nationalen
und internationalen Lebens können nicht ohne den Geist des Evangeliums
gelöst werden." „Es gibt für die Einheit nicht nur den Weg
der Dogmatik, sondern auch den höheren Weg der Liebe."
Greifswald. Otto Bauernfeind.

i Zeitlin, Prof. Solomon: The Christ Passage in Josephus.

London: Macmillan & Co. 1928. (S. 231 -255). gr. 8°. = The
Jewish Quarterly Review, New Series, Vol. XVIII.

Diese Abhandlung, die sich gegen die Echtheit
der Christus-Stelle im geläufigen und im slawischen
Josephustext richtet — der Verfasser hält übrigens Jesus
für eine ungeschichtliche Persönlichkeit —, macht eine
kurze Besprechung nur deshalb nötig, weil Zeitlin
glaubt, den Verfasser der Christus-Interpolation im geläufigen
Text (und bei Eusebius) entdeckt zu haben:
Eusebius selbst ist der Schuldige. Beweis:
1. der Interpolator muß nach Origenes die Fälschung
begangen haben, der sie noch nicht kennt, 2. der Ausdruck
rö twv Xqiotmxvwv tpCkov, ist nur bei Eusebius
zu belegen, der bei seiner Wiedergabe des Briefwechsels
zwischen Plinius und Trajan diesen sich sonst nirgendwo
findenden Ausdruck gebraucht hat (Original: „Chri-
stiani"; Eusebius: to %. Xq. yvkov, h. e. III, 33).
Andere Gründe sind nicht beigebracht. Auch wenn der
zweite zu Recht bestünde, würde er nicht ausreichen, um
Eusebius als den Fälscher bezeichnen zu dürfen; aber
schon im 4. Buche der Orac. Sibyll. 136 (verfaßt
wahrscheinlich um d. J. 80 n. Chr. von einem kleinasiatischen
Juden; s. meine „Chronologie" I S. 582)
liest man: evoepiwv ort ipü/.uv uruhiov i^oktaovait.
Berlin. A. v. Harnaek.

Gemen, Prof. D. Dr. Carl: Die Entstehung des Neuen Testaments
. 2., neubearbeitete Auflage. Berlin: W. de Gruyter u. Co.
1926. (152 S.) kl. 8°. = Sammlung Göschen, 285. geb. P.M 1.50.

In dem Rahmen eines Göschen-Bändchens einen
allgemeinverständlichen, gehaltvollen Abriß der n.t.lichen
Einleitung nebst Kanons- und Textgeschichte zu geben,
wie es offenbar die Absicht des Verf.s ist, erfordert
schärfste Konzentration auf das Wesentliche und für
den Laien Bedeutungsvolle, Zurückstellung der Gelehr-